Enpulse verbindet Venture Clienting mit der Energiewende, um Innovationen aus Startups schneller und wirksam in die Energiebranche zu überführen
Wie bewerten Sie das aktuelle Tempo der Energiewende und welche Hindernisse verhindern, dass Projekte schneller umgesetzt werden?
Zwar hat das Tempo der Energiewende in den letzten Jahren spürbar angezogen, aber um die Klimaziele sicher zu erreichen, sind wir noch immer nicht schnell genug. Ein Beispiel dafür sind die langwierigen Genehmigungsprozesse – sowohl für die Projekte selbst als auch für die Netzanschlüsse. Damit Wind-, Solar- und Batteriespeicheranlagen schneller und in großer Zahl ans Netz kommen, brauchen wir einen deutlich schnelleren Netzausbau. Der läuft aktuell zu langsam, weil die Netzinfrastruktur immer komplexer wird und globale Lieferketten mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Parallel fehlt es an Fachkräften für die Umsetzung – und in Deutschland bremsen zusätzliche regulatorische Vorgaben die Skalierung von Lösungen.
Warum ist die Branche trotz großem Transformationswillen oft träge, und welche Faktoren aus Regulierung, Kostenstruktur oder Sicherheitsauflagen prägen diese Situation?
Deutschland ist besonders im Clean-Tech-Bereich ein Vorreiter: Wer es hier schafft, hat auch global eine sehr gute Chance. Doch gerade die Komplexität des deutschen Energiemarkts macht es sehr schwierig hier Fuß zu fassen. Die kritische Versorgungstruktur in Deutschland unterliegt hohen Sicherheitsstandards, um Ausfälle zu vermeiden, und Investitionen werden häufig sehr langfristig geplant. Hieran scheitern viele Start-ups, denn der Raum, um sich auszutesten und neue Ideen zu liefern, fehlt. Hier kommt Venture Clienting in Spiel: Es schafft Anknüpfungspunkte und Handlungsräume für neue Ideen.
Welche Rolle kann Venture Clienting in diesem Umfeld spielen und warum unterscheidet sich der Ansatz grundlegend von klassischen Innovations- oder Investitionsstrategien?
Venture Clienting setzt genau dort an, wo es weh tut: bei konkreten, realen Problemstellungen im Kerngeschäft von Unternehmen. Statt abstrakter Innovationsprogramme werden Startup-Lösungen direkt in den Business Units als Pilotprojekte getestet – mit schneller Validierung unter echten Marktbedingungen. Startups erhalten damit unmittelbaren Zugang zum Markt, nicht nur Mentoring oder ein Corporate-VC-Engagement. Entscheidend ist zudem die Logik: Kaufbeziehung statt Beteiligung. Das heißt klarer Nutzenfokus, klar messbarer Mehrwert und zugleich ein geringeres Risiko für beide Seiten. Genau diese Kombination unterscheidet Venture Clienting grundlegend von klassischen Innovations- oder Investitionsstrategien.
Warum funktioniert Venture Clienting gerade in der Energiebranche besonders gut und welche Vorteile entstehen sowohl für Unternehmen als auch für Startups?
Es ist eine echte Win-win-Situation: Gerade in der Energiebranche haben Konzerne hochkomplexe Prozesse – und profitieren deshalb besonders von schnellen, flexiblen Lösungen aus der Startup-Welt. Startups wiederum können ihre Reife direkt im realen Betrieb beweisen. Weil Probleme wie Netzauslastung, Flexibilität, Verbrauch oder Datenmanagement klar messbar sind, entstehen präzise Use Cases – und wenn eine Lösung funktioniert, lässt sie sich sofort auf tausende Kund*innen oder Assets ausrollen. Genau diese Kombination aus Klarheit, Messbarkeit und Skalierbarkeit macht Venture Clienting hier so stark.
Wie identifiziert Enpulse Startups, deren Lösungen sich gut für reale Projekte eignen, und welche Kriterien sind dabei entscheidend?
