Der de:hub Köln – InsurTech vernetzt Versicherer, Startups und Technologieanbieter, um Innovationen rund um KI in der Versicherungsbranche schneller in marktfähige Lösungen zu überführen
Wie würden Sie den de:hub Köln – InsurTech unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und welche besondere Rolle spielt dieser Hub im deutschen Digital Hub Netzwerk sowie für die Weiterentwicklung der Versicherungsbranche?
Der de:hub Köln – InsurTech, das ist das InsurLab Germany. Wir sind eine von der Branche getragene und für die Branche agierende Initiative der Versicherungswirtschaft, die Versicherer, Start- und Scale-ups sowie Technologie- und Beratungsanbieter strukturiert und mehrwertorientiert zusammenbringt. Unser Anspruch ist es, Austausch in Orientierung, Befähigung und Wirkung zu übersetzen und damit konkrete Entscheidungs- und Umsetzungsfähigkeit in den Unternehmen zu stärken.
Im de:hub Ökosystem bringen wir die Perspektive einer stark regulierten, kapitalintensiven und innovationsfähigen Branche ein, die zugleich unter hohem Transformationsdruck steht. Wir helfen, strategische Fragen und operative Veränderungen so aufzubereiten, dass Unternehmen konkrete Entscheidungen treffen können. Dazu bündeln wir Erfahrungen, machen Entwicklungen vergleichbar und schaffen belastbare Entscheidungsgrundlagen, damit Unternehmen neue Technologien nicht nur testen, sondern wirksam in ihre Organisation überführen können.
In unserem Ökosystem sind zudem bereits Start- und Scale-ups wie Nect, Parloa oder Cognigy eng mit der Branche gewachsen. Sie stehen exemplarisch für eine neue Generation von Technologieanbietern, die aus dem Austausch mit Versicherern heraus marktfähige Lösungen entwickelt haben.
Was macht Köln als Standort für InsurTech-Innovationen attraktiv und welche strukturellen oder wirtschaftlichen Stärken der Region kommen der digitalen Transformation der Versicherungsmärkte zugute?
Köln ist der zweitgrößte Versicherungsstandort Deutschlands. Mehr als 50 Hauptsitze und rund 60 Niederlassungen prägen die Stadt, fast 25.000 Menschen arbeiten hier in der Branche. Diese Konzentration schafft nicht nur wirtschaftliche Bedeutung, sondern vor allem eine hohe Nachfrage nach technologischen Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Für InsurTechs bedeutet das: kurze Wege zu potenziellen Kunden, Pilotpartnern und strategischen Entscheidern.
Hinzu kommen mit der Universität zu Köln und der TH Köln zwei starke wissenschaftliche Anker. Wo Unternehmen, Forschung und Technologieanbieter auf engem Raum zusammenkommen, entstehen belastbare Innovationszyklen. Genau diese strukturelle Dichte macht Köln zu einem Standort, an dem Innovationen – auch unter Beteiligung von Start-ups – nicht nur entwickelt, sondern schnell in reale Marktbedarfe gespiegelt werden können.
Künstliche Intelligenz verändert viele Bereiche der Versicherungswirtschaft. In welchen Segmenten sehen Sie für KI den größten Mehrwert?
KI entfaltet entlang der gesamten Wertschöpfungskette Wirkung. Besonders greifbar ist der Nutzen aktuell bereits in der Schadenbearbeitung, in der automatisierten Dokumentenverarbeitung, in der Betrugserkennung und im Kundenservice. Auch im Underwriting und Pricing entstehen neue Möglichkeiten datenbasierter Risikobewertung.
Der entscheidende Hebel liegt jedoch in der Skalierung. Viele Häuser verfügen über funktionierende Prototypen. Die strategische Frage lautet: Wie werden daraus belastbare Fähigkeiten im Unternehmen und wie entstehen daraus wirtschaftlich tragfähige, profitable Business Cases? KI muss in Prozesse, Datenarchitekturen und Verantwortlichkeiten integriert werden. Erst wenn Effizienzgewinne messbar sind, Kostenquoten sinken oder zusätzliche Ertragspotenziale entstehen, wird aus Technologie nachhaltige Wertschöpfung.
Wie unterstützt der de:hub Köln – InsurTech Startups dabei, KI-basierte Lösungen für reale Herausforderungen in der Versicherungswelt zu entwickeln, zu testen und in bestehende Wertschöpfungsketten zu integrieren?
