{"id":126148,"date":"2026-08-05T12:05:10","date_gmt":"2026-08-05T10:05:10","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=126148"},"modified":"2026-08-05T12:05:11","modified_gmt":"2026-08-05T10:05:11","slug":"resilienz-kompetenzen-arbeitsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/resilienz-kompetenzen-arbeitsmarkt\/","title":{"rendered":"Wer im Leben keinen Druck erlebt, kann die Resilienzmuskeln nicht trainieren"},"content":{"rendered":"\n
Die F\u00fchrungskr\u00e4fte-Coachin Prof. Heidi Stopper wei\u00df, dass Resilienz die zentrale Eigenschaft f\u00fcr Berufst\u00e4tige in einem volatilen Arbeitsmarkt ist. Im Interview mit herCAREER erkl\u00e4rt sie, wie sowohl Young Professionals als auch erfahrene F\u00fchrungskr\u00e4fte ihre Resilienz st\u00e4rken k\u00f6nnen. Und sie erl\u00e4utert, welche tragende Rolle das individuelle Kompetenz-Set dabei spielt.<\/p>\n\n\n\n
\u201eWir denken derzeit noch viel zu sehr in Berufsgruppen und nicht in Kompetenzsets.\u201c<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Zu 90 Prozent sind die Stressoren die gleichen, sch\u00e4tze ich. Denn ein Stressor ist nicht das, was au\u00dfen passiert, sondern vielmehr, was wir daraus machen. Menschen reagieren auf ein und dasselbe Ereignis sehr unterschiedlich \u2013 ein Beispiel: Ein unbekannter Hund kommt auf zwei unterschiedliche Personen zugerannt. Die eine Person ist mit Hunden aufgewachsen, kennt sie und liebt sie. Die zweite ist einmal schlimm von einem Hund gebissen worden. Du kannst dir vorstellen, dass die beiden sehr unterschiedlich auf diese Situation reagieren werden. Das hei\u00dft: Stress machen wir uns immer selbst.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Ich erlebe, dass die Art und Weise, wie Menschen mit sich selbst sprechen \u2013 ob Young Professional oder C-Level-F\u00fchrungskraft \u2013, ma\u00dfgeblich davon abh\u00e4ngt, wie gl\u00fccklich und zufrieden sie sind. Nicht etwa die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde sind entscheidend, denn sonst w\u00fcrden die Zufriedenheitswerte in \u00e4rmeren L\u00e4ndern oder in L\u00e4ndern, in denen sogar Krieg und Konflikte herrschen, wie etwa in Israel, nicht besser ausfallen als in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Zum einen sind Modew\u00f6rter sehr beliebt. Wir sind alle zu K\u00fcchenpsycholog geworden in den letzten zehn Jahren und nutzen psychologische Fachbegriffe, ohne wirklich zu wissen, ob sie angebracht sind. Der Ausdruck \u201eResilienz\u201d stammt allerdings nicht aus der Psychologie, sondern aus der Physik. Er beschreibt die F\u00e4higkeit eines Stoffes, in seine urspr\u00fcngliche Form zur\u00fcckzukehren, nachdem Druck auf ihn ausge\u00fcbt wurde. Das bedeutet auch: Ohne Druck keine Resilienz. F\u00fcr Menschen bedeutet das: Wer im Leben kaum Druck oder unangenehme Situationen erlebt, kann die Resilienzmuskeln nicht trainieren. Und momentan brauchen wir Resilienz ja schon, wenn wir morgens in die Zeitung schauen: Mit Krieg, Klima- und Wirtschaftskrise haben wir mehr Druckpunkte als noch vor einigen Jahren.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Wir passen uns immer ein St\u00fcck weit an neue Umgebungen an. Das ist auch gut so. Anpassungsf\u00e4higkeit ist ein Hebel, um Zugeh\u00f6rigkeit empfinden zu k\u00f6nnen. Und Zugeh\u00f6rigkeit ist ein menschliches Grundbed\u00fcrfnis. Die Art von Anpassung, die du vielleicht meinst, ist ein Verbiegen. Das wiederum ist wenig erfolgreich und kann nicht zu Resilienz f\u00fchren, denn durch Verbiegen kann man Druck nicht standhalten.