{"id":127581,"date":"2026-09-30T10:21:26","date_gmt":"2026-09-30T08:21:26","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=127581"},"modified":"2026-09-30T10:21:27","modified_gmt":"2026-09-30T08:21:27","slug":"sustaind-compliance-unternehmen-ki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/sustaind-compliance-unternehmen-ki\/","title":{"rendered":"Sichere Compliance: Wie Sustaind mit KI und Munich Re die Rechts\u00fcberwachung automatisiert"},"content":{"rendered":"\n

Sustaind unterst\u00fctzt Unternehmen dabei, Compliance mithilfe von KI zu automatisieren und regulatorische \u00c4nderungen fr\u00fchzeitig zu erkennen<\/h2>\n\n\n\n

Kannst du Sustaind kurz vorstellen und erz\u00e4hlen, wie die Idee entstanden ist, Compliance mithilfe von KI zu automatisieren?<\/h3>\n\n\n\n

Sustaind ist eine KI-gest\u00fctzte Plattform f\u00fcr Rechtskataster und Legal Monitoring mit Sitz in Bielefeld. Die Idee ist 2023 entstanden, im Zuge der regulatorischen Entwicklungen rund um den European Green Deal. Damals haben uns viele Mittelst\u00e4ndler immer wieder dasselbe berichtet: Die neuen Compliance-Pflichten nehmen stetig zu, und mit ihnen steigen Aufwand und Kosten. Genau dort wollten wir ansetzen. Unser Ziel war es, Unternehmen diese Last abzunehmen, indem wir die zeitintensiven manuellen Schritte mithilfe von KI automatisieren. Dazu geh\u00f6ren das Recherchieren, Aufbereiten und Nachverfolgen von Rechtsvorschriften.<\/p>\n\n\n\n

Wer steht hinter Sustaind, und welche Erfahrungen hast du pers\u00f6nlich in die Gr\u00fcndung des Unternehmens eingebracht?<\/h3>\n\n\n\n

Sustaind wurde von Niclas Musies und mir gegr\u00fcndet, und unsere Profile erg\u00e4nzen sich sehr gut. Niclas hat als Data Scientist mehrere Jahre in der Unternehmensberatung gearbeitet und dort Unternehmen bei Daten- und KI-Strategien begleitet. Bei Sustaind verantwortet er Technologie, KI-Entwicklung und Produkt. Ich war \u00fcber f\u00fcnf Jahre im industriellen Mittelstand t\u00e4tig und habe dort die operativen und regulatorischen Herausforderungen von Unternehmen aus erster Hand kennengelernt. Parallel dazu habe ich mit einer Social-Media-Agentur erste Erfahrungen in der Selbstst\u00e4ndigkeit gesammelt. Nachdem ich meine Anteile an der Agentur an meine beiden Mitgr\u00fcnder verkauft hatte, war ich zwei Jahre bei der Founders Foundation, um die Tech- und Start-up-Welt von innen kennenzulernen. Heute verantworte ich bei Sustaind Strategie, Vertrieb und Finanzen.<\/p>\n\n\n\n

Du sagst, dass kein Unternehmen vollst\u00e4ndig compliant sein kann. Warum ist selbst eine hundertprozentige Regelkonformit\u00e4t aus deiner Sicht kaum erreichbar?<\/h3>\n\n\n\n

Aus meiner Sicht gibt es zwei Gr\u00fcnde, die sich gegenseitig verst\u00e4rken. Der erste ist die schiere Menge an Regeln: Auf europ\u00e4ischer wie nationaler Ebene kommen laufend neue Vorschriften und \u00c4nderungen hinzu. Der zweite sind die begrenzten Ressourcen. W\u00fcrde sich jedes Unternehmen mit jeder Regulierung weltweit gleich intensiv befassen, bliebe f\u00fcr das eigentliche Gesch\u00e4ft kaum noch Zeit. In der Praxis priorisieren Unternehmen deshalb nach Risiko, und Vorgaben mit geringem Risiko r\u00fccken dabei h\u00e4ufig in den Hintergrund. Das ist nachvollziehbar. Umso wichtiger ist aber ein verl\u00e4sslicher \u00dcberblick, damit diese Priorisierung auf einer fundierten Grundlage stattfindet.<\/p>\n\n\n\n

