{"id":123287,"date":"2026-05-06T08:17:30","date_gmt":"2026-05-06T06:17:30","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=123287"},"modified":"2026-05-06T08:17:31","modified_gmt":"2026-05-06T06:17:31","slug":"macht-frauen-verantwortung-eva-thoene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/macht-frauen-verantwortung-eva-thoene\/","title":{"rendered":"Weibliche Macht: \u201eSei die gro\u00dfe Schwester, die Verantwortung \u00fcbernimmt\u201d"},"content":{"rendered":"\n
Die Welt hat unz\u00e4hlige Helden, aber nur wenige Heldinnen. Warum sind Macht, Einfluss und St\u00e4rke immer noch so stark m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt? Mit dieser Frage setzt sich die Journalistin Eva Th\u00f6ne<\/a> in ihrem Buch \u201eWeibliche Macht neu denken\u201d<\/a> auseinander. Im Interview erkl\u00e4rt sie, warum wir Macht als Zustand und nicht als Besitz betrachten sollten und warum die gro\u00dfe Schwester vielleicht die am meisten erstrebenswerte Machtrolle ist, die es gibt.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Unser traditioneller und stark individualisierter Machtbegriff neigt dazu, charismatischen und selbstbewussten Pers\u00f6nlichkeitstypen, die \u00fcber eine gro\u00dfe \u00dcberzeugungskraft verf\u00fcgen \u2013 meist M\u00e4nnern \u2013, Macht zu verleihen. Im Moment sehen wir, wie sehr sich Menschen nach einer starken F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit sehnen und wie leicht sie dadurch manipulierbar und korrumpierbar werden. Betrachtet man Demokratie als Macht der Vielen, dann steht diese personalisierte Form der Macht dem diametral gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Weil das eher demokratischen Werten entspricht. Wir w\u00e4hlen f\u00fcr einen bestimmten Zeitraum Menschen, die unsere Interessen vertreten und ihre Macht nutzen, um etwas zu gestalten. Aber nach vier Jahren werden diese Menschen abgel\u00f6st. Was in meinen Augen auch sehr entlastend f\u00fcr alle Beteiligten sein kann. Wenn wir Macht individualisieren und an einzelne Pers\u00f6nlichkeiten binden, dann werden diese sehr kr\u00e4nkbar, sobald ihre Macht infrage gestellt wird. Entmachtete M\u00e4nner sind immer auch entm\u00e4nnlichte M\u00e4nner. Frauen scheint es leichter zu fallen, Macht abzugeben.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: In der klassischen Heldenfigur steckt immer ein Mann, der aufgrund seines Muts und seiner Tapferkeit handelt. Er gestaltet die Welt im (oft unausgesprochenen) Auftrag aller \u2013 das macht ihn verf\u00fchrerisch und manchmal auch gef\u00e4hrlich: Wir d\u00fcrfen jegliche Verantwortung an ihn abgeben. Solche Helden m\u00fcssen inhaltlich gar nicht kompetent sein: Ihre Macht liegt oft im Motto \u201eMove fast, break stuff\u201c. Ihr disruptives Verhalten zementiert ihre Macht. Wir sehen das an der Figur Donald Trump, der f\u00fcr seine MAGA-Follower:innen sicherlich ein Held ist.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Sie sind h\u00e4ufig moralische Heldinnen, die gegen das Establishment vorgehen. Luisa Neubauer ist das Gesicht der Klimabewegung in Deutschland und Gis\u00e8le Pelicot die Speerspitze im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Heldinnen gestalten selten proaktiv, sondern wollen oft Fehler r\u00fcckg\u00e4ngig machen und Ungerechtigkeiten bek\u00e4mpfen. F\u00fcr einige Frauen ist das eine komfortablere Machtrolle.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Ja, die Rolle der Widerstandsk\u00e4mpferin macht Frauen angreifbar. W\u00e4hrend M\u00e4nner als Individuen heldenhaft und schier unverwundbar sind, stehen Frauen in unserer Wahrnehmung kraft ihrer Person f\u00fcr ganze Bewegungen. Hier schwingt oft auch das Klischee mit, dass Frauen das \u00bbmoralische Geschlecht\u00ab sind \u2013 und deshalb knallhart an Moral gemessen werden. Wenn eine Klimasch\u00fctzerin mit einem Wegwerfbecher fotografiert wird, verliert sie schnell an Glaubw\u00fcrdigkeit und Einfluss. Mit M\u00e4nnern sind wir viel gro\u00dfz\u00fcgiger.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Ein Mann wird f\u00fcr seine Inhalte oder Fehler kritisiert. Macht eine Frau in F\u00fchrungsposition Fehler, steht sie zudem als Person und als Frau an sich in der Kritik.