aiomics entwickelt eine Clinical Data Intelligence Platform, die medizinische Daten strukturiert aufbereitet und Kliniken dabei unterstützt, komplexe Informationen frühzeitig nutzbar zu machen und Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten
Wer steckt hinter aiomics und wie ist das Unternehmen entstanden aus der Perspektive von Gründer und CEO Dr. Sven Jungmann?
Die Idee entstand eigentlich aus purer Frustration. Ich habe selbst als Arzt in der Klinik gearbeitet und irgendwann gemerkt, dass ich mehr Zeit mit ineffizienten Prozessen verbringe als mit meinen Patienten. Als ich mich damals bei einem erfahrenen Kollegen beschwerte, gab er mir den Rat: „Bleib einfach lange genug dabei, dann gewöhnst du dich schon dran.“
Das war für mich der Wendepunkt. Ich wollte mich nicht an schlechte Zustände gewöhnen, ich wollte sie ändern. Ich habe mich jahrelang mit digitalen Lösungen beschäftigt, aber erst die jüngsten Sprünge in der künstlichen Intelligenz haben uns das Werkzeug in die Hand gegeben, um administrative Klinikprozesse wirklich fundamental neu zu denken.
Aber: Medizinische Daten verzeihen keine Fehler. Ein schneller Prototyp reicht hier nicht; man braucht extreme Robustheit und Datensicherheit. Deshalb habe ich nicht einfach damit angefangen, GPT-Wrapper zu Vibecoden, sondern gezielt mit einem Physiker als Datenexperten und einem Juristen für die regulatorische Tiefe. Wir haben im Oktober 2024 angefangen, monatelang ohne Gehalt gearbeitet und Ideen getestet, bis wir den Kern von aiomics gefunden hatten. Im April 2025 haben wir gegründet und konnten kurz darauf Top-Investoren (Norrsken Evolve, Vorwerk, Calm/Storm und renommierte Angels) überzeugen, die verstanden haben, dass wir hier dicke Bretter bohren.
Was bedeutet es für aiomics eine Clinical Data Intelligence Platform zu sein und warum geht dieser Ansatz über ein klassisches Dokumentationstool hinaus?
Es gibt derzeit einen großen Hype um Transkriptions-Software, die Arzt-Patienten-Gespräche aufzeichnet. Das ist technisch beeindruckend (es sei denn, es ist einfach Whispr oder ElevenLabs in neuer Verpackung), greift aber zu kurz. Kliniken können und wollen nicht überall Mikrofone installieren.
Zudem glauben viele Laien, dass das, was in alten Arztbriefen steht, immer korrekt ist. Die Realität ist: Dort schleichen sich Fehler ein, oder wichtige Informationen fehlen schlichtweg. Wenn ein Patient in die Klinik kommt, liegen oft Dutzende Vorbefunde vor. Es ist für einen Menschen fast unmöglich, diese Datenmengen in wenigen Minuten komplett zu durchdringen.
Genau hier setzen wir an. obwohl wir natürlich auch Spracheingaben und Transkriptionen demnächst ermöglichen werden, sind wir keine weitere Transkriptions-App, sondern eine Plattform, die Daten organisiert und zugänglich macht. Wir beginnen am frühesten Kontaktpunkt – oft noch bevor der Patient die Klinik betritt. Wir strukturieren die Informationen so vor, dass die Ärztin sofort den Überblick hat. Wie im echten Leben gilt auch bei medizinischen Daten: Ein gut strukturierter Anfang führt zu einem effizienteren Ablauf am Ende.
Welche konkrete Vision verfolgt aiomics mit dem Anspruch „Return to your calling“ und wie soll diese im Klinikalltag Realität werden?
Fast alle Ärztinnen und Ärzte haben Medizin studiert, weil sie Menschen helfen wollen. In der Klinikrealität werden sie dann zu hochbezahlten Datenerfassern degradiert. Viele junge Mediziner:innen haben darauf schlicht keine Lust mehr und verlassen den Beruf.
Wir steuern in Europa auf eine Lücke von über vier Millionen Fachkräften im Gesundheitswesen zu. Gleichzeitig lassen wir zu, dass das vorhandene Personal 40 Prozent seiner Arbeitszeit mit Aufgaben verschwendet, die keinen direkten Mehrwert für den Patienten bzw. die Patientin haben. Unsere Vision ist simpel: Wir halten Ärzt:innen, Pflegekräften und Therapeut:innen den Kopf frei. Wenn die Software die Fleißarbeit übernimmt, können sich die Menschen wieder auf ihre eigentliche Berufung konzentrieren: die Arbeit am Patienten.
Für welche medizinischen Einrichtungen und Berufsgruppen ist aiomics besonders relevant und welche Probleme löst die Plattform dort ganz konkret?
