MYRON entwickelt Kleidung für Männer zwischen 1,60 und 1,80 Meter und setzt dabei auf eine Passform, die Länge, Weite und Proportionen berücksichtigt
Können Sie MYRON kurz vorstellen und erzählen, wie aus Ihren eigenen Problemen beim Kleidungskauf die Idee für eine Menswear-Marke entstanden ist?
MYRON ist ein Münchner Menswear-Label für Männer zwischen 1,60 und 1,80 Meter. Wir entwickeln Kleidung, bei der Länge, Weite und Proportionen gemeinsam berücksichtigt werden.
Ich bin selbst 1,70 Meter groß und kannte das Problem seit Jahren: Eine kleinere Größe war oft zu eng, die passende Weite wiederum zu lang. Mir gefielen die Kleidungsstücke, aber an mir saßen sie anders als gedacht. Daraus entstand die Frage, warum ich mich ständig mit Kompromissen zufriedengeben sollte. Mit MYRON wollte ich Kleidung entwickeln, die zu meinem Körper und zu meinem Stil passt.
Wer steht hinter MYRON, und welche Erfahrungen bringen Sie persönlich in den Aufbau der Marke ein?
Ich habe MYRON gemeinsam mit meinem Bruder gegründet und verantworte den operativen Aufbau inzwischen allein. Mein Hintergrund liegt im Wirtschaftsingenieurwesen. Außerdem habe ich bei PwC Erfahrungen mit Prozessanalysen und strukturiertem Arbeiten gesammelt.
Eine klassische Modeausbildung habe ich nicht. Die Entwicklung von Schnitten, die Zusammenarbeit mit Produzenten und den Aufbau eines Onlineshops musste ich mir Schritt für Schritt erschließen. Dabei hilft mir, Probleme systematisch anzugehen. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass eine saubere Tabelle noch keine gute Passform garantiert: Entscheidend ist, wie sich ein Kleidungsstück am Menschen verhält.
Sie haben mehr als 100 Männer vermessen, bevor Sie Ihr Größensystem entwickelt haben. Welche Erkenntnisse aus diesen Vermessungen haben Sie besonders überrascht?
Besonders deutlich wurde, wie unterschiedlich Männer mit ähnlicher Körpergröße gebaut sein können. Aus der Körpergröße allein lässt sich weder die benötigte Weite noch die genaue Verteilung von Oberkörper- und Beinlänge zuverlässig ableiten.
Das hat unseren Ansatz geprägt. Ein Mann mit 1,70 Meter braucht nicht automatisch ein schmales Oberteil. Er kann mehr Platz an Brust und Schultern benötigen, ohne deshalb längere Ärmel zu brauchen. Wir mussten deshalb stärker in Kombinationen denken und weniger in einer einzigen Größenangabe.
Bei MYRON werden Länge und Weite stärker voneinander getrennt als bei klassischen Konfektionsgrößen. Welches Problem lösen Sie damit konkret?
Wir möchten vermeiden, dass Kunden eine falsche Länge akzeptieren müssen, nur um die passende Weite zu bekommen. Bei einem Oberteil braucht beispielsweise ein breiter gebauter Mann mehr Raum am Körper, aber nicht zwangsläufig längere Ärmel oder einen längeren Rumpf.
Unsere Oberteile kombinieren deshalb unterschiedliche Längen mit Regular und Loose Fit. Bei Hosen bieten wir drei Längen und drei Weitenkombinationen an. Dabei geht es auch um die Position des Knies, den Beinverlauf und den Saum. Eine Hose nachträglich zu kürzen kann die Länge korrigieren, verändert aber nicht automatisch die übrigen Proportionen.
Ihre Zielgruppe sind Männer zwischen 1,60 und 1,80 Meter Körpergröße. Warum wird diese Gruppe von etablierten Modemarken aus Ihrer Sicht bislang nicht ausreichend berücksichtigt?
