{"id":126833,"date":"2026-09-11T13:05:35","date_gmt":"2026-09-11T11:05:35","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=126833"},"modified":"2026-09-11T13:05:37","modified_gmt":"2026-09-11T11:05:37","slug":"assets-eigenkapital-fremdkapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/assets-eigenkapital-fremdkapital\/","title":{"rendered":"Asset-heavy gr\u00fcnden, ohne sich zu verw\u00e4ssern"},"content":{"rendered":"\n
In der deutschen Gr\u00fcndungsszene wird Finanzierung fast immer als Eigenkapitalfrage verhandelt. Pre-Seed, Seed, Series A. Wer mehr Kapital braucht, plant die n\u00e4chste Runde gr\u00f6\u00dfer. F\u00fcr reine Softwaremodelle geht diese Rechnung auf. F\u00fcr Gesch\u00e4ftsmodelle mit physischen Assets ist sie die teuerste Variante, die es gibt.<\/p>\n\n\n\n
Ein Modell ist asset-heavy, wenn ein wesentlicher Teil des Kapitals in Gegenst\u00e4nden gebunden ist, die \u00fcber mehrere Jahre Ertr\u00e4ge liefern. Ger\u00e4te, Maschinen, Fahrzeuge, Produktionsanlagen, die \u00fcber l\u00e4ngere Zeit vermietet oder verleast werden, aber auch Lagerbestand vor einem vollst\u00e4ndigen Verkauf. In der Bilanz erkennt man es am Anteil von Anlageverm\u00f6gen und Vorr\u00e4ten an der Bilanzsumme, im Alltag am Cashbedarf beim Kunden-Onboarding. Das ist kein Konstruktionsfehler des Gesch\u00e4ftsmodells. Es ist eine andere Finanzierungslogik, und sie verlangt andere Instrumente.<\/p>\n\n\n\n
Eigenkapital ist das teuerste Geld im Unternehmen. Es geh\u00f6rt dorthin, wo das Risiko hoch und der Ausgang offen ist: in Produktentwicklung, Markteintritt, Team. Ein Ger\u00e4t oder eine Maschine, das \u00fcber 36 Monate einen vertraglich zugesagten Mietertrag erwirtschaftet, ist kein offener Ausgang, denn dahinter stehen ein Vertrag, eine Amortisationsrechnung und ein Restwert.<\/p>\n\n\n\n
Wer solche Positionen aus der Finanzierungsrunde bezahlt, verw\u00e4ssert die Anteile f\u00fcr etwas, das ein Kreditgeber zu deutlich geringeren Kapitalkosten finanzieren w\u00fcrde. Der Effekt wiederholt und verschlimmert sich mit jeder Wachstumsstufe.<\/p>\n\n\n\n
Der einfachste Einstieg ist Leasing. Die Anschaffung wandert zum Leasinggeber, das Unternehmen zahlt eine Rate, die Liquidit\u00e4t bleibt im Betrieb. Beim Sale-and-Lease-Back verkauft man bereits angeschaffte Assets und mietet sie zur\u00fcck. Das setzt gebundenes Kapital wieder frei.<\/p>\n\n\n\n
Asset-based Lending geht einen Schritt weiter. Hier dient der Bestand selbst als Sicherheit f\u00fcr eine Kreditlinie, die mit dem Bestand mitw\u00e4chst. F\u00fcr Vorr\u00e4te und Forderungen kommen Working-Capital-Linien und Factoring in Frage.<\/p>\n\n\n\n
Der h\u00e4ufigste Einwand lautet, Banken w\u00fcrden mit jungen Unternehmen ohnehin nicht sprechen. Das stimmt so nicht. Sie sprechen nur nicht \u00fcber das Unternehmen, sondern \u00fcber das Asset.<\/p>\n\n\n\n
