{"id":122753,"date":"2026-04-22T08:17:29","date_gmt":"2026-04-22T06:17:29","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=122753"},"modified":"2026-04-22T10:10:40","modified_gmt":"2026-04-22T08:10:40","slug":"femizide-deutschland-interview-kristina-wolff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/femizide-deutschland-interview-kristina-wolff\/","title":{"rendered":"Femizide: Sich diesem Thema weiterhin zu verweigern, ist unterlassene Hilfeleistung"},"content":{"rendered":"\n<p>Fast jeden Tag bringt in Deutschland ein Mann (s)eine Frau um \u2013 und der Staat schaut weg. <a href=\"https:\/\/www.her-career.com\/kopf\/kristina-wolff\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dr. Kristina Wolff<\/a>\u00a0ist Wissenschaftlerin, FEMEN-Aktivistin und Autorin des Buchs \u201eWie viele noch? Deutschlands gebilligte Femizide\u201c. Seit 2019 f\u00fchrt sie ehrenamtlich eine Datenbank*, die Femizide in Deutschland dokumentiert. Damit schafft sie eine verl\u00e4ssliche Datengrundlage f\u00fcr dieses strukturelle Problem, das als Ansammlung von Einzelf\u00e4llen abgetan wird. Im Interview mit herCAREER schildert sie, wie die Regierung, Institutionen und ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen die Sicherheit von Frauen und M\u00e4dchen systematisch vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-alle-femizide-basieren-immer-auf-dem-mannlichen-anspruch-auf-macht-und-kontrolle\">\u201eAlle Femizide basieren immer auf dem m\u00e4nnlichen Anspruch auf Macht und Kontrolle.\u201c<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-ihr-buch-heisst-wie-viele-noch-deutschlands-gebilligte-femizide-inwiefern-billigt-der-staat-todliche-gewalt-gegen-frauen\">herCAREER: Ihr Buch hei\u00dft \u201eWIE VIELE NOCH? Deutschlands gebilligte Femizide\u201c. Inwiefern billigt der Staat t\u00f6dliche Gewalt gegen Frauen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Deutschland fehlt jegliche Haltung zu diesem Thema. Es fehlen der politische Wille, eine nationale Strategie sowie Gelder f\u00fcr Pr\u00e4vention und den Schutz von Betroffenen. In anderen L\u00e4ndern wird zum Beispiel opferzentriert gearbeitet \u2013 zum Beispiel h\u00e4lt das spanische Parlament eine Schweigeminute f\u00fcr jedes Opfer eines Femizids ab, genau wie Gro\u00dfbritannien und Kanada. In Deutschland wurde zwei Tage vor unserem Gespr\u00e4ch in Mannheim eine 19-j\u00e4hrige Frau von einem 17-j\u00e4hrigen Jugendlichen get\u00f6tet. Am gleichen Tag postete das Bundesministerium f\u00fcr Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) bei Instagram ein Style-Video mit der amtierenden Bundesfrauenministerin Prien \u2013 die auch in der Causa Ulmen mit krachendem Schweigen auff\u00e4llt. Das spiegelt die Ignoranz in der Bundespolitik wider, die ich seit Jahren kritisiere.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-vergangenes-jahr-trat-das-gewalthilfegesetz-gewhg-in-kraft-es-soll-den-schutz-gewaltbetroffener-frauen-und-ihrer-kinder-in-deutschland-deutlich-verbessern-werten-sie-das-nicht-als-fortschritt\">herCAREER: Vergangenes Jahr trat das Gewalthilfegesetz (GewHG) in Kraft. Es soll den Schutz gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder in Deutschland deutlich verbessern. Werten Sie das nicht als Fortschritt?