LEGALFLY entwickelt eine KI Plattform für Rechtsabteilungen, die Prozesse automatisiert und juristische Arbeit effizienter organisiert
Wie ist LEGALFLY entstanden und wer sind die Menschen hinter dem Unternehmen?
LEGALFLY ist aus einer ziemlich simplen, aber frustrierenden Beobachtung entstanden: Während sich Unternehmen immer schneller bewegen, arbeiten Rechtsabteilungen oft noch wie vor zehn Jahren – mit viel manueller Abstimmung, vielen Einzelschritten und wenig Struktur. Ich habe in der Praxis immer wieder gesehen, dass Legal so zum Engpass wird: Entscheidungen dauern lange, Fachabteilungen versuchen Prozesse zu umgehen, und genau dadurch entstehen Risiken für das Unternehmen. Gleichzeitig habe ich vorher an KI-Produkten in ganz anderen Kontexten gearbeitet und gesehen, was technisch möglich ist, und war überrascht, wie wenig davon im juristischen Alltag angekommen ist. Also haben wir angefangen, das Thema neu zu denken. Heute ist LEGALFLY ein Team aus KI- und Rechts-Spezialisten, das beide Perspektiven zusammenbringt, um juristische Arbeit in Unternehmen nicht nur schneller zu machen, sondern überhaupt erst sinnvoll strukturiert skalierbar.
Welche konkreten Probleme in der juristischen Arbeit möchte LEGALFLY mit seiner KI-Plattform lösen?
Wir fokussieren uns bewusst auf Rechtsabteilungen in Unternehmen, nicht auf Kanzleien. Dort liegt die eigentliche Herausforderung darin, juristische Arbeit in bestehende Geschäftsprozesse einzubetten und gleichzeitig Geschwindigkeit, Qualität und Compliance sicherzustellen.
In der Praxis sehen wir immer wieder, dass hochqualifizierte Jurist:innen einen Großteil ihrer Zeit mit Aufgaben verbringen, die wenig strategischen Mehrwert haben. Das führt zu Überlastung, während gleichzeitig kaum Zeit bleibt für die eigentliche Aufgabe: fundierte rechtliche Beratung und Entscheidungsunterstützung.
Ein großer Teil dieser Arbeit ist dabei nicht einmal juristisch im engeren Sinne, sondern entsteht durch die Prozesse rundherum – Abstimmungen, Weiterleitungen, Status-Tracking und Koordination. Genau dort setzen wir an.
Wir automatisieren nicht nur einzelne Aufgaben, sondern strukturieren komplette Abläufe. Mit neuen Funktionen wie Agent Studio können Teams diese Prozesse end-to-end abbilden und steuern, sodass weniger manuelle Koordination nötig ist, Durchlaufzeiten sinken und wieder Raum für die wirklich relevante juristische Arbeit entsteht.
Was treibt euch an, die Arbeitsweise von Rechtsabteilungen und Kanzleien zu verändern?
Künstliche Intelligenz ist eine der prägendsten Technologien unserer Zeit, und gerade im juristischen Bereich ist das Potenzial enorm. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass viele hochqualifizierte Jurist:innen einen Großteil ihrer Zeit mit operativer Arbeit verbringen, anstatt sich auf das zu konzentrieren, wofür sie eigentlich ausgebildet sind: komplexe Fragestellungen zu bewerten und Geschäftsführung sowie Fachabteilungen fundiert zu beraten.
Wir sind überzeugt, dass sich das grundlegend ändern muss. KI kann juristische Arbeit nicht ersetzen, aber sie kann sie deutlich wirksamer machen, wenn sie richtig eingesetzt wird – und genau darin liegt eine große Chance, den Arbeitsalltag für Jurist:innen sinnvoller und wirkungsvoller zu gestalten.
Gleichzeitig ist es uns wichtig, den Einsatz von KI im juristischen Umfeld verantwortungsvoll zu gestalten. Gerade in einem sensiblen Bereich wie Legal geht es nicht nur um Effizienz, sondern um Vertrauen, Kontrolle und Nachvollziehbarkeit. Deshalb sehen wir es auch als unsere Aufgabe, zu zeigen, wie KI in diesem Umfeld sicher und sinnvoll eingesetzt werden kann.
Welche Vision verfolgt LEGALFLY für die Zukunft juristischer Prozesse in Unternehmen?
