Freitag, Oktober 9, 2026
StartInterviewsProteine aus Leuna: Wie MicroHarvest Europas Ernährungssicherheit sichert

Proteine aus Leuna: Wie MicroHarvest Europas Ernährungssicherheit sichert

MicroHarvest treibt die Produktion in Europa voran und will mit einer eigenen Großanlage in Leuna die Proteinherstellung in den industriellen Maßstab überführen

Können Sie sich und MicroHarvest kurz vorstellen und erklären, welche Vision hinter dem Unternehmen steht?

Ich bin Jonathan Roberz, Mitgründer und Co-CEO von MicroHarvest. Wir sind die Biotech-Antwort auf eine Frage, die Europa zu lange ignoriert hat: Wie sicher ist unsere Proteinversorgung? Fehlen Chips, steht in der Autoindustrie das Band wochenlang still. Was passiert, wenn Protein fehlt, möchte sich niemand ausmalen. Heute importiert die EU 94 Prozent ihrer Sojaproteine aus Drittstaaten. Europas Lebensmittelindustrie darf nicht von fragilen globalen Lieferketten abhängen. Deshalb produzieren wir hochwertiges Protein per Fermentation, direkt in Europa.

MicroHarvest befindet sich auf dem Weg vom Pilotbetrieb zur industriellen Produktion. Was verändert sich, wenn aus einer technologischen Idee Produktion im großen Maßstab werden soll?

Für uns kommt dieser Schritt nicht plötzlich. Wir sind angetreten, ein produzierendes Unternehmen zu bauen, und haben den industriellen Maßstab von Anfang an mitgedacht. Schon heute produzieren wir mit industriellen Partnern. Die eigene Großanlage ist trotzdem ein großer Schritt, vor dem wir Respekt haben und auf den ich mich riesig freue. Entscheidend ist, unser Tempo in der Entwicklung zu halten und in der Produktion ein neues Mindset zu leben. Denn an unserem Protein hängen Lieferketten. Das ist eine große Verantwortung.

Sie haben sich gemeinsam mit Katelijne Bekers für eine Doppelspitze entschieden. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt?

Weil gerade sehr viel gleichzeitig passiert: Wir bauen Leuna, erschließen neue Märkte und entwickeln unsere Technologie weiter. Wer schnell skalieren und zugleich ein stabiles Fundament bauen will, braucht das richtige Führungsteam. Unsere nächste Phase verlangt zwei Schwerpunkte, die parallel mit voller Kraft laufen: kommerzielle Expansion und der Aufbau der Produktion in Europa. Mit der Doppelspitze und dem neu aufgestellten Leadership-Team können wir auf alles schnell und professionell reagieren.

Wie teilen Sie die Verantwortlichkeiten konkret auf und wo arbeiten Sie weiterhin eng zusammen?

Kate verantwortet die kommerzielle Expansion über Märkte und Regionen hinweg. Ich verantworte die Umsetzung unserer Wachstumsstrategie und den Aufbau unseres Fundaments in Europa, allen voran Leuna. In seinem Bereich entscheidet jeder eigenständig. Das macht uns schneller. Gemeinsam entscheiden wir über alles, was die Richtung von MicroHarvest prägt: Strategie, Finanzierung, Schlüsselpositionen und große Partnerschaften. Die strategische Ausrichtung legen wir zusammen mit unserer CTO Luísa Cruz fest.

Welche Herausforderungen bringt diese klare Aufgabenteilung mit sich?

Die Doppelspitze verlangt vor allem Klarheit darüber, wer was entscheidet. Diese Linien haben Kate und ich früh und sauber gezogen, so laufen kommerzielle Expansion und Produktionsaufbau parallel mit vollem Tempo. Dass das Modell trägt, zeigt die Praxis: Netflix wird seit Jahren erfolgreich von einer Doppelspitze geführt. Laut einer Analyse der Harvard Business Review erzielen Unternehmen mit Co-CEOs im Schnitt eine höhere Rendite für ihre Anteilseigner. Entscheidend ist, dass das Team funktioniert. Das tut es, zwischen Kate und mir und im gesamten Leadership-Team.

Im Chemiepark Leuna entsteht Ihre erste großskalige Produktionsanlage mit einer geplanten Jahreskapazität von 15.000 Tonnen. Warum haben Sie sich für diesen Standort entschieden?

