{"id":124378,"date":"2026-05-28T13:27:45","date_gmt":"2026-05-28T11:27:45","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=124378"},"modified":"2026-06-09T11:09:29","modified_gmt":"2026-06-09T09:09:29","slug":"nu-legal-ki-datenschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/nu-legal-ki-datenschutz\/","title":{"rendered":"Stehen Unternehmen vor einer neuen Welle juristischer Unsicherheit?"},"content":{"rendered":"\n
Die Idee entstand aus meinem direkten Umfeld. Viele Freunde aus Scale-ups und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen kamen mit rechtlichen Fragen zu mir, oft sp\u00e4t abends, oft mit Themen, die f\u00fcr sie wichtig waren, f\u00fcr die es aber keine wirklich gute Anlaufstelle gab. Die Wahl war meistens dieselbe: mehrere tausend Euro f\u00fcr eine Kanzlei zahlen oder einen generischen Chatbot fragen und hoffen, dass die Antwort stimmt. Das Problem bei generischer KI im juristischen Bereich ist aber: Wenn sie falschliegt, liegt sie oft mit voller \u00dcberzeugung falsch. Aus meiner Zeit bei Freshfields wusste ich au\u00dferdem, dass ein gro\u00dfer Teil juristischer Arbeit gar nicht aus komplexer Rechtsberatung besteht, sondern aus dem Sammeln, Strukturieren und Organisieren von Informationen. Genau darin ist KI heute sehr stark. Also habe ich angefangen zu experimentieren und \u201eLegalGPT\u201c gebaut.<\/p>\n\n\n\n
Wenn Freunde sp\u00e4ter mit Fragen auf mich zukamen, habe ich sie zun\u00e4chst durch das System geschickt. Dadurch konnten sie ihre Situation strukturieren und die relevanten Informationen zusammentragen. Als ich mir den Fall dann angesehen habe, musste ich nicht mehr stundenlang nachfragen oder endlose Nachrichten hin- und herschicken. Das war der Moment, in dem klar wurde: Es braucht eine dritte Option zwischen teurer Kanzlei und unsicherer generischer KI. Genau daran arbeiten wir mit nu.<\/p>\n\n\n\n
Unsere Vision ist es, juristische Expertise zug\u00e4nglicher und besser skalierbar zu machen. Eine Kennzahl, die uns dabei besonders wichtig ist, ist die Zeit von der ersten Anfrage bis zur fertigen L\u00f6sung. Diese Zeit sollte m\u00f6glichst kurz sein und der gesamte Prozess transparent und nachvollziehbar. Langfristig glauben wir au\u00dferdem, dass sich auch die Rolle von Anw\u00e4lt weiterentwickeln kann. Heute verkaufen viele prim\u00e4r ihre Zeit. In der Welt, an der wir arbeiten, k\u00f6nnen Jurist zus\u00e4tzlich Creators werden, die ihre Erfahrung in skalierbare Dienstleistungen \u00fcbersetzen und damit deutlich mehr Mandant erreichen, als es im klassischen Modell m\u00f6glich w\u00e4re. F\u00fcr uns ist das keine Abl\u00f6sung des Berufsbildes, sondern eine Erweiterung.<\/p>\n\n\n\n
Wir glauben, dass es im Kern um etwas Gr\u00f6\u00dferes geht als nur darum, eine \u201eAI-First-Kanzlei\u201c zu bauen. F\u00fcr uns stehen das Wissen und die Erfahrung von Jurist im Mittelpunkt. Technologie ist das Mittel, um diese Expertise breiter verf\u00fcgbar zu machen. Dabei sind Distribution und Delivery genauso wichtig wie das eigentliche KI-Modell. Das klassische Kanzleimodell bringt dabei eine strukturelle Spannung mit sich: Wenn Technologie Prozesse effizienter macht, wird die eingesparte Zeit schwieriger abrechenbar. Diese Spannung l\u00e4sst sich innerhalb bestehender Strukturen nur schwer aufl\u00f6sen. Genau deshalb halten wir es f\u00fcr sinnvoll, parallel dazu neue Modelle zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n
