Unscripted verbindet Mode und KI in einer App, die persönliche Stilvorlieben erkennt, individuelle Inspiration bietet und den Austausch innerhalb einer Fashion-Community fördert.
Können Sie Unscripted kurz vorstellen und erzählen, wie aus Ihrer persönlichen Begeisterung für Mode die Idee für die App entstanden ist?
Unscripted ist eine Mode-App, die ein Zuhause für Modeinteressierte sein und gleichzeitig dabei helfen soll, Mode leichter auffindbar zu machen. Nutzer teilen Looks, einzeln oder in sogenannten Threads zu bestimmten Themen. Die Bilder werden mithilfe von KI verschiedenen Stilrichtungen und Kontexten zugeordnet. Aus den Posts und Interaktionen entsteht für jeden Nutzer nach und nach ein persönliches Geschmacksprofil.
Ich habe mich schon sehr früh intensiv mit Mode beschäftigt und unter anderem bei Maison Margiela in Paris im Merchandising sowie bei Talbot Runhof und dem Bekleidungshersteller MAES in London gearbeitet. Dabei ist mir aufgefallen, dass es einerseits keine eigene Plattform für Mode gibt, obwohl sie für viele Menschen eine echte Leidenschaft ist. Andererseits ist es immer noch erstaunlich schwierig, passende Produkte und Marken zu finden, weil Menschen ihren eigenen Geschmack oft zwar erkennen, aber nur schwer in Worte fassen können.
Unscripted soll ein Ort sein, an dem Teilen und Entdecken ineinandergreifen: Man zeigt, was man liebt, inspiriert damit andere und wird selbst wieder zu neuen Entdeckungen geführt.
Sie beschreiben Ihr eigenes Modeverständnis als eine Form von Mustererkennung. Wann entstand daraus die Idee, diesen Prozess mithilfe von KI für andere zugänglich zu machen?
In meinen früheren Jobs habe ich gemerkt, dass Stilbewusstsein sehr stark auf Mustererkennung basiert. Man sieht ein Kleidungsstück und kann sich oft direkt vorstellen, wie man es gut kombinieren könnte, einfach, weil man schon sehr viele andere Beispiele gesehen und sich über Jahre intensiv mit Mode beschäftigt hat. Menschen, die sich weniger für Mode interessieren und sich dementsprechend auch weniger damit auseinandersetzen, fällt das oft schwerer. Das liegt nicht an fehlendem Geschmack, sondern vor allem an fehlender Erfahrung und Vergleichsmöglichkeiten.
Mit den Fortschritten in der KI wurde mir klar, dass man Wissen, das sich Menschen über viele Jahre aneignen, heute viel breiter zugänglich machen kann. Wir haben deshalb ein System entwickelt, das Bilder ähnlich einordnet, wie es jemand mit viel Modeerfahrung tun würde: nach Stilrichtungen, Referenzen und ästhetischen Zusammenhängen. So können Nutzer leichter weitere Looks, Produkte oder Marken entdecken, die zu ihrem Geschmack passen. Die Idee dahinter ist, Mode ein Stück weit zu entschlüsseln und dadurch zugänglicher zu machen.
Modegeschmack ist sehr persönlich und verändert sich mit der Zeit. Wie soll Unscripted diese Nuancen erfassen, ohne Nutzer in starre Stil-Schubladen einzuordnen?
Genau deshalb arbeiten wir nicht mit einem statischen Geschmackstest zu Beginn, sondern mit einem dynamischen Geschmacksprofil, das sich anhand der Posts und Interaktionen der Nutzer laufend weiterentwickelt.
Unser System umfasst rund 150 verschiedene Ästhetiken, und jeder Post wird nicht nur einer, sondern drei davon zugeordnet. Ein Outfit hat schließlich selten nur einen einzigen „Vibe“- es kann zum Beispiel minimalistisch und lässig sein, oder minimalistisch und elegant. Das sind zwei sehr unterschiedliche Outfits.
Für mich ist diese Vielfältigkeit abbilden zu können sehr wichtig, weil Vielfältigkeit die Mode ausmacht. Menschen sind nicht eindimensional. Jemand kann sich manchmal sehr elegant und zu anderen Gelegenheiten sehr experimentell kleiden, je nach Anlass, Lebensphase oder Stimmung. Unser System soll diese Komplexität sichtbar machen, statt sie zu reduzieren.
Klassische Social-Media-Plattformen bieten bereits unendlich viel Fashion-Inspiration. Welches Problem möchten Sie mit Unscripted besser lösen?
Das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass es zu wenig Inspiration gibt, eher im Gegenteil. Es gibt sehr viel davon, aber wenig Struktur, um aus dieser Inspiration tatsächlich handeln zu können.
Menschen speichern Bilder auf Pinterest, sehen Looks auf Instagram, entdecken Marken auf TikTok und suchen auf Reddit nach Tipps. So setzen sie ihren Geschmack aus vielen einzelnen Eindrücken zusammen, ohne am Ende unbedingt zu wissen, wie sie diese Inspiration umsetzen oder wo sie die passenden Produkte finden können.
