{"id":125812,"date":"2026-07-20T10:05:06","date_gmt":"2026-07-20T08:05:06","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=125812"},"modified":"2026-07-20T10:05:07","modified_gmt":"2026-07-20T08:05:07","slug":"biovox-biokunststoffe-medizintechnik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/biovox-biokunststoffe-medizintechnik\/","title":{"rendered":"BIOVOX: Nachhaltige Biokunststoffe knacken die strengen H\u00fcrden der Medizinbranche"},"content":{"rendered":"\n
BIOVOX entwickelt und vertreibt Medical-Grade-Biokunststoffe f\u00fcr Medizintechnik, Pharma und Labor, wir arbeiten aber auch an Recycling-Themen. Ziel ist es immer, Kunststoffe anzubieten, die f\u00fcr Patientinnen und Patienten sowie die Umwelt ges\u00fcnder sind, und dabei alle Regularien und Anforderungen der Branche erf\u00fcllen, bei akzeptablen Kosten.<\/p>\n\n\n\n
Gegr\u00fcndet haben BIOVOX Carmen Rommel, Vinzenz Nienhaus und ich. Wir sind alle drei Maschinenbauer, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Kunststoff- und Produktionstechnik, Produktentwicklung, Nachhaltigkeit und Life Cycle Assessment. Inzwischen besteht unser Team aus 15 Personen und deckt zus\u00e4tzlich Chemie, Medizintechnik, Qualit\u00e4tsmanagement, Regulatorik sowie Sales, Marketing und Customer Success ab. Die fachliche Breite brauchen wir auch, weil wir mit ziemlich breiten Fragestellungen konfrontiert sind.<\/p>\n\n\n\n
Am Anfang waren wir breiter aufgestellt und wollten final resorbierbare Implantate zur Behandlung von Knochenbr\u00fcchen entwickeln, aber vorher auch Biokunststoffe in anderen Branchen voranbringen. Die Knochenersatzmaterialien-Idee kam von einem Mediziner, und Vinzenz hat in dem Bereich geforscht.<\/p>\n\n\n\n
Dieses Sammelsurium an Anwendungen und M\u00e4rkten war nat\u00fcrlich viel zu viel f\u00fcr ein Team, und die Implantate hatten am Ende einen zu kleinen Markt. Also haben wir uns sehr schnell auf das fokussiert, wo wir einen USP haben und der Markt ausreichend gro\u00df ist: bessere Kunststoffe f\u00fcr Medizin-, Diagnostik- und Laborprodukte, Drug Delivery Devices und Pharmaverpackungen. Das hat auch vor uns niemand so adressiert. Wir hatten durch die Implantate das Know-how, was man im Gesundheitswesen an Anforderungen erf\u00fcllen muss, was die allermeisten anderen Biokunststoff-Anbieter nicht haben. Wir sind in dem Bereich die Pioniere.<\/p>\n\n\n\n
Wir wollen die Gesundheitsversorgung vom Verbrauch endlicher, fossiler Rohstoffe entkoppeln.<\/p>\n\n\n\n
Dazu braucht es aus unserer Sicht beides: Kreislaufwirtschaft und erneuerbaren Kohlenstoff. Jeder Recyclingkreislauf hat Verluste. Biobasierte Rohstoffe k\u00f6nnen diese Verluste ersetzen, ohne immer neuen fossilen Kohlenstoff in den Kreislauf zu bringen.<\/p>\n\n\n\n
Und bei den gigantischen Mengen an Kunststoff im Gesundheitswesen m\u00fcssen ein niedriger CO\u2082-Fu\u00dfabdruck und Kreislauff\u00e4higkeit genauso selbstverst\u00e4ndlich zu einem Medical-Grade-Kunststoff geh\u00f6ren wie Rezepturkonstanz, Change Control und biologische Sicherheit.<\/p>\n\n\n\n
