Montag, Februar 2, 2026
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Was wäre, wenn Gehen wieder selbstverständlich wäre?

Turn-Motion entwickelt KI-basierte Orthesen, die mithilfe automatisierter Fertigung die Orthesenversorgung effizienter, individueller und für Orthopädietechnik weltweit skalierbar machen

Wie ist die Idee zu Turn-Motion entstanden und wer sind die Menschen, die hinter dem Unternehmen stehen?

Die Idee zu Turn-Motion entstand aus der persönlichen Erfahrung des Gründers Georg Popp, der als Kind durch eine Polio-Impfung an den Beinen gelähmt und deformiert wurde. Viele sagten ihm damals, er werde für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gebunden bleiben – doch das hat er nie akzeptiert. Im Laufe der Jahre testete er alle möglichen Orthesen und Exoskelette, um seinen Körper zu unterstützen, und erlangte nach jahrzehntelangen Schmerzen, Anstrengungen und Durchhaltevermögen schließlich wieder die Fähigkeit zu gehen.

Doch dabei wollte er nicht stehen bleiben: Er lernte, dass alles möglich ist, wenn man daran glaubt hart dafür arbeitet und immer wieder aufsteht. Deshalb gründete er Turn-Motion®, um die Orthopädietechnik auf ein völlig neues Niveau zu heben – damit seine Lebenserfahrung Millionen von Patientinnen und Patienten weltweit helfen kann. Neben Georg Popp steht Chien-hua Huang, ein international anerkannter Experte für Strukturoptimierung und maschinelles Lernen, als Co-Gründer hinter dem Unternehmen. Das Team vereint technische Expertise, operative Exzellenz und eine tiefe Verbindung zu den Bedürfnissen von Endnutzern.

Was hat euch motiviert, die Orthopädietechnik mit künstlicher Intelligenz und automatisierter Fertigung zu verbinden?

Die Motivation lag darin, die strukturellen Probleme der Branche zu überwinden: lange Wartezeiten, hohe Kosten, fehlende Skalierbarkeit und die fortschreitende Knappheit an qualifizierten Orthopädietechnikern. Durch KI und automatisierte Fertigung können wir individuellere, präzisere und dynamischere Lösungen schneller und effizienter bereitstellen, die echte Lebensqualität bieten und gleichzeitig die Arbeit von Orthopädietechnikern erleichtern.

Wie würdet ihr die Mission von Turn-Motion in wenigen Worten beschreiben?

Millionen von Menschen mit körperlichen Einschränkungen weltweit in ihrer Bewegungsfähigkeit stärken.

Welche Vision verfolgt ihr für die Zukunft der Orthesenversorgung und welchen Beitrag leistet Turn-Motion dazu?

Wir verfolgen die Vision, die Orthesenversorgung global zu revolutionieren, indem wir durch digitale Prozesse, KI und automatisierte Fertigung die individuelle Anpassung, die Funktionalität und die Zugänglichkeit für alle verbessern. Turn-Motion trägt dazu bei, leichtere, dynamischere und individuell optimierte Hilfsmittel zu schaffen, die echte Lebensqualität bieten und die Versorgungskette entlasten.

Wie verbessert eure Technologie die Arbeit von Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechnikern konkret?

Unsere Technologie ermöglicht es Orthopädietechnikern, bis zu 30–40 individuelle Orthesen pro Stunde zu produzieren, statt wie bisher nur eine pro Tag. Die KI-basierte Plattform berechnet automatisch die optimale Struktur und Positionierung des Materials, wodurch manuelle Anpassungen überflüssig werden und der gesamte Prozess beschleunigt wird. Die Technologie reduziert die internen Produktionskosten signifikant und erhöht die Margen der Partnerwerkstätten deutlich.

Was unterscheidet Turn-Motion von klassischen Herstellern orthopädischer Hilfsmittel?

Der aktuelle Produktionsprozess umfasst zahlreiche manuelle Schritte – vom Schleifen des Positivmodells über das Laminieren und Tempern bis zu mehreren Anproben. Dadurch entstehen Durchlaufzeiten von Wochen bis Monaten – ein Workflow, der in Zukunft nicht tragfähig ist. Wir produzieren vollautomatisch innerhalb von nur 24 Stunden. Das erweitert nicht nur den Zugang zu hochwertiger Versorgung, insbesondere für unterversorgte Patienten, sondern eröffnet auch skalierbare Marktchancen, die mit herkömmlichen Methoden unmöglich wären.

