Donnerstag, Februar 2, 2023
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Börsengänge und wie sie funktionieren

Börsengänge sind derzeit in aller Munde. Ob Ant, Delivery Hero oder Coinbase, die Nachrichten zu prominenten Börsengängen häufen sich in den letzten Monaten. Und auch bei den meisten Scale-Ups stellt sich irgendwann die Frage: Sollen wir an die Börse? 

Besonders relevant sind Börsengänge für Scale-Ups, die bereits die Anfangsphase verlassen haben: Der Markteintritt ist geglückt, die nächsten Schritte können ein Exit, ein Verkauf, ein Unternehmenszusammenschluss oder auch der Börsengang sein. Diese strategischen Entscheidungen werden am Ende mit über den zukünftigen Unternehmenserfolg entscheiden.  

Ein Börsengang bringt einige Vorteile mit sich. Zum einen erhält das Unternehmen frisches Eigenkapital. Damit kann es zum Beispiel das weitere Wachstum, Akquisitionen oder auch die Internationalisierung finanzieren. Aktien können in dem Zuge als Akquisitionswährung Übernahmen oder Fusion mit anderen Unternehmen ermöglichen. Zudem sind Börsengänge öffentlichkeitswirksam, bringen Transparenz über die aktuelle Unternehmenssituation und damit einen Vertrauensgewinn bei allen relevanten Unternehmens-Stakeholder mit sich. 

Daniel Wild, CEO und Gründer der Mountain Alliance AG, eine börsennotierte operative Beteiligungsgesellschaft, sammelte bereits in der Dotcom-Ära erste Erfahrungen mit Börsengängen. 2005 brachte Wild sein erstes Unternehmen getmobile AG an die London Stock Exchange. In diesem Artikel geht Daniel Wild auf die jeweiligen Möglichkeiten eines Börsengangs sowie die konkrete Umsetzung am Beispiel des Teilexit der Mountain Alliance-Beteiligung Exasol ein.  

Börsengang, aber wie? 

Neben einem klassischen Börsengang, wie dem Initial Public Offering (IPO) gibt es weitere Möglichkeiten der Börsennotierung. Bei einem sogenannten Direct Listing werden keine neuen Aktien ausgegeben und damit auch kein neues Kapital aufgenommen. Bestehende Anteile von Gründern oder Investoren werden hier an der Börse gelistet. Insbesondere in den USA nutzen Unternehmen bei Direct Listings zunehmend vorbörsliche Möglichkeiten, wie Eigenkapital von Risikokapitalgebern (VCs) und anderen Investoren. Auch SPACs (Special Purpose Acquisition Companies) sind derzeit in aller Munde. Bei einem SPAC, auch Reverse IPO genannt, wird eine Hülle an die Börse gebracht und erhält Kapital, mit dem dann ein Unternehmen akquiriert wird, das nicht an der Börse gelistet ist und so an die Börse gelangt. 

Ein Börsengang ist per se ein anspruchsvolles Unterfangen. Durch Transparenzanforderungen, kontinuierliche Öffentlichkeits- und Investorenkommunikation, sowie der Aufwand für Investoren- und Jahresversammlungen, kommen hohe Kosten, die sogenannten “Costs of Being Public” auf ein Unternehmen zu. Mindestens 250.000 Euro pro Jahr müssen Unternehmen einplanen und bei einem Börsengangs langfristig berücksichtigen. Doch für Scale-Ups mit einem vielversprechenden Geschäftsmodell, kann sich der strategische Schritt lohnen.  

Das Beispiel Exasol  

Am Beispiel des Exasol-Teil-Exits im vergangenen Jahr, wird im Folgenden ein Börsengang und seine Details verdeutlicht. Die Exasol-Aktie startete am 25. Mai 2020 an der Frankfurter Wertpapierbörse bei 14 Euro und lag bereits zum Start rund 50 Prozent höher als der Ausgabepreis (9,50 Euro je Stück). Dem Börsengang lagen mehrere Entscheidungen und Überlegungen zugrunde und der Entscheidungsprozess wurde umfangreich von einer etablierten Investmentbank begleitet. 