Wir setzen bei konkreten Pain Points der Versicherer an und betrachten diese im Kontext von Datenverfügbarkeit, Prozessintegration und Reifegrad der Organisation. KI-Lösungen entfalten nur dann Wirkung, wenn sie in bestehende Entscheidungs- und Steuerungslogiken eingebettet werden. Deshalb bringen wir Problemstellungen in klare Anforderungsprofile, sodass sichtbar wird, wo Datenqualität, Governance oder Skalierbarkeit mitgedacht werden müssen.
Darüber hinaus schaffen wir Räume für Validierung und Pilotierung, in denen Lösungen unter realen Bedingungen getestet werden können. Unser Ziel ist es, Anschlussfähigkeit an bestehende Wertschöpfungsprozesse herzustellen, damit neue Technologien nicht isoliert bleiben, sondern nachhaltig integriert werden. Zugleich schaffen wir Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen technologischen Ansätzen. Der Dialog zwischen etablierten Versicherern und jungen Technologieanbietern wird so faktenbasiert und priorisierbar.
Welche Bedeutung haben Datenstrategien und Datenökosysteme im InsurTech-Kontext – und wie helfen Sie Gründern, mit Themen wie Datenqualität, Datenhoheit oder Datenschutz rechtssicher umzugehen?
Daten sind das essenzielle Gut der Versicherungswirtschaft. Risikobewertung, Pricing, Schadenregulierung oder Betrugserkennung basieren seit jeher auf Daten – KI verstärkt diese Logik noch einmal erheblich. Wer über strukturierte, qualitativ hochwertige und verantwortungsvoll genutzte Daten verfügt, besitzt einen strategischen Wettbewerbsvorteil.
Ohne klare Datenarchitekturen, Governance-Strukturen und Zuständigkeiten bleibt das Potenzial moderner Technologien begrenzt. Gleichzeitig bewegen wir uns in einem stark regulierten Umfeld mit hohen Anforderungen an Datenschutz und IT-Sicherheit. Gerade für Gründerinnen und Gründer ist es entscheidend, diese regulatorischen Rahmenbedingungen frühzeitig mitzudenken. Wir unterstützen dabei, relevante Anforderungen transparent zu machen, typische Fallstricke sichtbar zu machen und den Dialog mit etablierten Unternehmen auf eine rechtssichere Grundlage zu stellen. So können Unternehmen fundierter priorisieren und ihre Datenstrategie als echten Wettbewerbsfaktor entwickeln.
Versicherer und Start-ups arbeiten zunehmend zusammen. Wie fördert der Hub diese Kooperationen und welche Formate, Initiativen oder Partnerschaften haben sich dabei als besonders wirkungsvoll erwiesen?
Versicherer und Start-ups unterscheiden sich fundamental in Tempo, Risikoverständnis und Organisationslogik. Kooperation gelingt nur, wenn diese Unterschiede offen adressiert werden. Genau hier setzen wir an: Wir schaffen Transparenz über Erwartungen, Entscheidungswege und Reifegrade auf beiden Seiten.
Besonders bewährt haben sich strukturierte Journeys, thematische Austauschformate sowie Venture-Clienting-Ansätze, in denen Innovationsbedarfe klar definiert und Lösungen systematisch geprüft werden. Start-ups verstehen dadurch besser, welche regulatorischen, technischen und prozessualen Anforderungen tatsächlich relevant sind. Versicherer gewinnen ein klareres Bild davon, wo Technologie echten Mehrwert liefert.
In unserem Netzwerk sind inzwischen mehr als 250 Start-ups aktiv und seit unserer Gründung sind über das InsurLab Germany mehr als 110 konkrete Kooperationen entstanden. Die Zusammenarbeit endet also nicht im Austausch, sondern in konkreter Umsetzung.
Nachhaltigkeit, Fairness und regulatorische Anforderungen stellen die Branche vor neue Anforderungen. Welche Rolle spielt KI dabei?
Versicherer übernehmen eine zentrale Rolle für wirtschaftliche Stabilität und Resilienz. Nachhaltigkeit, Klimarisiken und regulatorische Entwicklungen verändern Geschäftsmodelle und Steuerungslogiken.
KI kann helfen, Risiken präziser zu modellieren und Prozesse transparenter zu gestalten. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Nachvollziehbarkeit und Explainability. Wir unterstützen Unternehmen dabei, diese Entwicklungen strukturiert einzuordnen und strategisch zu priorisieren.
