Photonik, Startups und Digitalisierung stehen im Zentrum des dehub Jena und treiben die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsmodelle voran.
Wie würden Sie den de:hub Jena unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und welche zentrale Funktion nimmt der Hub im digitalen Innovationsnetzwerk Deutschlands ein?
Der de:hub Jena – Photonics & Digital Experience Platforms – verbindet zwei Stärken, die in Thüringen besonders ausgeprägt sind: weltweit führende Photonik-Forschung und eine wachsende Digitalwirtschaft. Diese beiden Stärken bringen wir in das de:hub-Netzwerk ein. Daneben stärken wir die Schnittstelle im Sinne von “Photonics Enabling Digital Experience Platforms (PDXP)”. Das bedeutet: Technologien aus Optik und Photonik werden gezielt mit digitalen Plattformtechnologien, Künstlicher Intelligenz oder Extended Reality-Ansätzen kombiniert, um neue Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Der Hub wird gemeinsam von Jena Digital e. V., dem Photonik-Cluster OptoNet e. V. und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF mit dem Digital Innovation Hub Photonics (DIHP) getragen. Zusammen repräsentieren diese Netzwerke rund 200 Unternehmen, Startups und Forschungseinrichtungen. Damit ist der de:hub Jena ein zentraler Knotenpunkt im deutschen Digital-Hub-Netzwerk für Deep-Tech-Innovation an der Schnittstelle von Photonik und digitalen Plattformen.
Jena ist bekannt für eine starke Verknüpfung von Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft. Was macht die Region als Standort für einen Digital Hub besonders vielversprechend und welche Alleinstellungsmerkmale zeichnet das lokale Ökosystem aus?
Jena ist seit mehr als 150 Jahren ein High-Tech-Standort. Unternehmen wie ZEISS, SCHOTT oder Jenoptik sind hier entstanden und prägen bis heute die globale Photonik-Industrie. Gleichzeitig hat sich rund um diese Industrien ein außergewöhnlich dichtes Forschungs- und Innovationsökosystem entwickelt.
Mit Einrichtungen wie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, dem Fraunhofer IOF, dem Leibniz-IPHT, mehreren Max-Planck-Instituten, dem Helmholtz-Institut Jena und dem DLR-Institut für Datenwissenschaften verfügt die Region über eine der höchsten Dichten an wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland. Verbunden mit der geographischen Tallage und den kurzen Wegen im Thüringer Innovationsraum entsteht hier so der typische Valley-Charakter. Diese Innovationsleistung zeigt sich u. a. in den Patentanmeldungen: Im Jahr 2022 kamen in Jena rund 261 Patentanmeldungen auf 100.000 Einwohner – deutlich mehr als der deutsche Durchschnitt von etwa 45.
Der de:hub Jena adressiert spezifische Technologiefelder und gesellschaftliche Herausforderungen. Auf welche Themen oder Branchen legen Sie den Fokus und wie spiegeln diese den Charakter des Standorts wider?
Der Hub konzentriert sich auf Technologien, die besonders stark aus der regionalen Forschungs- und Industrielandschaft hervorgehen. Dazu gehört vor allem Photonik – also Technologien rund um Licht, optische Systeme, Sensorik oder Laser.
Diese Technologien sind zentrale Enabler für viele Zukunftsfelder, etwa Mikroelektronik, Medizintechnik, Raumfahrt, Quantenkommunikation oder autonome Systeme. Gleichzeitig werden sie zunehmend mit digitalen Technologien kombiniert. Deshalb spielen im Hub auch Künstliche Intelligenz, datengetriebene Plattformen, Machine Vision, IoT oder XR-Technologien eine wichtige Rolle.
Gerade diese Verbindung von Deep Tech und digitaler Kompetenz spiegelt die Stärke des Standorts Jena wider. Sie baut auf einer starken technologischen „Heritage“ auf – also auf über 150 Jahre gewachsenem Wissen und industrieller Erfahrung insbesondere in Optik, Photonik und auch im Bereich digitaler Geschäftsmodelle, etwa im E-Commerce. Hier entstehen Innovationen, bei denen hochpräzise photonische Systeme mit Software, Datenanalyse und KI zusammenarbeiten.
Gleichzeitig verstehen wir Photonik und Digital Experience Platforms bewusst als Querschnittstechnologien und Enabler für viele traditionelle Branchen. Unternehmen aus Bereichen wie Maschinenbau, Automotive, Energie, Landwirtschaft, Logistik, Raumfahrt oder Defense nutzen zunehmend Lösungen aus Photonik, Datenplattformen und KI, um ihre Produkte und Prozesse zu digitalisieren. Der de:hub Jena versteht sich daher nicht nur als Plattform für neue Startups, sondern auch als Impulsgeber für die digitale Transformation etablierter Industrien.
In welcher Form begleitet der de:hub Jena Startups bei der Entwicklung ihrer Ideen – von der ersten Validierung bis hin zur Markteinführung und späteren Skalierung?