Wir denken immer vom Problem her: Relevant wird ein Startup für uns, wenn es ein akutes, klar definiertes Business-Problem löst. Danach schauen wir auf technologische Reife, Umsetzungskompetenz und Team – also ob sie in unserem Konzernumfeld wirklich liefern können. Wichtig ist zudem das Skalierungspotenzial über einen einzelnen Use Case hinaus. Erste Referenzen oder PoCs sind dann das Sahnehäubchen und zeigen uns, dass die Lösung in der Realität schon funktioniert.
Wie stellen Sie sicher, dass Technologien nicht im Pilotstadium hängen bleiben, sondern in den operativen Betrieb übergehen und echte Wirkung entfalten?
Pilotprojekte sind bei uns strikt zeitlich begrenzt und werden gemeinsam mit den Business Units durchgeführt, die die Lösung auch im Tagesgeschäft benötigen. Dabei werden zwischen allen Partnern vor Projektstart klare Ergebnisziele vereinbart und so früh wie möglich Zusammenarbeits-optionen über ein Pilotprojekt hinaus mitgedacht. Zielsetzung ist es Pilotprojekte so frühzeitig wie möglich in eine langfristig angelegte Partnerschaft zu überführen.
Was unterscheidet die Zusammenarbeit im Venture Clienting Prozess von den typischen Pilotprojekten, die in vielen Unternehmen nie über eine Testphase hinauskommen?
Im Venture Clienting geht es um klaren Nutzen statt um unverbindliche Experimente. Gemeinsam mit den Business Units schärfen wir von Anfang an Problem, Anforderungen und den erwarteten Mehrwert – so ziehen alle in die gleiche Richtung. Der Prozess ist bewusst strukturiert: von der Problemdefinition über die Auswahl des Startups und den Pilot bis hin zur Entscheidung über eine weiterführende Zusammenarbeit. Dabei achten wir früh darauf, dass Budget, Kapazitäten und Verantwortlichkeiten für einen möglichen Rollout realistisch sind – damit gute Lösungen nicht im Testmodus stecken bleiben.
Welche konkreten Herausforderungen adressieren AVALY und die EnBW Business Unit im gemeinsamen Projekt – und warum ist das ein wichtiger Beweis für den Venture-Clienting-Ansatz?
Im Kern geht es um eine der heikelsten Fragen bei Erneuerbaren-Projekten: lokale Akzeptanz. AVALY hilft Netzbetreibern und Projektentwicklern dabei, Bedürfnisse, Sorgen und mögliche Widerstände in Gemeinden datenbasiert frühzeitig zu erkennen. Das schafft eine deutlich bessere Grundlage für Projektkommunikation – zielgerichteter, wirksamer und weniger reaktiv.
Für uns ist das ein starkes Beispiel für Venture Clienting, weil die Lösung nicht im Labor entsteht, sondern gemeinsam mit den Nutzer:innen in der Praxis weiterentwickelt wird: Inhalte und UI werden entlang realer Anforderungen geschärft, und die Analyse wird an historischen Projektbeispielen validiert – mit direktem Nutzen für aktuell laufende Projekte.
Welche konkreten Effekte bringt die Arbeit mit datenbasierter Akzeptanzanalyse – und wie verändert sich dadurch das Vorgehen im Projektalltag?
Der größte Effekt ist, dass Projektteams früher Klarheit bekommen: Wie sind Zustimmung und Widerstand verteilt? Welche Themen treiben die Stimmung? Welche Zielgruppen sollte man wie ansprechen? Dadurch lassen sich Kommunikation und Stakeholder-Arbeit priorisieren und sauberer planen, statt erst spät auf Konflikte zu reagieren.
Im Projekt selbst setzen wir bewusst auf praxisnahe Validierung: Analyseergebnisse werden mit realen, historischen Fällen abgeglichen, und die Software wird bedarfsorientiert weiterentwickelt. Gleichzeitig unterstützt der Einsatz der Lösung laufende Vorhaben unmittelbar, weil Projektteams schneller zu handlungsrelevanten Insights kommen.
Welche Learnings aus dem AVALY-Projekt sind für andere Startups besonders relevant, die mit großen Energieunternehmen zusammenarbeiten wollen?