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Der Kernauftrag des Staates \u2013 nach demokratischem Verst\u00e4ndnis und im Sinne der Istanbul-Konvention \u2013 ist die Gewaltpr\u00e4vention. Und die verweigert Deutschland \u2013 auch hinsichtlich des GewHG. Es wird viel zu sp\u00e4t eingef\u00fchrt und sichert Gewaltbetroffenen erst ab 2032 einen Rechtsanspruch, was bedeutet, dass nach der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik \u00fcber 2.000 weitere Femizide in Kauf genommen werden. Au\u00dferdem beinhaltet es nur den Schutz und den Anspruch auf Rechtsberatung. Beides ben\u00f6tigt man erst, wenn man bereits Gewalterfahrungen durchlitten hat. Mit dem als \u201eMeilenstein\u201c gefeierten Gesetz werden \u00fcber einen Zeitraum von zehn Jahren 2,6 Milliarden Euro an die 16 Bundesl\u00e4nder ausgesch\u00fcttet. Schon 2022 hat das European Institute for Gender Equality allerdings festgestellt, dass Gewalt gegen Frauen und M\u00e4dchen in Deutschland den Staat jedes Jahr 53 Milliarden Euro kostet. Das sind 148 Millionen Euro pro Tag \u2013 das GewHG liefert dagegen 162,5 Mio pro Jahr. Es ist eine Farce.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-seit-2019-dokumentieren-sie-in-eigener-recherche-femizide-in-deutschland-gab-es-in-den-vergangenen-jahren-konstruktive-entwicklungen\">herCAREER: Seit 2019 dokumentieren Sie in eigener Recherche Femizide in Deutschland. Gab es in den vergangenen Jahren konstruktive Entwicklungen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Nein. Der erste Femizid, den ich bewusst wahrgenommen habe, war der Femizid an der Ex-Politikerin Petra Kelly durch ihren Partner, einen deutschen Ex-Generalmajor. Das ist bald 35 Jahre her \u2013 und bis heute wird in Deutschland fast jeden Tag eine Frau umgebracht. Ich werde in Interviews oft gebeten, zumindest zum Schluss noch eine positive Botschaft abzugeben. Aber ich habe keine! Ich gehe davon aus, dass Gewalt gegen Frauen und M\u00e4dchen in Deutschland zuk\u00fcnftig deutlich zunehmen und immer brutaler werden wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-daten-sind-heutzutage-eine-harte-wahrung-ohne-daten-keine-handlungsgrundlage-wie-kann-es-sein-dass-es-abgesehen-von-ihrer-keine-datenbank-fur-femizide-in-deutschland-gibt\">herCAREER: Daten sind heutzutage eine harte W\u00e4hrung, ohne Daten keine Handlungsgrundlage. Wie kann es sein, dass es \u2013 abgesehen von Ihrer \u2013 keine Datenbank f\u00fcr Femizide in Deutschland gibt?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Das Problem beginnt schon damit, dass es in Deutschland keine einheitliche Definition des Begriffs Femizid gibt. Im Jahr 2018 hat die Partei Die Linke eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, ob diese die Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) \u00fcbernehmen m\u00f6chte: \u201eEin vors\u00e4tzliches T\u00f6ten von Frauen und M\u00e4dchen, weil sie Frauen oder M\u00e4dchen sind.\u201c Die Regierung hat diese Definition abgelehnt, da sie ihr zu schwammig ist. Das ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist, dass bis heute noch keine eigene Definition nachgeliefert wurde. Was mir gro\u00dfe Sorgen macht: M\u00e4nner beanspruchen immer h\u00e4ufiger eine Deutungshoheit \u00fcber Femizide oder das, was als Gewalt gegen Frauen eingestuft wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-inwiefern\">herCAREER: Inwiefern?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: In einer Studie, die knapp vier Jahre lang (2022-25) durch die Deutsche Forschungsgesellschaft finanziert wurde, lieferte der Studienleiter Prof. Dr. Kinzig keinerlei Erkenntnisgewinn: Er evaluierte Daten, die allein aus dem Jahr 2017 stammten. In Ermangelung einer deutschen Definition von \u201eFemizid\u201c definierte Kinzig den Betriff eigenm\u00e4chtig und reduzierte die Grundgesamtheit der zu untersuchenden F\u00e4lle um mehr als die H\u00e4lfte auf 127 F\u00e4lle. So sind die Daten weder repr\u00e4sentativ f\u00fcr Deutschland noch mit anderen L\u00e4ndern vergleichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der frisch ver\u00f6ffentlichte Sicherheitsbericht des Landes Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr 2024 wurde nicht geschlechtsdifferenziert verfasst, sondern unterscheidet sowohl Tatverd\u00e4chtige als auch Opfer lediglich in \u201edeutsch\u201c oder \u201enichtdeutsch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Dunkelfeldstudie \u201eLeSubia\u201c suggeriert, dass nahezu gleich viele M\u00e4nner wie Frauen von Gewalt durch ihre Partner:innen und Ex-Partner:innen betroffen seien. Ein Blick ins Studiendesign verr\u00e4t, wie diese Verzerrung zustande kommt: Das Gewaltverst\u00e4ndnis sei breit angelegt und gehe \u00fcber den strafrechtlichen Gewaltbegriff hinaus, erfasse \u201eteilweise auch nicht strafbewehrte Formen von (psychischer, digitaler und sexualisierter) Gewalt.\u201c Ghosting mit Femiziden gleichzusetzen, entspricht dem Vergleich von \u00c4pfeln mit Birnen. So wird die strukturelle geschlechtsbezogene Gewalt verharmlost.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-es-gibt-doch-eine-polizeiliche-kriminalstatistik-pks-warum-liefert-sie-nicht-die-entsprechenden-daten\">herCAREER: Es gibt doch eine Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Warum liefert sie nicht die entsprechenden Daten?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Unter anderem, weil die PKS nie zu diesem Zweck aufgesetzt wurde. Eigentlich soll sie als Leistungsnachweis f\u00fcr die Arbeit der Polizei dienen und hat das Ziel, der Bev\u00f6lkerung zu vermitteln, dass sie in einem sicheren Land lebt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-es-besteht-also-ein-interessenkonflikt\">herCAREER: Es besteht also ein Interessenkonflikt \u2026<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Ja, einer, der der Rolle des oder der amtierenden Innenminister:in . Wie will diese:r den Frauen, die die Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung stellen, bei diesen Zahlen vermitteln, dass Deutschland sicher ist? Und selbst wenn die PKS volle Transparenz bieten w\u00fcrde, k\u00f6nnten wir die Daten derzeit nicht zu unseren Zwecken auslesen. Zwar lassen sich die infrage kommenden Straftatbest\u00e4nde \u201evollendeter Mord\u201c, \u201evollendeter Totschlag\u201c und \u201eK\u00f6rperverletzung mit Todesfolge\u201c darin finden. Aber sehr viele wichtige Details werden in der Statistik nicht abgefragt und abgebildet: Sie fragt etwa nicht, ob die weiblichen Opfer schwanger waren. Au\u00dfer bei Messerkriminalit\u00e4t fragt sie nicht nach der Tatwaffe. Sie fragt nicht nach der Anzahl hochgradiger Gef\u00e4hrder, also bekannter Gewaltt\u00e4ter, und auch nicht nach einer Gewalthistorie der T\u00e4ter. Auch das Motiv bildet die Statistik nicht ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu sei gesagt: Alle Femizide basieren immer auf dem m\u00e4nnlichen Anspruch auf Macht und Kontrolle. Aber T\u00e4ter sagen aus, sie h\u00e4tten aus Liebe get\u00f6tet, aus Verzweiflung, aus Eifersucht oder um die Opfer von ihrem Leid zu erl\u00f6sen \u2013 mit solchen Relativierungen zielen sie auf Strafma\u00dfminderung ab. Wir haben einen riesigen Datenpool, k\u00f6nnen daraus aber nicht die Erkenntnisse ziehen, die wir brauchen, um Femizide als gesamtgesellschaftliches Problem zu definieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-bei-uns-wird-jede-form-von-gewalt-gegen-frauen-haufig-als-zuwanderungs-problem-deklariert-wie-stehen-sie-dazu\">herCAREER: Bei uns wird jede Form von Gewalt gegen Frauen h\u00e4ufig als Zuwanderungs-Problem deklariert. Wie stehen Sie dazu?