Ein zentrales Instrument ist der Digital Innovation Hub Photonics (DIHP). Über dieses Programm können Startups direkt mit führenden Forschungseinrichtungen aus der Photonik zusammenarbeiten. Besonders wichtig sind dabei die sogenannten DIHP-Pitches. Hier erhalten ausgewählte Teams Forschungsbudgets in Form mehrerer Personenmonate an den beteiligten Instituten. Dadurch können Startups ihre Ideen gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weiterentwickeln. Diese Zusammenarbeit ermöglicht Startups Zugang zu einzigartiger Forschungsinfrastruktur und hochspezialisiertem Know-how.
Ergänzend profitieren Startups vom Netzwerk der Industriepartner, etwa aus der Photonik-Industrie, der Digitalwirtschaft oder der Medizintechnik. Dadurch entstehen Pilotprojekte, erste Kundenbeziehungen und Möglichkeiten zur Skalierung.
Welche Rolle spielen anwendungsnahe Kooperationen innerhalb des Hubs – etwa mit Forschungseinrichtungen, mittelständischen Unternehmen oder Technologieführern?
Anwendungsnahe Kooperationen sind das Herzstück unseres Innovationsmodells. Deep-Tech-Innovationen entstehen selten isoliert in einem Startup oder einem Institut. Sie entstehen an der Schnittstelle von Forschung, Industrie und Unternehmertum.
Im Thüringer Ökosystem ist diese Zusammenarbeit besonders eng. Forschungseinrichtungen, mittelständische Hidden Champions und internationale Technologiekonzerne arbeiten regelmäßig gemeinsam an Projekten. Der Hub unterstützt diese Kooperationen aktiv, zum Beispiel durch Matching-Formate oder gemeinsame Innovationsprojekte.
Gerade für Startups ist diese Struktur ein großer Vorteil. Sie können ihre Technologien früh mit Industriepartnern testen und schneller in marktfähige Anwendungen überführen.
Welche Initiativen, Formate oder Programme bieten Sie an, um Gründerinnen und Gründern konkrete Impulse zu geben, Netzwerke aufzubauen oder Partner für gemeinsame Projekte zu finden?
Neben dem DIHP gibt es im Thüringer Ökosystem eine Reihe von Formaten, die gezielt auf Startups ausgerichtet sind. Dazu gehört insbesondere der iHUB am Leistungszentrum für Intelligente Signalanalyse und Assistenzsystem (InSignA) in Ilmenau. Der iHUB ist das Schwesterprogramm des DIHP, nur dass der iHUB hauptsächlich Sensorikthemen adressiert. Zudem gibt es das Programm “getstarted2gether” der wirtschaftsnahen Forschungsinstitute in Thüringen. Alle werden vom Freistaat Thüringen finanziert. Zusätzlich gibt es die Investor Days Thüringen oder das Thüringer Regionale Innovationsprogramm für Start-ups (TRIP) der Stiftung für Innovation, Forschung und Technologie (STIFT).
Darüber hinaus organisiert der Hub regelmäßig Hackathons, Meetups, Fachveranstaltungen sowie Mitteldeutschlands erstes KI-Barcamp. In unseren Fachgruppen sowie Meetups bringen wir regelmäßig Entwicklerinnen, Forschende und Gründer zusammen.
Auch internationale Programme spielen eine Rolle. Über Initiativen wie den DIHP, der auch offen ist für internationale Bewerbungen, den International Startup Campus oder internationale Photonik-Netzwerke entstehen Kontakte zu internationalen Gründerteams, Investoren und Technologiepartnern.
Jena ist geprägt von Branchen wie Optik, Photonik, Medizintechnik und Life Sciences. Welche Chancen sehen Sie in der Verbindung dieser klassischen Industriesektoren mit digitalen Geschäftsmodellen und wie unterstützt der Hub dabei?
Photonik ist eine der zentralen Schlüsseltechnologien der digitalen Transformation. Ohne optische Technologien gäbe es viele digitale Anwendungen nicht – von der Halbleiterfertigung bis zur Glasfaserkommunikation.
Wenn diese Technologien mit KI, Softwareplattformen oder Datenanalyse kombiniert werden, entstehen völlig neue Geschäftsmodelle. Beispiele sind KI-gestützte Bildgebung in der Medizintechnik, intelligente Sensorsysteme für Industrieanlagen oder datenbasierte Plattformen für industrielle Anwendungen.
Der Hub unterstützt diese Entwicklung, indem er gezielt Kooperationen zwischen Deep-Tech-Industrien, digitalen Startups und traditionellen Branchen fördert. Ziel ist es, photonische Technologien, KI und Plattformlösungen als Enabler für industrielle Innovation nutzbar zu machen. So entstehen Lösungen für intelligente Produktion im Maschinenbau, datenbasierte Systeme im Energiesektor, autonome Logistikprozesse oder neue Anwendungen in Raumfahrt und Defense. Dadurch entstehen Innovationen, die sowohl technologische Tiefe als auch digitale Skalierbarkeit besitzen und gleichzeitig zur Digitalisierung der Wirtschaft beitragen.
