Unwritten entwickelt dialogisches Storytelling, bei dem Text durch KI lebendig wird und Inhalte in persönliche Gespräche überführt werden
Was ist die Idee hinter Unwritten und wie ist das Unternehmen entstanden?
Unwritten dreht das Verhältnis zwischen Inhalten und Nutzer um: Statt dass Menschen statische Inhalte passiv konsumieren, schaffen wir Gefährten, die aktiv mit den Nutzern sprechen, sie dabei kennenlernen und im Ergebnis zuvor starre Inhalte zu einem echten Erlebnis werden lassen.
Die Idee kam direkt aus unserem KI Meetup „Betreute Intelligenz“. Dort hatten wir damit gespielt, Bücher auf diese Weise zum Leben zu erwecken und hatten vom Start weg Gänsehaut-Momente: es ist als ob der Autor für dich in diesem Momenten die nächsten Zeilen weiterschreibt.
Dahinter steht eine wilde Truppe mit 20 Künstlern, Autoren, Kreativen, Machern und Technikern – Susann als Community-Anker, Tobias, der Code-Virtuose, Stefan mit seiner OS-Architektur-Erfahrung, Ruben, Thor, Melanie und andere, alle angetrieben von Projektfaszination. Bewusst ganz ohne klassische Verträge – das funktioniert praktisch, ist aber auch chaotisch. Manche brauchen Klarheit, andere lieben das Offene. Wir haben gelernt, damit zu leben. Auch wenn unsere Wurzeln in der Technologie liegen – ohne die Kultur dazu würde es steril bleiben.
Wer steht hinter Unwritten und welche Hintergründe bringen die Gründer mit?
Wir sind ein buntes Team (die „Unbeschreiblichen“) mit einer bewusst großen Bandbreite über Technik, Kunst, Literatur, Wissenschaft und Lehre. Darin liegt unsere eigentliche Superkraft: unsere Companions spiegeln im Umgang ganz viele Facetten aus diesem wilden Mix wider, den jede Einzelne im Team prägt.
Unser Background reicht von Betriebssystem-Architektur über tiefe KI-Expertise bis zu Wirtschaftsinformatik. Wir leben für offene Ökosysteme statt geschlossener Welten. Unsere Basis ist das gegenseitige Vertrauen – wir kennen und schätzen uns teilweise schon ein halbes Leben lang. Ein enorm wertvolles Fundament.
Die Entscheidung für das KI Meetup spiegelt das Denken der Truppe vielleicht am besten wider: ein Einzelner kann schon lange nicht mehr mit der unfassbaren Geschwindigkeit mithalten, mit der sich das KI-Umfeld jeden einzelnen Tag weiterentwickelt. Aber gemeinsam und auf Augenhöhe kann man auch hier Rückhalt und Orientierung schaffen.
Welche Vision verfolgt Unwritten im Umgang mit Text, Storytelling und KI?
Unsere Vision: Worte werden Welten. Das bedeutet, dass Text nicht durch KI optimiert wird (das ist Tod), sondern dass KI Text überhaupt erst ermöglicht, lebendig zu werden – ihn sprechen zu lassen, ihn weiterzuspinnen, mit ihm zu spielen – basierend darauf, wem er gerade gegenübersteht.
Wir sehen zwei Wege für generative KI: Sie kann Inhalte besser oder Beziehungen echter machen. Unsere Wahl ist der zweite Weg. Das heißt: es entsteht ein Companion, ein Begleiter, der dich versteht, der auf dich eingeht – deine Gedanken, deine Ideen, deine Wünsche. Und das mit dem Text verwebt. Überraschend Neues entstehen lässt.
Echo auf unwritten.studio ist kein Chatbot – es ist ein Spiegel und Versprechen: „Diese Worte werden dich kennen, bevor du sie kennst.“ Und für spezifische Inhalte (Pantopia, Nÿt, Penelope, Wasted Wetware) entstehen immer wieder neue Begleiter – jeder mit seiner eigenen Tonalität, seiner eigenen Aufgabe.
Wie soll aus statischen Inhalten ein dialogisches Erlebnis werden und warum ist dieser Ansatz aus eurer Sicht zeitgemäß?
Wir stellen die Architektur auf den Kopf: Statt dass der Mensch den Text durcharbeitet, arbeitet der Text mit dem Menschen. Das ist zeitgemäß, weil unsere Aufmerksamkeit endlich ist – aber Bedeutung nicht. KI kann unsere Aufmerksamkeit wertschätzen, indem sie Bedeutung konzentriert.
„Statisch“ bedeutet: Der Text wartet. Der Mensch muss kommen, viel Zeit mitbringen, sich erarbeiten, was relevant ist. Das war gut, als Medien knapp waren. Heute hat es sich ins Gegenteil gedreht. Ein dialogisches Erlebnis dagegen bedeutet: Der Text begegnet dir. Er erkennt, wo du stehst. Er antwortet auf deine Fragen, die du noch gar nicht gestellt hast.