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Ein Argument, das gerne und vorrangig von M\u00e4nnern vorgebracht wird. Gewaltbetroffene haben sicher viele Fragen zum fehlenden Schutz von M\u00e4dchen und Frauen in Deutschland an die Regierungsverantwortlichen \u2013 ich bezweifle stark, dass die Frage nach dem Pass ihrer Peiniger dazugeh\u00f6rt. Dazu ist dieses Framing v\u00f6llig abwegig, weil seit \u00fcber zehn Jahren 65 bis 70 Prozent der Tatverd\u00e4chtigen bei Femiziden einen deutschen Pass haben. Wenn wir diese Diskussion konsequent f\u00fchren w\u00fcrden, dann m\u00fcssten wir in der PKS a) T\u00e4ter ber\u00fccksichtigen, die mit deutschem Pass im Ausland Frauen angreifen und t\u00f6ten, und b) beleuchten, wie viele deutsche T\u00e4ter in Deutschland Frauen mit nichtdeutschem Pass umbringen. Mit dieser Argumentation wird das Problem ausgelagert. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass strukturelle, tradierte, patriarchale und sexualisierte Gewalt nichts mit unserem Land und unseren M\u00e4nnern zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-mit-ihren-aufzeichnungen-fur-das-femicide-observation-center-germany-wollen-sie-transparenz-schaffen-nach-welchen-parametern-sammeln-und-sortieren-sie-die-daten-und-was-geschieht-dann-damit\">herCAREER: Mit Ihren Aufzeichnungen f\u00fcr das Femicide Observation Center Germany wollen Sie Transparenz schaffen. Nach welchen Parametern sammeln und sortieren Sie die Daten und was geschieht dann damit?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Die Datenbank ist eine gro\u00dfe Excel-Tabelle, die versuchte und vollendete Attentate gegen M\u00e4dchen und Frauen erfasst. Ich schl\u00fcssele die T\u00f6tungsdelikte nach \u00fcber 100 Parametern auf. Dabei pr\u00fcfe ich beispielsweise, ob das Opfer schwanger war oder ob die Tat vermeidbar gewesen w\u00e4re, weil bereits Todesandrohungen durch den T\u00e4ter oder eine Wegweisung vorlagen \u2013 also der T\u00e4ter bereits offiziell aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen wurde. Ich pr\u00fcfe auch, ob die Tat im \u00f6ffentlichen Raum begangen wurde und ob Kinder betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-wie-kommen-sie-an-diese-informationen\">herCAREER: Wie kommen Sie an diese Informationen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Die Arbeit beginnt mit der ersten Pressemeldung zu einer get\u00f6teten Frau. Dann beobachte ich in den folgenden Stunden und Tagen, welche weiteren Informationen ver\u00f6ffentlicht werden. Nicht jeder Femizid ist den Beh\u00f6rden eine Pressemeldung wert. Das hei\u00dft, manche muss ich aktiv suchen oder bei Staatsanwaltschaften abfragen und wieder andere werden mir von Privatpersonen zugespielt. Ich dokumentiere diese Artikel, indem ich sie als chronologisch sortierte PDFs ablege. Aus der Summe der versuchten und vollendeten T\u00f6tungsdelikte lassen sich belastbare Trends und Aussagen ableiten, die ich dann publiziere.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-wie-viele-femizide-haben-sie-bis-zu-unserem-gesprach-am-30-03-2026-verzeichnet\">herCAREER: Wie viele Femizide haben Sie bis zu unserem Gespr\u00e4ch am 30.03.2026 verzeichnet?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Ich habe dieses Jahr bisher 55 Femizide dokumentiert, einige davon sind bis dato noch versuchte Femizide, die letzte Meldung lautete \u201elebensgef\u00e4hrlich verletzt\u201c. Wir m\u00fcssen mit dem Schlimmsten rechnen. F\u00fcr 2025 habe ich 165 vollendete T\u00f6tungsdelikte festgehalten, hochgerechnet erwarte ich auch f\u00fcr 2026 etwa 200 dokumentierte Femizide. Ich erhebe allerdings keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, da ich immer mit der Arbeit hinterherhinke und keine M\u00f6glichkeit habe, meine Daten mit der PKS abzugleichen. Ich arbeite neben meiner Erwerbst\u00e4tigkeit und an den Wochenenden F\u00e4lle ab. Es ist unbefriedigend, aber mehr geht unter den derzeitigen Umst\u00e4nden nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-hat-ihnen-je-eine-behorde-mittel-oder-unterstutzung-angeboten\">herCAREER: Hat Ihnen je eine Beh\u00f6rde Mittel oder Unterst\u00fctzung angeboten?