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Das kann man gerade an der Personalie Marie Louise Eta, der ersten Cheftrainerin einer Bundesliga Fu\u00dfballmannschaft, beobachten. Sie wirkt wie eine Tr\u00fcmmerfrau, die aufr\u00e4umen soll, was mehreren m\u00e4nnlichen Cheftrainern zuvor nicht gelungen ist. Jetzt hat sie f\u00fcnf Spiele Zeit, um sich zu beweisen, bevor sie mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit wieder durch einen Mann ersetzt wird. Nat\u00fcrlich liegt darin auch eine Chance. Man kann viel neu aufbauen, wenn alles in Tr\u00fcmmern liegt. Aber man muss daf\u00fcr auch verdammt gut sein. Und manchmal ist es schlicht nicht m\u00f6glich \u2013 was dann aber oft nicht an der Frau selbst liegt.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: F\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Menschen ist die Mutterrolle das, was Frausein im Kern ausmacht. Das mag reaktion\u00e4r und biologisch \u00fcberh\u00f6ht wirken, dennoch ist diese Vorstellung immer noch stark verankert. Wie paradox, dass wir seit einigen Jahren \u00fcber F\u00fchrungswerte sprechen, die als \u201eweibliche\u201c Eigenschaften bezeichnet werden k\u00f6nnen: k\u00fcmmern, f\u00f6rdern, bef\u00e4higen.<\/p>\n\n\n\n Nat\u00fcrlich gibt es F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten, die das anders handhaben, aber es ist ein schmaler Grat, wenn man als Frau keinen patriarchalen F\u00fchrungsstil \u00fcbernehmen m\u00f6chte. Angela Merkel ist ein Beispiel f\u00fcr eine Frau, die sich trotz der Zuschreibung \u201eMutti\u201c nie in diese Rolle hat dr\u00e4ngen lassen und sich ebenso wenig mit m\u00e4nnlichen Machtposen profiliert hat.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: F\u00fcr mich impliziert der Buchtitel \u201eWeibliche Macht neu denken\u201c, dass wir den Machtbegriff inklusiver gestalten, aber perspektivisch auch \u00fcber starre Genderrollen hinaus weiter aufbrechen m\u00fcssen. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr eine bessere Verteilung von Macht, f\u00fcr Macht als vor\u00fcbergehenden Zustand und f\u00fcr Macht nicht in Form der \u00dcbermutter, sondern eher der gro\u00dfen Schwester.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Und dennoch wird diese gro\u00dfe Forderung des Feminismus st\u00e4ndig durch patriarchale Strukturen unterlaufen, da wir uns in bestehenden Machtgef\u00fcgen bewegen m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt Einfluss zu nehmen. Die gro\u00dfe Schwester ist eine Person, die Verantwortung \u00fcbernimmt. Im Gegensatz zu F\u00fchrung ist Verantwortung ein Machtwert, den ich f\u00fcr zukunftsf\u00e4hig halte.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Die gro\u00dfe Schwester \u00fcbernimmt Verantwortung, allerdings nicht f\u00fcr das buchst\u00e4bliche \u00dcberleben ihrer kleinen Geschwister, sondern f\u00fcr Gespr\u00e4che, Unterst\u00fctzung und Erfahrungsaustausch. Die Rolle der gro\u00dfen Schwester ist freiwillig, nicht st\u00e4ndig gefragt und weniger belastend als die der Mutter. Au\u00dferdem kann man mehrere gro\u00dfe Schwestern haben, aber immer nur eine Mutter. Darum finde ich diese Idee im politischen und unternehmerischen F\u00fchrungskontext sehr passend.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Ich bin der Meinung, dass wir als Gesellschaft den Fehler gemacht haben, Sichtbarkeit mit Macht gleichzusetzen. Denn digitale Reichweite ist vor allem ein Selbstzweck, sie bedeutet nicht automatisch echte Gestaltungsmacht. Daf\u00fcr muss man sich au\u00dferhalb der sozialen Medien zusammenschlie\u00dfen, sich in zivilgesellschaftliche Organisationen einbringen und Lobbyarbeit leisten. Darum pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, unsere Energie und unsere Leidenschaft umzulenken \u2013 weg von individuellen Personen hin zu Inhalten, die wir wirklich ver\u00e4ndern und beeinflussen wollen.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Vielleicht m\u00fcssen wir bei uns selbst beginnen und besser reflektieren: Warum fahre ich eigentlich so auf Robert Habeck oder Heidi Reichinnek ab? Ein St\u00fcck zur\u00fccktreten und uns fragen, ob wir wirklich eine Leidenschaft f\u00fcr ihre Inhalte haben oder vor allem f\u00fcr ihren Sympathiefaktor und ihr heldenhaftes Image.