Das Problem ist die lineare Nutzung fossilen Kohlenstoffs: Erd\u00f6l f\u00f6rdern, ein Produkt herstellen, oft nur einmal f\u00fcr wenige Sekunden oder Minuten verwenden und anschlie\u00dfend meistens aus Infektionsschutzgr\u00fcnden verbrennen. Damit erh\u00f6ht das Gesundheitswesen direkt in gro\u00dfem Umfang die fossilen CO\u2082-Emissionen: Hierzulande sind es ungef\u00e4hr 5,3 % des gesamten CO\u2082-Aussto\u00dfes. Und davon entf\u00e4llt ungef\u00e4hr ein F\u00fcnftel auf die Medizin- und Laborprodukte und Verpackungen.<\/p>\n\n\n\n
Wir brauchen deshalb einen anderen Kohlenstoffkreislauf: nachwachsende Rohstoffe einsetzen, wo m\u00f6glich recyceln, und wo etwas verbrannt wird, zumindest kein Erd\u00f6l mehr durch den Schornstein schicken. Das senkt den Fu\u00dfabdruck schon deutlich.<\/p>\n\n\n\n
Bei einem normalen technischen Kunststoff fragt man zun\u00e4chst: Hat das Material die richtigen Eigenschaften und l\u00e4sst es sich verarbeiten? Im Healthcare-Bereich ist das nur der Anfang.<\/p>\n\n\n\n
Hinzu kommen biologische Sicherheit, chemische Charakterisierung, kritische Inhaltsstoffe, Sterilisation, Alterung, R\u00fcckverfolgbarkeit, Rezepturkonstanz, Change Control und langfristige Lieferf\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n
Au\u00dferdem gibt es in Europa keine universelle \u201emedizinische Zulassung\u201c eines Kunststoffs. Der Hersteller muss immer sein konkretes Produkt und seine konkrete Anwendung bewerten. Unsere Aufgabe ist, ihm daf\u00fcr eine m\u00f6glichst gute und belastbare Ausgangsbasis zu geben. Nur so k\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt die Nutzung neuer, nachhaltigerer Kunststoffe erm\u00f6glichen, und bei neuen Polymeren liefern aktuell nur wir diesen Rucksack mit speziellem Wissen, Dokumentation und Pr\u00fcfungen.<\/p>\n\n\n\n
Der offensichtlichste Vorteil ist der CO\u2082-Fu\u00dfabdruck. Je nach Material und Vergleichskunststoff k\u00f6nnen unsere Werkstoffe \u00fcber den Produktlebenszyklus bis zu 85 Prozent CO\u2082 einsparen. Gleichzeitig reduzieren sie die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Rohstoffen, was die Versorgungssicherheit verbessert und die Preise vorhersehbarer h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n
Aber Nachhaltigkeit allein reicht nicht. Unsere Materialien m\u00fcssen technisch mindestens genauso gut funktionieren. Einige bieten zus\u00e4tzlich sehr hohe Steifigkeit und Festigkeit, besonders hohe Transparenz oder gute Chemikalienbest\u00e4ndigkeit.<\/p>\n\n\n\n
Dazu kommt die Risikominimierung: Wir verzichten gezielt auf kritische und potenziell kritische Stoffe wie PFAS, BPA oder Phthalate, weil das langfristige regulatorische Sicherheit schafft. Was nicht kritisch ist, wird nicht verboten, und das verhindert einen aufwendigen, teuren Materialwechsel in der Zukunft.<\/p>\n\n\n\n
Unsere Kunden sind Hersteller von Medizintechnik, Pharmazeutika beziehungsweise Drug Delivery Devices sowie Unternehmen aus Labor und Diagnostik.<\/p>\n\n\n\n
Ein Schwerpunkt sind aktuell Produkte wie Autoinjektoren und Inhalatoren. Dort geht es unter anderem um mechanische Eigenschaften, enge Toleranzen, Haptik und eine extrem zuverl\u00e4ssige Lieferkette.<\/p>\n\n\n\n