Es gibt spezialisierte Anbieter, die ich vor allem aus dem Ausland kenne. Ihre Designsprache und Umsetzung unterscheiden sich allerdings von dem, was wir mit MYRON entwickeln möchten.
Viele etablierte Marken arbeiten mit Größensystemen, in denen Länge und Umfang gemeinsam wachsen. Ein Mann mit 1,63 Meter braucht beispielsweise kurze Ärmel, kann aber gleichzeitig die Brust- und Schulterweite einer M benötigen. Die kleinere Größe ist dann zu eng, die größere zu lang. Eine zusätzliche XS löst diesen Konflikt nicht.
Auf Produktseiten sieht man häufig große, schlanke Models in Größe M. Wer deutlich kleiner ist, aber eine ähnliche Weite benötigt, bekommt dadurch noch keine passende Alternative. Viele Käufer arrangieren sich dann mit Umschlagen, Änderungen oder einer unpassenden Länge.
Bestehende Schnitte und Größenstrukturen zu erweitern bedeutet zusätzlichen Entwicklungs- und Produktionsaufwand. Wir haben MYRON deshalb von Anfang an um diese Passformfrage herum aufgebaut.
Mehr Größenkombinationen bedeuten auch mehr Varianten in Produktion und Lagerhaltung. Welche Herausforderungen entstehen dadurch für eine junge DTC-Marke?
Jede zusätzliche Kombination verteilt die Nachfrage auf weitere Varianten. Gerade am Anfang wissen wir noch nicht genau, welche Kombinationen besonders häufig gebraucht werden. Gleichzeitig müssen Mindestbestellmengen erfüllt werden, und Bestand bindet Geld.
Deshalb konzentrieren wir uns zunächst auf eine überschaubare Kollektion. Wir müssen sorgfältig entscheiden, welche Produkte und Farben wir ergänzen und welche Größen wir nachproduzieren. Dazu kommt die Abstimmung mit den Produzenten: Mehr Varianten verlangen eindeutig dokumentierte Maße und eine genaue Kontrolle der Umsetzung. Fehler wirken sich bei einer kleinen Marke unmittelbar aus.
Passform ist online schwer zu vermitteln, weil Kunden Kleidung nicht vorher anprobieren können. Wie möchten Sie Vertrauen in Ihr eigenes Größensystem schaffen?
Ein eigenes Größensystem muss vor allem verständlich sein. Kunden sollen schnell erkennen können, welche Länge und welcher Fit für sie infrage kommen. Dafür nutzen wir Maßtabellen, Größenangaben zu unseren Models und Erklärungen zu den unterschiedlichen Passformen.
Auf unserer Website gibt es außerdem einen interaktiven Passformvergleich: Mit einem Schieberegler lässt sich der Unterschied zwischen Standard-Fit und MYRON-Fit direkt gegenüberstellen. Die Darstellung veranschaulicht beispielsweise, wie sich überschüssiger Stoff an Ärmeln oder Hosenbeinen auf die Silhouette auswirkt. So wird unser Ansatz auch ohne schnitttechnisches Vorwissen verständlich.
Ergänzend bieten wir persönliche Unterstützung bei der Größenwahl und eine kostenlose Retoure. Langfristig entsteht Vertrauen durch die tatsächliche Erfahrung: Das bestellte Kleidungsstück muss die Erwartungen erfüllen, die wir vorher geweckt haben.
Der Modemarkt ist von großen Marken und zahlreichen DTC-Labels geprägt. Was soll MYRON langfristig unverwechselbar machen?
MYRON soll für eine Verbindung aus durchdachter Passform und einer klaren gestalterischen Haltung stehen. Ich mag Kleidung, die entspannt und modern wirkt, aber auch eine gewisse Eleganz hat. Sie soll im Alltag funktionieren und durch Schnitt, Material und Details überzeugen.
Dabei möchte ich Männer nicht auf ihre Körpergröße reduzieren. Sie ist für uns eine wichtige Grundlage der Konstruktion, aber keine Identität, die wir unseren Kunden überstülpen wollen. Menschen sollen MYRON tragen, weil ihnen die Kleidung gefällt und sie sich darin wohlfühlen.
