Die Patronus Notruf Uhr steht für eine neue Generation von Sicherheitstechnologie für Seniorinnen und Senioren
Wie ist Patronus entstanden und wer steht hinter der Entwicklung der Notruf-Uhr?
Patronus wurde 2020 von Ben Staudt und Tim Wagner in Berlin gegründet. Der Ausgangspunkt war eine persönliche Beobachtung: Bens Großmutter hatte einen Hausnotruf-Knopf und trug ihn nie. Sie nannte ihn ihre „Nachttischdekoration“. Zu klobig, zu stigmatisierend, zu sehr das Eingeständnis, dass man Hilfe braucht.
Bevor wir unser erstes Produkt entwickelt haben, haben wir mit über tausend potenziellen Kunden gesprochen. Was wir gehört haben, hat uns bestätigt: Das ist kein Einzelfall. Das ist ein strukturelles Problem.
Was hat euch dazu bewegt, den klassischen Hausnotruf neu zu denken?
Der rote Knopf ist seit Jahrzehnten unverändert, obwohl sich die Zielgruppe deutlich verändert hat. Heutige Senioren sind aktiver, mobiler, digital-affin und selbstbewusster als die Generationen vor ihnen. Sie wollen nicht als hilfsbedürftig wahrgenommen werden. Sie wollen raus, unterwegs sein, ihr Leben leben. Ein Gerät, das nur zu Hause funktioniert und nach Medizintechnik aussieht, passt nicht mehr zu dieser Realität. Wir haben uns gefragt: Wie würde ein Gerät aussehen, das Menschen wirklich tragen wollen, weil es ihr Leben erleichtert, nicht weil es sie an ihre Verletzlichkeit erinnert?
Welche Vision verfolgt Patronus im Bereich Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag?
Wir wollen eine Welt schaffen, in der Älterwerden Sicherheit, Unabhängigkeit und Verbindung bedeutet, unterstützt durch Technologie, die sich an Menschen anpasst, nicht umgekehrt. Das klingt groß, ist aber sehr konkret gemeint: Wer weiß, dass im Notfall sofort Hilfe da ist, traut sich mehr. Geht spazieren. Bleibt länger selbstständig.
Wie möchtet ihr diese Vision in den kommenden Jahren konkret umsetzen?
In drei Richtungen. Erstens: Marktführerschaft in Deutschland weiter ausbauen und in Europa expandieren. Zweitens: Die Familien-App weiterentwickeln, sodass Angehörige noch besser eingebunden sind. Drittens: Einsamkeit im Alter aktiv angehen. Wir arbeiten an einem KI-Begleiter auf der Uhr, einem digitalen Gesprächspartner für die Stunden, in denen niemand da ist. 12 % der Menschen über 75 führen an einem durchschnittlichen Tag kein persönliches Gespräch. Das ist ein Gesundheitsproblem, das wir nicht ignorieren können.
An wen richtet sich euer Produkt in erster Linie und welche Bedürfnisse stehen dabei im Fokus?
Unsere Kernzielgruppe sind Seniorinnen und Senioren, die selbstständig leben. Unser durchschnittlicher Nutzer ist 78 Jahre alt, lebt allein und ist primär weiblich. Was sie eint: Sie wollen so lange wie möglich ihr eigenes Leben führen. Sie wollen nicht zur Last fallen. Und sie wollen wissen, dass im Ernstfall jemand da ist, ohne ständig daran erinnert zu werden, dass ein Ernstfall eintreten könnte. Genau dieses Spannungsfeld versuchen wir aufzulösen.
Welche Rolle spielen Angehörige im Konzept von Patronus?
Eine zentrale Rolle. Heute sind 25.000 Angehörige über die Patronus-Familien-App mit ihren älteren Familienmitgliedern verbunden. Die App löst ein emotionales Dilemma: Man macht sich Sorgen, will aber nicht kontrollieren. Sie zeigt, ob die Uhr getragen wird, ob die Person das Haus verlassen hat, wo sie gerade ist, und benachrichtigt im Notfall sofort. Eine Tochter, die weit weg wohnt, muss nicht mehr täglich anrufen, um sicherzugehen. Sie kann loslassen, weil sie Bescheid weiß. Und die Mutter behält ihre Selbstständigkeit, weil jemand im Hintergrund da ist, ohne dass sie sich täglich erklären muss.