Die Zahlen zum rechtlichen Aufwand im deutschen Mittelstand sind bekannt. Spannender ist aber die konkrete Realit\u00e4t dahinter. Wir richten uns an Unternehmen mit etwa 50 bis 500 Mitarbeitenden, an HR-Teams, Operations-Verantwortliche und Gr\u00fcnder, die heute oft zwischen zwei wenig \u00fcberzeugenden Optionen stehen: rechtliche Fragen selbst googeln und hoffen, dass es passt, oder eine Kanzlei f\u00fcr etwas beauftragen, das eigentlich Standard ist und entsprechend teuer wird.<\/p>\n\n\n\n
Diese Unternehmen haben dieselben arbeitsrechtlichen und datenschutzrechtlichen Pflichten wie ein DAX-Konzern, aber weder ein eigenes Inhouse-Team noch das Budget f\u00fcr eine dauerhafte Kanzleibeziehung. Genau dort sehen wir den gr\u00f6\u00dften Bedarf f\u00fcr das, was wir bauen.<\/p>\n\n\n\n
Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist Vertrauen, und Vertrauen entsteht im juristischen Bereich aus unserer Sicht weniger durch Kommunikation als durch die Architektur eines Systems. Man kann es nicht einfach am Ende hinzuf\u00fcgen, es muss von Anfang an mitgedacht werden. Viele Tools behandeln Geschwindigkeit und Transparenz als Gegensatz. Wir versuchen jedoch, beides gemeinsam zu denken: Ergebnisse sollen schnell entstehen und gleichzeitig nachvollziehbar bleiben, und jedes Resultat sollte sich auf seine Quellen zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Technisch ist das anspruchsvoll, aber gerade in regulierten Bereichen halten wir es f\u00fcr essenziell.<\/p>\n\n\n\n
Viele KI-L\u00f6sungen im Markt basieren letztlich auf generischen Modellen mit juristischem Branding. Wir versuchen bewusst, einen anderen Weg zu gehen. nu wurde speziell f\u00fcr deutsches und europ\u00e4isches Recht entwickelt und nicht einfach aus US-Produkten \u00fcbersetzt. Spezialisierte Anw\u00e4lte sind bei uns kein nachtr\u00e4glicher Kontrollmechanismus, sondern Teil des Designs. Gleichzeitig l\u00e4sst sich jedes Ergebnis auf seine Quellen zur\u00fcckverfolgen. Wir arbeiten eng mit erfahrenen Rechtsexpert zusammen, die unsere Workflows mitentwickeln und kontinuierlich verbessern. Unser Ziel ist nicht, m\u00f6glichst viel KI sichtbar zu machen, sondern verl\u00e4ssliche juristische Infrastruktur zu schaffen, auf die sich Unternehmen im Alltag verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n
Strukturierte und wiederkehrende Aufgaben lassen sich heute bereits sehr gut automatisieren, wie Arbeitsvertr\u00e4ge, Datenschutzerkl\u00e4rungen, Auftragsverarbeitungsvertr\u00e4ge oder standardisierte HR-Prozesse. Schwieriger wird es \u00fcberall dort, wo strategische Entscheidungen, Verhandlungen oder komplexe Einzelfallbewertungen gefragt sind. Aus unserer Sicht ist die spannendere Frage aber gar nicht, was automatisierbar ist und was nicht, sondern wo genau der \u00dcbergang liegt: Wann sollte ein System stoppen und an eine Anw\u00e4ltin oder einen Anwalt \u00fcbergeben? Mit genau dieser \u00dcbergabe habe ich mich schon bei Freshfields intensiv besch\u00e4ftigt, und sie ist auch bei nu ein zentrales Thema unserer Entwicklungsarbeit. Wir glauben, dass es hier noch viel Raum f\u00fcr Fortschritt gibt und versuchen, diese Grenze Schritt f\u00fcr Schritt sinnvoll zu verschieben.<\/p>\n\n\n\n
