Mittwoch, Januar 21, 2026
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Neue Kapitaldisziplin: Was nach Wachstum um jeden Preis kommt

Über Jahre galt in der Start-up-Welt: Wer schnell wächst, setzt sich durch. Die Profitabilität war zweitrangig. Doch seit 2022 haben höhere Zinsen, dauerhaft angespannte Kapitalmärkte und geopolitische Unruhen die Spielregeln in Europa verändert. Es zählt nicht mehr, wer am schnellsten skaliert. Stattdessen sind Kapitaleffizienz, Resilienz der Geschäftsmodelle und ein glaubwürdiger Pfad zur Profitabilität die neuen Maxime, auf Investor:innen in Europa achten.

Neue Wachstumslogiken: Zwischen Konsolidierung und KI

Das neue Marktumfeld hat die Situation für Unternehmen aus Bereichen wie B2B-Marktplätze für Lebensmittel, Embedded Fintech und CO2-Bilanzierung drastisch verändert. Wurden sie vor einigen Jahren noch heiß gehandelt wurden, haben einige Unternehmen mittlerweile zu kämpfen. Andere haben sich erfolgreich auf Rentabilität konzentrieren. Eine gewisse Konsolidierung wird jedoch unvermeidlich sein.

Zudem hat KI die Spielregeln verändert: Unternehmen, die auf der Anwendungsebene aufbauen, wie Lovable und Replit, erzielen in bisher unerreichter Zeit und mit relativ kleinen Teams Umsätze in zweistelliger Millionenhöhe. Damit legen sie die Messlatte für alle höher. Andererseits sehen sich viele Unternehmen, die auf der Grundlagenebene aufbauen, mit hohen Kosten für Daten und Modelltraining konfrontiert. Dies erfordert erhebliches Kapital für ihr Wachstum.

Darüber hinaus entstehen neue Sektoren, wie beispielsweise KI-native Geschäftsmodelle und KI-gestützte Buy-and-Build-Strategien. Hier übernehmen VCs eher traditionelle dienstleistungsorientierte Unternehmen, fusionieren sie und verbessern Margen und Rentabilität durch aggressive KI-gestützte Automatisierung. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dies in großem Maßstab und für venture-ähnliche Renditen funktionieren wird.

Europas KI-Skalierung braucht neue Kapital- und Kooperationsmodelle

Festzuhalten ist, dass der KI-Sektor zwar nach wie vor sehr gehypt ist, es aber mittlerweile erste Anzeichen für eine Normalisierung gibt. Dies macht die Kapitaleffizienz als strategischen Kontrollfaktor noch wichtiger. Nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Voraussetzung für langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

In diesem angespannten Umfeld selektiver Konsolidierung, hoher technologischer Komplexität und wachsendem Druck zur Kapitaldisziplin steht Europa somit vor der Frage, wie sich eine nachhaltige Skalierung umsetzen lässt. Dies gilt vor allem, weil es immer schwieriger wird, Innovationen in kapitalintensiven und regulierten Sektoren isoliert und allein mit Risikokapital zu skalieren. Denn obwohl es diverse horizontale KI-Anwendungen, die mit einem Bottom-up-Ansatz oder produktgesteuertem Wachstum die Fluchtgeschwindigkeit erreicht haben, braucht es für Innovationen in komplexen Bereichen wie Gesundheitswesen, Finanzwesen, Lieferkette und Fertigung einen anderen Ansatz.

Warum Zusammenarbeit in Europa an Bedeutung gewinnt

Ein zentraler Hebel für nachhaltige Skalierung ist daher das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure – insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen. Gerade in Europa stehen viele Konzerne unter Druck, technologische Innovation schneller zu implementieren. Kooperationen mit Start-ups bieten hier einen klaren Vorteil: Während junge Unternehmen Geschwindigkeit, technologische Tiefe und neue Denkweisen einbringen, verfügen etablierte Unternehmen über Marktkenntnis, regulatorische Erfahrung und Skalierungsinfrastruktur. Vor allem in Bereichen wie Gesundheit, Energie oder Industrie entsteht so ein Innovationsansatz, der auf geteiltem Risiko und gemeinsamer Wertschöpfung basiert.