Aus zwei Gründen. Erstens liegt Leuna mitten in einer starken Agrarregion. In direkter Umgebung produzieren Pfeifer & Langen, Nordzucker und Südzucker, dazu viele weitere Agrarbetriebe. Dort fallen genau die Neben- und Restströme an, die unser Rohstoff sind. Zweitens stellt InfraLeuna als Chemieparkbetreiber alles außerhalb unserer Anlage bereit, im Engineering „Outside Battery Limits“ genannt. Wir müssen uns nicht um Versorgungseinrichtungen kümmern und können uns voll auf unseren Kernprozess konzentrieren.

Die Anlage soll bis Ende 2028 aufgebaut werden. Welche entscheidenden Meilensteine müssen Sie auf dem Weg zur großskaligen Produktion noch erreichen?

Wir übersetzen jetzt alles, was wir gelernt haben, in eine eigene Anlage. Die wichtigsten Meilensteine sind der Abschluss der Finanzierung mit der finalen Investitionsentscheidung sowie langfristige Abnahmeverträge mit Kunden. Dazu kommen Genehmigung und Engineering sowie Bau, Inbetriebnahme und Hochfahren auf volle Kapazität. Jeder Schritt ist anspruchsvoll. Ich bin überzeugt, dass wir sie alle meistern.

MicroHarvest stellt Proteine mithilfe von Fermentation und unter Nutzung von Agrar-Nebenströmen her. Wie funktioniert das Verfahren und welche Vorteile bietet es gegenüber herkömmlichen Proteinquellen?

Im Prinzip ganz einfach. Wir nutzen Mikroorganismen aus der Natur, wie man sie aus der Herstellung von Joghurt oder Kimchi kennt. In einem Prozess ähnlich einer Brauerei verwerten sie die Energie aus Agrar-Nebenströmen und wachsen exponentiell. Die entstehende Biomasse ist das MicroHarvest-Protein. Anders als eine Brauerei ist unser Prozess um ein Vielfaches produktiver, darin liegt unsere Kernexpertise.

Das Ergebnis ist ein Protein ohne Kompromisse: exzellenter Nährwert, sehr guter Geschmack, hervorragende Verdaulichkeit und viele Mikronährstoffe. Produziert in Europa, unabhängig von Anbauflächen, Wetter und globalen Lieferketten.

Produkte mit Ihren Proteinen sind bereits in mehr als 1.800 Verkaufsstellen in Deutschland erhältlich. Was haben Sie aus der bisherigen Markteinführung über die Akzeptanz bei Herstellern, Handel und Verbrauchern gelernt?

Die Markteinführung lief sehr gut. Die wichtigste Erkenntnis: Der Bedarf ist größer, als wir ihn heute bedienen können. Hersteller suchen Proteine, die funktional überzeugen und verlässlich verfügbar sind. Bei Handel und Verbrauchern zählen am Ende Geschmack und Qualität. Diese Nachfrage gibt uns Sicherheit: Wir legen schon heute die Basis für den Ramp-up in Leuna und vertiefen unsere Kundenbeziehungen. So können wir die Produktion nach der Inbetriebnahme sehr schnell hochfahren.

Europa ist bei verschiedenen Proteinquellen auf Importe angewiesen. Welchen Beitrag kann eine europäische Produktion wie die von MicroHarvest langfristig zu einer unabhängigeren Versorgung leisten?

Einen entscheidenden. Wir machen Protein dort verfügbar, wo es fehlt, aus Rohstoffen, die in Europa ohnehin anfallen. Die ersten 15.000 Tonnen aus Leuna sind nur der erste Schritt, wir werden weiter wachsen. Für Märkte außerhalb Europas bauen wir deshalb auch dort Standorte auf. Der Anspruch bleibt überall gleich: hochwertiges Protein verlässlich dort liefern, wo es gebraucht wird. Daran wollen wir uns messen lassen.

Mit dem Bau einer eigenen Großanlage steigen Kapitalbedarf, operative Komplexität und wirtschaftliches Risiko erheblich. Wie bereiten Sie MicroHarvest organisatorisch und finanziell auf diese nächste Größenordnung vor?