Wie sieht der Weg von der Datenerfassung bis zur fertigen Orthese aus und welche Rolle spielt dabei die KI?

Der Prozess beginnt mit der Erfassung relevanter Patientendaten wie Gewicht, Körpermaße, Fußfehlstellung und Muskelstatus. Ein KI-Algorithmus berechnet daraufhin tausende dynamische Simulationen in nur Sekunden für die optimale Form und Materialverteilung resultierend in maximale Stabilität bei minimalem Gewicht. Die Orthese wird anschließend mit unseren eigens entwickelten Produktionsmaschinen gefertigt, wobei die KI auch die Faserplatzierung steuert.

Welche Herausforderungen begegnen euch beim Aufbau eines MedTech-Startups und wie geht ihr mit ihnen um?

eim Aufbau eines MedTech-Startups sind die größten Herausforderungen die Finanzierung, die Skalierung der Technologie und der Aufbau eines passenden Teams. Zu Beginn waren wir nicht ambitioniert genug und konzentrierten uns auf kleinere Förderprogramme, die nur begrenzte Studien abdeckten – viele wurden abgelehnt, wodurch wir fast das Momentum mit potenziellen Partnern verloren hätten. Um in dieser kritischen Phase nicht stehenzubleiben, finanzierte ich die ersten Studien schließlich aus meinem Privatvermögen. Daraufhin überdachten wir unsere Strategie grundlegend, strebten größere Förderungen und Investitionen an und erweiterten unser Team um namhafte Fachleute. So konnten wir 1,5 Millionen Euro an nicht verwässernder Förderung sichern und ein DeepTech-Team aufbauen, das in seiner Zusammensetzung einzigartig ist.

Wie wichtig ist für euch die Zusammenarbeit mit medizinischen Partnern und Patientinnen und Patienten?

Die Zusammenarbeit mit medizinischen Partnern und Patienten ist für Turn-Motion essenziell, um die Produkte kontinuierlich zu verbessern und die Bedürfnisse aller Beteiligten optimal zu berücksichtigen. Patientenfeedback und klinische Studien fließen direkt in die Produktentwicklung ein, und durch enge Kooperation mit Partnern können wir regulatorische und technische Anforderungen besser umsetzen.

Welche Entwicklungen oder Innovationen plant ihr für die kommenden Jahre, um das Angebot weiter auszubauen?

Wir planen, verschiedene Produkte zu veröffentlichen, die auf unterschiedliche Eingabedaten ausgelegt sind – von Orthesen mit Gelenken globaler Hersteller bis zu Prothesenschäften. Anschließend adressieren wir neue Märkte mit adaptiven Exoskeletten für Senioren und Arbeiter.

Was treibt euch persönlich an, die Orthopädietechnik neu zu denken und zu digitalisieren?

Der persönliche Antrieb war zunächst, dass der Gründer Georg Popp in Zukunft weiterhin gehen kann, weil die Entwicklungen im Markt es vermutlich nicht mehr erlauben würden, wenn er sich nicht aktiv für Veränderung einsetzt. Doch während des Aufbaus des Unternehmens hat sich die Motivation weiterentwickelt: Unsere Technologie ist so einzigartig und spannend, dass sie sich breit anwenden lässt und jede Herausforderung innerhalb des Unternehmens extrem motivierend und faszinierend ist. Inzwischen wissen wir auch, dass wir damit weniger privilegierte Menschen versorgen können, und wir sehnen uns alle nach dem Moment, in dem wir das tatsächlich möglich machen können.

Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben, die im Gesundheits- oder MedTech-Bereich starten möchten?

Unser erster Rat lautet: Entrepreneurship ist ein Teamsport. Es reicht nicht, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben – es geht darum, die Vision am Weg nicht zu verlieren, das richtige Team, vor allem das Founder-Team, aufzubauen und darauf zu achten, dass andere an eure Vision glauben und investieren. Zweitens: Bleibt agil und flexibel, denn Sturheit und Alleingang killen ein Startup. Gebt anderen die Chance, sich damit zu identifizieren, und engagiert euch zu 100 Prozent, denn das wird euer Leben verändern. Drittens: Haltet euch nicht von Ratschlägen verunsichern, sondern nehmt sie auf, verarbeitet sie und zeigt eure Idee offen – spricht mit vielen Menschen, verfolgt mehrere Strategien gleichzeitig und seid bereit, von vorne anzufangen, hinzufallen, aufzustehen und neu zu konfigurieren.

Bildcredits @Turn-Motion

Wir bedanken uns bei Georg Popp für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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