Sustaind \u00fcberwacht Rechts\u00e4nderungen in mehr als 120 L\u00e4ndern. Wie schafft ihr es, daraus genau die Pflichten herauszufiltern, die f\u00fcr ein einzelnes Unternehmen tats\u00e4chlich relevant sind?<\/h3>\n\n\n\n

Im ersten Schritt verarbeiten wir die offiziellen Gesetzestexte aus \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen amtlichen Quellen, etwa EUR-Lex oder dem Bundesgesetzblatt. Die darin enthaltenen Pflichten lesen wir in einem technischen Prozess strukturiert aus. Anschlie\u00dfend pr\u00fcfen wir die Verkn\u00fcpfungen zu anderen Gesetzen und erg\u00e4nzen, wo sinnvoll, offizielle Begleitdokumente wie Leitlinien oder FAQ. So entsteht eine m\u00f6glichst umfassende Datenbasis. Diese gleichen wir mit dem Profil ab, das jedes Unternehmen bei uns hinterlegt, also etwa Standorte, Branche und T\u00e4tigkeiten. Daraus ergibt sich eine Einsch\u00e4tzung, welche Vorschriften und \u00c4nderungen f\u00fcr das jeweilige Unternehmen voraussichtlich relevant sind. Was schlie\u00dflich ins eigene Rechtskataster aufgenommen wird, entscheidet das Unternehmen selbst.<\/p>\n\n\n\n

Gerade der Mittelstand verf\u00fcgt h\u00e4ufig nicht \u00fcber gro\u00dfe Compliance-Abteilungen. Welche Aufgaben kann eure Plattform \u00fcbernehmen und welche Verantwortung bleibt weiterhin beim Unternehmen?<\/h3>\n\n\n\n

Man kann sich Sustaind wie ein \u201eallsehendes Auge“ vorstellen. Wir liefern t\u00e4glich regulatorische Updates und \u00fcbersetzen sie in konkrete Pflichten. Mithilfe unserer Software \u00fcberf\u00fchren wir diese dann in nachvollziehbare, auditierbare Prozesse mit klaren Zust\u00e4ndigkeiten, Fristen und Nachweisen. Gerade f\u00fcr Unternehmen ohne gro\u00dfe Compliance-Abteilung entf\u00e4llt damit ein Gro\u00dfteil der manuellen Recherche- und Dokumentationsarbeit. Was Sustaind bewusst nicht ist, ist \u201edie Hand“, also der Umsetzungsteil. Die Interpretation einer Pflicht und die Entscheidung, wie sie im eigenen Betrieb umgesetzt wird, bleiben beim Unternehmen. Wir verstehen uns als Arbeits- und Entscheidungsgrundlage f\u00fcr die Compliance unserer Kunden, nicht als deren Ersatz.<\/p>\n\n\n\n

Gemeinsam mit Munich Re habt ihr eine vertragliche Leistungsgarantie f\u00fcr euer KI-gest\u00fctztes Rechtskataster entwickelt. Wie funktioniert dieses Modell konkret?<\/h3>\n\n\n\n

Wir wollten die Rolle von Software in der Compliance grundlegend weiterdenken. Die Leistungsgarantie ist Bestandteil unseres Rechtskatasters und bezieht sich auf unsere eigene Leistung: Relevante Rechts\u00e4nderungen sollen vollst\u00e4ndig und tagesaktuell erkannt und nachverfolgt werden. \u00dcbersieht unser System eine relevante Rechts\u00e4nderung und entsteht dem Kunden dadurch ein nachweisbarer Schaden, stehen wir im Rahmen der vertraglich vereinbarten Bedingungen daf\u00fcr ein. Wir liefern also nicht nur das Werkzeug f\u00fcr den Monitoring-Prozess. Wir \u00fcbernehmen auch die Verantwortung daf\u00fcr, dass dabei nichts Relevantes \u00fcbersehen wird. Munich Re war bei der Entwicklung dieses Modells unser Partner, die Garantie selbst geben wir unseren Kunden.<\/p>\n\n\n\n

