{"id":128142,"date":"2026-10-21T08:29:15","date_gmt":"2026-10-21T06:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=128142"},"modified":"2026-10-21T08:29:16","modified_gmt":"2026-10-21T06:29:16","slug":"curifox-app-stadt-raetselspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/curifox-app-stadt-raetselspiel\/","title":{"rendered":"Stadtspaziergang als Spiel: Das Startup CuriFox im Interview"},"content":{"rendered":"\n
Ich bin Roman, Softwareentwickler aus Frankfurt. CuriFox ist eine kostenlose App f\u00fcr iOS und Android, die aus einem Spaziergang durch die Stadt ein Spiel macht. Man w\u00e4hlt Start und Ziel oder einen Rundweg, die App baut daraus eine Route zu Fu\u00df, und an jeder Station gibt es eine kurze Geschichte und ein R\u00e4tsel zu dem, was man gerade vor sich sieht. Die Idee kam beim Spazierengehen. Ich gehe oft durch Viertel, die ich eigentlich kenne, und merke, dass ich \u00fcber die H\u00e4user und Pl\u00e4tze fast nichts wei\u00df. Eine gef\u00fchrte Tour passt dann selten: fester Termin, feste Gruppe, feste Strecke. Wir wollten eine Stadtf\u00fchrung, die man jederzeit starten kann und bei der man nicht nur zuh\u00f6rt, sondern selbst etwas herausfindet.<\/p>\n\n\n\n
Wir sind ein sehr kleines Team aus Frankfurt. Ich komme aus der Softwareentwicklung und habe den gr\u00f6\u00dften Teil der App, des Backends und der Datenverarbeitung selbst gebaut. Dazu kommt Unterst\u00fctzung bei Produktfragen, bei den Texten und beim Testen auf der Stra\u00dfe. Wir haben vorher an anderen Software-Produkten gearbeitet, aber noch nie an einem Spiel, das drau\u00dfen stattfindet. Das war neu f\u00fcr uns und hat viele Annahmen \u00fcber den Haufen geworfen.<\/p>\n\n\n\n
Das Problem ist einfach: Die meisten Menschen laufen jeden Tag an interessanten Orten vorbei und wissen nichts dar\u00fcber. Klassische Stadtf\u00fchrungen decken die Innenstadt ab und brauchen einen Termin. Wir wollen, dass man an jedem Ort und zu jeder Zeit losgehen kann. Zielgruppen sind erstens Leute, die ihre eigene Stadt neu entdecken wollen, zum Beispiel nach einem Umzug. Zweitens Besucher, die eine Stadt auf eigene Faust erkunden wollen. Und drittens Gruppen, die eine Stadtrallye oder Schnitzeljagd suchen, etwa Freunde, ein Junggesellenabschied, ein Team oder eine Schulklasse. F\u00fcr Gruppen ist der Vorteil, dass nichts gebucht werden muss und es nichts kostet.<\/p>\n\n\n\n
Die App kennt f\u00fcr jede Stadt viele tausend Orte mit einer Geschichte: Geb\u00e4ude, Denkm\u00e4ler, Pl\u00e4tze, Br\u00fccken, Parks. Wenn jemand Start und Ziel w\u00e4hlt, sucht die App Orte in einem Korridor zwischen den beiden Punkten und ordnet sie so, dass eine sinnvolle Strecke zu Fu\u00df entsteht, ohne Umwege und ohne dass man zweimal am selben Ort vorbeil\u00e4uft. Daf\u00fcr gibt es ein Kilometer-Budget, man w\u00e4hlt 1 bis 2 km, 3 bis 6 km oder mehr. Bei der Auswahl z\u00e4hlt, ob ein Ort wirklich etwas zu erz\u00e4hlen hat und ob man ihn vom Weg aus sieht, denn das R\u00e4tsel bezieht sich auf das, was man vor sich hat. Rundwege funktionieren genauso, nur mit demselben Start- und Zielpunkt.<\/p>\n\n\n\n
Die Orte kommen aus OpenStreetMap, die Hintergr\u00fcnde aus Wikipedia und Wikimedia. Eine Pipeline holt f\u00fcr jeden Ort die Quelltexte, pr\u00fcft, ob genug Substanz da ist, und erstellt daraus mit Sprachmodellen eine kurze Geschichte und ein R\u00e4tsel. Wichtig ist, dass die Texte aus den Quellen entstehen und nichts dazu erfunden wird. Wenn \u00fcber einen Ort zu wenig bekannt ist, fliegt er raus, dann lieber eine Station weniger. Die Inhalte werden danach in sieben Sprachen \u00fcbersetzt. Bevor eine Stadt freigeschaltet wird, pr\u00fcfen wir Stichproben und laufen Routen selbst ab. Fehler kommen trotzdem vor, und wir sind froh \u00fcber jede R\u00fcckmeldung in der App.<\/p>\n\n\n\n
Wir haben mit den St\u00e4dten angefangen, die wir selbst kennen, Frankfurt, Wiesbaden, Koblenz, und dann die gro\u00dfen deutschen St\u00e4dte dazugenommen, Berlin, Hamburg, M\u00fcnchen, K\u00f6ln, D\u00fcsseldorf, Stuttgart. Sp\u00e4ter kamen kleinere Orte wie Baden-Baden und R\u00fcdesheim und zwei Testorte im Ausland dazu. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist die Datendichte: In Berlin gibt es zu fast jedem Haus etwas, in einer kleinen Stadt m\u00fcssen wir genauer hinschauen, damit die Routen nicht d\u00fcnn werden. Jede neue Stadt l\u00e4uft durch dieselbe Pipeline, aber wir schauen uns das Ergebnis jedes Mal an, bevor es live geht. Technisch ist das Hinzuf\u00fcgen inzwischen eine Frage von Tagen, nicht Wochen.<\/p>\n\n\n\n