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Ich werde als Quertreiberin betrachtet, die den Finger in die Wunde legt. Ich \u00fcbe mit meiner Arbeit Kritik an allen Beteiligten: Legislative, Exekutive und Judikative, dem Hilfesystem und den involvierten Anw\u00e4lt:innen. Und ich frage immer wieder: \u201eWie konntet ihr alle es so weit kommen lassen?\u201d Dazu kommt, dass ich als FEMEN-Aktivistin kontinuierlich sehr \u00f6ffentlichkeitswirksam die Botschaft propagiere: \u201eFrauen werden umgebracht, weil ihr euren Job nicht macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-wer-muss-zuerst-verantwortung-ubernehmen\">herCAREER: Wer muss zuerst Verantwortung \u00fcbernehmen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: In diesem Fall stinkt der Fisch wirklich vom Kopf her. Ich kann alle Politiker:innen nur daran erinnern, dass sie einen Eid auf das Grundgesetz geschworen haben. In Artikel 2, Absatz 2 hei\u00dft es: \u201eJeder und jede hat das Recht auf Leben und k\u00f6rperliche Unversehrtheit.\u201d Theoretisch br\u00e4uchten wir die Istanbul-Konvention gar nicht, denn gem\u00e4\u00df unserer Verfassung m\u00fcssen alle, insbesondere die Bundespolitiker:innen, daran interessiert sein, dass Frauen und M\u00e4dchen in unserem Land unversehrt und selbstbestimmt leben k\u00f6nnen. Indem staatliche Repr\u00e4sentant:innen das (weiterhin) ignorieren, sind sie aktiver Teil der strukturellen Gewalt gegen Frauen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-stichwort-istanbul-konvention-deutschland-durchlauft-gerade-zum-zweiten-mal-die-prufung-durch-grevio-die-unabhangige-expertengruppe-des-europarats-bei-der-ersten-prufung-im-jahr-2022-wurden-deutschland-gravierende-defizite-bescheinigt-und-konkrete-forderungen-an-die-regierung-gestellt-wie-wird-die-evaluation-ihrer-meinung-nach-ausfallen\">herCAREER: Stichwort Istanbul-Konvention: Deutschland durchl\u00e4uft gerade zum zweiten Mal die Pr\u00fcfung durch GREVIO, die unabh\u00e4ngige Expertengruppe des Europarats. Bei der ersten Pr\u00fcfung im Jahr 2022 wurden Deutschland \u201egravierende Defizite\u201c bescheinigt und konkrete Forderungen an die Regierung gestellt. Wie wird die Evaluation Ihrer Meinung nach ausfallen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Die Bundesregierung torpediert die Kommission in ihrem sogenannten Staatenbericht mit einem Katalog angeblicher Ma\u00dfnahmen, die alle erst nach einer Gewalterfahrung greifen. Die schiere Masse der Ma\u00dfnahmen soll den Eindruck erwecken, dass gehandelt wird. Stattdessen steigen die Zahlen von Gewalt und t\u00f6dlicher Gewalt gegen Frauen seit Jahren an. Diese Liste f\u00fchrt beispielsweise das Gewalthilfetelefon an. Das existiert seit 1973, lange vor der Istanbul-Konvention! Ich wehre mich gegen diese Augenwischerei und habe mein Buch und meine Daten \u2013 als Teil der sogenannten Schattenberichte, die NGOs und Privatpersonen liefern sollen \u2013 an GREVIO geschickt, damit sie das Bild vervollst\u00e4ndigen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-im-vergleich-zu-schweden-frankreich-italien-und-spanien-fehlt-uns-eine-nationale-strategie-was-machen-diese-lander-richtig\">herCAREER: Im Vergleich zu Schweden, Frankreich, Italien und Spanien fehlt uns eine nationale Strategie. Was machen diese L\u00e4nder richtig?