Gefragt wird nach der Werthaltigkeit. Wie lange h\u00e4lt der Gegenstand, was ist er nach der Nutzungsdauer noch wert, gibt es einen Zweitmarkt daf\u00fcr? Und nat\u00fcrlich ist auch die Vertragsseite relevant: Wie lange laufen die Kundenvertr\u00e4ge, wie hoch sind Ausf\u00e4lle und vorzeitige K\u00fcndigungen? Wichtig ist auch, ob das Unternehmen wei\u00df und nachweisen kann, wo sich welches Asset befindet und in welchem Zustand?<\/p>\n\n\n\n
Wer diese Fragen mit Daten beantwortet, bekommt Gespr\u00e4che. Wer sie mit Sch\u00e4tzungen beantwortet, bekommt keine.<\/p>\n\n\n\n
Damit ist auch klar, was vorher zu tun ist.<\/p>\n\n\n\n
Es braucht ein vollst\u00e4ndiges Asset-Register mit Anschaffungswert, Nutzungsdauer, Standort und Vertragszuordnung je Objekt. Es braucht eine Amortisationsrechnung je Objektgruppe, die zeigt, ab wann sich eine Anschaffung tr\u00e4gt. Und es braucht belastbare Zahlen zu Ausf\u00e4llen und Verlusten aus der Vergangenheit, auch wenn sie unangenehm sind. Und es braucht ein Reporting, das monatlich in gleicher Struktur geliefert wird, denn Kreditvertr\u00e4ge enthalten Berichtspflichten. Diese Vorarbeit dauert einige Monate. Sie sollte deshalb beginnen, bevor der Kapitalbedarf da ist.<\/p>\n\n\n\n
Ein asset-basierter Kredit ist kein Ersatz f\u00fcr ein tragf\u00e4higes Gesch\u00e4ftsmodell. Er verlangt feste Raten, unabh\u00e4ngig davon, wie der Monat gelaufen ist. Wer Personal, Marketing oder eine offene Produktentwicklung dar\u00fcber finanziert, baut Druck auf, den das Modell noch nicht aush\u00e4lt und ist z.B. bei Venture Debt besser aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n
Dazu kommen Nebenbedingungen. Kreditvertr\u00e4ge enthalten Covenants, also Kennzahlen, die eingehalten werden m\u00fcssen, und sie enthalten K\u00fcndigungsrechte, wenn das nicht gelingt. Diese Klauseln geh\u00f6ren vor der Unterschrift durchgerechnet, und zwar im schlechten Szenario, nicht im geplanten. Ein Finanzierungsmix ist deshalb keine Entweder-oder-Entscheidung. Eigenkapital tr\u00e4gt das Risiko, Fremdkapital tr\u00e4gt die Assets.<\/p>\n\n\n\n
Fremdkapital gilt in vielen jungen Unternehmen als Notl\u00f6sung f\u00fcr sp\u00e4ter, als etwas f\u00fcr reife Firmen mit langer Historie. In der Praxis tr\u00e4gt es ab dem Zeitpunkt, an dem sich Assets planbar amortisieren, und das kann schon kurz nach der Seed-Phase der Fall sein.<\/p>\n\n\n\n
Vor jeder Runde lohnt deshalb eine einfache Rechnung. Welcher Teil des geplanten Betrags flie\u00dft in Assets mit Vertrag, Nutzungsdauer und Restwert, und welcher Teil finanziert offenes Risiko? Der erste Teil geh\u00f6rt auf die Fremdkapitalseite gepr\u00fcft, bevor das Term Sheet steht. Bei asset-heavy Modellen ist dieser Anteil oft gr\u00f6\u00dfer, als das Gr\u00fcndungsteam erwartet. Die Runde f\u00e4llt dadurch kleiner aus, das Unternehmen w\u00e4chst deswegen aber nicht langsamer.<\/p>\n\n\n\n
Bildcredits Flora von Heise-Rotenburg<\/p>\n\n\n\n
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.<\/p>\n\n\n\n