Hinzu kommt, dass viele Menschen sehr gut erkennen können, ob ihnen etwas gefällt, sobald sie es sehen. Es aber im Vorfeld zu beschreiben, ist deutlich schwieriger. Man weiß, wie man sich fühlen möchte oder in welche Stilrichtung es gehen soll, aber nicht unbedingt, wie das konkrete Kleidungsstück aussehen muss.
Unscripted möchte diese Lücke schließen, indem Mode nicht nur nach klassischen Produktkategorien, sondern auch nach Stilrichtungen und Anlässen entdeckt werden kann.
Sie ziehen eine Parallele zu Spotify und der Entdeckung neuer Musik. Was müsste Unscripted erreichen, damit Mode ähnlich persönlich entdeckt werden kann?
Spotify ermöglicht es Menschen, neue Musik nicht nur über einzelne Künstler zu entdecken, sondern auch über die Playlists anderer Nutzer. Dadurch verlagert sich Entdeckung weg von reinem Label-Marketing hin zu nutzergetriebener kuratierung. Statt Album von Sänger x, kann man systematischer durch den Geschmack anderer entdecken: Playlists zum arbeiten, Techno Playlists, Playlists fürs einschlafen oder gegen Liebeskummer.
Genau das möchten wir auch für Mode ermöglichen. Nutzer sollen Mode nicht nur über eine bestimmte Marke oder die Outfits einer einzelnen Person auf Instagram entdecken, sondern über verschiedene Kontexte und Stilwelten: zum Beispiel Outfits fürs Büro, All-Black-Looks, minimalistische Outfits oder Looks für einen bestimmten Anlass.
Langfristig würde ich diese Kuratierung auf Unscripted noch weiter ausbauen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass Nutzer Bilder oder Produkte von Pinterest oder Instagram direkt in bestimmte Threads auf Unscripted speichern und dort zusammen kuratieren können. Das wäre für uns ein nächster Schritt.
Die App lernt anhand der geteilten Bilder, welche Ästhetiken eine Person interessieren. Welche Rolle spielt dabei die KI und wo stößt sie beim Verständnis von Geschmack an Grenzen?

Die KI übernimmt bei uns die automatische Bildanalyse auf Basis eines Systems, das auf jahrelanger Modeerfahrung beruht.
Aber KI kann letztlich nur aus bestehenden Mustern lernen, sie kann nicht etwas Neues schaffen. Menschen sind bekanntermaßen unberechenbar, das muss man sich auch in der Volkswirtschaft immer wieder eingestehen. Neue Trends, die entstehen, und die Frage, wie Menschen sie annehmen, sind oft irrational und schwer vorhersehbar. Wir können mit Hilfe von KI nur dabei helfen, auf die heutigen Ideen, Vorlieben und Wünsche der Nutzern besser einzugehen. Aber wir können nicht voraussehen, was sie morgen inspirieren wird. Inspiration ist und bleibt menschlich.
Außerdem ist Mode stark mit Identität verbunden. Selbst wenn eine KI theoretisch anhand sehr vieler Datenpunkte das vermeintlich perfekte Produkt vorschlagen könnte, glaube ich nicht, dass Menschen ihre Entscheidung komplett an einen Algorithmus abgeben wollen. Gerade bei Mode möchten wir verschiedene Möglichkeiten sehen, inspiriert werden und am Ende selbst entscheiden, was sich nach uns anfühlt.
Unscripted soll nicht nur Inspiration bieten, sondern auch eine Community für Looks, Fragen und Nischenthemen schaffen. Wie möchten Sie erreichen, dass daraus echte Interaktion statt nur ein weiterer Bilder-Feed entsteht?
Dafür haben wir ganz bewusst die Threads-Funktion entwickelt. Das sind thematische Gruppen, die von Nutzern oder von uns erstellt werden können, zum Beispiel zu Herbstlooks, den besten Secondhand-Läden in Berlin oder für konkrete Styling-Fragen. Threads können auch anonym erstellt werden, wenn jemand Rat sucht. Dadurch steht ein Post nicht einfach für sich, sondern ist Teil eines Gesprächs oder eines bestimmten Kontexts.
Inspiration und Shopping sollen künftig enger miteinander verbunden werden. Wie verhindern Sie, dass Produktempfehlungen den persönlichen Geschmack zu stark in Richtung Konsum beeinflussen?
Ein großes Anliegen ist für uns, kleineren und unabhängigen Marken zu mehr Reichweite zu verhelfen. Wenn Empfehlungen nach tatsächlicher stilistischer Relevanz entstehen, können auch Marken sichtbar werden, die mit den großen Werbebudgets etablierter Unternehmen sonst nicht konkurrieren können.
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, bewusster zu kaufen: Dinge, die unter fairen Bedingungen hergestellt wurden, vielleicht etwas teurer sind, dafür aber länger getragen werden. Das möchten wir eher fördern, als jeden neuen Trend möglichst schnell nachzukaufen.