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Solange der politische Wille f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung nicht erkennbar ist, kann sich auch kein gesellschaftlicher Wille durchsetzen. Andere L\u00e4nder erreichen Ver\u00e4nderung. Einige Beispiele: Kanada hat einen nationalen Gedenk- und Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen. Er erinnert an ein Massaker an 14 Studentinnen im Jahr 1989. In Gro\u00dfbritannien liest die Abgeordnete Jess Phillips seit 11 Jahren anl\u00e4sslich des Internationalen Frauentags die Namen der Femizid-Opfer des vergangenen Jahres vor. Dieses Jahr waren es 110 Namen, die der Femicide Census erfasst hat \u2013 eine Datenbank, die ebenfalls von einer Privatperson gef\u00fchrt wird. Spanien ist federf\u00fchrend bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention in Europa und hat eine nationale Strategie aufgesetzt, die jedes Jahr \u00fcberarbeitet und verbessert wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie wird mit entsprechenden Etats, Zielen und Verantwortlichkeiten hinterlegt und ber\u00fccksichtigt, dass die Exekutive geschult ist und die Staatsanwaltschaften schneller arbeiten. Spanische Medien, analog und digital, melden jeden einzelnen Femizid sofort und schaffen so Bewusstsein. Die Ministerien \u00e4chten diese Gewaltexzesse umgehend \u00f6ffentlich auf der offiziellen Homepage. Auch die Fu\u00dffessel w\u00fcrde in Deutschland nicht eingesetzt werden, wenn sie in Spanien nicht bereits mit einer hundertprozentigen Erfolgsquote genutzt w\u00fcrde. In Ludwigsburg haben wir am 10. M\u00e4rz jedes Jahres einen Gedenktag und eine Schweigeminute f\u00fcr Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt eingef\u00fchrt. Das ist ein leicht umzusetzendes und kosteng\u00fcnstiges Instrument, wurde aber weder vom Land noch vom Bund aufgegriffen. Bewusstsein und Erinnerungskultur sind Pr\u00e4vention, so wie sie von der Istanbul-Konvention eingefordert wird! In Deutschland finden sich Billigung und stille Akzeptanz sogar in der Sprache wieder.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-haben-sie-hier-beispiele\">herCAREER: Haben Sie hier Beispiele?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: In Medien hei\u00dft es \u201eGewalt an Frauen\u201c, anstatt \u201eGewalt gegen Frauen\u201c, was die korrekte Pr\u00e4position w\u00e4re. Die Justiz nennt es \u201eerweiterten Suizid\u201c, wenn sich der T\u00e4ter nach dem Mord an einer Frau oder einem Kind das Leben nimmt. Das Opfer wird so zur \u201eErweiterung\u201c entmenschlicht. Im Englischen hei\u00dft es dagegen korrekterweise Murder Suicide. Und statt der passiven Formulierung \u201eFrau wurde erstochen\u201c bei sexualisierter und t\u00f6dlicher Gewalt m\u00fcsste es lauten: \u201eEin weiterer Mann hat (s)eine Frau erstochen\u201c. Wenn Medien die Sprache aus Polizeiberichten und Pressemeldungen reproduzieren oder sogar voyeuristisch \u00e4ndern, verfestigt und normalisiert auch das Gewaltstrukturen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-welche-schritte-braucht-deutschland-auf-politischer-institutioneller-und-individueller-ebene\">herCAREER: Welche Schritte braucht Deutschland auf politischer, institutioneller und individueller Ebene?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Mit den Beh\u00f6rden mache ich sehr unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt Richter:innen, Staatsanw\u00e4lt:innen und Polizist:innen, die mich sehr unterst\u00fctzt haben. Ich glaube, das Problem kann nur durch die Verbindung aller politischen Instanzen gel\u00f6st werden. Das hei\u00dft, das BMBFSFJ hat zwar die federf\u00fchrende Verantwortung, aber letztlich m\u00fcssen das Bundesinnenministerium, das Bundesjustizministerium, das Kultusministerium und das Bundesgesundheitsministerium zusammenarbeiten. Auch das Wirtschaftsministerium muss involviert sein, denn wenn Frauen attackiert und\/oder umgebracht werden, hat das erwiesenerma\u00dfen gravierende