Montag, Januar 12, 2026
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Warum Chancengleichheit für Frauen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist

Zum zehnjährigen Bestehen der herCAREER Karrieremesse für Frauen spricht Gründerin Natascha Hoffner im Interview mit StartupValley darüber, wie Unternehmen Chancengleichheit in der Arbeitswelt schaffen und weibliche Talente langfristig halten können.

herCAREER feiert 10 Jahre – ein Jahrzehnt, in dem sich die Arbeitswelt, insbesondere für Frauen, stark verändert hat. Was geht Ihnen persönlich durch den Kopf, wenn Sie auf diese Entwicklung und Ihre eigene Rolle darin zurückblicken?

Natascha Hoffner: Vor Kurzem habe ich auf LinkedIn über unser zehnjähriges Jubiläum geschrieben, dass ich nie geplant hatte zu gründen, dass alles begann wegen einer Fernbeziehung, einer Schwangerschaft, dem Vorbild meiner alleinerziehenden Mutter und meiner Leidenschaft für Messe und Vertrieb und funktioniert hat es dank eines großartigen Teams auch in diesen unsicheren Zeiten. Diversity gerät unter Druck, doch viele Unternehmen halten dagegen. Auf den Beitrag habe ich sehr viele Rückmeldungen bekommen, was wir mit herCAREER alles bewegen konnten. Wir haben heute großartige Unterstützer:innen, Partner:innen und Unternehmen an unserer Seite. Sie nutzen unsere Plattform, um ihre Role Models sichtbar zu machen, ihre Geschichten zu teilen und ihre Expertisen zu zeigen.

Start-ups, KMU, Hidden Champions und Konzerne sind gleichermaßen vertreten, alle eint der Wunsch, kein Talent zu verlieren. Das ist die größte Wertschätzung zu wissen, dass unsere Arbeit für viele Frauen einen Unterschied macht. Der Weg dorthin war und ist arbeitsintensiv. Doch dieses Feedback zeigt mir, es lohnt sich. Unternehmertum ist selten einfach, aber sinnstiftend, wenn man sieht, was durch gemeinsames Engagement entsteht.

Wie hat sich die ursprüngliche Vision von herCAREER im Laufe der Jahre verändert oder weiterentwickelt, und welche Werte sind über all die Zeit konstant geblieben?

Natascha Hoffner: Meine Vision von herCAREER ist seit zehn Jahren im Kern unverändert. Chancengleichheit für alle erreichen und zwar bald. Nahbarkeit, Authentizität und Begegnungen auf Augenhöhe prägten herCAREER von Anfang an ebenso wie eine ehrliche, herzliche Kommunikation. Unser Ziel bleibt, die Arbeitswelt gemeinsam mit Unternehmen nachhaltig zu verändern für alle, aber besonders für Frauen. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, herCAREER war nie ein Event exklusiv für Frauen. Denn Veränderung gelingt nur gemeinsam und dazu gehören auch Männer, die sich als Verbündete für Gleichstellung verstehen. Wir sind kein Hochglanzprojekt, sondern eine Plattform für Austausch, konstruktive Impulse und sichtbares Engagement. Was vielleicht im Lauf der Jahre zugenommen hat, ist unser Mut, politische Themen zu adressieren.

Inwiefern verstehen Sie herCAREER heute auch als Plattform für gesellschaftliche Debatten und politischen Wandel?

Natascha Hoffner: Karrieren entstehen nie im luftleeren Raum sie entwickeln sich immer im Spannungsfeld gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen. Heute ist es wichtiger denn je, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen. Mit herCAREER stärken wir bewusst weibliche Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Wir verstehen uns als Wegbereiterin für den konstruktiven Dialog zwischen Unternehmen und Arbeitnehmer:innen. Denn echte Veränderung entsteht nur im gemeinsamen Austausch. Wir greifen bewusst Themen auf, die über klassische Karrierefragen hinausgehen etwa tödliche Gewalt gegen Frauen und Wege zur Prävention oder wie wir Frieden gestalten und welche Art von Regulierung das Internet braucht. Solche Themen zeigen Gleichberechtigung, Sicherheit, Demokratie und Teilhabe gehören untrennbar zusammen. Es geht um Haltung, Verantwortung und den Willen, Strukturen zu verändern. Wenn Frauen sichtbar werden, ihre Stimmen Gehör finden und Unternehmen bereit sind zuzuhören, entsteht gelebte Chancengerechtigkeit und der Mut, Dinge wirklich anders zu machen.

Sie haben mit der Gründung von herCAREER einen Ort geschaffen, an dem weibliche Karrieren sichtbar gemacht und gefördert werden. Welche Herausforderungen mussten Sie auf diesem Weg überwinden, die vielleicht hinter den Kulissen geblieben sind?