Mode ist für mich außerdem nicht nur Transaktion, sondern Identität, Kultur und ein Hobby. Wer viel kaufen möchte, kann das mit oder ohne Unscripted tun. Unser Ziel ist es, Menschen dabei zu helfen, Dinge zu finden, die wirklich zu ihnen passen und mit denen sie ihre Persönlichkeit und Kreativität ausdrücken können.
Der Erfolg einer Social-Plattform hängt wesentlich von einer aktiven Community ab. Wie wollen Sie gerade in der frühen Phase genügend relevante Inhalte und Nutzer gewinnen?
Wir haben inzwischen über 1.000 Downloads erreicht, ohne bisher Werbung geschaltet zu haben. Aktuell wachsen wir vor allem über Social Media, Presse und gezielte Markenpartnerschaften. Ein einziges Reel mit einer Partner-Marke hatte zum Beispiel über 70.000 Aufrufe.
Gleichzeitig versuchen wir, das klassische Social-Media-Problem in der frühen Phase etwas abzufedern: Ein Post hat bei Unscripted nicht erst dann einen Wert, wenn viele andere Nutzer ihn liken. Jeder hochgeladene Look wird analysiert und kann direkt zu neuen Marken führen. Dadurch entsteht auch bei einer noch kleinen Community ein unmittelbarer Mehrwert für den einzelnen Nutzer.
Markenpartnerschaften, Micro-Influencer und ein Ambassador-Programm sollen uns im nächsten Schritt helfen, diese Community gezielt weiter auszubauen.
Unscripted erhält bereits zum App-Start bundesweite Aufmerksamkeit. Wie verwandeln Sie diese erste Sichtbarkeit in langfristiges Wachstum?
Die Reportage in der BILD war für uns eine tolle Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Langfristiges Wachstum entsteht aber nur dann, wenn den Menschen die App wirklich gefällt und die Nutzer, die wir heute gewinnen, sie auch in zwei oder drei Monaten noch verwenden.
Deshalb liegt unser Fokus aktuell stark darauf, Nutzerfeedback zu sammeln, zu verstehen, was Menschen wirklich an der App bindet, und das Produkt entsprechend weiterzuentwickeln. Sichtbarkeit hilft uns dabei, neue Nutzer zu erreichen – langfristig entscheidet aber die Qualität des Produkts darüber, ob sie bleiben.
Welche Vision verfolgen Sie mit Unscripted, und wo soll die Plattform in einigen Jahren innerhalb der Fashion-Welt stehen?
Die Vision ist langfristig größer als Mode. Unscripted soll eine Plattform werden, auf der Menschen Produkte, Orte und Inspiration nach Themen, Stilen und Kontexten entdecken können.
Heute kann man zum Beispiel in unserem Oktoberfest-Thread Looks anderer Nutzer sehen und sich inspirieren lassen, aber auch passende Tracht und Marken entdecken. Langfristig könnte so ein Thread noch viel weiter gehen: mit Accessoires für die Wiesn, Restaurants und Hotels in München, passender Musik oder Filmen rund um München und Volksfeste.
Ich glaube, dass viel Wert in dieser thematischen Form der Entdeckung liegt – gerade weil die Inhalte nicht nur von einer Redaktion vorgegeben werden, sondern von vielen Menschen gemeinsam kuratiert und ergänzt werden. Statt eine Empfehlung in einer Zeitschrift zu lesen und wieder zu vergessen, entsteht so ein lebendiger Ort, an dem Wissen, Geschmack und Empfehlungen zusammenkommen.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die aus einer persönlichen Leidenschaft ein technologiegetriebenes Unternehmen entwickeln möchten?
Erstens: Nicht die eigene Begeisterung mit einem Markt verwechseln. Leidenschaft ist ein sehr guter Ausgangspunkt, aber man muss herausfinden, ob andere Menschen tatsächlich dasselbe Problem haben.
Zweitens: Den eigenen Wissensvorsprung nutzen. Gerade Dinge, die einem selbst selbstverständlich erscheinen, können der interessanteste Teil einer Idee sein.
Drittens: So einfach wie möglich anfangen. Auch wenn die langfristige Vision größer ist, würde ich heute zunächst etwas bauen, das sich schnell entwickeln, testen und idealerweise auch monetarisieren lässt. Mit Tools wie Codex oder Claude Code kann man inzwischen sehr früh selbst erste Produkte entwickeln und damit Feedback und Umsatz sammeln, bevor man viel Geld investiert. Ich selbst habe anfangs zu kompliziert gedacht und würde anderen raten, diesen Fehler zu vermeiden.
Bildcredits Unscripted
Wir bedanken uns bei Celine Leibfried für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
Premium Start-up: Unscripted

Kontakt:
Chameleonne GmbH
Knesebeckstraße 30
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Ansprechpartnerin: Celine Leibfried