Wie messen Sie den Impact der Aktivitäten des de:hub Köln – InsurTech – sowohl hinsichtlich der Startups, die Sie begleiten, als auch im Hinblick auf Innovationswirkungen für etablierte Versicherer und Kundenerfahrungen?
Impact messen wir strukturiert und formatbezogen. Für unsere Wertangebote definieren wir klare KPIs und erheben regelmäßig Net-Promoter-Scores, um Nutzen und Relevanz transparent zu machen. Entscheidend ist dabei nicht nur Zufriedenheit, sondern ob Unternehmen in ihren strategischen Themen nachvollziehbar vorankommen.
Wir schauen darauf, ob Entscheidungsprozesse klarer werden, Schwerpunkte klarer gesetzt werden und Umsetzungsschritte konsequent in die Organisation getragen werden. Für Start-ups zeigt sich Wirkung daran, ob sie Zugang zu relevanten Entscheidern erhalten und ihre Lösungen unter realen Bedingungen validieren können. Für etablierte Versicherer wird Impact sichtbar, wenn neue Technologien Prozesse beschleunigen, Transparenz erhöhen und die Kundenerfahrung messbar verbessern – etwa durch schnellere Schadenbearbeitung oder personalisierte Interaktion.
Welche technologischen Trends – zum Beispiel Explainable AI, Echtzeit-Underwriting, digitale Ökosysteme oder automatisierte Schadenprozesse – beobachten Sie derzeit besonders intensiv und wie adressiert der Hub diese Entwicklungen?
Im KI-Bereich erleben wir derzeit einen deutlichen Qualitätssprung. Generative AI wird produktiv eingesetzt – etwa in der Kundenkommunikation, bei der Analyse komplexer Dokumente oder in der Schadenbearbeitung. Gleichzeitig entstehen mit Agentic AI erste Systeme, die nicht nur unterstützen, sondern eigenständig Prozessschritte übernehmen. Mit Agentic Commerce zeichnet sich zudem ab, dass künftig autonome Systeme Angebote vergleichen, auswählen und Transaktionen vorbereiten oder auslösen. Das hat direkte Auswirkungen auf Vertrieb, Produktlogik und Kundenschnittstelle.
Parallel dazu verändert sich die Logik des Geschäftsmodells. Echtzeitdaten und Predictive Analytics ermöglichen es, Risiken früher zu erkennen und präventiv zu steuern. Versicherungsschutz wird zunehmend kontextuell in digitale Services eingebettet.
Wir adressieren diese Entwicklungen, indem wir sie nicht isoliert als Technologiethema betrachten, sondern im Kontext realer Geschäfts- und Organisationsfragen diskutieren. Dafür schaffen wir geschützte Räume, in denen neue Ansätze kritisch reflektiert und mit praktischen Erfahrungen gespiegelt werden können. Dadurch wird schnell klar, was tragfähig ist und was nicht.
Welche strategischen Perspektiven und Entwicklungsziele verfolgt der de:hub Köln – InsurTech in den kommenden Jahren, um den Wandel in der Versicherungsbranche aktiv mitzugestalten und neue Innovationspotenziale zu erschließen?
Wir fokussieren uns konsequent auf drei priorisierte Themenfelder: Scaling AI in Insurance, Venture Clienting for Insurance und Future of Insurance. In den kommenden Jahren wird entscheidend sein, KI flächendeckend in Organisationen zu verankern, Innovationspartnerschaften professionell zu strukturieren und weiterzuentwickeln sowie zentrale Entwicklungen frühzeitig strategisch einzuordnen.
Branche steht vor einer Phase, in der inkrementelle Optimierung nicht ausreicht. Es geht darum, neue Fähigkeiten nachhaltig im Unternehmen zu etablieren, strategische Positionen in digitalen Ökosystemen zu sichern und neue Innovationspotenziale entlang bestehender und zukünftiger Wertschöpfungslogiken zu erschließen. Gleichzeitig arbeiten wir mit unterschiedlichen möglichen Entwicklungspfaden und denken Auswirkungen systematisch in Szenarien. Damit verbinden wir Orientierung, Befähigung und Wirkung auch unter unsicheren Rahmenbedingungen.
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Wir bedanken uns bei Thomas Kuckelkorn für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder
