Datenschutz ist f\u00fcr uns von Anfang an Teil der Architektur und nicht etwas, das man sp\u00e4ter erg\u00e4nzt. S\u00e4mtliche Daten werden ausschlie\u00dflich innerhalb der EU verarbeitet und gespeichert, verteilt \u00fcber eine Multi-Cloud-Infrastruktur in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Dabei ber\u00fccksichtigen wir nicht nur die DSGVO, sondern ausdr\u00fccklich auch den anwaltlichen Berufsgeheimnisschutz nach \u00a7 203 StGB, der in vielen Bereichen sogar strenger ist als europ\u00e4isches Datenschutzrecht. Mandantendaten verstehen wir als operatives Ged\u00e4chtnis unseres Systems und auch nicht als Trainingsmaterial. Ein konkreter Fall trainiert niemals die Erfahrung eines anderen Kunden. Gerade im europ\u00e4ischen Markt wird dieses Ma\u00df an Sorgfalt aus unserer Sicht langfristig ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.<\/p>\n\n\n\n
Vertrauen ist im juristischen Bereich einer der wichtigsten Faktoren \u00fcberhaupt. Generische KI hat eine sehr spezifische Schw\u00e4che: Wenn sie falschliegt, wirkt sie oft trotzdem vollkommen \u00fcberzeugend. In einem Marketingtext ist das \u00e4rgerlich, aber in einem K\u00fcndigungsschreiben oder einem Auftragsverarbeitungsvertrag kann daraus ein reales Risiko entstehen. F\u00fcr uns gilt deshalb ein einfaches Prinzip: Eine Antwort, die Nutzer nicht \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen, ist im Zweifel weniger hilfreich als gar keine Antwort. Deshalb l\u00e4sst sich jedes Ergebnis bei nu auf seine Quellen zur\u00fcckf\u00fchren. Relevante Schritte werden von spezialisierten Jurist gepr\u00fcft, und wir versuchen bewusst transparent zu machen, wo das System endet und menschliche Expertise beginnt.<\/p>\n\n\n\n
Unser Produkt ist nicht nur ein einzelner Workflow, sondern zweierlei: Wir bauen zum einen ein System, mit dem Anw\u00e4lte ihre Expertise in skalierbare Services \u00fcbersetzen k\u00f6nnen, und zum anderen die Infrastruktur, um diese Services zuverl\u00e4ssig und wiederholbar an viele KMU in Deutschland und Europa auszuliefern. Kurzfristig vertiefen wir unsere Bereiche Arbeitsrecht und Datenschutz, weil dort der operative Druck besonders hoch ist, und erweitern 2026 um Wirtschaftsvertr\u00e4ge. Den Grundstein daf\u00fcr haben wir mit dem Launch unserer \u00f6ffentlichen Beta am 27. Mai sowie der Pre-Seed-Finanzierung \u00fcber 1,3 Millionen Euro unter F\u00fchrung von Caesar Ventures gelegt.<\/p>\n\n\n\n
Wo der europ\u00e4ische Legal-Tech-Markt in f\u00fcnf Jahren genau stehen wird, kann ich offen gesagt nicht vorhersagen. Was aber sehr klar ist: Die zugrunde liegenden Probleme sind real und gro\u00df. Der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsf\u00e4higkeit der EU hat das deutlich gezeigt: Mehr als 60 Prozent der europ\u00e4ischen Unternehmen sehen Regulierung inzwischen als Investitionshindernis. F\u00fcr KMU ist B\u00fcrokratie sogar eines der gr\u00f6\u00dften Wachstumshemmnisse \u00fcberhaupt. Wenn wir auch nur einen Teil dieses Problems l\u00f6sen k\u00f6nnen und rechtliche Unterst\u00fctzung in Europa zug\u00e4nglicher machen, entsteht daraus ein enormer Mehrwert \u2013 f\u00fcr Unternehmen, f\u00fcr Anw\u00e4lte und auch f\u00fcr uns selbst. Gleichzeitig ist Recht extrem lokal. Man kann US-Produkte nicht einfach \u00fcbersetzen und erwarten, dass sie deutsche Arbeitsgerichte oder europ\u00e4ische Datenschutzanforderungen zuverl\u00e4ssig verstehen. Europa ben\u00f6tigt eigene L\u00f6sungen. Genau darin sehen wir gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr Unternehmen, die regulatorische Tiefe mit moderner KI verbinden.<\/p>\n\n\n\n
Bild: Bork Morfaw Bildcredit\/Fotograf: nu:legal<\/p>\n\n\n\n
Wir bedanken uns bei Bork Morfaw<\/a> f\u00fcr das Interview<\/p>\n\n\n\n Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder<\/p>\n\n\n\n