Alter Sensus ist ein Social-Impact-Unternehmen, das Bildungsformate entwickelt, um emotionale Kompetenz, Zugehörigkeit und psychische Gesundheit im Schulalltag nachhaltig zu stärken
Was ist Alter Sensus für ein Unternehmen und welche Rollen übernehmen Sie als Gründer Felix Lenniger und Tobias Schüppen im Alltag?
Alter Sensus ist ein Social-Impact-Unternehmen an der Schnittstelle von Bildung, Gesundheit und Gesellschaft. Wir bauen Formate, die Zugehörigkeit stärken und psychische Gesundheit im Alltag wahrscheinlicher machen. Unser aktueller Fokus liegt auf Gefühlen, weil sie oft das Erste sind, was in Klassen, Familien und Teams kippt, wenn Druck steigt. Gleichzeitig denken wir ganzheitlich. Kinder lernen nicht nur durch Inhalte, sondern durch Vorbilder.
Im Alltag ergänzen wir uns klar. Felix Lenniger ist der kreative Kopf. Er produziert unfassbar starke Musik und Audio. Er bringt Professionalität in Sound, Dramaturgie und Wirkung. Tobias Schüppen ist der Typ, der im Kopf selten zur Ruhe kommt. Ich bin getrieben von Ideen und dem Wunsch, wirklich etwas zu verändern. Wenn andere schlafen, werde ich erst warm. Ich bringe die Praxis aus Schule, Prävention und Beziehung ein und frage immer wieder: Funktioniert das im echten Alltag?
Warum beginnt Ihre Arbeit bewusst im Klassenzimmer und nicht erst dort, wo Diagnosen oder Therapien ansetzen?
Weil Schule der Ort ist, der alle erreicht. Unabhängig von Herkunft, Wartezeiten und Zugang zu Hilfe. Viele Kinder landen erst spät im Hilfesystem. Oft erst, wenn Verhalten „auffällig“ wird. Dazwischen liegen Stress, Missverständnisse und manchmal Ausgrenzung.
Wir setzen früher an. Nicht, weil Therapie unwichtig wäre. Sondern weil Prävention Schutzfaktoren aufbaut, bevor es brennt. Im Klassenzimmer zeigt sich, ob Kinder sich sicher fühlen. Ob sie dazugehören. Ob sie Worte finden. Genau dort kann man Kultur verändern, ohne zu stigmatisieren.
Wie ist das Präventionsprogramm „Mit Gefühl“ entstanden und welches konkrete Problem wollten Sie damit lösen?
Wir haben nach Corona angefangen. Mit einem Kartenspiel zur Gefühlserkennung hinter der Maske. Plötzlich war Mimik schwerer lesbar. Gleichzeitig war bei vielen Kindern innerlich viel los. Es gab mehr Reibung. Mehr Rückzug. Mehr Überforderung. Dann kamen Anfragen. Aus Schulen. Aus Familien. Der Bedarf war spürbar.
Wir haben uns gefragt: Was lieben Kinder wirklich? Hörspiele. Und was brauchen Schulen wirklich? Etwas, das im Alltag funktioniert. Also haben wir unsere Qualitäten gebündelt. Felix mit Produktion, Klang und Professionalität. Tobias mit Schule, Beziehung und Umsetzbarkeit. So wurde aus einem Spiel ein Programm. „Mit Gefühl“ soll ein konkretes Problem lösen: Es fehlt oft eine gemeinsame Sprache für das, was innen passiert. Und ohne Sprache wird aus Gefühl schnell Verhalten.
Was unterscheidet „Mit Gefühl“ von klassischen Projekten zur emotionalen Bildung an Schulen?
Viele Projekte sind punktuell. Ein schöner Tag. Ein Impuls. Danach verpufft es oft. Wir wollen, dass etwas bleibt. Darum arbeiten wir mit klarer Struktur und wiederholbaren Elementen. Wir denken nicht nur in Inhalten, sondern in Kultur.
Ein weiterer Unterschied ist die Rolle der Kinder. Kinder sind bei uns nicht nur Teilnehmende. Sie gestalten mit. Eine Hörspielproduktion macht Emotionen greifbar, ohne dass Kinder „sich ausliefern“ müssen. Sie können über Figuren sprechen und trotzdem bei sich landen. Das ist oft leichter und sicherer.
Welche Bedeutung haben feste Routinen wie Check-ins und eine gemeinsame Gefühlssprache für den langfristigen Effekt Ihres Ansatzes?
Routinen sind der Hebel. Ein Check-in ist klein. Aber er sendet jeden Tag dieselbe Botschaft: Du darfst da sein, auch innerlich. Das schafft Sicherheit. Und Sicherheit ist die Basis für Lernen und Miteinander.
Eine gemeinsame Gefühlssprache wirkt wie ein Übersetzer. Viele Kinder zeigen Wut, wenn dahinter Angst steckt. Oder sie werden albern, wenn sie überfordert sind. Wenn Erwachsene nur Verhalten sehen, reagieren sie oft zu spät oder zu hart. Wenn Worte da sind, wird Begleitung möglich. Und Konflikte werden schneller lösbar.
An welche Schulen und Bildungseinrichtungen richtet sich Alter Sensus aktuell und wie niedrigschwellig ist der Einstieg für Lehrkräfte?
Aktuell richtet sich „Mit Gefühl“ vor allem an Grundschulen, besonders an die ersten Klassen. Dort wird Beziehungskultur gelegt. Dort entstehen Routinen, die Jahre tragen können. Gleichzeitig sind wir offen für weitere Bildungseinrichtungen, wenn Haltung und Bedarf passen.