Technisch war das Schwierigste die Route selbst: Eine Strecke zu Fu\u00df zu bauen, die sinnvoll ist, die richtigen Orte in der richtigen Reihenfolge enth\u00e4lt und auf dem Handy schnell geladen ist. Dazu kamen eigene Karten, damit die App nicht von teuren Kartendiensten abh\u00e4ngt, und die Inhaltspipeline, die f\u00fcr tausende Orte stabil laufen muss. Organisatorisch war es die Entscheidung, wann etwas gut genug ist, um es Leuten in die Hand zu geben. Wir haben lange nur selbst getestet. R\u00fcckblickend h\u00e4tten wir fr\u00fcher mit fremden Leuten rausgehen sollen, da lernt man in einer Stunde mehr als in einer Woche am Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n
Die meisten Angebote sind von Hand gemachte Touren: Jemand hat eine Strecke gebaut, und genau diese Strecke kann man laufen, oft gegen Geld pro Gruppe. Bei uns gibt es keine festen Touren. Man w\u00e4hlt irgendeinen Start und irgendein Ziel in der Stadt, und die Route entsteht in dem Moment. Das funktioniert auch in Wohnvierteln, in denen nie jemand eine Tour angelegt hat. Dazu kommt die Spielmechanik: M\u00fcnzen f\u00fcr gel\u00f6ste R\u00e4tsel, mit denen man neue Routen freischaltet, und die eigenen Schritte, mit denen man neue St\u00e4dte freischaltet. Und es kostet nichts und muss nicht gebucht werden.<\/p>\n\n\n\n
Ein Abo passt nicht zu einem Produkt, das man vielleicht an drei Wochenenden im Monat nutzt und dann wieder zwei Wochen nicht. Wir wollten, dass jeder die App ohne Risiko ausprobieren kann. Routen bauen, laufen und Geschichten lesen kostet deshalb nichts. Wer schneller vorankommen will, kann sich Spielw\u00e4hrung kaufen, statt sie zu erlaufen. Langfristig sollen bezahlte Extras dazukommen, zum Beispiel das eigene Viertel auf Wunsch freischalten oder besondere Routen mit Partnern vor Ort. Ob das wirtschaftlich tr\u00e4gt, m\u00fcssen wir noch beweisen. Im Moment geht es uns darum, dass Leute die App finden und ihre erste Route laufen.<\/p>\n\n\n\n
In den ersten Tagen nach dem Start hatten wir rund hundert neue Nutzer, die meisten aus unserem eigenen Umfeld. Die wichtigste Erkenntnis war unangenehm: Viele haben sich registriert, aber nur etwa jeder Vierte hat tats\u00e4chlich eine Route gebaut, und noch weniger haben das erste R\u00e4tsel erreicht. Der Weg von der Installation bis zur ersten Station war zu lang. Daran arbeiten wir gerade: weniger Schritte am Anfang, schneller raus auf die Stra\u00dfe. Inhaltlich kam das Feedback, dass die R\u00e4tsel genau dann gut sind, wenn sie sich auf etwas Sichtbares beziehen, und schwach, wenn man die Antwort auch vom Sofa aus googeln k\u00f6nnte. Das ist jetzt eine Regel f\u00fcr die Inhalte. Gerade testen au\u00dferdem Geocacher aus mehreren St\u00e4dten die App und sagen uns ehrlich, was fehlt.<\/p>\n\n\n\n
Als N\u00e4chstes kommt das Freischalten des eigenen Viertels auf Wunsch, so dass man direkt vor der Haust\u00fcr loslegen kann, mit einer Variante f\u00fcr Kinder, bei der Spielpl\u00e4tze auf der Strecke liegen. Dazu ein Tagesplan, der jeden Tag eine andere kleine Route im eigenen Viertel vorschl\u00e4gt. Danach mehr St\u00e4dte in Europa. In drei bis f\u00fcnf Jahren soll CuriFox das sein, was man \u00f6ffnet, wenn man irgendwo in Europa eine Stunde Zeit hat und die Gegend zu Fu\u00df kennenlernen will, egal ob Gro\u00dfstadt oder Kleinstadt.<\/p>\n\n\n\n
Erstens: Fr\u00fch mit fremden Leuten testen, nicht mit Freunden. Freunde sind nett, Fremde zeigen einem, wo man sie verliert. Zweitens: Den Kern klein halten. Wir hatten lange Listen mit Funktionen, am Ende z\u00e4hlt nur, ob jemand die erste Route zu Ende l\u00e4uft. Drittens: Von Tag eins messen, wo die Leute aussteigen. Ohne diese Zahlen diskutiert man \u00fcber Meinungen statt \u00fcber Fakten.<\/p>\n\n\n\n
Bildcredits privat\/Roman Krivtsov<\/p>\n\n\n\n
Wir bedanken uns bei\u00a0Roman Krivtsov<\/a> f\u00fcr das Interview<\/p>\n\n\n\n Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.<\/p>\n\n\n\n