Aus einem persönlichen Problem wurde zunächst eine Produktidee und anschließend eine Marke. Wann haben Sie gemerkt, dass daraus tatsächlich ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen könnte?
Einen einzelnen Moment gab es für mich nicht. Zunächst zeigten mir die Gespräche und Vermessungen, dass das Problem über meine eigene Erfahrung hinausgeht. Mit den ersten Bestellungen kam dann eine andere Form der Bestätigung: Menschen waren bereit, Geld für unseren Lösungsansatz auszugeben.
Trotzdem würde ich frühe Verkäufe nicht mit einem bereits bewiesenen Geschäftsmodell gleichsetzen. Wir stehen noch am Anfang. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir Kunden wiederholt erreichen, mit unseren Produkten überzeugen und wirtschaftlich nachproduzieren können. Die bisherigen Erfahrungen geben mir den Antrieb, diesen Weg weiterzugehen.
Ein eigenes Größensystem lässt sich nicht einfach aus bestehenden Standards übernehmen. Wie entwickeln Sie dieses mit zunehmender Kundenzahl weiter?
Die ursprünglichen Vermessungen bilden unsere Grundlage. Mit jeder Bestellung kommen praktische Erfahrungen dazu: Welche Kombinationen werden gekauft? Wo entstehen Unsicherheiten? Warum wird ein Teil zurückgeschickt?
Ein konkretes Thema aus bisherigen Rückmeldungen sind beispielsweise zusätzliche schmalere Bundweiten. Solche Hinweise helfen uns, Lücken zu erkennen. Dabei möchten wir nicht auf jede einzelne Rückmeldung sofort mit einer Schnittänderung reagieren, sondern wiederkehrende Muster verstehen. Anpassungen sollen anhand von Samples überprüft werden, bevor sie in die nächste Produktion einfließen.
Welche Vision verfolgen Sie mit MYRON, und wie soll sich die Marke über das heutige Angebot hinaus entwickeln?
Ich möchte, dass Männer unserer Zielgruppe bei MYRON eine Garderobe aufbauen können, bei der sie sich auf die Passform verlassen können. Wer eine passende Hose gefunden hat, soll später auch andere Schnitte und Anlässe innerhalb der Marke abdecken können.
Als nächste Schritte interessieren mich weitere Hosenformen, etwa eine Straight Jeans oder eine elegantere Hose, sowie zusätzliche Oberteile. Langfristig kann ich mir auch ausgewählte Accessoires vorstellen. Entscheidend ist für mich, dass neue Produkte zur Marke passen und wir unsere bestehende Kollektion zuverlässig weiterentwickeln. Breite allein ist noch kein Fortschritt.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die aus einem eigenen Alltagsproblem eine neue Produktmarke aufbauen möchten?
Erstens: Prüft, ob andere Menschen das Problem ähnlich erleben. Die eigene Erfahrung ist ein guter Ausgangspunkt, ersetzt aber keine Gespräche und Tests mit potenziellen Kunden.
Zweitens: Kontrolliert die Umsetzung bis ins Detail. Wir haben selbst erlebt, wie falsch übertragene Maße einen Schnitt unbrauchbar machen können. Samples, eindeutige Unterlagen und sorgfältige Freigaben verdienen viel Aufmerksamkeit.
Drittens: Beschäftigt euch früh mit dem Vertrieb. Ich habe lange sehr viel Energie in das Produkt und die Marke gesteckt. Heute ist mir noch klarer, dass auch ein gutes Produkt regelmäßig erklärt und sichtbar gemacht werden muss. Produktentwicklung und Kundengewinnung müssen gemeinsam vorankommen.
Bild Bildunterschrift: Kevin Scholl, Gründer von MYRON. Foto: Kevin Scholl / privat. Hintergrund für das Querformat KI-gestützt erweitert
Wir bedanken uns bei Kevin Scholl für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