Drei Punkte sind aus unserer Sicht entscheidend:
Erstens: vom konkreten Problem her denken – mit einem klaren Anwendungsfall, messbarem Nutzen und einem Produkt, das auf Skalierung ausgelegt ist.
Zweitens: Praxisfähigkeit schlägt Pitch – wer früh echtes Feedback, echte Daten und reale Anwendungsszenarien bekommt, kann schneller und kosteneffizienter entwickeln. Genau das ermöglicht Venture Clienting.
Drittens: Integration & Compliance mitdenken – erfolgreiche Kooperationen entstehen dort, wo Lösungen anschlussfähig an Prozesse, Rollen und Systeme sind und Entscheidungen schnell getroffen werden können. Bezahlte Pilotprojekte in einer frühen Phase liefern dabei nicht nur Validierung, sondern auch belastbare Referenzen – und erleichtern den Weg in weitere Business Units.
Wie verändert Venture Clienting die Innovationskultur in Energieunternehmen langfristig und welche Bereiche profitieren besonders stark von diesem Ansatz?
Venture Clienting schärft die Innovationskultur, weil es den Mut zu externen Lösungen stärkt und schnelle, faktenbasierte Entscheidungen fördert. Statt „Ideensammeln“ rückt eine problemorientierte, agile Denkweise in den Vordergrund – mit frühen Ergebnissen und direktem Nutzerfeedback. Besonders profitieren Bereiche mit starkem Kundenfokus und vielen digitalen oder prozessualen Schnittstellen, etwa Vertrieb, dezentrale Erzeugungsmodelle oder Immobilienlösungen. Und: Die Offenheit für Kooperationen mit Startups und Partnern ist hoch – Innovation wird zur gemeinsamen Aufgabe, nicht zur Insellösung.
Welche Arten von Technologien oder Startup-Modellen haben derzeit die besten Chancen, im Energiemarkt schnell Wirkung zu erzielen?
Im Moment haben vor allem digitale Lösungen Rückenwind, die das Netz- und Energiemanagement sowie die Flexibilität verbessern. Große Hebel sehen wir bei Automatisierung und Prozessdigitalisierung rund um Erzeugeranlagen. Dazu kommen Modelle für Mieterstrom, Wärme, Speicheroptimierung und E-Mobilität. Und natürlich KI-gestützte Lösungen – etwa für Prognosen, Monitoring und Betriebsoptimierung – die bestehende Assets smarter und effizienter machen.
Welche Unterstützung benötigen Startups aus Ihrer Sicht, um ihre Lösungen in der Energiebranche erfolgreich zu skalieren und in die Fläche zu bringen?
Startups brauchen vor allem drei Dinge: Zugang zu relevanten Daten, realen Anlagen und operativem Wissen – also echten Kontext statt Laborbedingungen. Dann klare Ansprechpartner:innen im Konzern und schnelle, verlässliche Entscheidungen. Und nicht zuletzt Unterstützung bei Compliance, Schnittstellen und IT-Integration, damit aus einer guten Lösung auch ein langfristig erfolgreiches Produkt im Konzernmaßstab wird.
Welche Rolle wird Enpulse künftig spielen, um Innovationen schneller in realen Energieprojekten zu verankern und damit die Energiewende zu beschleunigen?
Enpulse ist die Brücke zwischen Startup-Ökosystem und den Business Units der EnBW. Mit unserem Venture-Clienting-Programm zielen wir darauf ab, mehr und größere Projekte mit klarem Business- und Klimanutzen umzusetzen.
Dabei identifizieren wir Startups, die Lösungen mit hohem Impact-Potenzial haben und schaffen die Strukturen, damit solche Lösungen nicht im Piloten hängen bleiben, sondern in die Fläche kommen. So stärken wir ein Ökosystem, das Innovationen schneller in reale Energieprojekte übersetzt – und damit ganz konkret Tempo in die Energiewende bringt.
Bildcredits @Enpulse Ventures GmbH
Wir bedanken uns bei Florian Fichter für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
