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Wir sind nicht aus Teflon, auch wenn sich das viele Menschen w\u00fcnschen. Viele Kund kommen zu mir, um ihre Resilienz zu st\u00e4rken, in der Hoffnung, dass dann alles von ihnen abperlt, als seien sie aus Teflon. Das ist allerdings nicht die L\u00f6sung. Die L\u00f6sung besteht darin, zu lernen, mit negativen Emotionen umzugehen. Je \u00f6fter wir das \u00fcben, desto resilienter werden wir und desto mehr Sicherheit finden wir in uns selbst. Niemand wird schon resilient geboren, wir trainieren unsere Resilienz kontinuierlich. Und dabei kann kein Buch und kein Resilient-in-drei-Tagen-Seminar helfen.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: \u2026 dann wahrscheinlich, weil wir in den vergangenen 30 Jahren vergleichsweise wenige Gro\u00dfkrisen bew\u00e4ltigen mussten. Nat\u00fcrlich hatten wir Krisen, aber sie waren verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurz.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir Sicherheit in uns selbst finden k\u00f6nnen, dann k\u00f6nnen wir recht unbeschadet durch schwere Zeiten oder volatile Arbeitsm\u00e4rkte gehen. Wir m\u00fcssen herausfinden: Wie kann ich mir selbst innere Sicherheit schaffen?<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Es gibt die Theorie der Circles of Influence von Stephen Covey. Es sind drei konzentrische Kreise: Der kleinste Kreis in der Mitte beschreibt \u201eI control\u201c, der etwas gr\u00f6\u00dfere Kreis daneben beschreibt \u201eI influence\u201c und der dritte Kreis, der in Relation eigentlich nicht auf Papier zu bringen ist, beschreibt \u201eI can\u2019t control, I accept \u201c. In der Gl\u00fccks- und Leistungsforschung sagt man: Wenn ich mich zu 80 Prozent darauf konzentriere, was ich kontrollieren kann, dann bin ich am zufriedensten, leistungsst\u00e4rksten und gl\u00fccklichsten.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Wir k\u00f6nnen kontrollieren, mit welcher Haltung wir anderen Menschen und Situationen begegnen. Gut ausgebildete Menschen k\u00f6nnen bis zu einem gewissen Grad auch kontrollieren, in welchem Team oder Unternehmen sie arbeiten wollen \u2013 oder zumindest, in welchem nicht. Was k\u00f6nnen wir hingegen beeinflussen? Zum Beispiel die Dynamik in einem Team. Aber den gr\u00f6\u00dften Teil unseres Lebens k\u00f6nnen wir nicht beeinflussen und nicht kontrollieren. Und darum ist es wichtig, eine Kompetenz und auch eine Akzeptanz im Umgang mit Unsicherheit zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Diese Lehre findet sich auch in buddhistischen Weisheiten \u2013 und derzeit scheint sie mir sehr passend. Dieser westliche Trend, das ewige Gl\u00fcck zu suchen, ist doch Wahnsinn. In keinem Leben gibt es nur Gl\u00fcck \u2013 wie sollen wir Gl\u00fcck empfinden, wenn wir die negativen Gef\u00fchle nicht kennen? Die Natur hat uns nicht umsonst mit so vielen Emotionen ausgestattet.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Emotionen sind wichtige Informationsquellen. Auch negativ empfundene Emotionen wie Wut, Trauer, Neid und Eifersucht sind wichtig und wir sollten sie wahrnehmen und reflektieren. Denn die Informationen, die in diesen Gef\u00fchlen stecken, sind sehr wichtig!<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Es gibt so viele Coaches, manche nutzen mittlerweile auch KI als Sparringspartner. Ich bin daf\u00fcr, auch viel offener mit Freund zu sprechen und Netzwerke zu nutzen. Gerade jetzt, da Arbeitsumfelder immer volatiler werden, bekommen Netzwerke eine neue Relevanz. Dort findet man gute Ansprechpartner, um Gedanken zu sortieren, gemeinsam zu reflektieren und einander zu spiegeln.