Gestartet sind wir mit Rehabilitationskliniken, aber das Interesse aus Akutkliniken war schnell so groß, dass wir dort jetzt ebenso aktiv sind. Inzwischen nutzen uns das Medizincontrolling, das Patientenmanagement und sogar ärztliche Fachgutachter. Auch in der funktionellen und präventiven Medizin, wo man sehr komplexe Datenpunkte übersichtlich zusammenführen muss, rennen wir offene Türen ein.
Im Grunde ist aiomics für jeden relevant, der Patient:innen behandelt und dabei große Datenmengen bewältigen muss. Wir helfen all jenen, die nicht mehr im Dokumentationssumpf steckenbleiben wollen und bereit sind, ihre Abläufe neu zu denken.
Wie hilft die Ingestion & Refinement Engine von aiomics dabei Ordnung in unstrukturierte medizinische Daten zu bringen?
Medizinische Daten sind oft chaotisch – ein Mix aus PDFs, handschriftliche Notizen, Fragebögen, Laborwerten und Fließtexten. Unsere Technologie fungiert hier als eine Art Übersetzer und Sortiermaschine. Sie liest diese unterschiedlichen Formate nicht nur, sondern bringt sie in eine einheitliche, nutzbare Struktur.
Das Entscheidende ist dabei die formale Qualitätsprüfung. Das System erkennt Datendiskrepanzen und weist darauf hin. So wird aus einem losen Haufen an Informationen eine vollständige Informationsgrundlage für die ärztliche Beurteilung. Wir machen die Daten „sprechfähig“, damit Ärzte nicht suchen müssen, sondern finden.
Warum setzt aiomics bewusst auf eine europäische Compliance-as-Infrastructure statt auf bestehende Off-the-Shelf-KI-Lösungen?
Weil Vertrauen im Gesundheitswesen keine Option, sondern die Basis ist. Wir können nicht einfach Daten auf amerikanische Server schieben und hoffen, dass es gut geht. Datenschutz muss das Fundament sein, nicht der Anstrich.
Indem wir auf eine streng europäische Infrastruktur setzen, geben wir Kliniken die Sicherheit, modernste KI nutzen zu können, ohne rechtliche Risiken einzugehen. Viele Kliniken wollen Innovation, trauen sich aber aus Sorge vor Datenschutzverletzungen nicht. Wir nehmen ihnen diese Sorge ab, indem wir die Compliance von Anfang an mitliefern.
Welche Rolle spielt der Human-in-the-Loop-Ansatz im Vertrauen medizinischer Fachkräfte in KI-gestützte Prozesse?
Eine zentrale. KI darf in der Medizin keine „Black Box“ sein, die Entscheidungen trifft, die niemand nachvollziehen kann. Bei uns bereitet das System Informationen vor, aber die Kontrolle und die finale Entscheidung liegen immer beim medizinischen Fachpersonal.
Das schafft Vertrauen. Die Nutzer merken schnell, dass die KI sie nicht ersetzt, sondern ihnen zuarbeitet wie ein extrem aufmerksamer Assistent. Diese Kombination aus maschineller Datenaufbereitung und menschlicher Urteilskraft ist weit mächtiger als jedes der beiden Elemente allein.
Welche Hürden begegnen Ihnen beim Verkauf an Krankenhäuser und wie ist es gelungen diesen Prozess deutlich zu beschleunigen?
Normalerweise dauern Verkaufszyklen im Krankenhaus 18 bis 24 Monate. Wir schaffen das derzeit in etwa sieben Monaten. Warum? Weil wir nicht versuchen, der Klinik eine starre Software aufzudrücken, an die sie sich anpassen muss. Wir kommen vom Prozess her und passen uns der Realität der Klinik an.
Wenn wir Geschäftsführern zeigen können, dass sich der Einsatz unserer Plattform finanziell mehr als fünffach rentiert (ROI > 5x), ist die Begeisterung groß. Die größte Hürde ist oft gar nicht technischer Natur, sondern das alte Denken. Viele Kliniken versuchen, neue Technologie in alte Prozesse zu pressen. Das ist, als würde man einen Porsche nur im ersten Gang fahren, weil einem niemand die Gangschaltung erklärt hat. Deshalb investieren wir viel in Bildung. Zusammen mit STREAMED UP haben wir Fortbildungen zu KI entwickelt, um genau dieses Verständnis zu schaffen — und dafür breite Unterstützung u.a. vom Marburger Bund und der Deutschen Adipositas Gesellschaft erhalten.
Was unterscheidet aiomics aus Ihrer Sicht am stärksten von anderen KI-Lösungen im Gesundheitswesen?
Es ist die Kombination unserer DNA. Da unser CTO Physiker mit Medizintechnik- und Remote Patient Monitoring Hintergrund ist, haben wir ein extrem robustes System gebaut, das typische KI-Probleme wie „Halluzinationen“ – also das Erfinden von Fakten – auf ein absolutes Minimum reduziert.