<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Zum Ende des Buches zitiere ich die Philosophin Bini Adamczak. Sie sagt, dass wir beim Gedanken an Ver\u00e4nderung oft an einem \u201eRevolutions Umsturzfetisch\u201c festhalten, der ebenfalls patriarchal gepr\u00e4gt ist. Wir werden aber nicht pl\u00f6tzlich nach einem Umsturz in der Utopie einer gleichberechtigten Welt leben. Eine Revolution findet nicht zu einem konkreten Zeitpunkt statt, sondern ist etwas, das wir jeden Tag ein wenig umsetzen. Vielleicht ist es revolution\u00e4r, wenn eine F\u00fchrungskraft den Geburtstagstisch einer Praktikantin dekoriert. Vielleicht ist es revolution\u00e4r, wenn ein Mann eine Bef\u00f6rderung verweigert und sagt: \u201eIch k\u00fcmmere mich um die Kinder, meine Frau macht jetzt ihren n\u00e4chsten Karriereschritt.\u201c Oder es ist machtvoll, zu sagen: \u201eNein, ich muss nicht alle fremden Erwartungen an mich erf\u00fcllen.\u201c<\/p>\n\n\n\n Eva Th\u00f6ne: Ja! Nein Sagen kann sehr empowern. Gerade dann, wenn Frauen ihrem Umfeld, das sie f\u00fcr st\u00e4ndig verf\u00fcgbar h\u00e4lt, Grenzen aufzeigen.<\/p>\n\n\n\n Das Interview f\u00fchrte herCAREER Redakteurin Kristina Appel.<\/p>\n\n\n\n Bild: Eva Th\u00f6ne Autorin Leitet das Kulturressort von DER SPIEGEL \u00a9 Asja Caspari<\/p>\n\n\n\n Quelle messe.rocks GmbH<\/p>\n\n\n\n\u201eEin Mann wird f\u00fcr seine Inhalte oder Fehler kritisiert. Macht eine Frau in F\u00fchrungsposition Fehler, steht sie zudem als Person und als Frau an sich in der Kritik.\u201c<\/h2>\n\n\n\n
herCAREER: Eva, warum brauchen wir einen neuen Machtbegriff?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Der klassische, machiavellistische Machtbegriff betrachtet Macht als Besitz, den es zu erwerben und zu verteidigen gilt. Du schl\u00e4gst dagegen vor, Macht vielmehr als Zustand zu betrachten. Warum?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Du beginnst dein Buch mit der Idee des Helden \u2013 einer Figur, der traditionell viel Macht zugesprochen wird. Warum gibt es so viele m\u00e4nnliche, aber so wenige weibliche Held:innen in unserer Gesellschaft?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Was zeichnet dagegen weibliche Heldenfiguren aus?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Vermeintlich komfortabler. Bekommen diese Frauen nicht auch massiven Gegenwind?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Ein Ph\u00e4nomen, das auch im Unternehmenskontext oft zu beobachten ist \u2026<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: So kommt es auch zum Ph\u00e4nomen der gl\u00e4sernen Klippe. Sind mehrere M\u00e4nner an einer Aufgabe gescheitert, schickt man gerne eine Frau los, um die Situation zu retten. Scheitert sie ebenfalls, rei\u00dft man ihr schnell den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weg.<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Die einzige machtvolle Rolle, die Frauen uneingeschr\u00e4nkt zugestanden wird, ist die der Mutter. Eine Mutter darf Einfluss nehmen, gestalten, sogar w\u00fctend werden \u2013 solange sie f\u00fcr ihre Kinder eintritt. Warum darf eine Mutter au\u00dferhalb der Familie nicht genauso machtvoll agieren?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Das vermeintlich M\u00fctterliche, das man an Angela Merkel, aber auch an anderen machtvollen und einflussreichen Frauen wie Beyonc\u00e9 oder Luisa Neubauer beobachten kann, ist, dass sie sich sch\u00fctzend vor \u201eihre Leute\u201c stellen. Sie verstehen, dass es um die Bev\u00f6lkerung, um Women of Color oder um Klimagerechtigkeit geht \u2013 und nicht um ihr Ego. Ist das die neue weibliche Macht, von der du in deinem Buch sprichst?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Sisterhood ist ein fundamentales Element des feministischen Gedankens.<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Inwiefern?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Es gibt eine neue W\u00e4hrung, die Macht und Einfluss garantiert: die digitale Reichweite. Wie beurteilst du diese Entwicklung?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Aber wie lenken wir den Fokus auf die Inhalte?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Es beginnt also mit dem Bewusstsein, dass wir ein neues Machtverst\u00e4ndnis auch aktiv mitgestalten k\u00f6nnen und m\u00fcssen?<\/h3>\n\n\n\n
herCAREER: Die Macht liegt also vor allem im \u201eNein\u201c?<\/h3>\n\n\n\n