Wir glauben, dass juristische Arbeit sich von einer Sammlung einzelner Tasks zu einem klar orchestrierten System entwickeln muss. In Zukunft wird es nicht mehr darum gehen, wer einen Vertrag am schnellsten prüft, sondern wie gut ein gesamter Prozess funktioniert – vom ersten Input bis zur finalen Entscheidung. Rechtsabteilungen werden dadurch deutlich wirkungsvoller und sichtbarer im Unternehmen. Sie werden weniger als „Prüfstelle“ wahrgenommen, sondern stärker als integraler Bestandteil unternehmerischer Entscheidungen und können dadurch Themen intern lösen, die heute oft extern vergeben werden.
Wie stellt ihr sicher, dass eure KI-Lösungen den hohen Anforderungen an Datenschutz und Vertraulichkeit gerecht werden?
Im juristischen Kontext ist Vertrauen nicht optional. Wenn das nicht sitzt, nutzt dir die beste Technologie nichts. Deshalb verfolgen wir konsequent einen Privacy-by-Design-Ansatz – allerdings nicht als Schlagwort, sondern als Grundlage unserer gesamten Architektur. Einer unserer Mitgründer kommt aus dem Security-Bereich, und genau diese Perspektive ist von Anfang an in die Entwicklung eingeflossen.
Ein zentraler Unterschied liegt in der konsequenten Anonymisierung: Daten werden vor der Verarbeitung so aufbereitet, dass keine sensiblen Inhalte direkt verarbeitet werden. Gleichzeitig werden Kundendaten nicht zum Training verwendet, und Unternehmen können selbst entscheiden, wie sie die Plattform betreiben, bis hin zu On-Premise. Am Ende geht es nicht nur um formale Compliance, sondern darum, dass sich Rechtsabteilungen jederzeit sicher fühlen können, wie mit ihren Daten umgegangen wird.
Wer gehört zur Kernzielgruppe von LEGALFLY und wie unterscheiden sich deren Bedürfnisse?
Unsere klare Kernzielgruppe sind Inhouse-Teams in Unternehmen – also Rechts-, Compliance- und Procurement-Abteilungen. Gerade in größeren Organisationen entsteht dort der größte Druck, gleichzeitig Geschwindigkeit, Qualität und Compliance sicherzustellen.
Die regulatorischen Anforderungen nehmen spürbar zu, etwa durch neue Vorgaben in Bereichen wie Nachhaltigkeit oder Sicherheit. Vor allem international tätige Unternehmen müssen parallel unterschiedliche Regelwerke erfüllen, was die Unsicherheit in den Fachabteilungen erhöht. Viele Entscheidungen werden deshalb vorsichtshalber an Legal gegeben – auch solche, die nicht unbedingt juristisch sind. Gleichzeitig führt diese zusätzliche Belastung dazu, dass Prozesse langsamer werden und in der Praxis teilweise umgangen werden, was wiederum neue Risiken für das Unternehmen schafft.
Compliance- und Procurement-Teams arbeiten im Alltag eng mit Legal zusammen, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte – von Nachvollziehbarkeit und Kontrolle bis hin zu standardisierten, schnellen Prozessen. Am Ende geht es immer um dieselbe Frage: Wie organisiert man juristische Arbeit so, dass sie mit dem Tempo des Unternehmens mithalten kann, ohne die Kontrolle zu verlieren?
Was macht LEGALFLY im Vergleich zu anderen LegalTech-Lösungen besonders?
Ein zentraler Unterschied ist die konsequente Anonymisierung der Daten unserer Kunden. Sensible Inhalte werden vor der Verarbeitung anonymisiert, sodass keine Rückschlüsse auf konkrete Daten möglich sind. Gerade in Europa und insbesondere in Deutschland ist das keine Kür, sondern Voraussetzung – wenn das nicht gewährleistet ist, findet die Technologie im juristischen Umfeld schlicht nicht statt.
LEGALFLY wurde eigens für Rechtsabteilungen in Unternehmen entwickelt. Anders als in Kanzleien arbeiten Inhouse-Teams typischerweise nicht an einzelnen Fällen, sondern parallel an einer Vielzahl unterschiedlicher Themen – vom Contracting über Compliance bis hin zu interner Beratung. Genau darauf ist unsere Plattform ausgerichtet. Sie bildet diese Breite ab, lernt unternehmensspezifische Standards und Arbeitsweisen und unterstützt die Zusammenarbeit mit anderen Teams direkt in den Tools, die im Alltag genutzt werden, etwa über Integrationen in bestehende Systeme.
Im Kontext von Inhouse-Teams reicht es nicht aus, einzelne Aufgaben zu optimieren. Entscheidend ist, juristische Arbeit als Teil der gesamten Organisation zu verstehen. Rechtsabteilungen sind ständig in Abstimmungen mit Fachabteilungen, müssen Informationen bündeln, Entscheidungen vorbereiten und Prozesse koordinieren – genau dort entsteht der größte Aufwand.