Europas strukturelle Stärken als Innovationsmotor

Beispiele wie Owkin und Sanofi im Gesundheitswesen, Northvolt und BMW in der Batterietechnologie oder Climeworks und große Energieversorger im Bereich der CO₂-Entfernung zeigen, wie dieses Zusammenspiel in der Praxis funktioniert. Forschung, Kapital und industrielle Anwendung greifen hier ineinander, sodass ein Modell entsteht, das technologische Tiefe, regulatorische Kompetenz und langfristige Resilienz miteinander verbindet. Die Ergebnisse sind nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern adressieren auch strukturelle Herausforderungen – von Versorgungssicherheit bis Dekarbonisierung.

Neben der engeren Verzahnung von Unternehmen und Start-ups muss sich Europa zudem auf seine wissenschaftliche Stärke berufen. Denn viele europäische Technologieunternehmen sind aus universitärer Forschung oder industriellen Innovationsclustern hervorgegangen, etwa DeepMind aus der Universität Cambridge, BioNTech aus der Universitätsmedizin Mainz oder Exscientia aus der University of Oxford. Diese Nähe zwischen Wissenschaft, Industrie und Kapital begünstigt Geschäftsmodelle, die nicht primär auf Geschwindigkeit, sondern auf Substanz und Langlebigkeit ausgelegt sind.

Wenn es Europa gelingt das vorhandene Potenzial vollständig zu nutzen, hat der Kontinent gute Chancen sich im globalen Innovationswettbewerb eigenständig positioniert – ohne das Silicon Valley zu kopieren.

Europa muss bei KI eigene Stärken ausspielen

Festzuhalten ist schließlich auch folgender Aspekt: KI-Innovation wird sich in den verschiedenen Branchen unterschiedlich. So ist das Gesundheitswesen etwa aufgrund unterschiedlicher Marktlogiken auf den verschiedenen Kontinenten sehr regional geprägt. Dies begünstigt europaspezifische Lösungen.

Ähnliches gilt für den Finanzsektor. Hier ist die Digitalisierung in Ländern außerhalb der USA viel weiter fortgeschritten. Dies ermöglicht europäischen Akteuren Lösungen zu entwickeln, die mehrere Märkte bedienen können.

Bisher ungelöst sind Innovation im Bereich der physischen KI. Mit einer Vielzahl von Anwendungen aus den Bereichen Industrieautomation, Simulationen und Haushaltsroboter erlaubt sie Robotern und Software, die Funktionsweise der physikalischen Welt zu verstehen.

Während die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Unternehmen in all diesen Bereichen entscheidend sein wird, ist die Stärke Europas hinsichtlich industrieller Exzellenz, einschließlich des starken deutschen Mittelstands, und Robotik-Know-how eine enorme Chance, die es zu nutzen gilt.

Europas Venture-Ökosystem in der Reifephase

Der europäische Venture-Markt befindet sich damit nicht in einer Phase des Rückzugs, sondern in einer Phase der Neujustierung. Wachstum bleibt zentral, folgt jedoch anderen Regeln: Kapitaleffizienz, technologische Tiefe und belastbare Partnerschaften treten an die Stelle kurzfristiger Skalierungslogiken. Gerade im Zusammenspiel aus selektiver Konsolidierung, KI-getriebener Innovation und zunehmender Zusammenarbeit zwischen Start-ups, Industrie und Forschung entsteht ein Modell, das auf langfristige Wertschöpfung ausgerichtet ist.

Auch wenn sich aus globalen Ökosystemen mehrere wichtige Erkenntnisse ziehen lassen: Europas Stärke liegt nicht im Kopieren bestehender Erfolgsrezepte, sondern in der Fähigkeit, unter komplexen Rahmenbedingungen robuste, wettbewerbsfähige Technologien hervorzubringen. Mit Substanz statt Geschwindigkeit als zentralem Differenzierungsmerkmal.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Carissimo Costanza
Carissimo Costanza
Costanza Carissimo ist Investment Director bei Cathay Innovation und beschäftigt sich mit technologiegetriebenen Geschäftsmodellen in den Bereichen KI, Klima, Gesundheit und Fintech. Sie beobachtet den Wandel im europäischen Venture Capital hin zu mehr Kapital-Effizienz und langfristiger Nachhaltigkeit.
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