Was unterscheidet Patronus von klassischen Hausnotrufsystemen und anderen Lösungen am Markt?
Drei Dinge. Erstens: Mobilität. Unsere Uhr funktioniert überall in Deutschland, nicht nur zu Hause. Eine integrierte SIM-Karte macht sie unabhängig von Basisstationen. Zweitens: Design. Sie sieht aus wie eine normale Smartwatch, kommt in verschiedenen Farben und signalisiert nichts außer Stil. Drittens: Nutzung. 85 % unserer Nutzerinnen und Nutzer tragen die Uhr täglich. Das ist der eigentliche Beweis. Ein Notfallgerät, das nicht getragen wird, ist kein Notfallgerät.
Welche Herausforderungen begegnen euch bei der Entwicklung und Verbreitung eurer Notruf-Uhr?
Die größte Herausforderung ist Vertrauen. Senioren sind eine Zielgruppe, die von der Technologiebranche jahrzehntelang enttäuscht oder ignoriert wurde. Komplizierte Geräte, überfordernde Interfaces, Produkte, die für sie gebaut wurden, ohne sie zu fragen. Wir müssen jeden Tag beweisen, dass wir es anders meinen. Durch Einfachheit, durch persönlichen Support, durch ein Produkt, das wirklich funktioniert.
Wie geht ihr mit dem Spannungsfeld zwischen einfacher Bedienbarkeit und moderner Technik um?
Indem wir Komplexität verstecken, nicht vereinfachen. Die Uhr hat im Wesentlichen einen Knopf. Dahinter steckt eine Infrastruktur aus Notrufzentralen, GPS-Tracking, Familien-App und bald KI. Aber das sieht der Nutzer nicht. Wir haben von Anfang an mit echten Nutzern entwickelt, nicht für sie. Über tausend Gespräche vor dem ersten Produkt. Kontinuierliches Feedback danach. Die Frage war immer: Was braucht eine Person, die 78 ist und nicht mit dem Smartphone groß geworden ist? Und was braucht sie nicht?
Welche Weiterentwicklungen oder neuen Funktionen plant ihr für Patronus?
Kurzfristig: Ausbau der Familien-App mit mehr Kommunikationsfunktionen und relevanten Notfallinformationen. Mittelfristig: der KI-Begleiter, ein digitaler Gesprächspartner auf der Uhr, der Einsamkeit im Alter aktiv adressiert. Langfristig: Vitalzeichen-Tracking für chronische Erkrankungen und die Expansion in weitere europäische Märkte. Wir denken Patronus nicht als Notfallgerät, sondern als Plattform für selbstbestimmtes Altern.
Wie stellt ihr sicher, dass eure Lösung im Alltag zuverlässig funktioniert?
Zuverlässigkeit ist die Grundvoraussetzung. Wir arbeiten mit professionellen Notrufzentralen zusammen, die direkt an Rettungsleitstellen angeschlossen sind. Die Uhr ist staub- und wasserdicht. Die SIM-Karte nutzt das deutsche Mobilfunknetz. Und wir haben über eine halbe Million Notrufe beantwortet. Das ist kein theoretischer Stresstest, das ist gelebte Praxis.
Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründern geben, die ein relevantes Problem lösen möchten?
Erstens: Sprecht mit euren Kunden, bevor ihr irgendetwas baut. Wir haben über tausend Gespräche geführt, bevor wir eine einzige Zeile Code geschrieben haben. Das hat uns vor den teuersten Fehlern bewahrt.
Zweitens: Sucht euch eine Zielgruppe, die die Branche unterschätzt. Der Markt für Senioren-Technologie war jahrzehntelang vernachlässigt, nicht weil das Problem klein ist, sondern weil niemand hingeschaut hat. Genau dort entstehen die interessantesten Chancen.
Drittens: Messt, was wirklich zählt. Nicht Downloads, nicht Registrierungen, sondern ob die Menschen euer Produkt täglich benutzen. Bei uns ist das die Frage, ob die Uhr am Handgelenk ist. Alles andere ist eine Hilfsgröße.
Bild Bildcredits @Patronus
Wir bedanken uns bei Ben Staudt für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.


























