Montag, Februar 9, 2026
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Was tun, wenn sich die Haut verändert, man aber unsicher ist?

Autoderm entwickelt eine KI-gestützte Infrastruktur für die Dermatologie, die Hauterkrankungen frühzeitig einschätzen hilft und digitale Gesundheitsangebote gezielt entlastet

Was genau macht Autoderm und welches Gesundheitsproblem wollt ihr damit lösen?

Autoderm ist ein KI-basiertes Analysewerkzeug für Dermatologie. Über eine Programmierschnittstelle ermöglichen wir es unter anderem Apotheken, Telemedizin-Plattformen, Krankenkassen und Arztpraxen, klinisch validierte Hautanalysen in ihre digitalen Angebote zu integrieren. Autoderm erkennt mehr als 70 Hauterkrankungen anhand eines einzigen Smartphone-Fotos, darunter alle relevanten Formen von Hautkrebs. Mit einer diagnostischen Genauigkeit von 79 Prozent liefern wir dermatologische Entscheidungsunterstützung auf klinischem Niveau – skalierbar und jederzeit verfügbar.
Damit gehen wir ein zentrales Versorgungsproblem an: Weltweit gibt es zu wenige Dermatologinnen und Dermatologen, entsprechend lang sind die Wartezeiten. Gleichzeitig gehören Hauterkrankungen zu den häufigsten Gründen für Hausarztbesuche, obwohl Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern oft die spezialisierte dermatologische Ausbildung fehlt. Das führt zu unnötigen Überweisungen, verzögerten Diagnosen und steigenden Kosten.

Wer sind die Menschen hinter Autoderm und welche beruflichen Hintergründe bringen sie in das Unternehmen ein?

Ich heiße Dr. Alexander Börve und bin Mediziner und Unternehmer. Ich habe früh an der Verbindung von Dermatologie und Technologie geforscht. Meine Arbeit bildete unter anderem die Grundlage für das schwedische Hautkrebs-Screening-Programm. Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit digitaler Dermatologie und habe 2008 mit First Derm/iDoc24 eine der ersten Teledermatologie-Plattformen gegründet. 
Autoderm ist mein zweites Unternehmen. Das aus vier Personen bestehende remote arbeitende Team ist bewusst klein und hoch spezialisiert: Wir vereinen medizinische Expertise mit KI- und Machine-Learning-Kompetenz. Außerdem werden wir von erfahrenen Beraterinnen und Beratern unterstützt, die Know-how aus dem Healthcare-Venture-Capital, der digitalen Gesundheitsstrategie und der Branchenanalyse einbringen. Wir beschäftigen natürlich auch die gesetzlich vorgeschriebene Verantwortungsperson, auch Person Responsible for Regulatory Compliance oder kurz PRRC genannt, die eine Zertifizierung für Medizinprodukte besitzt.

Was ist Autoderms Vision für den Einsatz von KI in der Dermatologie und wie nähert ihr euch diesem Ziel Schritt für Schritt?

Unsere Vision ist es, dermatologisches Screening auf Expertenniveau durch KI-gestützte Infrastruktur universell zugänglich zu machen – für jeden Hauttyp, jedes Geschlecht und jedes Alter. Wir glauben, dass KI das Gesundheitswesen sinnvoll ergänzen sollte, anstatt Menschen zu ersetzen. Autoderm möchte die medizinische Versorgung verbessern und dem Laien schnelle Orientierung für seine Hautgesundheit geben.
Dafür haben wir zunächst unsere Technologie klinisch validiert. Parallel dazu haben wir international die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen, darunter die CE-Kennzeichnung für Europa.
Technisch setzen wir auf eine schnittstellenbasierte Plattform, die sich innerhalb weniger Stunden und ohne operative Reibung in bestehende Systeme integrieren lässt. Wir skalieren über strategische Partnerschaften, etwa mit DocMorris in Deutschland. Aktuell stärken wir unsere Präsenz in Europa und bereiten gleichzeitig den Markteintritt in den USA vor.

An welche Zielgruppen richtet sich eure KI-gestützte Hautanalyse und welche Bedürfnisse stehen dabei im Mittelpunkt?

Unsere primäre Zielgruppe ist B2B: Wir stellen Infrastruktur für digitale Gesundheitsplattformen bereit. Unsere Kundinnen und Kunden können damit dermatologische Fähigkeiten anbieten, ohne intern Expertise aufbauen zu müssen.
Entscheidend ist die Positionierung: Dermatologen betrachten KI-Diagnostik oft als Bedrohung für ihre Praxis, während Allgemeinmediziner und Laien sie als Werkzeug annehmen. Indem wir Hausärzten dabei helfen, Erkrankungen zu behandeln, die sie normalerweise überweisen würden, positionieren wir uns als Partner der Gesundheitsversorger, anstatt gegen sie zu konkurrieren.