wirtschaftliche Konsequenzen. Meine Forderung ist, dass diese Instanzen ressort\u00fcbergreifend eine gemeinsame Strategie entwickeln, angefangen mit einer gemeinsamen Definition des Begriffs \u201eFemizid\u201d und der ad\u00e4quaten Bereitstellung von Mitteln sowie einem nachhaltigen Qualit\u00e4tsmanagement. Ein St\u00fcck Butter unterliegt in Deutschland strengeren interdisziplin\u00e4ren Regeln und Gesetzen als der Schutz von weiblichem Leben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-hercareer-welche-forderungen-stellen-sie-an-manner\">herCAREER: Welche Forderungen stellen Sie an M\u00e4nner?<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Kristina Wolff: Ich fordere M\u00e4nner auf, sich ein Beispiel an Alexander van der Bellen, dem \u00f6sterreichischen Bundespr\u00e4sidenten, zu nehmen. Er hat am Internationalen Frauentag M\u00e4nner dazu aufgerufen hat, sich nicht l\u00e4nger hinter dem Hashtag #NotAllMen zu verstecken. Es reicht nicht, zu sagen: \u201eIch kenne das Problem, aber ich bin ja selbst kein T\u00e4ter.\u201c Das ist zu wenig! Wer sich darauf ausruht, ist Teil des Problems. Mittlerweile betrachte ich diese Verweigerungshaltung als Teil der strukturellen Gewalt. Das gilt auch f\u00fcr Frauen: Es reicht nicht aus, sich betroffen zu zeigen. Sich diesem Thema weiterhin zu verweigern, ist unterlassene Hilfeleistung.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Die herCAREER Expo steht f\u00fcr: Austausch, Expertise und Inspiration.<\/strong><br>Am 22. und 23. Oktober 2026 \u00f6ffnet die<strong> herCAREER Expo<\/strong> ihre T\u00fcren im MOC M\u00fcnchen \u2013 ein Event, das Menschen anspricht, ganz gleich, ob sie aktiv auf Jobsuche sind oder einfach nach Inspiration und Netzwerk suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bild <strong>Prof. Dr. Kristina Wolff<\/strong> Gr\u00fcnderin des Femicide Observation Center Deutschland (F.O.C.G.) Aktivistin und Referentin zahlreicher Vortr\u00e4ge zum Thema \u00a9 Die Hoffotografen<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte herCAREER-Redakteurin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.her-career.com\/kopf\/kristina-appel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kristina Appel<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>*Wir hatten zun\u00e4chst geschrieben, das FOCG sei die einzige Datenbank, die Femizide in Deutschland dokumentiert. Das ist nicht korrekt. Es gibt weitere nationale Initiativen, die T\u00f6tungsdelikte gegen Frauen dokumentieren, wie z. B.\u00a0<a href=\"http:\/\/feminizidmap.org\/\">Feminizidmap.org<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Quelle messe.rocks GmbH<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-yoast-seo-related-links yoast-seo-related-links\">\n<li><a href=\"https:\/\/startupvalley.news\/de\/not-just-a-jewel-schmuck-armband\/\">Hab keine Angst vorm Scheitern!<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/startupvalley.news\/de\/eleqtron-magic-technologie-und-quantencomputing\/\">Wie gelingt ein Technologiesprung, den viele f\u00fcr unm\u00f6glich hielten?<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/startupvalley.news\/de\/millis-zaubertuecher\/\">Ein magisches Tuch betritt die H\u00f6hle der L\u00f6wen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/startupvalley.news\/de\/hercareer-expo-2025\/\">10 Jahre herCAREER \u2013 Rekordergebnis durch starkes Netzwerken<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/startupvalley.news\/de\/lockenbox\/\">Probieren geht \u00fcber Studieren<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Femizide Deutschland sind kein Einzelfallproblem, sondern ein strukturelles Versagen. 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