Wir setzen daher auf die Strukturierung und Automatisierung ganzer Abläufe, etwa rund um Contracting, Compliance oder Research. So wird nicht nur die juristische Bewertung schneller, sondern vor allem der gesamte Prozess effizienter und nachvollziehbarer.
Welche Herausforderungen begegnen euch beim Einsatz von KI im juristischen Umfeld und wie geht ihr damit um?
Die größte Herausforderung ist, dass juristische Entscheidungen nachvollziehbar und verantwortbar bleiben müssen. Gerade in einem risikosensiblen Umfeld kann und will niemand Verantwortung an ein System abgeben, dessen Ergebnisse nicht überprüfbar sind.
Wir lösen das, indem wir klar trennen: KI unterstützt bei der Bearbeitung, aber die Bewertung und die abschließende Entscheidung bleibt bei der Rechtsabteilung. Ergebnisse sind nachvollziehbar und können jederzeit geprüft werden.
Das klingt einfach, ist aber entscheidend dafür, dass solche Systeme im Alltag tatsächlich zum Einsatz kommen.
Wie gelingt es euch, Vertrauen bei Juristinnen und Juristen aufzubauen, die mit neuen Technologien arbeiten?
Vertrauen entsteht nicht durch Marketing, sondern durch Erfahrung im Alltag. Wir starten häufig mit klar abgegrenzten Use Cases und zeigen konkret, wo Zeit gespart wird und wo Qualität gleich bleibt oder besser wird. Entscheidend ist, dass Jurist:innen jederzeit die Kontrolle behalten, nachvollziehen können, was passiert, und die finalen Entscheidungen treffen. Sobald das gegeben ist, kippt die Haltung meist schnell von Skepsis zu Interesse, und genau dieser Moment entscheidet darüber, ob ein Tool langfristig genutzt wird oder wieder verschwindet.
Welche nächsten Entwicklungsschritte plant LEGALFLY für die kommenden Jahre?
Ein zentraler Fokus liegt auf dem Ausbau von agentenbasierten Workflows, insbesondere mit dem weiteren Ausbau unseres Agent Studio. Dabei geht es darum, nicht nur einzelne Aufgaben zu automatisieren, sondern komplette Abläufe – vom Eingang einer Anfrage bis zur abschließenden Freigabe – strukturiert und durchgängig abzubilden.
Ein wichtiger Schritt ist dabei die tiefere Integration in bestehende Systeme. Ziel ist, dass sich diese Prozesse direkt in den Tools abbilden lassen, die Unternehmen ohnehin nutzen, sodass juristische Workflows nicht isoliert stattfinden, sondern Teil der täglichen Arbeitsumgebung werden.
Gleichzeitig bauen wir unsere Präsenz in Europa weiter aus, insbesondere in Märkten mit hohen regulatorischen Anforderungen, in denen der Bedarf nach strukturierten und verantwortungsvollen KI-Lösungen besonders groß ist. Parallel dazu bauen wir unsere Aktivitäten im Mittleren Osten weiter aus und schauen uns unter anderem den US-Markt gezielt an.
Welche Rolle werden KI-Agenten künftig in der täglichen juristischen Arbeit spielen?
KI-Agenten werden vor allem die operativen Teile der Arbeit übernehmen, also prüfen, strukturieren, vorbereiten und koordinieren. Sie treffen jedoch keine finalen Entscheidungen, und genau das ist auch nicht ihr Job. Dadurch verschiebt sich die Rolle von Jurist:innen weg von operativer Abarbeitung hin zu Bewertung, Steuerung und strategischer Einordnung, während gleichzeitig mehr Aufgaben intern erledigt werden können, ohne sofort externe Kanzleien einzubinden.
Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Erstens: Fokussiere dich kompromisslos auf das Produkt, bevor du über Skalierung und Vertrieb nachdenkst. Wenn das Produkt nicht wirklich überzeugt, hilft dir auch die beste Go-to-Market-Strategie nichts.
Zweitens: Baue so früh wie möglich ein MVP und teste es unter realen Bedingungen mit echten Kunden. Nicht im Labor, sondern im Alltag. Nur so verstehst du, ob dein Produkt wirklich funktioniert – und wo es noch nicht funktioniert.
Drittens: Denke früh international und suche dir Investoren, die diesen Anspruch unterstützen. Kapital aus etablierten VC-Märkten wie den USA oder UK ist nicht nur Finanzierung, sondern auch ein Signal, dass du ein globales Unternehmen aufbauen willst.
Bildcredits @ Leyla Hesna
Wir bedanken uns bei Ruben Miessen für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


