Wie unterstützt Autoderm digitale Gesundheitsdienste, Apotheken oder Telemedizin-Plattformen konkret in der täglichen Praxis?

Die Integration ist bemerkenswert einfach: Partner verbinden sich mit unserer Schnittstelle und können innerhalb von durchschnittlich drei Stunden ihren Nutzerinnen und Nutzern KI-gestützte Hautanalyse anbieten. Diese laden einfach ein Smartphone-Foto hoch, und unser System liefert eine klinische Bewertung mit potenziellen Erkrankungen und empfohlenen nächsten Schritten.
Für Apotheken wie DocMorris bedeutet dies, dass Kundinnen und Kunden Orientierung erhalten können, ob sie für ihr Hautproblem ein Drogerie- oder Apothekenprodukt oder eine ärztliche Begutachtung brauchen. Telemedizinanbietern hilft Autoderm dabei, Online-Konsultationen zu strukturieren und dringende Fälle schneller zu erkennen.

Was unterscheidet Autoderm von anderen digitalen Hautanalyse-Lösungen?

Autoderm unterscheidet sich in mehreren Punkten vom Wettbewerb. Statt einer reinen Endkunden-App oder spezieller Hardware bieten wir eine skalierbare KI-Infrastruktur, die sich über eine API-Schnittstelle in nahezu jede digitale Plattform integrieren lässt.
Inhaltlich decken wir bereits heute über 70 Hauterkrankungen ab – Tendenz steigend. Damit erfassen wir rund 90 Prozent der Hautprobleme, mit denen Patientinnen und Patienten tatsächlich ärztliche Hilfe suchen. Viele Wettbewerber konzentrieren sich dagegen ausschließlich auf Hautkrebs, was nur einen Teil der realen Versorgung abbildet.
Ein weiterer Vorteil ist unser Datensatz. Wir verfügen über mehr als drei Millionen medizinisch aufbereitete Smartphone-Bilder, von denen bereits 150.000 von Dermatologinnen und Dermatologen ausgewertet wurden. Diese Qualität an Trainingsdaten ist komplex, wird aber zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Auch regulatorisch sind wir weit. Autoderm ist als Medizinprodukt zertifiziert, arbeitet an der erweiterten europäischen Zulassung und wurde von der US-Arzneimittelbehörde FDA als besonders innovativ eingestuft. Das unterstreicht unseren Anspruch auf klinische Qualität und grenzt uns klar von einfachen Wellness-Apps ab.

Welche Rolle spielen medizinische Validierung und regulatorische Anforderungen in eurer Produktentwicklung?

Die Erfüllung regulatorischer Vorgaben gehört fest zu unserer Strategie. Da Autoderm ein Medizinprodukt ist, müssen wir deutlich strengere Anforderungen erfüllen als einfache Gesundheits- oder Wellness-Apps. Das ist aufwendig, verschafft uns aber auch einen klaren Vorteil. In Europa ist Autoderm CE-zertifiziert. Zusätzlich arbeiten wir an der erweiterten MDR-Zulassung der Klasse IIa, die strenge Auflagen zu Qualität, Sicherheit und Dokumentation verlangt. Die regulatorischen Vorgaben in Europa sind komplex und werden durch neue Regeln für KI im Gesundheitswesen weiter verschärft.
In den USA haben wir den FDA-Breakthrough-Status erhalten, dieser beschleunigt den Weg zur Zulassung. Insgesamt verfolgen wir eine klare Doppelstrategie: Mit der CE-Zertifizierung sind wir bereits in Europa aktiv, während wir parallel die Zulassung für den US-Markt vorbereiten.

Welche Herausforderungen begegnen euch bei der Entwicklung eines KI-Medizinprodukts und wie geht ihr damit um?