Gelistet wurde der Datenbank-Anbieter letztendlich im Börsensegment „Scale“ für kleine und mittlere Unternehmen an der Frankfurter Wertpapierbörse. Dieses Segment bietet Anleger:innen eine verbesserte Transparenz und Vergleichbarkeit bei Beteiligungen an kleinen bis mittleren Unternehmen. Bei dem Börsengang stammten über die Hälfte der rund 9,2 Millionen ausgegebenen Aktien aus einer Barkapitalerhöhung. Die restlichen Anteilsscheine befanden sich entweder im Besitz der Altaktionäre, der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie Exasol selbst oder wurden als bestehende Aktien in Verbindung mit Mehrzuteilungs- oder Aufstockungsoptionen angeboten. Bestehenden Anteilseigner:innen wurde vor Verwässerung ihrer Beteiligungsquote und zur Wahrung des Gleichbehandlungsgrundsatzes im Vorfeld des Börsengangs neue Aktien – in anteiliger Höhe ihrer Beteiligung – zum Bezug angeboten. Darüber hinaus kam das Interesse für die Aktie sowohl von nationalen als auch internationalen Investoren. 

Mit diesem Schritt bewahrte Exasol seine Unabhängigkeit, konnte Vertrauen im Markt gewinnen und seine Sichtbarkeit deutlich erhöhen. Zudem konnten langfristig signifikante Kapitalerhöhungen für das Unternehmen gesichert werden. 

2021 ist das Jahr der Börsengänge. Das war nicht immer so. Exasol war 2020 das erste Unternehmen, das in Deutschland an die Börse ging. Während 1999 mehr als 160 deutsche Unternehmen den Schritt an die Börse wagten, waren es im letzten Jahr gerade einmal sieben Firmen. 2020 war nach Angaben von PwC in Deutschland das schwächste IPO-Jahr seit der Finanzkrise. Im Vergleich zu den USA ist Deutschland in dieser Hinsicht deutlich weniger risikobereit, obwohl auch bei uns die Börse ein etabliertes Instrument für die Refinanzierung ist. Andere europäische Börsenplätze haben diesen Bedarf erkannt und sich bereits für deutsche Unternehmen geöffnet.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Börsengang?

Ein Unternehmen ist bereit für den Börsengang, wenn die bereits erwähnten “Costs of Being Public” und damit die nötigen liquiden Mittel vorhanden sind. Und das nicht nur zum jetzigen Zeitpunkt, sondern auch für die kommenden Jahre. Grundsätzlich muss ein Unternehmen, abhängig vom Business Modell, einen acht- bis neunstelligen Umsatz aufweisen. Grundvoraussetzung für einen Börsengang ist zudem die nötige Profitabilität und Wachstumsgeschichte des Unternehmens. 

Tipps für Neulinge: 

Realistisch bleiben! Die Bewertung durch die Investmentbanken kann im Vorfeld höher ausfallen, als die Unternehmensbewertung im späteren Prozess. Die Investmentbanken streben eine bestmögliche Vermarktung an. Eine realistische Einschätzung sollte beispielsweise auch die Tragfähigkeit der “Costs of Being Public” miteinbeziehen.

Den Börsenwert nicht überbewerten! Oft das Handelsvolumen, beziehungsweise die Bewegung der Aktien von größerer Bedeutung für Investor:innen, da sie leicht ein- und aussteigen können.

Nicht zu früh! Ein Börsengang sollte nicht überstürzt werden und erst dann erfolgen, wenn Liquidität und Rentabilität wirklich gegeben sind. 

Fazit: 

Grundsätzlich sollten vor einem Börsengang weitere Überlegungen bezüglich Ziel, Handelsplatz und Unternehmensgröße geklärt werden. Ist man zudem bereit für eine öffentliche Transparenz der Geschäfte? Damit es beim Börsengang keine bösen Überraschungen gibt, sollten Börsen-Neulinge ihre Optionen im Vorfeld gut abwägen. 

Autor: Daniel Wild

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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