MAGNOTHERM steht für Kühlung ohne Kältemittel und neue technologische Ansätze
Wie würden Sie MAGNOTHERM und das Team dahinter vorstellen?
MAGNOTHERM ist ein DeepTech Startup mit tiefgreifender Expertise in Materialwissenschaften, Maschinenbau und Elektrotechnik. Das Team setzt sich aus Ingenieuren, Wissenschaftlern und Entrepreneuren zusammen, die sich gemeinsam das Ziel gesteckt hat, die Kältebranche umzukrempeln.
Welche wissenschaftliche Grundlage führte zur Gründung von MAGNOTHERM und wie beeinflusst sie Ihre Arbeit heute?
Das Gründerteam formierte sich am Fachgebiet Funktionale Materialien an der Technischen Universität Darmstadt, wo seit 2012 unter der Leitung von Prof. Dr. Oliver Gutfleisch erfolgreich an Permanentmagneten, Magnetokalorischen Materialien und mehr geforscht wird. Hinzu arbeitet Mitgründer Dr. Tino Gottschall am Hochfeld-Magnetlabor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf und erforscht magnetokalorische Materialien für umweltfreundliche Kühltechnologien sowie Anwendungen in der Wasserstoffverflüssigung. Vor diesem Hintergrund arbeiten wir tagtäglich an Sptizentechnologie, die den State-of-the-Art herausfordern.
Welche Vision verfolgen Sie für eine nachhaltige Kälte- und Wärmetechnologie und welchen Beitrag möchten Sie mit MAGNOTHERM leisten?
Unsere Vision ist es, die 500-Milliarden-USD-schwere Kältebranche nachhaltig zu verändern. Die aktuell dominierende Gaskompressionstechnologie muss abgelöst werden, um sichere und energieeffiziente Kühlung ohne klimaschädliche FCKW- oder FKW-Kältemittel bereitstellen zu können. Unsere Mission ist es, die Technologie der Magnetischen Kühlung als bessere Alternative zur Gaskompression am Markt zu etablieren.
Für welche Anwendungen oder Branchen ist Ihre magnetokalorische Technologie besonders relevant und wie erfüllen Sie deren Anforderungen?
Wir sind im Lebensmitteleinzelhandel gestartet und haben mit POLARIS und ECLIPSE zwei Produkte für Getränke- und Lebensmittelkühlung vorgestellt. Mit der STELLAR-Plattform, die wir zusammen mit Kunden entwickeln, kann unsere Technologie für IT-Equipment, Gebäudeklimatisierung und industrielle Anwendungen genutzt werden. Es handelt sich immer um einen sog. Kaltwassersatz, der temperiertes Wasser für die jeweilige Anwendung zur Verfügung stellt und sich so nahtlos in bestehende Konzepte integrieren lässt.
Ihre Lösungen kommen ohne klimaschädliche Kältemittel aus. Wo sehen Sie darin den größten Vorteil für Kunden und Umwelt?
Unser Vorteil ist, dass wir sowohl sichere als auch energieeffiziente Kühlung bereitstellen können, die den regulatorischen Anforderungen erfüllen und kein hochqualifiziertes Wartungspersonal erfordert. Der Trend weg von FCKW- und FKW-Kältemitteln ist umumkehrbar. Bereits heute ist Kühlung für ca. 10% aller Treibhausgase verantwortlich und der Bedarf an Kühlung wird in den kommenden Jahrzenten explodieren. Mit dem Montreal-Protokoll konnten wir als Weltgemeinschaft das Ozonloch stabilisieren. Weitere Verordnungen zielen nun auf Kältemittel mit extrem hohen Treibhauspotential ab, die bis zu 20.000-mal höher als CO2 sind. Die Alternativen setzen zum Teil PFAs frei und werden zukünftig auch reguliert. Die einzigen Alternativen sind Natürliche Kältemittel, die explosiv, entzündlich, stark komprimiert oder giftig sind. Dies macht Kühlung teurer, erfordert zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und bedarf hochqualifizierte Kältetechniker.
Welche technischen oder regulatorischen Herausforderungen begegnen Ihnen beim Aufbau marktreifer magnetokalorischer Systeme und wie gehen Sie damit um?
Wir haben mit der CE-Zertifizierung geringe regulatorische Anforderungen und konnten auch die technische Machbarkeit sowie Dauerfestigkeit mit der POLARIS- und ECLIPSE-Plattform demonstrieren. Unsere größte Herausforderung in der Markteinführung ist es, die Produktion der Systeme im Einklang mit den Kundenanforderungen zu finanzieren.
Was macht MAGNOTHERM einzigartig im Vergleich zu klassischen Kühl- und Heiztechnologien?
Wir verzichten komplett auf das Kältemittel. Damit haben wir null Treibhauspotential, setzen kein PFAs frei und können die Energieeffizienz deutlich steigern. Darüber hinaus können wir zwischen Kühlen und Heizen umschalten. Somit sind unsere Lösungen nicht nur von allen Regularien befreit, auch die Wartung wird deutlich einfacher, sodass man kein hochspezialisiertes Personal vonnöten ist.
Wie schwierig ist es, neue Technologien in etablierten Branchen wie Kühlung oder Gebäudetechnik zu platzieren, und welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?
