Reiner AI unterstützt Ingenieure bei Dokumentation durch eine spezialisierte KI Plattform
Wie ist Reiner AI entstanden, und welche Erfahrungen bringen die Gründer Sven Gasper und Philipp Mackeprang in das Unternehmen ein?
Die Idee zu Reiner AI entstand aus dem engen Austausch mit einem Ingenieurbüro, in dem mein Vater seit über 40 Jahren tätig ist. Nachdem Philipp und ich unser vorheriges Unternehmen Studydrive an Stepstone verkauft hatten, begann ich mich mit dem Geschäftsführer des Büros über digitale Lösungen für die Branche auszutauschen. Dort wurde bereits an einer möglichen Ausgründung und an digitalen Ansätzen gearbeitet. Im Rahmen dieser Gespräche und durch die Mitarbeit in laufenden Projekten gewann ich direkte Einblicke in die Arbeitsabläufe und Herausforderungen des Ingenieuralltags.
Dabei stieß ich auf ein strukturelles Problem der Branche: Ingenieure verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit Dokumentationspflichten und ineffizienten Prozessen. In hochregulierten Branchen wie dem Bauwesen verlieren sie täglich wertvolle Zeit mit der Erstellung von Protokollen, Erläuterungsberichten und Ausschreibungen, anstatt sich auf Planung, Qualität und Projektsteuerung zu konzentrieren. Aus dieser Perspektive heraus entstand die Idee, eine KI-Lösung zu entwickeln, die dort ansetzt und Ingenieure sowie Planer im Arbeitsalltag entlastet.
Philipp und ich bringen fundierte Erfahrung im Aufbau und in der Skalierung von Start-ups und digitalen Produkten mit. Gemeinsam haben wir Studydrive entwickelt und von der ersten Idee bis zu einer Plattform mit Millionen von Nutzern geführt. Wir wissen daher sehr gut, wie man komplexe Produkte entwickelt und erfolgreich in den Markt einführt.
Welche konkrete Problemstellung in der Bau- und Planungsbranche wollte Reiner AI von Anfang an lösen?
Mit Reiner AI adressieren wir mehrere strukturelle Herausforderungen der Bau- und Planungsbranche gleichzeitig: Der Dokumentationsaufwand für Ingenieure und Planer steigt kontinuierlich, Projekte werden zunehmend komplexer und der Regulierungsdruck auf Planungs- und Ingenieurbüros nimmt spürbar zu.
Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel die Situation. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer drohen wichtiges Branchen-Know-how und wertvolles Projektwissen verloren zu gehen. Genau an dieser Schnittstelle setzt Reiner AI an.
Was ist die langfristige Vision von Reiner AI für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Bauwesen?
Deutschland hat einen massiven Investitionsstau in der Infrastruktur, etwa bei Brücken, Schulen oder Energienetzen. Der Bedarf ist also klar, doch die Umsetzung dauert häufig sehr lange, vor allem wegen der vielen komplexen Prozesse.
Unsere Vision ist ein Bauwesen, das Komplexität meistert, statt sich von ihr ausbremsen zu lassen. KI kann viele zeitintensive Aufgaben wie Recherche, Dokumentation oder die Analyse von Ausschreibungen übernehmen. Dadurch gewinnen Ingenieure und Planer wieder mehr Zeit für das, was eigentlich ihre Kernaufgabe ist: gestalten, entscheiden und bauen.
Wie gelingt es Reiner AI, branchenspezifisches Fachwissen in eine KI-Plattform zu integrieren, sodass sie Planer und Ingenieure wirklich im Alltag unterstützt?
Reiner AI ist eine domänenspezifische KI-Plattform, die gezielt für die Bau- und Ingenieurbranche entwickelt wurde und auf führenden KI-Modellen basiert. Nach unserem aktuellen Kenntnisstand gibt es am deutschen Markt keine vergleichbare KI-Lösung, die so stark auf die Anforderungen dieser Branche zugeschnitten ist.
Unser Produkt liefert Antworten auf Basis projekt- und bauspezifischer Dokumente, relevanter Normen und kann mit unternehmenseigenen Fachwissen und -daten angereichert werden. So gibt Reiner AI fachlich präzise und kontextbezogene Antworten. Ergänzt wird die Plattform durch spezialisierte KI-Agenten, die dokumentations- und wissensintensive Aufgaben übernehmen, etwa die Prüfung von Ausschreibungen, Baustellenberichten oder Nachträgen.
An welche Zielgruppe richtet sich Reiner AI konkret, und wie stellen Sie sicher, dass die Lösung den realen Anforderungen von Architekten, Ingenieuren und Projektverantwortlichen gerecht wird?
Reiner AI richtet sich vor allem an Ingenieur-, Planungs- und Architekturbüros. Um die Praxistauglichkeit unserer KI-Plattform sicherzustellen, haben wir über ein Jahr hinweg den Arbeitsalltag von Ingenieuren und Planern als „Schatten“ begleitet. Statt die Software im stillen Kämmerlein zu entwickeln, konnten wir so die realen Herausforderungen des Arbeitsalltags aus nächster Nähe analysieren. Dabei sind uns insbesondere die hohe Dokumentationslast sowie die Komplexität von Projekten aufgefallen.
Heute implementieren wir Reiner AI bereits aktiv in Ingenieurbüros und entwickeln die Plattform in engen Feedback-Zyklen gemeinsam mit unseren Kunden kontinuierlich weiter.
Viele Unternehmen sprechen von KI Automatisierung. Was unterscheidet die KI-Agenten von Reiner AI von generischen Tools?