Natascha Hoffner: Unternehmerische Herausforderung ist für uns der Normalzustand. Lange dachte ich, das hört irgendwann auf. Wenn ich nur die Finanzierung stemme, die Corona-Zeit überstehe, digitale Tools einführe und die wirtschaftliche Flaute meistere dann habe ich es geschafft. Doch dann kamen die US-Wahlen. Heute weiß ich, genau das ist Unternehmertum. Keine Planungssicherheit, keine Garantie für den Erfolg, ständiges Abwägen verbunden mit Momenten von Zweifel, Wut oder Enttäuschung aber eben auch mit großer Freude, wenn sich der Einsatz auszahlt. Nichts passiert von allein. Dass wir heute so positiv wahrgenommen werden ist das Ergebnis harter Arbeit.

Die Messe hat sich zu einer der wichtigsten Plattformen für Female Empowerment im deutschsprachigen Raum entwickelt. Was war rückblickend der entscheidende Wendepunkt, an dem Sie gespürt haben Das Konzept funktioniert?

Natascha Hoffner: Einen klaren Wendepunkt gab es für mich eigentlich nicht. Meine Mitstreiterin Linda und ich wir glaubten vom Start weg an den Erfolg. herCAREER war von Beginn an anders als das was es bis dahin am Markt gab. Wir haben das Konzept Messe nicht neu erfunden aber die Messe-Erfahrung diese Nahbarkeit von allen Beteiligten unabhängig von ihrer Rolle oder Hierarchieebene das war neu. Dieses Gefühl von Aufbruch Veränderungsbereitschaft und fundierter Vernetzung das macht herCAREER zu mehr als nur einer Messe. Die größte Herausforderung lag darin mit minimalem Marketingbudget bekannt zu werden. Wenn ich heute höre herCAREER kennt man doch dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Voraus gingen unzählige Gespräche persönliche Begegnungen und hunderte Netzwerkveranstaltungen. Sichtbarkeit entsteht durch fundierte Beziehungen durch Zuhören und Beharrlichkeit. Ich greife lieber einmal zu oft zum Telefonhörer denn das hilft Verbindungen zu pflegen.

herCAREER steht nicht nur für Karriere sondern auch für Haltung Gleichberechtigung und Netzwerkgedanken. Wie gelingt es Ihnen diesen Spirit Jahr für Jahr neu zu entfachen?

Natascha Hoffner: Ich bin überzeugt den Spirit von herCAREER entfachen alle Beteiligten gemeinsam indem sie Offenheit Neugier und den Willen zur Veränderung zeigen. Es sind Menschen die bereit sind zuzuhören voneinander zu lernen und sich einzubringen. Jede und jeder darf einfach sie oder er selbst sein ohne sich in eine Schablone pressen zu müssen. Wir verbinden ganz unterschiedliche Branchen Themen und Communities. An zwei Tagen im Jahr entsteht ein Raum voller Möglichkeiten. Diese Atmosphäre macht für mich den Spirit aus und wirkt weit über die Messe hinaus.

Warum Frauen in Unternehmen um Chancengleichheit kämpfen Von links nach rechts:
Dr. Kathrin Braunwarth, Andrea Rexer, Prof. Dr. Jasmin Riedl, Anna Sophie Herken, Nicole Riggers, Hiltrud Werner, Birgit Oßendorf-Will, Christiane Brandes-Visbeck Bild: Fotoquelle: © herCAREER – Franz Pfluegl
Von links nach rechts:
Dr. Kathrin Braunwarth, Andrea Rexer, Prof. Dr. Jasmin Riedl, Anna Sophie Herken, Nicole Riggers, Hiltrud Werner, Birgit Oßendorf-Will, Christiane Brandes-Visbeck  Bild: Fotoquelle: © herCAREER – Franz Pfluegl

Wenn Sie auf die Entwicklungen der letzten zehn Jahre blicken wie hat sich Ihrer Meinung nach die Wahrnehmung von Frauen in Führungspositionen in Deutschland verändert?

Natascha Hoffner: Manche Klischees halten sich hartnäckig etwa dass Frauen nur in den Vorstand berufen werden weil Unternehmen auf die Quote schauen. Manche Besetzungen legen nahe dass man erst dann eine Frau in Erwägung zieht wenn die Krise so groß ist dass kein Mann den Job machen will. Die aktuellen Zahlen der Allbright Stiftung zeigen dass die Zahl der Vorstandsfrauen stagniert Deutschland ist da im europäischen Vergleich alles andere als ein Vorzeigebeispiel. Trotzdem gibt es viel Anlass zum Optimismus.

Frauen haben verstanden Gleichberechtigung fällt nicht vom Himmel. Rechte mussten sie sich stets erkämpfen oft gegen große Widerstände. Gleichzeitig sehe ich heute mehr Männer denn je zuvor die Frauen unterstützen und Verantwortung übernehmen. Es bewegt sich etwas durch das Engagement von Netzwerken Vereinen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Frauen fordern ihren Platz ein. Unternehmen die die besten Talente gewinnen und halten wollen müssen alte Muster hinterfragen und neue Wege gehen. Noch nie waren die Chancen für echte Veränderung so gut wie heute.