Organisatorisch investieren wir gezielt in unser Team. Wir binden erfahrene Menschen an uns, bei MicroHarvest selbst und über Partnerschaften, und wachsen gemeinsam mit ihnen. Finanziell setzen wir auf starke Partner: Unsere Seed-Runde finanzierte FoodLabs, einer der bekanntesten Food-Tech-Investoren Europas. Die Series A führte Astanor an, einer der führenden Agrifood-Investoren Europas. Zuletzt haben wir mit ABN AMRO eine der drei größten Banken der Niederlande gewonnen. Dazu kommen strategische Partner, die Kompetenz und Zugang zu Rohstoffen und Märkten mitbringen.

Mit COO Jan-Philipp Birke und CFO Justus Reich haben Sie zwei Führungspositionen aus dem eigenen Team besetzt. Warum war es Ihnen wichtig, diese nächste Wachstumsphase mit Führungskräften aus den eigenen Reihen zu gestalten?

Als wir Jan-Philipp und Justus eingestellt haben, war mir sofort klar: Die beiden sind in ihren Bereichen deutlich besser als ich. Genau das ist mein Anspruch bei jeder Einstellung. Wenn jeder Bereich mit jemandem besetzt ist, der wirklich exzellent ist, können wir aus den eigenen Reihen wachsen. Beide arbeiten längst auf diesem Niveau, jetzt machen wir es offiziell. Das motiviert das ganze Team und macht MicroHarvest stärker.

Was waren bislang die größten Herausforderungen beim Aufbau von MicroHarvest und welche Entscheidungen würden Sie mit Ihrer heutigen Erfahrung anders treffen?

Die größte Herausforderung war, Technologie, Produktion und Finanzierung gleichzeitig voranzutreiben, in einem für Deep-Tech schwierigen Kapitalmarkt. Wir arbeiten extrem datengetrieben und entscheiden auf Basis von Fakten. Rückblickend hätte ich manche Entscheidung gern früher getroffen. Einen Vorwurf mache ich uns nicht: Ohne die Daten von heute fehlte damals die Klarheit. Unterm Strich bin ich sehr zufrieden, wo wir stehen und wie wir dahin gekommen sind.

Wo soll MicroHarvest nach der Inbetriebnahme der Anlage in Leuna stehen und welche weiteren Märkte oder Anwendungen möchten Sie anschließend erschließen?

Wir haben Leuna so geplant, dass wir am Standort weiter ausbauen können. Damit allein geben wir uns nicht zufrieden. Wir werden zusätzliche Anlagen bauen, um die Proteinversorgung global zu sichern. Und wir übertragen unsere Technologie auf weitere Märkte und Anwendungen, damit die Effizienzgewinne unseres Prozesses auch in anderen Bereichen wirken.

Welche drei Tipps würden Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben, die ihr Unternehmen vom Startup zum industriell produzierenden Scale-up entwickeln möchten?

  1. Seid mutig und geht voran: Respekt vor dem großen Schritt ist richtig. Wer auf den perfekten Moment wartet, kommt nie an.
  2. Denkt den Maßstab von Anfang an mit: Eine Technologie, die nur im Labor funktioniert, hilft niemandem.
  3. Umgebt euch mit guten Leuten: Holt Menschen an Bord, die in ihrem Bereich besser sind als ihr, und bindet starke Partner an euch.

Bildrechte MicroHarvest

Wir bedanken uns bei Jonathan Roberz für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

StartupValley
StartupValley
Das StartupValley Magazin ist Europas großes Magazin für Start-ups, Gründer und Entrepreneure. Ihr findet bei uns Tagesaktuelle News zu den neuesten Trends, Technologien und Geschäftsmodellen der internationalen Startup-Szene sowie Interviews mit erfolgreichen Gründern und Investoren.

StartupValley Venture

FUNDING

ALERTS

Täglich die neuesten Startup-Fundings, Investments und VC-Deals direkt in deinem WhatsApp-Feed. Schnell, aktuell und kompakt für Gründer, Investoren und Tech-Begeisterte.

StartupValley Newsletter

Erhalte regelmäßig die wichtigsten internationalen Startup-News in dein Postfach!

- Advertisement -

PREMIUM STARTUPS

Neueste Beiträge

spot_img
spot_img
spot_img
spot_img

Das könnte dir auch gefallen!