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Haufenweise! Man kann das Internet oder die K\u00fcnstliche Intelligenz fragen: \u201eWelche Tools helfen mir, negative Gedanken und Haltungen zu erkennen?\u201d F\u00fcr mich spielt auf der Selbstreflexionsebene allerdings die Best\u00e4rkung eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Ich stelle die Frage: \u201eWas sind deine \u2018transferable skills\u2019, deine \u00fcbertragbaren F\u00e4higkeiten?\u201d<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Die Kernfrage f\u00fcr Menschen in einem volatilen Arbeitsmarkt ist doch die der Besch\u00e4ftigungsf\u00e4higkeit. Bin ich einstellbar? Sind meine F\u00e4higkeiten gefragt? Und damit meine ich nicht, welche Software ich beherrsche oder wie gro\u00df die Teams sind, die ich geleitet habe.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Was ist dein USP, deine unique selling proposition? Welche Kompetenzen machen dich einzigartig? Jede hat ein einzigartiges Kompetenzset, das es auszubauen gilt, um \u201ebesch\u00e4ftigungsf\u00e4hig\u201c zu bleiben. Der erste Schritt ist, dieses Kompetenzset zu erkennen. Bei mir w\u00e4re das nicht gewesen: \u201eIch bin Personalchefin und Volljuristin\u201c. Sondern: \u201eich kann komplexe Sachverhalte durchdringen und bin analysestark. Au\u00dferdem kann ich Menschen sehr gut einsch\u00e4tzen. Ich bin kommunikationsstark. Weil ich andere so leicht lesen kann, kann ich besonders gut zielgruppengerecht kommunizieren und auch Interessenlagen durchschauen und gemeinsame L\u00f6sungen finden. Aus dem Bewusstsein meiner Kompetenzen heraus fiel es mir leicht, von der Raumfahrt in ein Medienunternehmen zu wechseln.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Das ist ein sehr gutes Beispiel. Wir denken derzeit noch viel zu sehr in Berufsgruppen und nicht in Kompetenzsets. Das Problem dabei ist, dass wir 60 Prozent der Berufsbilder, die es morgen geben wird, noch gar nicht kennen, w\u00e4hrend andere bald nicht mehr existieren werden. Darum sollten wir alle \u2013 aber vor allem diejenigen, die noch ihr ganzes Arbeitsleben vor sich haben \u2013 dar\u00fcber nachdenken: Was ist mein einzigartiges Skill-Set? Wo will ich es ausbauen? In welche Richtung m\u00f6chte ich mich weiterentwickeln? Denn aus diesem Kompetenzset ergeben sich Karrierechancen, die wir heute noch nicht sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Ja. Es geht nicht mehr darum, einen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu finden, der bedeutet: \u201eIch bin B\u00e4ckerin\u201d, \u201eIch bin Buchhalterin\u201d oder \u201eIch bin Juristin\u201d. Wir m\u00fcssen dar\u00fcber nachdenken, was wir mitbringen. Ich bin ein Organisationstalent. Ich kann zehn Dinge gleichzeitig jonglieren. Ich bleibe ruhig, wenn es hei\u00df hergeht.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper: Bei den Top-Leuten lesen wir sie heute schon und die Anforderungen gehen noch weiter: Es reicht nicht, Berufserfahrung und Kompetenzen aufzuzeigen \u2013 Bewerber m\u00fcssen beweisen, dass sie mit ihren Kompetenzen im Unternehmen etwas bewirken k\u00f6nnen, also Impact generieren. Der CV einer erfahrenen Fachkraft sollte reflektieren, dass sie mit ihren F\u00e4higkeiten auch Dinge umsetzen und einen Mehrwert f\u00fcr das Team oder das Unternehmen schaffen kann.<\/p>\n\n\n\n
Das Interview f\u00fchrte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.<\/p>\n\n\n\n
Heidi Stopper wird am 22.10.2026 auf der herCAREER<\/a> einen Vortrag dar\u00fcber halten, wie du deine \u201e\u00fcbertragbaren Kompetenzen\u201d erkennst und ausbaust, um resilient durch deine Karriere zu gehen.<\/p>\n\n\n\n