Bei chirurgischen Instrumenten, Diagnostika, Schl\u00e4uchen oder pharmazeutischen Prim\u00e4rverpackungen stehen wiederum andere Eigenschaften im Vordergrund, etwa Transparenz, Sterilisierbarkeit, Barrierewirkung oder chemische Best\u00e4ndigkeit.<\/p>\n\n\n\n
Deshalb w\u00e4hlen wir das Material immer von der Anwendung ausgehend und aus unserem stetig breiter werdenden Portfolio. Da haben wir einfach mehr Bandbreite als viele auf eine Polymerklasse spezialisierte Anbieter, damit bekommen Kunden oft eine passendere L\u00f6sung f\u00fcr ihr Problem.<\/p>\n\n\n\n
F\u00fcr uns geh\u00f6rt das untrennbar zusammen: Hohe Patientensicherheit kann man nur erreichen, wenn man auf kritische und verd\u00e4chtige Inhaltsstoffe so gut es irgendwie geht verzichtet. Und das ist auch Teil der Nachhaltigkeit, eben keine hormonell wirkenden Substanzen oder Ewigkeitschemikalien ins Produkt einzubauen oder die Recyclingf\u00e4higkeit sicherzustellen. Nachhaltigkeit ist ja mehr als der CO\u2082-Fu\u00dfabdruck.<\/p>\n\n\n\n
Au\u00dferdem sind sowohl die regulatorischen Anforderungen als auch die Nachhaltigkeit Anforderungen, die wir uns in der Entwicklung geben. Dann muss das nach unserem ISO-13485-Qualit\u00e4tsmanagementsystem eben auch erf\u00fcllt werden, ansonsten wird es kein freigegebenes Produkt.<\/p>\n\n\n\n
Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist die Komplexit\u00e4t. Die Anforderungen h\u00e4ngen vom Produkt, Patientenkontakt, der Kontaktdauer, Sterilisation und vielen weiteren Faktoren ab.<\/p>\n\n\n\n
Die zweite Herausforderung ist Zeit. Biokompatibilit\u00e4tspr\u00fcfungen, chemische Charakterisierung, Sterilisationsversuche und Alterung dauern. Gleichzeitig k\u00f6nnen sich regulatorische Anforderungen \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n
Und schlie\u00dflich bedeutet jeder Werkstoffwechsel f\u00fcr einen Medizinproduktehersteller zus\u00e4tzliche Bewertung und gegebenenfalls Validierung. Healthcare mag Ver\u00e4nderungen grunds\u00e4tzlich \u00fcberhaupt nicht gern. Deshalb versuchen wir, m\u00f6glichst viele Unsicherheiten bereits auf Materialebene auszur\u00e4umen \u2013 also eine Ver\u00e4nderung jetzt, dann aber viel l\u00e4nger Ruhe vor Materialwechseln. In unserer sehr kurzfristig orientierten Zeit ist das aber nicht ganz einfach zu vermitteln. Denn wenn der Change erst in zwei oder drei Jahren ansteht, neigen viele dazu, so lange nichts zu tun. Die Person, die den Job in zwei oder drei Jahren hat, hat dann den Aufwand \u2013 nicht man selbst heute. Das ist f\u00fcr viele attraktiv, selbst wenn die Person in zwei oder drei Jahren das Zukunfts-Ich ist.<\/p>\n\n\n\n
Wir fokussieren uns ausschlie\u00dflich auf Healthcare-Anwendungen und haben dort ein viel gr\u00f6\u00dferes Know-how, eine bessere Markt\u00fcbersicht und eine deutlich gr\u00f6\u00dfere Datenbasis als irgendein anderer Anbieter von Biokunststoffen. Zudem verf\u00fcgen wir im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern \u00fcber alle relevanten Prozesse und Zertifizierungen.<\/p>\n\n\n\n