Die Kühlbranche ist die unsichtbare Infrastruktur, die essentiell für unsere Gesellschaft ist. Wenn die Kühlung ausfällt, bedeutet das im mildesten Fall nicht funktionierende Maschinen oder keine kalten Getränke, aber im schlimmsten Fall der Ausfall des Internets, unterbrochene Kühlketten in der Lebensmittelversorgung bis hinzu Todesfällen durch Überhitzung oder fehlende Medikamente. Dementsprechend ist die Ausfallsicherheit der Systeme die absolute Priorität. Für hochintegrierte Systeme, wie das bei Gebäuden der Fall ist, ist dies umso wichtiger, denn ein Tausch ist aufwendig und teuer. Darüber hinaus sind viele Akteure entlang der Wertschöpfungskette involviert.
Vor diesem Hintergrund müssen wir mit unserer neuartigen Technologie sicherstellen, dass die Ausfallsicherheit gegeben ist und vom Kunden abgenommen wird. Wir konzentrieren uns daher auf Anwendungen mit kurzen Wertschöpfungsketten, sodass wir den direkten Zugang zu den Betreibern der Systeme aufbauen können und möglichst alle intermediären Parteien zunächst umgehen. Dies ist vor allem im Lebensmitteleinzelhandel möglich, die verschiedenste Kühlsysteme, von ganz klein bis hin zu gesamten Gebäudekomplexen, im Einsatz haben und diese häufig selbst besitzen und betreiben.
Welche Weiterentwicklungen oder neuen Anwendungen planen Sie in den kommenden Monaten?
Auf Basis unserer ECLIPSE-Plattform werden wir mit Kühlregalherstellern verschiedene magnetische Kühlmöbel entwickeln und Endkunden im LEH liefern. Mit ECLIPSE 2D und ECLIPSE TL haben wir bereits für Testzwecke zwei Kühlmöbel entwickelt, die direkt bei uns erworben werden können. Für den weiteren Produktionsaufbau arbeiten wir jedoch mit etablierten Kühlregalherstellern zusammen, sodass MAGNOTHERM sich auf die kälteerzeugende ECLIPSE-Plattform konzentriert. Darüber hinaus wird die ECLIPSE-Plattform für weitere Anwendungen weiterentwickelt. Jüngst haben wir mit einem Partner erfolgreich getestet, dass ECLIPSE sich auch für Raumklimatisierung von Container-basierten Wohneinheiten eignet. Darüber hinaus entwickeln wir mit Partnern unsere STELLAR-Plattform weiter, um magnetische Kühlung auch für größere Leistungsbereiche einsatzfähig zu machen.

Wie verändert sich der Markt für nachhaltige Kühltechnologien aus Ihrer Sicht und welche Rolle möchte MAGNOTHERM künftig einnehmen?
Über den Lauf der vergangenen fünf Jahre habe ich einen stark steigendes Interesse an nachhaltiger Kühlung wahrgenommen. Mit natürlichen Kältemitteln gibt es bereits Lösungen, die das Treibhauspotential von Kühlsystemen deutlich senken können. Aufgrund der Sicherheitsrisiken und der komplizierten Wartung ist die Marktdurchdringung jedoch langsam. Daher laufen weiterhin 95% der Kältesysteme auf den umweltschädlichen und gesundheitsschädlichen Kältemitteln. Der Bedarf an sicheren sowie energieeffizienten Kühllösungen ist daher größer denn je. Hier nimmt MAGNOTHERM bereits heute eine führende Rolle als Pionier von kältemittel-freien Kühlsystemen ein und wird die Zukunft der Kältebranche maßgeblich beeinflussen.
Welche Bedeutung hat es für euch, dass MAGNOTHERM Teil des de:hub Netzwerks ist und welche Vorteile ergeben sich daraus?
Das de:hub Netzwerk bringt alle relevanten Akteure aus der Startup-Branche zusammen und hat uns ermöglicht, unsere internationale Präsenz durch Messebesuche aufzubauen und mittels Match-Making persönliche Kontakte zu Finanzinvestoren und Kooperationspartner zu knüpfen.
Würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern empfehlen, ihr Startup ebenfalls im Umfeld des de:hub aufzubauen, und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Das de:hub wird international als die Eintrittstür in die deutsche Startup-Szene verstanden. Teil dieses Netzwerkes zu sein hilft enorm, eine Plattform für Kooperationen zu schaffen und mit potentiellen Partnern ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus ist der Austausch zwischen den teilnehmenden Startups von großem Wert.
Welche drei Ratschläge möchten Sie Gründerinnen und Gründern mitgeben, die im Bereich Deep Tech oder nachhaltige Industrieinnovation starten möchten?
Um erfolgreich eine Deep Tech Innovation umzusetzen bedarf es aus meiner Erfahrung nach multipler Finanzierungsinstrumente. Neben Risikokapital von Venture Capitalists sollte man sich gut über regionale, nationale oder internationale Förderprogramme informieren und genau evaluieren, wie diese die Entwicklungskosten ganz oder teilweise decken können. Ein diverses Gründer-Team, d.h. verschiedene Erfahrungen, Perspektiven, Meinungen und Qualifikationen erhöhen in komplexen Entscheidungsräumen die Qualität der Entscheidungen. Wichtig dabei ist, dass man als Team konsensfähig ist und zügig zu Entscheidungen kommt. Für nachhaltige Industrieinnovationen kann ich empfehlen, den Nachhaltigkeitsaspekt aus persönlicher Überzeugung zu verfolgen, für Kunden jedoch weitere Vorteile herauszuarbeiten, sodass ein breites Werteversprechen gemacht werden kann.
Bildcredits © MAGNOTHERM
Wir bedanken uns bei Timur Sirman für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
