Im Bau- und Ingenieurwesen zählt Präzision mehr als statistische Wahrscheinlichkeit. Generative KI basiert jedoch häufig auf Wahrscheinlichkeiten und kann dadurch zu sogenannten Halluzinationen neigen – ein Risiko, das in dieser Branche nicht tolerierbar ist.
Reiner AI berücksichtigt dieses Bedürfnis und versteht als domänenspezifische KI Baustandards, Normen und Planungsprozesse. Dabei bleiben Unternehmensdaten stets innerhalb der jeweiligen Organisation geschützt. Unsere KI-Plattform verfolgt zudem konsequent einen „AI made in Germany“-Ansatz und ist vollständig DSGVO-konform aufgebaut.
Welche Rolle spielen Datenschutz und Datensouveränität bei Reiner AI, insbesondere im Hinblick auf sensible Projekt- und Unternehmensdaten?
Insbesondere im Umfeld kritischer Infrastruktur gelten hohe Anforderungen an Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und Informationssicherheit. Diese werden durch eine Datenresidenz in Deutschland (AWS Frankfurt) sichergestellt. Kundendaten werden nicht zum Training von KI-Modellen genutzt, und die Verarbeitung erfolgt DSGVO-konform innerhalb der EU. Eine ISO-Zertifizierung im Bereich Informationssicherheit ist zudem in Vorbereitung.
Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich konfrontiert, wenn es darum geht, eine traditionell geprägte Branche für neue KI-Technologien zu gewinnen?
Das Paradoxe ist, dass Unternehmen, die KI am dringendsten bräuchten, oft am wenigsten Zeit haben, sich damit zu beschäftigen. Volle Projektpipelines, Kostendruck und operativer Stress lassen wenig Raum für strategische Transformation. Daher sehen wir es als unsere Aufgabe, den Einstieg so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten, sodass Unternehmen schnell einen spürbaren Nutzen erleben – ohne lange Implementierungsprojekte oder aufwendige Schulungen.
Wie verändert die Integration von Unternehmenswissen in Ihrer Plattform die Arbeitsweise von Planungsteams konkret?
Reiner AI macht Wissen systematisch zugänglich: Projekte, Gutachten, Pläne und Dokumentationen werden durchsuchbar und direkt nutzbar, ohne langes Suchen oder Abhängigkeit von einzelnen Personen. Das verändert den Arbeitsalltag spürbar: Ingenieure finden relevante Vorprojekte in Sekunden statt Stunden, neue Mitarbeitende können sich schneller einarbeiten, und Wissen bleibt im Unternehmen erhalten, auch wenn erfahrene Kolleginnen oder Kollegen ausscheiden. Gleichzeitig bleiben alle Daten sicher im Unternehmen.
Was war bisher ein entscheidender Meilenstein für Reiner AI, der gezeigt hat, dass Ihr Ansatz im Markt funktioniert?
Definitiv die Integration des Produkts in den ersten Ingenieurbüros, etwa beim Ingenieurbüro Berthold Becker GmbH, das seit über 50 Jahren im Tiefbau tätig ist. Für viele Mitarbeitende ist Reiner AI inzwischen wie ein erfahrener Kollege geworden, der sie im Arbeitsalltag begleitet.
Besonders deutlich wird der Mehrwert beim Agenten für Baustellenprotokolle: Bei unseren Kunden reduziert er den Dokumentationsaufwand um mehr als 70 Prozent pro Monat. Erläuterungsberichte, für die Teams früher ganze Tage eingeplant haben, entstehen heute innerhalb weniger Stunden.
Mittlerweile nutzen zahlreiche Planer, Ingenieure und Bauleiter Reiner AI täglich. Dass wir mit Lösungen wie unserem Ausschreibungsmonitor und unseren Agenten für Projektbewerbungen inzwischen auch auf Top-Management-Ebene eingesetzt werden, zeigt, dass unser Ansatz skaliert.
Welche Weiterentwicklungen oder neuen Funktionen plant Reiner AI in den kommenden Jahren?
Unser Ziel ist klar: Reiner AI soll zum Operating System für Bau und Planung werden – eine intelligente KI-Plattform, die Wissen, Prozesse und Automatisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenführt.
Der Weg dorthin führt über drei Achsen: mehr Agenten, tiefes Branchenwissen und komplexere Anwendungsfälle. Während heute beispielsweise Baustellenprotokolle und Erläuterungsberichte automatisiert werden, arbeiten wir künftig an Variantenplanung, CAD-Integration und Entscheidungsvorlagen für die Projektleitungsebene.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit einer spezialisierten KI-Lösung in einen etablierten Markt gehen möchten?
Erstens: Verliebt euch in das Problem, nicht in die Technologie. Wer in einen etablierten Markt geht, muss den Arbeitsalltag seiner Zielgruppe besser verstehen als sie selbst. Bei uns bedeutete das monatelange Feldarbeit: viel Zeit auf Baustellen und in Planungsbüros, endlose Gespräche. Erst danach wussten wir, wo KI wirklich helfen kann.
Zweitens: Schnell in die Praxis, nicht perfekt ins Produkt. Etablierte Branchen überzeugt man nicht mit Demos, sondern mit spürbarem Nutzen im echten Betrieb. Der erste Kunde, der sieht, dass sein Team täglich zwei Stunden zurückgewinnt, ist überzeugender als jede Präsentation.
Drittens: Vertrauen ist das eigentliche Produkt. In konservativen Märkten kauft niemand einfach Software – man kauft Verlässlichkeit. Datensicherheit, Transparenz und persönliche Erreichbarkeit sind keine Nice-to-haves, sondern Grundvoraussetzungen.
Bild: Reiner AI Sven Gasper (li) und Philipp Mackeprang (re)
Wir bedanken uns bei Sven Gasper für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

