Au\u00dferdem h\u00e4ngen wir nicht an einem einzelnen Polymer. Wir haben heute PLA-basierte Materialien und Bio-PE im Portfolio und arbeiten an PEF sowie biobasiertem PP. Dadurch k\u00f6nnen wir relativ objektiv ausw\u00e4hlen, welche Materiall\u00f6sung f\u00fcr eine konkrete Anwendung sinnvoll ist.<\/p>\n\n\n\n
Sehr wichtig, ohne geht es nicht. Aber nicht jedes gebrauchte Medizinprodukt l\u00e4sst sich einfach wieder zu einem neuen Medizinprodukt recyceln \u2013 das h\u00e4ngt von vielen Details des Produktlebenslaufs ab.<\/p>\n\n\n\n
Sehr spannend ist die Wechselwirkung zwischen Polymerklasse, den daraus folgenden Eigenschaften verschiedener Recyclingtechnologien und den Sterilisationsverfahren, sowohl bei der Herstellung eines sterilen Medizinprodukts als auch nachher in der Abfalldekontamination. Denn die meisten Sterilisationsprozesse sch\u00e4digen die Polymere mehr oder minder stark. Je nachdem, was man hier w\u00e4hlt, kann man besonders geschickte oder besonders ungeeignete Kombinationen w\u00e4hlen. Hier liegt viel Potenzial.<\/p>\n\n\n\n
Ein gro\u00dfer Schwerpunkt sind Drug Delivery Devices, besonders Autoinjektoren. Daf\u00fcr eignen sich sowohl unsere PLA-basierten Materialien als auch biobasierte Polyolefine sehr gut.<\/p>\n\n\n\n
Ein zweites wichtiges Thema ist PEF f\u00fcr pharmazeutische Anwendungen. PEF ist eine Art PET auf Steroiden. Es hat sehr hohe Barriereeigenschaften und kann besonders sauerstoffempfindliche Medikamente wie Peptide und Proteine \u2013 man denke nur an GLP-1 \u2013 besser sch\u00fctzen als viele heute genutzte Verpackungen.<\/p>\n\n\n\n
Daneben arbeiten wir mit Partnern an segregiert biobasiertem PP. Au\u00dferdem gibt es diverse technische Kunststoffe, f\u00fcr die wir gerade Alternativen beziehungsweise biobasierte Versionen suchen und testen.<\/p>\n\n\n\n
Eigentlich beschreibt der Name schon ziemlich gut, warum wir dort hineinpassen: Wir sitzen genau an der Schnittstelle zwischen Chemistry und Health.<\/p>\n\n\n\n
Ein Material-Startup kann nicht isoliert skalieren. Wir brauchen Rohstoffpartner, Verarbeiter, Medizinprodukte- und Pharmaunternehmen sowie spezialisierte Expertise.<\/p>\n\n\n\n
Die Region hat eine sehr hohe Dichte an Chemie-, Pharma- und Healthcare-Kompetenz. Dort findet man Ankn\u00fcpfungspunkte, potenzielle Kunden und potenzielle Lieferanten. Auch die Hochschullandschaft ist sehr gut auf unsere Bedarfe ausgerichtet. So finden wir ausreichend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.<\/p>\n\n\n\n
Ist abgedroschen und nichts Neues, aber: Fokus. Sucht die Anwendungen und Kundengruppen, bei denen euer Team besonders stark ist und euer Produkt wirklich einen besonderen Vorteil hat.<\/p>\n\n\n\n
Baut fr\u00fch Marke und Glaubw\u00fcrdigkeit auf. Das ist sowohl in Healthcare als auch in Bezug auf Nachhaltigkeit essenziell. Man braucht wissenschaftlich nachvollziehbare Daten, muss die Sprache der Kunden sprechen, deren Probleme verstehen und pr\u00e4sent sein. Dann kann man sich auch als Startup \u00fcber die Jahre etablieren und wird als kompetente Anlaufstelle f\u00fcr diese Themen wahrgenommen.<\/p>\n\n\n\n
Bildcredits Biovox<\/p>\n\n\n\n
Wir bedanken uns bei\u00a0Julian Lotz<\/a>\u00a0f\u00fcr das Interview<\/p>\n\n\n\n Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.<\/p>\n\n\n\n