Netzwerken ist ein zentrales Element Ihrer Arbeit. Welche Begegnung oder Geschichte aus zehn Jahren herCAREER ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Natascha Hoffner: Mir fällt keine einzelne Geschichte ein die alles überstrahlt aber ich weiß wie viel eine persönliche Begegnung bewirken kann. Genau das liebe ich an meiner Arbeit mit Menschen in Kontakt zu kommen und sie als Verbündete zu gewinnen. Ob daraus eine Zusammenarbeit entsteht oder einfach ein ehrlicher nachhaltiger Austausch das ist zweitrangig. Entscheidend ist das gegenseitige Interesse die Bereitschaft einander Türen zu öffnen und voneinander zu lernen.

Wie gelingt es Ihnen persönlich als Unternehmerin und Mutter eine Balance zwischen beruflichem Anspruch und privatem Leben zu finden und hat sich Ihr Verständnis von Erfolg dadurch verändert?

Natascha Hoffner: Das gelingt mir insgesamt recht gut. Weil ich akzeptiere dass ich nicht für alles verantwortlich sein kann und auch nicht will. Ich kann nicht alles gleichzeitig sein perfekte Mutter ständig erreichbare Unternehmerin und stets verfügbare Ehefrau. Das ist ein Märchen meine Kraft hätte dafür nie gereicht. Als die Kinder kleiner waren war die Herausforderung mit einem frisch gegründeten Unternehmen enorm.

Aber der Papa hat zweimal den Löwenanteil der Elternzeit übernommen ist in allen WhatsApp-Gruppen der Kinder und managt ihre sportlichen Aktivitäten. Zahnarzt Kinderarzt und Friseur übernehme ich. Wenn er vom Elternabend kommt frage ich nur gibt es etwas Wichtiges das ich wissen muss und lasse zu nicht über alles Bescheid zu wissen. Finanzielle Unabhängigkeit war für mich immer ein zentraler Antrieb. Sie bedeutet Freiheit und Sicherheit zugleich. Und was mir heute besonders hilft ich nehme mir bewusst Zeit nur für mich ohne schlechtes Gewissen. Das ist ein wesentlicher Teil meines Erfolgsverständnisses geworden.

Was sind für Sie aktuell die größten strukturellen Hürden wenn es um die Chancengleichheit in der Arbeitswelt geht und wo sehen Sie dringenden Handlungsbedarf?

Natascha Hoffner: Ein zentrales Problem ist die ungleiche Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern. Sie entsteht oft rund um die Geburt des ersten Kindes und prägt Karrieren dauerhaft wie etwa Nicola Fuchs-Schündeln Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung betont. Staatliche und betriebliche Rahmenbedingungen verstärken diese Muster steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting ein Mangel an flächendeckender Kinderbetreuung und Unternehmenskulturen die Flexibilität noch immer als Ausnahme behandeln. Die Folge Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit was das Rollenmodell weiter zementiert. Wir müssen Leistung unabhängig von der Zahl der Wochenarbeitsstunden anerkennen. Und wir brauchen ökonomische Anreizsysteme die gleichberechtigte Erwerbsmodelle fördern. Chancengleichheit entsteht nicht durch individuelle Anstrengung sondern durch Rahmenbedingungen die sie ermöglichen.

Zum Abschluss Wenn Sie in weiteren zehn Jahren auf herCAREER zurückblicken könnten was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft dieser Plattform und der Frauen die sie inspiriert?

Natascha Hoffner: Mein größter Wunsch wäre dass herCAREER auch in zehn Jahren noch Brücken baut zwischen Wirtschaft Wissenschaft Politik und Gesellschaft. Und Frauen damit inspiriert mutig ihren eigenen Weg zu gehen und unabhängig von Stereotypen oder tradierten Rollenbildern ihre finanzielle Unabhängigkeit aufzubauen und zu bewahren.

Titelbild: Natascha Hoffner Fotografin: Sung-Hee Seewald

Wir bedanken uns bei Natascha Hoffner für das Interview

Mehr zu zehn Jahren herCAREER und den Perspektiven von Natascha Hoffner lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von StartupValley, erhältlich im Zeitschriftenhandel, in unserem Shop oder bei Readly.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Sabine Elsässer
Sabine Elsässer
Sabine Elsaesser is an experienced entrepreneur and media/startup expert. Since 2016, she has served as the Chief Editor and CEO of StartupValley Media & Publishing. In this role, she is responsible for managing the company and providing strategic direction for its media and publishing activities. Sabine Elsaesser takes great pleasure in assisting individuals and businesses in reaching their full potential. Her expertise in establishing sales organizations and her passion for innovation make her a valuable advocate for startups and entrepreneurs.
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