Die größte technische Herausforderung ist die Datenaufbereitung. Gute KI braucht hochwertige Trainingsdaten. In der Dermatologie bedeutet das: Jede Bildauswertung muss von Fachärztinnen und Fachärzten geprüft werden. Von über drei Millionen Bildern sind bislang rund 150.000 überprüft worden. Das ist aufwendig und teuer. Wir bauen diesen Prozess derzeit gezielt aus.
Hinzu kommt eine komplexe Regulierung. Medizinprodukte- und KI-Vorgaben entwickeln sich ständig weiter, in Europa wie in den USA. Wir begegnen dem mit eigener regulatorischer Expertise und enger Abstimmung mit den Behörden.
Ein weiteres zentrales Thema ist Gleichstellung. Hauterkrankungen sehen je nach Hauttyp unterschiedlich aus. Deshalb achten wir darauf, dass unsere Modelle für verschiedene Bevölkerungsgruppen zuverlässig funktionieren.
Eine eher unterschätzte Herausforderung ist die Bezahlung. Viele erwarten, dass KI kostenlos sein sollte. Dabei fließt ein Großteil unseres Budgets in regulatorische Anforderungen. Ein Vergleich hilft: Autonomes Fahren ist heute oft teurer als ein klassischer Fahrdienst – liefert aber auch eine andere Qualität.

Wie wichtig ist Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer für Autoderm und wie schafft ihr dieses Vertrauen?

Vertrauen entsteht bei uns auf mehreren Ebenen: Zum einen durch wissenschaftliche Studien – unsere Ergebnisse wurden in Fachzeitschriften veröffentlicht und von unabhängigen Expertinnen und Experten geprüft. Das zeigt, dass unsere Technologie zuverlässig arbeitet.
Zum anderen durch offizielle Zertifikate. Verschiedene Aufsichtsbehörden haben unsere Lösung positiv auf medizinische Standards überprüft.
Wichtig ist uns auch Transparenz. Autoderm stellt keine Diagnosen. Es unterstützt Ärztinnen und Ärzte bei Entscheidungen und hilft Patientinnen und Patienten, ihre Hautprobleme besser einzuordnen. Die medizinische Verantwortung bleibt immer beim Menschen.
Zusätzlich schafft die Zusammenarbeit mit etablierten Gesundheitsmarken Vertrauen. Wenn ein Partner wie DocMorris unsere Technologie einsetzt, ist das ein starkes Signal. Auch die Nutzung in der Praxis spricht für sich: Über zwei Millionen Anwendungen und nur zwei Beschwerden zeigen, dass Autoderm zuverlässig im Alltag funktioniert.

Welche weiteren Entwicklungen und nächsten Schritte plant ihr für Autoderm in den kommenden Monaten?

In den kommenden Monaten stehen mehrere Themen im Fokus. Die Gespräche mit Investorinnen und Investoren aus dem Gesundheitsbereich verlaufen positiv, auch nach Treffen auf der JPM Health Conference 2026 in San Francisco.
Gleichzeitig bauen wir unser Geschäft in Europa weiter aus, vor allem in Deutschland über die Partnerschaft mit DocMorris sowie in Großbritannien. Parallel bereiten wir den Markteintritt in den USA vor und arbeiten weiter an der FDA-Zulassung. Dabei prüfen wir auch Kooperationen mit Universitätskliniken, die uns mit zusätzlichen Studiendaten unterstützen können.
Technisch verbessern wir unsere KI kontinuierlich. Wir erweitern die Auswertung medizinischer Bilddaten und bauen die Zahl der erkennbaren Hauterkrankungen weiter aus. Neue Funktionen und leistungsstärkere Modelle werden zunächst in den USA eingeführt. In Europa folgen sie, sobald die nächste regulatorische Zulassung abgeschlossen ist.

Welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründern geben, die ein Startup im Health-Tech-Bereich aufbauen möchten?

Mein erster Rat ist, die eigene Rolle im Gesundheitssystem genau zu verstehen. Entscheidend ist, welchen konkreten Mehrwert man bietet. Bei uns war es der Fokus auf Geschwindigkeit und Einfachheit: Foto hochladen, kurze Zeit später eine fundierte Einschätzung erhalten.
Zweitens sollten Zertifizierungen und Zulassungen von Anfang an oberste Priorität haben. Viele Gründerinnen und Gründer sehen sie als lästige Pflicht. In Wahrheit sind sie ein klarer Wettbewerbsvorteil. Wer früh in regulatorische Expertise investiert, gewinnt Vertrauen, Zugang zum Markt und langfristige Stabilität.
Drittens lohnt es sich, Infrastruktur statt einzelner Produkte zu bauen. Autoderm stellt Technologie bereit, die andere nutzen können, statt selbst um Endkundinnen und -kunden zu konkurrieren. Das schafft starke Partnerschaften und ermöglicht Wachstum über bestehende Kanäle.

Bildcredits: @privat

Wir bedanken uns bei Dr. Alexander Börve für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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