{"id":128167,"date":"2026-10-20T08:16:40","date_gmt":"2026-10-20T06:16:40","guid":{"rendered":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/?p=128167"},"modified":"2026-10-20T08:16:42","modified_gmt":"2026-10-20T06:16:42","slug":"automatisierung-ki-prozesse-startups","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/startupvalley.news\/de\/automatisierung-ki-prozesse-startups\/","title":{"rendered":"Automatisieren statt nachbesetzen"},"content":{"rendered":"\n

Es gibt einen Moment, den jede Gr\u00fcnderin f\u00fcrchtet: Die Mitarbeiterin, an der vieles h\u00e4ngt, sitzt dir gegen\u00fcber und k\u00fcndigt. Bei mir war es die Schl\u00fcsselperson in unserem Start-up \u2013 jemand, der Abl\u00e4ufe im Kopf hatte, die nirgends aufgeschrieben waren, und Aufgaben erledigte, von denen ich teilweise nicht einmal wusste, dass es sie gab.<\/p>\n\n\n\n

Mein erster Reflex war der naheliegende: nachbesetzen. Also schrieb ich die Stelle aus. Und stie\u00df auf eine Wand, die viele kleine Unternehmen in Bern kennen: Gegen die L\u00f6hne der Bundesverwaltung und gro\u00dfer Konzerne war schlicht nicht anzukommen. Wer sich zwischen einem sicheren, gut bezahlten Posten und einem Start-up entscheidet, w\u00e4hlt seltener das Start-up. Nach einigen Wochen war klar: Die Person, die ich suchte, w\u00fcrde ich zu diesen Bedingungen nicht so schnell finden, wie ich sie brauchte.<\/p>\n\n\n\n

Die unbequeme zweite Frage<\/h3>\n\n\n\n

Also stellte ich mir eine andere Frage. Nicht \u201eWen stelle ich ein?\u201c, sondern \u201eWas genau hat diese Person eigentlich getan \u2013 und muss das ein Mensch tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n

Das klingt k\u00fchler, als es gemeint ist. Es ging nicht darum, einen Menschen durch Technik zu ersetzen. Es ging darum, zum ersten Mal \u00fcberhaupt genau hinzuschauen, woraus diese Stelle bestand. Und das war ern\u00fcchternd: Ein gro\u00dfer Teil waren wiederkehrende Aufgaben. Daten von einem Ort an den anderen \u00fcbertragen. Standardantworten formulieren. Listen pflegen, Dokumente sortieren, immer gleiche Auswertungen erstellen.<\/p>\n\n\n\n

Vieles davon lie\u00df sich automatisieren. Nicht alles, aber genug, dass sich die Frage nach der Nachbesetzung neu stellte. Was \u00fcbrig blieb, war weniger, als ich gedacht hatte, und es war anders zugeschnitten.<\/p>\n\n\n\n

Was niemand auf die B\u00fchne stellt<\/h3>\n\n\n\n

Hier beginnt der Teil, \u00fcber den in den Hochglanz-Geschichten \u00fcber KI und Automatisierung nicht gesprochen wird. Automatisieren klingt nach einem Knopfdruck. In Wirklichkeit ist es vor allem eines: unspektakul\u00e4re und oft aufw\u00e4ndige Arbeit.<\/p>\n\n\n\n

Bevor auch nur ein Prozess automatisch laufen konnte, musste ich ihn verstehen. Das hei\u00dft: aufschreiben, was bisher nur im Kopf einer Person existierte. Oder, wie in vielen Unternehmen: In f\u00fcnf verschiedenen K\u00f6pfen existieren f\u00fcnf verschiedene Prozesse \u2013 welcher ist der richtige? Der n\u00e4chste Schritt ist also aufr\u00e4umen, denn die meisten gewachsenen Abl\u00e4ufe sind leider oft nicht logisch, sondern historisch. Sie sind so, weil sie immer so waren. Und schlie\u00dflich die Daten: Automatisierung funktioniert nur auf sauberen, verl\u00e4sslichen Daten. Auf einer \u201eSingle Source of Truth\u201c. Waren Eintr\u00e4ge unvollst\u00e4ndig, doppelt oder widerspr\u00fcchlich, musste das zuerst in Ordnung gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n

Es waren viele Stunden dieser Arbeit. Keine davon f\u00fchlte sich nach Innovation an. Niemand h\u00e4lt einen Vortrag dar\u00fcber, wie er eine Datenliste bereinigt hat. Aber genau diese Stunden waren die Voraussetzung daf\u00fcr, dass am Ende ein Prozess automatisiert lief.<\/p>\n\n\n\n

KI zeigt, was vorher schon unordentlich war<\/h3>\n\n\n\n

Dabei habe ich etwas gelernt, das ich heute in jeder Organisation wiedersehe, auch in den zehn Betrieben, die ich f\u00fcr mein Buch \u201eVom Hype zur Handhabung\u201c befragt habe: Automatisierung ist weniger ein Technologie-Projekt als ein Aufr\u00e4um-Projekt. KI und automatisierte Abl\u00e4ufe wirken wie ein grelles Licht. Sie zeigen schonungslos, wo die Prozesse unklar, die Verantwortlichkeiten diffus und die Daten chaotisch sind.<\/p>\n\n\n\n

Solange ein Mensch die L\u00fccken ausgleicht, f\u00e4llt das nicht auf. Menschen sind gro\u00dfartig darin, Unordnung stillschweigend zu \u00fcberbr\u00fccken. Sie denken mit, fragen nach oder improvisieren. Eine Automatisierung tut das nicht. Sie macht genau das, was man ihr sagt, und offenbart damit jede Unsch\u00e4rfe, die vorher jemand mitgetragen hat.<\/p>\n\n\n\n

Der eigentliche Gewinn<\/h3>\n\n\n\n

Am Ende stand nicht einfach eine eingesparte Stelle. Am Ende stand ein Unternehmen, das seine eigenen Abl\u00e4ufe zum ersten Mal wirklich kannte. Das Wissen steckte nicht mehr in einem Kopf, sondern in dokumentierten, nachvollziehbaren Prozessen. Die Daten waren sauber. Und die Arbeit, die weiterhin Menschen brauchte, war die interessantere: die, bei der es auf Urteil, Beziehung und Kreativit\u00e4t ankommt, nicht auf Wiederholung.<\/p>\n\n\n\n

H\u00e4tte ich die Stelle einfach nachbesetzt, h\u00e4tte ich keinen dieser Schritte gemacht. Ich h\u00e4tte die alte Unordnung an eine neue Person weitergereicht und das Wissen wieder in einem einzigen Kopf geparkt, bis zur n\u00e4chsten K\u00fcndigung.<\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder<\/h3>\n\n\n\n

Die K\u00fcndigung einer Schl\u00fcsselperson ist ein schlechter Moment. Aber sie ist auch eine Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die im Alltag untergeht: Woraus besteht diese Arbeit eigentlich und was davon muss ein Mensch tun?<\/p>\n\n\n\n

Automatisieren statt nachbesetzen ist dabei keine Sparma\u00dfnahme, die man sich sch\u00f6nredet. Es ist harte, unsichtbare Vorarbeit, die sich nur lohnt, wenn man sie ernst nimmt. Wer glaubt, KI erledige das nebenbei, wird entt\u00e4uscht. Wer bereit ist, zuerst aufzur\u00e4umen, bekommt mehr zur\u00fcck als eine gef\u00fcllte Stelle: Prozesse und Aufgaben, die verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n

Bild Lisa Catena Gyger Fotocredits : Susanne Goldschmid<\/a><\/p>\n\n\n\n

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.<\/p>\n\n\n\n