Gleichzeitig sind wir ärztlich geführt. Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit direkt in den Kliniken. Wir kommen nicht „von oben herab“ mit einer fertigen Lösung, sondern arbeiten eng mit Institutionen wie der Charité zusammen, die eine riesige Expertise in der Implementierung haben. Wir verstehen, dass gute Software sich den individuellen Bedürfnissen der Klinik anpassen muss, nicht umgekehrt.
Ein oft unterschätzter Aspekt ist dabei die Rechtssicherheit unserer Anwender. Im Gesundheitswesen wird kaum jemand darin ausgebildet, juristisch unanfechtbar zu dokumentieren – obwohl die Anforderungen hier enorm gestiegen sind. Und hier kommt unser Volljurist im Team ins Spiel: Wir sehen uns hier auch als Anwalt der Ärzte: Unsere Plattform achtet darauf, dass alle Inhalte nicht nur medizinisch korrekt, sondern auch formell und rechtlich belastbar sind. Das gibt den Behandelnden die Sicherheit, auch administrativ auf der sicheren Seite zu sein.
Welche nächsten Entwicklungsschritte und strategischen Ziele stehen für aiomics in den kommenden Jahren an?
Unsere Kunden entdecken ständig neue Anwendungsfälle für uns, das treibt die Entwicklung stark voran. Auf unserer unmittelbaren Roadmap stehen Funktionen wie ein Patientenmanagement-Tool im übersichtlichen Kanban-Stil und bessere Visualisierungen für Laborwerte, damit man Verläufe auf einen Blick erkennen kann.
Strategisch geht es jetzt in die Breite. Wir sind in Deutschland und Schweden aktiv, führen aber bereits erste Gespräche in Österreich und der Schweiz. Ziel ist es, dass aiomics im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus zum Standard für intelligente Datenverarbeitung wird.

Welche persönlichen Erfahrungen aus Ihrer Zeit als Arzt prägen heute Ihre Entscheidungen als Gründer?
Ich habe oft erlebt, dass Software „anonym“ ist – man fragt sich, ob die Entwickler jemals einen echten Nutzer getroffen haben. Man muss seine Denkweise der Software unterordnen.
Durch meine Studien in Cambridge, Stanford und Harvard und meine Erfahrung in der digitalen Innovation habe ich eines gelernt: Wirklich gute Software ist unsichtbar. Sie fällt gar nicht auf, weil sich die Nutzung völlig natürlich anfühlt. Das ist mein Anspruch an aiomics. Es darf keine weitere Hürde sein, sondern muss sich anfühlen wie eine Erleichterung. Und ich will, dass die Menschen, die unsere Plattform nutzen, auch genau wissen, wer dahinter steckt und wofür wir stehen. Dass wir sie verstehen und ihnen helfen wollen, zurück zu ihrer Berufung zu finden.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben die im hochregulierten Gesundheitsmarkt starten wollen?
Erstens: Verbringe so viel Zeit wie möglich mit den Nutzern. Das klingt wie eine Binsenweisheit, wird aber oft ignoriert. Wir lernen immer noch ständig Neues, nur weil wir zuhören. Und man muss beweisen, dass man Feedback schnell umsetzt. Die meisten Anbieter im Gesundheitswesen sind träge – wer hier schnell und nah am Kunden ist, gewinnt massiv an Loyalität (und Geduld).
Zweitens: Ehrlichkeit gewinnt. Klinikmitarbeiter:innen sind mittlerweile allergisch gegen Hochglanz-PowerPoints, die nichts mit der Realität zu tun haben. Zu oft wurde ihnen das blaue vom Himmel versprochen und es gibt kaum Substanz dahinter. Das schafft Misstrauen. Wenn man offen kommuniziert, was das Produkt schon kann und was noch entwickelt wird, erntet man Respekt und Vertrauen.
Drittens: Werde zur Priorität. Wenn du nicht eines der Top-3-Probleme einer Klinik löst, wirst du ignoriert. Kliniken haben keine Kapazitäten für „nice-to-have“. Viele Gründer:innen treten belehrend auf und wollen erklären, was wichtig ist. Das funktioniert nicht. Man muss den echten Schmerz lindern – sei es Zeitmangel oder Geldnot – und sich den Realitäten anpassen, statt sie belehren zu wollen.
Bildcredits:© Jessica Hanlon
Wir bedanken uns bei Dr. Sven Jungmann für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder
Premium Start-up: aiomics

Kontakt:
Aiomics GmbH
Rosenthaler Straße 72 A
10119 Berlin
www.aiomics.de
communications@aiomics.io
+49 1579 2371115