Der Einstieg soll niedrigschwellig sein. Lehrkräfte brauchen keine zusätzliche Belastung. Sie brauchen Klarheit. Material. Struktur. Und das Gefühl: Das ist machbar. Wenn wir begleiten, dann so, dass es entlastet und nicht noch ein Projekt oben drauf wird.
Was bedeutet es für Alter Sensus, dass „Mit Gefühl“ erstmals von einer gesetzlichen Krankenkasse als Präventionsmaßnahme finanziert wird?
Das ist für uns ein starkes Signal. Psychische Gesundheit wird nicht nur als Therapiethema gesehen. Sondern als Lebensweltthema. Prävention bekommt damit Legitimität. Und Schulen bekommen eine realistische Chance, so ein Programm umzusetzen.
Für uns bedeutet es auch Verantwortung. Qualität, Struktur und Wirkung müssen nachvollziehbar sein. Genau das passt zu unserem Anspruch. Wir wollen nicht nur berühren. Wir wollen nachhaltig verändern.
Welche Herausforderungen erleben Sie, wenn es darum geht, psychische Gesundheit von Kindern frühzeitig im System Schule zu verankern?
Die größte Hürde ist Zeit. Und Überlastung. Viele Schulen wollen, aber sie sind am Limit. Dazu kommen viele Ebenen. Schulleitung. Kollegium. Träger. Eltern. Oft auch externe Partner. Veränderung ist selten einfach nur entscheiden.
Eine zweite Hürde ist Unsicherheit. Gefühle einzuladen kann Angst machen. Was, wenn es zu viel wird? Darum braucht es klare Leitplanken. Und eine Haltung, die schützt. Prävention muss sicher sein. Sonst wird sie vermieden.
Warum setzen Sie bewusst auf analoge Formate wie Hörspiele und Mitmach-Elemente statt rein digitaler Lösungen?
Weil Beziehung analog entsteht. Ein Hörspiel aufnehmen heißt zuhören, warten, sich abstimmen, sich trauen. Das ist echte soziale Übung. Und es passiert nebenbei. Ohne moralischen Zeigefinger.
Analog ist zudem oft inklusiver. Weniger Technikstress. Weniger Ablenkung. Mehr Präsenz. Wir sind nicht gegen digital. Wir sind für wirksam. Und wir sehen: Mitmachformate bringen Menschen schneller in Kontakt mit sich und miteinander.
Was haben Formate wie die Gefühlsgarage bei Rock am Ring oder der Gefühlswürfel auf der SPIEL Messe für Ihre Arbeit bewirkt?
Sie haben uns bestätigt, dass das Thema weit über Schule hinausgeht. Auf einem Rockfestival erwartet man vieles. Aber nicht unbedingt Gefühlsgespräche. Und genau das ist passiert. Ein Mann kam sonntags zu uns und sagte: „Ich bin jetzt jeden Tag hier bei euch gewesen. Ihr seid mein Safe Space im Festivaltrubel. Ich danke euch von Herzen.“ Das vergisst man nicht.
Eine Frau sprach bei uns über ihre Wut auf den politischen Umgang mit der Ahrtal-Tragödie. Daraus wurde ein halbstündiger, sehr menschlicher Austausch. Sie ging mit: „Danke, dass ich das bei euch loswerden konnte.“ Und manchmal war es leicht und verbindend. Sie schrieb „Unordnung“ auf einen Karton. Er schrieb darunter „Ordnung“. Er fotografierte es. Beide gingen lachend Arm in Arm weiter. Diese Momente zeigen: Erwachsene brauchen genauso eine Sprache für Gefühle. Und wenn Erwachsene anfangen, verändert das auch Kinderwelten.
Wie soll sich Alter Sensus in den kommenden Jahren weiterentwickeln und welche Rolle spielt dabei Skalierbarkeit im Bildungsbereich?
Wir fühlen uns nach vier Jahren oft noch am Anfang. Und gleichzeitig geht es jetzt erst richtig los. Skalierbarkeit heißt für uns nicht mehr Content. Es heißt mehr Wirkung bei gleicher Einfachheit. Formate, die ohne Heldentum funktionieren. Formate, die Schulen wirklich tragen können.
Wir wollen Brücken bauen. Zwischen Schule und Gesellschaft. Zwischen Kindern und Erwachsenen. Darum gehen wir auch in ungewöhnliche Orte und Kooperationen. Zum Beispiel ein Workshop mit neuroTime bei IKEA am 31.01.2026. Wir sind gespannt, wie es weitergeht. Und wir wissen auch: Wir machen weiter. Egal welche Hürden kommen.
Welche drei Ratschläge geben Sie Gründerinnen und Gründern, die Prävention, Bildung und Gesundheit neu denken wollen?
Plant mit langem Atem. Bildung ist ein zähes Feld. Nicht, weil Menschen nicht wollen. Sondern weil so viele Ebenen beteiligt sind und alle unter Druck stehen. Nach vier Jahren fühlt man sich oft noch wie am Start. Das muss man aushalten können.
Baut für die Realität. Wenn es Montagmorgen nicht funktioniert, funktioniert es nicht. Prävention muss entlasten. Nicht zusätzlich belasten. Denkt in kleinen, wiederholbaren Routinen.
Lernt die Sprache des Systems, ohne eure Haltung zu verlieren. Qualität, Evaluation, Finanzierung und Zuständigkeiten sind mühsam. Aber sie sind die Brücke zur Dauerhaftigkeit.
Ohne Bindung keine Bildung. Punkt.
Wir sind hier für die Langstrecke: Wirkung entsteht durch Wiederholung, nicht durch Hype.
Bildcredits @ privat
Wir bedanken uns bei Tobias Schüppen für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
