Wenn eure KI eine relevante Rechts\u00e4nderung \u00fcbersieht, \u00fcbernimmt Sustaind das Risiko. Warum wart ihr bereit, bei einer KI-Anwendung einen so weitreichenden Schritt zu gehen?<\/h3>\n\n\n\n

Wichtig ist mir dabei: Wir stehen f\u00fcr die Qualit\u00e4t unserer eigenen Leistung ein. Unsere Kunden erwarten zu Recht eine hohe Qualit\u00e4t von uns. Ein Rechtskataster, das nicht vollst\u00e4ndig ist, oder eine KI, der nicht einmal der Anbieter selbst vollst\u00e4ndig vertraut, verfehlt seinen Zweck. Mit der Leistungsgarantie wollten wir deshalb ein klares Zeichen setzen, dass wir h\u00f6chsten Wert auf die Qualit\u00e4t unserer Arbeit legen. Ich freue mich sehr, dass Munich Re diesen Anspruch durch die Partnerschaft unterstreicht.<\/p>\n\n\n\n

KI-Systeme k\u00f6nnen Fehler machen und rechtliche Vorgaben k\u00f6nnen unterschiedlich ausgelegt werden. Wo zieht ihr die Grenze zwischen einem Fehler eurer Technologie und der Verantwortung des Kunden?<\/h3>\n\n\n\n

Entscheidend ist, dass die Auslegung einer gesetzlichen Pflicht beim Kunden verbleibt. Unsere Aufgabe ist es, aus m\u00f6glichst vielen Daten eine fundierte Einsch\u00e4tzung zu liefern, ob ein Gesetz auf Basis der im System hinterlegten Unternehmensdaten als anwendbar einzustufen ist. Der Kunde ist daf\u00fcr verantwortlich, sein Unternehmen in unserem gef\u00fchrten Onboarding-Prozess vollst\u00e4ndig und korrekt abzubilden, gewisserma\u00dfen als \u201edigitalen Zwilling“. Wie belastbar unsere Einsch\u00e4tzung ist, machen wir \u00fcber einen sogenannten Confidence Score transparent. Er zeigt dem Kunden, ob ausreichend Daten vorliegen, um die Anwendbarkeit valide bewerten zu k\u00f6nnen. So bleibt jederzeit nachvollziehbar, auf welcher Grundlage eine Einsch\u00e4tzung beruht.<\/p>\n\n\n\n

Mehr als 110 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen nutzen Sustaind bereits. Was habt ihr dadurch \u00fcber die unterschiedlichen Compliance-Probleme von Unternehmen gelernt?<\/h3>\n\n\n\n

Wir haben vor allem gesehen, dass Compliance in vielen Unternehmen noch zu h\u00e4ufig ein isoliertes Silo ist, also eine separate Funktion neben dem eigentlichen Gesch\u00e4ft. In einer idealen Welt w\u00e4re Compliance aber gar keine eigene Funktion. Sie w\u00e4re direkt in die Wertsch\u00f6pfungsprozesse des Unternehmens integriert. Am Ende m\u00f6chte ein Unternehmen compliant sein und nicht Compliance machen.<\/p>\n\n\n\n

In der Vergangenheit hat man h\u00e4ufig versucht, eine sogenannte Compliance-Kultur zu etablieren, indem man Mitarbeitende sensibilisiert und schult. Das ist nicht per se schlecht, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch mit der besten Schulung ist Compliance damit noch nicht automatisiert und in die Prozesse integriert.<\/p>\n\n\n\n

