{"id":109294,"date":"2024-09-11T10:08:39","date_gmt":"2024-09-11T08:08:39","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=109294"},"modified":"2024-09-11T10:08:42","modified_gmt":"2024-09-11T08:08:42","slug":"verena-bentele-auf-der-hercareer-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/verena-bentele-auf-der-hercareer-2024\/","title":{"rendered":"Verena Bentele auf der herCAREER 2024"},"content":{"rendered":"
Frauen sind im Alter schlechter abgesichert als M\u00e4nner. Betriebliche Altersvorsorge bleibt oft Besserverdienenden vorbehalten und die Wirtschaft wird kaum in die Pflicht genommen. Verena Bentele ist Pr\u00e4sidentin des Sozialverbands VdK Deutschland und erlebt t\u00e4glich, wie unterschiedlich Arbeitsleistung in unserer Gesellschaft bewertet wird \u2013 und wie sich das auf die Renten der B\u00fcrger*innen auswirkt. Was l\u00e4uft falsch und wie k\u00f6nnte Verteilungsgerechtigkeit aussehen, damit Deutschland sich nicht weiter spaltet?<\/p>\n
Verena Bentele: F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist Leistung etwas Tolles, etwas Sch\u00f6nes. Als jemand, die nicht sieht, habe ich fr\u00fcher oft erlebt, dass man mir nicht viel zugetraut hat. Deshalb war Sport f\u00fcr mich immer eine sch\u00f6ne M\u00f6glichkeit zu zeigen, dass Leistung einerseits viel mit Willen, mit Mut, mit eigener Motivation und mit Flei\u00df zu tun hat. Andererseits aber auch viel mit Unterst\u00fctzung und F\u00f6rderung.<\/p>\n
Hier gibt es zum Teil gravierende Unterschiede. Talent ist wichtig und muss erkannt werden. Im Sport kann man mit gezieltem Training und einem starken Willen sehr viel erreichen. In der Politik ist das teils anders, weil die Einfl\u00fcsse von au\u00dfen eine riesige Rolle spielen. Beamt*innen bekommen zum Beispiel eine viel h\u00f6here Pension als Angestellte. Ich und vor mir schon viele andere k\u00e4mpfen daf\u00fcr, dass nicht Beamt*innen weniger, sondern alle mehr Rente erhalten. Obwohl die Motivation Vieler f\u00fcr diese Ver\u00e4nderung riesig ist, haben wir das Ziel noch nicht erreicht.<\/p>\n
Verena Bentele: Ja. Ist es zum Beispiel gerecht, dass ein Vorstandsvorsitzender 500-mal so viel verdient wie seine Mitarbeitenden? Nein, denn er kann unm\u00f6glich das 500-fache ihrer Arbeit leisten. Ein Fu\u00dfballspieler verdient das Vielfache eines*r Bundeskanzler*in. Diese Beispiele k\u00f6nnte ich erg\u00e4nzen mit Personen aus dem Niedriglohnbereich: Menschen, die zum Mindestlohn arbeiten, sind f\u00fcr die Gesellschaft wichtig, sei es in der Logistik, in der Gastronomie oder in anderen Bereichen, aber ihr Lohn spiegelt das nicht wider. Ich glaube, dass wir diese Diskussion in unserer Gesellschaft viel zu wenig f\u00fchren.<\/p>\n
Es gibt beispielsweise die M\u00fctterrente, die die unbezahlte Erziehungsarbeit anerkennen soll, aber aus meiner Sicht ist sie noch nicht leistungsgerecht, genauso wie die Entlohnung f\u00fcr den hohen Arbeitsaufwand bei der Pflege von Angeh\u00f6rigen. Zu viele Frauen sind von Altersarmut betroffen. Vor allem alleinerziehende Frauen haben geringere Chancen auf eine gute Rente. Hier zeigt sich, wie wenig sich essenzielle gesellschaftliche Leistungen in Form von Kindererziehung und Pflege von Angeh\u00f6rigen auf die Existenzsicherung auswirken.<\/p>\n
Verena Bentele: Ja. Unser Drei-S\u00e4ulen-System aus betrieblicher Altersvorsorge, gesetzlicher Pflichtversicherung und privater Vorsorge steht nicht allen zur Verf\u00fcgung. L\u00e4ngst nicht alle Unternehmen bieten eine betriebliche Altersvorsorge an und in den Betrieben, die sie anbieten, verdienen die Arbeitenden oft ohnehin meist nicht schlecht. Gerade die Menschen, die besser verdienen, haben mehr M\u00f6glichkeiten, zum Beispiel Kinderbetreuung zu bezahlen und mehr zu arbeiten, somit mehr Rente und R\u00fccklagen zu erwirtschaften. Personen, die gesellschaftliche Aufgaben in Form von unbezahlter Care-Arbeit \u00fcbernommen haben, sind bei der Alterssicherung stark benachteiligt. Arme Menschen leben im Schnitt au\u00dferdem k\u00fcrzer als Wohlhabende, auch das macht das System unfair.<\/p>\n