Wie messen Sie den Einfluss und Erfolg Ihrer Aktivitäten – sowohl mit Blick auf die Startups, die Sie begleiten, als auch auf die Entwicklung des regionalen Innovationsstandorts insgesamt?
Der Erfolg eines Innovationsökosystems lässt sich nicht nur an einer Kennzahl messen. Wir betrachten mehrere Faktoren. Dazu gehören die Anzahl neuer Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen, Investitionen in Startups oder erfolgreiche Kooperationen zwischen Startups und Industrie.
Auch internationale Förderprogramme sind ein wichtiger Indikator. Startups aus dem Umfeld des Hubs konnten beispielsweise Förderungen aus Programmen wie dem EIC Accelerator oder SPRIND gewinnen.
Darüber hinaus beobachten wir langfristige Effekte: neue Arbeitsplätze im High-Tech-Sektor, internationale Partnerschaften oder erfolgreiche Scale-ups aus der Region.
Digitale Innovation funktioniert zunehmend über Grenzen hinweg. Wie profitieren Startups im de:hub Jena vom Austausch mit anderen de:hub Standorten sowie internationalen Netzwerken und Clustern?
Als Teil der deutschen de:hub Initiative ist Jena mit mehr als 20 Innovationsstandorten in Deutschland verbunden. Dadurch können Startups aus Thüringen sehr schnell Kontakte zu Unternehmen, Investoren oder Forschungseinrichtungen in anderen Technologieregionen knüpfen.
Ein Beispiel sind Kooperationen mit anderen Hubs, etwa in Hamburg. Hier entstehen gemeinsame Innovationsprojekte oder Pilotanwendungen mit großen Industriepartnern, die uns hier in Thüringen zum Teil fehlen.
Darüber hinaus ist der Standort über Netzwerke wie die Global Photonics Alliance international vernetzt. Diese Partnerschaften eröffnen Startups Zugang zu internationalen Märkten, Forschungskooperationen und Investoren.
In welche Richtung soll sich der de:hub Jena mittelfristig weiterentwickeln und welche strategischen Ziele haben Sie für die kommenden Jahre – insbesondere, um die Innovationskraft der Region noch stärker zu entfalten?
Der de:hub Jena nutzt die besondere Kompetenz und technologische „Heritage“ des Standorts in Photonik und Digitalisierung, um daraus neue Deep-Tech-Startups und Innovationen für Deutschland und Europa zu entwickeln. Unser Ziel ist es, Jena als europäischen Deep-Tech-Innovationsraum an der Schnittstelle von Photonik und digitalen Technologien zu positionieren.
Dafür setzen wir auf drei Kernpunkte. Erstens stärken wir gezielt die Verbindung von Photonik und digitalen Technologien. Photonik ist eine Schlüsseltechnologie für Zukunftsfelder wie KI-gestützte Produktion, Medizintechnik, Quantentechnologien oder Raumfahrt. Wenn diese Technologien mit Software, Daten, Künstlicher Intelligenz und Plattformökonomien zusammenkommen, entstehen völlig neue Anwendungen und Geschäftsmodelle.
Zweitens arbeiten wir am Standort an der Stärkung von Gründungs- und Skalierungsstrukturen.
Jena verfügt über exzellente Forschung und starke Industriepartner. Entscheidend wird sein, diese Kompetenz noch stärker zu Ausgründungen zu führen und daraus international erfolgreiche Startups zu entwickeln. Dazu benötigen wir mehr Strukturen an der Schnittstelle von Wirtschaft, Wissenschaft und Gründungen – etwa besseren Zugang zu Kapital, Pilotkunden und internationalen Märkten sowie gemeinsam mit der Wirtschaft entwickelte, hochspezialisierte Begleitprogramme für Startups.
Drittens wollen wir die internationale Sichtbarkeit des Standorts weiter ausbauen. Jena hat weltweit anerkannte Photonik- und Digital-Kompetenz. Der de:hub kann dazu beitragen, diese Stärke international sichtbarer zu machen und neue Partnerschaften mit Innovationshubs, Technologieclustern und globalen Industriepartnern aufzubauen.
Unser Ziel ist klar: Aus der starken Forschungs- und Industriekompetenz des Standorts sollen mehr international erfolgreiche Digital- und Deep-Tech-Startups entstehen.
Bild von links nach rechts: Dr. Robert Kammel (Fraunhofer IOF), Christian Grötsch (Vorstand Jena Digital), Nora Kirsten (OptoNet e. V.), Viktoriya Demchyk (Jena Digital e. V.), Domenique Dölz (Jena Digital e. V.), Anke Siegmund (OptoNet e. V.), Dr. Sebastian Händschke (Fraunhofer IOF), Hans Elstner (Vorstand Jena Digital) Credits: de:Hub Jena
Wir bedanken uns für das Interview
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