Das gr\u00f6\u00dfte Potenzial sehe ich k\u00fcnftig in der direkten Verkn\u00fcpfung von Prozessen und Compliance-Anforderungen, und genau hier wird KI sehr viel ver\u00e4ndern. Erstmals wird eine wirklich prozessintegrierte Compliance m\u00f6glich. KI-Systeme werden Anforderungen auf Knopfdruck analysieren und eine R\u00fcckmeldung zum Compliance-Status geben k\u00f6nnen, \u00e4hnlich wie eine eigenst\u00e4ndige Pr\u00fcfinstanz.<\/p>\n\n\n\n

Die Zusammenarbeit eines jungen SaaS-Unternehmens mit einem internationalen R\u00fcckversicherer ist ungew\u00f6hnlich. Wie kam die Partnerschaft mit Munich Re zustande?<\/h3>\n\n\n\n

Wir haben uns schon l\u00e4nger mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie wir unseren Qualit\u00e4tsanspruch gegen\u00fcber unseren Kunden glaubw\u00fcrdig untermauern k\u00f6nnen. Bei unserer Suche und \u00fcber Kontakte aus unserem Netzwerk sind wir auf Munich Re aufmerksam geworden. Aus unserer Sicht ist Munich Re in diesem Bereich ein Vorreiter und hat die Bedeutung der technologischen Entwicklung von KI fr\u00fch erkannt. Entsprechend offen waren die Gespr\u00e4che von Beginn an. In mehreren Schritten haben wir anschlie\u00dfend gemeinsam die Details der Kooperation ausgearbeitet.<\/p>\n\n\n\n

Welche Vision verfolgt ihr mit Sustaind, und k\u00f6nnte die \u00dcbernahme von Risiken durch KI-Anbieter auch in anderen regulierten Branchen zu einem neuen Gesch\u00e4ftsmodell werden?<\/h3>\n\n\n\n

Compliance darf kein Hindernis f\u00fcr Wertsch\u00f6pfung sein. Compliance-Checks m\u00fcssen deshalb nahezu unsichtbar und in Echtzeit in die Prozesse von Unternehmen integriert werden. Das gilt umso mehr in einem agentischen Zeitalter, in dem KI-Systeme zunehmend Entscheidungen treffen. Dann braucht es glaubw\u00fcrdige Instanzen, die dazu beitragen, dass auch das Handeln von KI regelkonform ist, und genau dieses Puzzlest\u00fcck wollen wir sein. Ich glaube auch, dass sich dieser Gedanke \u00fcbertragen l\u00e4sst. In jedem Bereich, in dem f\u00fcr Unternehmen Risiken bestehen, k\u00f6nnen sich KI-Anbieter fragen, wie sie diese Risiken f\u00fcr ihre Kunden wirksam reduzieren und f\u00fcr die Qualit\u00e4t ihrer eigenen Leistung einstehen k\u00f6nnen. Das ist mehr, als nur das \u201eProzesswerkzeug\u201c zu liefern.<\/p>\n\n\n\n

Welche drei Ratschl\u00e4ge w\u00fcrdest du anderen Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcndern geben, die KI-Produkte f\u00fcr stark regulierte M\u00e4rkte entwickeln m\u00f6chten?<\/h3>\n\n\n\n

Ehrlich gesagt: niemals Ratschl\u00e4ge geben, die holen einen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter immer wieder ein. Was wir selbst versuchen, ist ganz einfach. Wir wollen jeden Tag einen kleinen Schritt vorankommen, unseren Kunden genau zuh\u00f6ren und ihre Erwartungen m\u00f6glichst \u00fcbertreffen.<\/p>\n\n\n\n

Bildcredits \u00a0Sustaind GmbH<\/p>\n\n\n\n

Wir bedanken uns bei\u00a0Louis Schulze<\/a>\u00a0f\u00fcr das Interview<\/p>\n\n\n\n

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.<\/p>\n\n\n\n