Deshalb \u00e4rgert mich die Forderung, die Menschen sollten einfach l\u00e4nger arbeiten. Denn dann m\u00fcsste sich das Renteneintrittsalter theoretisch nach Branchen und Berufen richten. Wenn ein Professor im Durchschnitt etwa vier Jahre l\u00e4nger lebt als ein Dachdecker und sie zur gleichen Zeit in Rente gehen, war der Dachdecker ein Leben lang finanziell benachteiligt und kann dar\u00fcber hinaus vier Jahre weniger von seiner erarbeiteten Rente profitieren.<\/p>\n
Wir als VdK haben nat\u00fcrlich nichts dagegen, wenn Menschen privat vorsorgen. Das sollen sie gerne tun. Aber f\u00fcr zu viele Menschen ist das einfach nicht m\u00f6glich. Wenn eine Studentin in M\u00fcnchen 1.200 Euro f\u00fcr 22 Quadratmeter Wohnfl\u00e4che ausgeben muss, wenn die Inflation die Preise f\u00fcr Obst, Gem\u00fcse und gesunde Lebensmittel in die H\u00f6he treibt, dann haben Menschen in den unteren Lohngruppen keine Chance, privat vorzusorgen. Von privater Vorsorge profitieren wieder nur die, die finanziell gut gestellt sind.<\/p>\n
Verena Bentele: So kann man es formulieren, ja. Wir habend diese Gegenwehr zuletzt bei der K\u00fcrzung des Elterngeldes ab einem Jahreseinkommen von 180.000 Euro erlebt und sehen es bei der Diskussion um die Verm\u00f6genssteuer. Wir als VdK haben auch immer wieder eine Verm\u00f6gensabgabe gefordert, denn Herkunft, Bildungsstand und finanzielle Situation der Eltern haben gro\u00dfen Einfluss auf die Chancen der Kinder. Verteilungsgerechtigkeit w\u00fcrde bedeuten, dass man mit einer Verm\u00f6gensabgabe etwa auch arme Kinder und Jugendliche durch bessere Bildungschancen unterst\u00fctzt, die nachweislich selbst nichts an ihrer Situation \u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n
Es g\u00e4be verschiedene M\u00f6glichkeiten. Es beginnt damit, dass Unternehmen sowohl Berufsanf\u00e4nger*innen, als auch \u00e4lteren Mitarbeitenden mehr Chancen geben sollten. Man muss sie aber auch \u00fcber Steuern in die Pflicht nehmen. Es gibt immer mehr Unternehmen, die mit immer weniger Leuten gute Gewinne machen \u2013 gerade im digitalen Bereich und durch den digitalen Fortschritt. Ich w\u00e4re sehr daf\u00fcr, dass diese Unternehmen mehr Steuern zahlen, damit sich der Staat zum Beispiel Zuschl\u00e4ge bei niedrigen Renten leisten kann. Es muss ohnehin etwas passieren, denn die Unternehmen profitieren stark vom Sozialstaat, zum Beispiel durch das Kurzarbeitergeld w\u00e4hrend der Pandemie.<\/p>\n
In \u00d6sterreich zum Beispiel sind alle in die Rentenversicherung einbezogen: Beamtinnen und Beamte, Selbstst\u00e4ndige, Abgeordnete. Nat\u00fcrlich nicht von heute auf morgen, sondern mit einer langen \u00dcbergangsfrist. Alle m\u00fcssen einzahlen. Sie zahlen l\u00e4nger ein als in Deutschland, um Anspr\u00fcche zu erwerben, haben aber auch ein deutlich h\u00f6heres Rentenniveau.<\/p>\n
Verena Bentele: Dass wirklich alle Erwerbst\u00e4tigen einzahlen und damit die Rente f\u00fcr alle sichern. Und dass wir die Rentenversicherung durch Steuerzusch\u00fcsse f\u00fcr Witwen- und Waisenrente, M\u00fctterrente und Erwerbsminderungsrente sicherstellen.<\/p>\n
Ich w\u00fcnsche mir wirklich sehr, dass wir Leistung neu bewerten, indem wir die Menschen, die sich f\u00fcr die Gesellschaft einbringen, indem sie Kinder erziehen und Angeh\u00f6rige pflegen, besser absichern. Wir m\u00fcssen bestimmte Leistungen mehr respektieren und honorieren, aber wir brauchen auch ein St\u00fcck weit einen neuen oder zumindest einen Leistungsbegriff, der eben nicht nur f\u00fcr Spitzenverdiener in F\u00fchrungspositionen oder f\u00fcr Spitzensportler Medaillen bereith\u00e4lt. Bild: Verena Bentele Pr\u00e4sidentin des Sozialverband VdK Deutschland e.V., Vize-Pr\u00e4sidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes & Quelle messe.rocks GmbH<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" Verena Bentele: Wir brauchen einen Leistungsbegriff, der nicht nur f\u00fcr Spitzenverdiener oder Spitzensportler Medaillen bereith\u00e4lt<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":109296,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19825,6430],"tags":[528],"class_list":["post-109294","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-events-termine","category-female-founders","tag-hercareer"],"acf":[],"yoast_head":"\n
\nDas Gespr\u00e4ch f\u00fchrte herCAREER<\/a>-Redakteurin Kristina Appel<\/a>.<\/p>\n
\nu.a. ehem. Leistungssportlerin im Langlauf und Biathlon (12x Gold bei den Paralympics und 4x Gold bei den Weltmeisterschaften) \u00a9 Marlene Gawrisch<\/p>\n