Ein Beispiel: Wissensbewahrung. In der Vergangenheit eine Qual für alle Beteiligten – nach einem Jahr Begleitung mit Expert Debriefing liegen 1000 Seiten Totholz auf dem Tisch. Unser „Lagerfeuer“ dagegen bringt Experten aus einem Bereich für einen Tag zusammen, um ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Pure Energie. Danach: Ein digitaler Companion zu dem Fachthema, der diese Begeisterung überspringen lässt – und gerade den jungen Kollegen zur Seite steht wie ein Mentor, den sich alle zu Beginn wünschen, mit unendlicher Geduld.
An wen richtet sich Unwritten konkret und welche Bedürfnisse dieser Zielgruppen stehen im Fokus?
Wir richten uns an drei Gruppen: Bildungsinstitutionen, die echte, adaptive Lernbegleiter suchen, keine Chatbots. Verlage und Autoren, die ihre Werke nicht einfach nur durchsuchbar machen, sondern einen lebendigen Gefährten danebenstellen wollen. Organisationen, die Expertise in Narrative übersetzen wollen – für Onboarding, Consulting oder um Verbindung und Engagement zu schaffen.
Die Bedürfnisse sind im Kern ähnlich: Sie alle haben hochwertige Inhalte und merken, dass Effizienz nicht das Problem ist. Das Problem ist Entfremdung. Studierende fühlen sich allein mit ihrer Thesis. Leser würden Klassiker gerne völlig neu entdecken. Techniker sollen dokumentieren oder dröges Schulungsmaterial durchlaufen. Wir bauen Weggefährten, die als Sparringspartner neue Welten aufspannen und Neugier entfachen.
Ob EU AI Act, Nÿt, Penelope, Pantopia, Wasted Wetware oder Expert Debriefing am Lagerfeuer – das sind keine Nischen, sondern Bereiche mit echtem Bedarf und echtem Impact.
Was unterscheidet Unwritten von klassischen Content- oder KI-Plattformen am Markt?
Drei Dinge: Wir behandeln Content als heilig, nicht als Material zum Optimieren. Wir messen an Gänsehaut-Momenten, nicht an Engagement-Metriken. Und wir arbeiten mit Verlagen und Akademie zusammen, nicht gegen sie – als echte Partner.
Die Welt füllt sich mit immer mehr KI-Müll. Agenturen produzieren Berge von AI-Slop, messen Engagement und nennen es Innovation. Für uns ist das keine Innovation, das ist Vandalismus. Innovation ist, wenn ein Student sagt: „Dieser Companion versteht mich besser als mein Professor.“
Wir positionieren Unwritten nicht als ein weiteres generisches Q&A-System. Wir arbeiten mit Literaturwissenschaftlern, Pädagogen und Autoren im Team. Andere sagen das nicht, weil ihnen die Literatur fehlt.
Welche Herausforderungen bringt es mit sich, narrative Inhalte in interaktive Dialoge zu übersetzen?
Die größte Herausforderung ist nicht die Technologie, sondern die Zusammenarbeit mit Autoren. Ein Charakter ist nicht die Summe seiner Sätze – er ist das Bild, das der Autor im Kopf hatte, aber nie vollständig aussprechen konnte. Der Bot muss das verstehen, nicht reproduzieren.
Pantopia zeigte das sehr deutlich. Erst als die Autorin sagte: „Ich hatte das Gespräch meines Lebens mit Einbug“, wussten wir, es funktioniert. Alles davor war notwendiges Scheitern.
Bei Nÿt ging es um die Balance zwischen emotionaler Begleitung und sachlicher Effizienz. Unser Gefährte soll emotional sein – muss dabei aber auch zielgerichtet auf den Punkt kommen. Auch bei Ivy zeigte sich: Tonalität ist komplex, aber entscheidend.
Wie geht Unwritten mit der Balance zwischen Technologie, Kreativität und Verantwortung um?
Unsere Regel ist klar: Technologie dient der Kreativität, nicht umgekehrt. Und Kreativität dient dem Menschen, nicht der Metrik. Verantwortung heißt auch, Nein zu sagen.
Wir zielen auf AI First statt Feature-Denken. Alte Annahmen beerdigen, neue Denkpfade anlegen.
Echo ist inspiriert von Eliza, dem ersten Chatbot der 70er Jahre. Nicht technische Perfektion ist entscheidend, sondern echte menschliche Reaktion.
Welche Rolle spielt Storytelling in einer zunehmend KI-geprägten digitalen Welt?
Menschen definieren ihr Miteinander über Geschichten. Storytelling schafft Wärme, Emotion und Vertrauen – gerade in einer Zeit maximaler Optimierung.
Unsere Companions nehmen Nutzer mit auf ihr persönliches Abenteuer, wie ein Textadventure aus den 80ern, aber maßgeschneidert.
Henry auf Wasted Wetware zeigt, wie Storytelling verstärkt statt optimiert wird. Das ist kein Ende der Literatur, sondern die Frage nach ihrer Zukunft.
Wohin soll sich Unwritten in den kommenden Jahren entwickeln?
Unwritten ermöglicht tiefe Gespräche mit Büchern, Geschichten, Konferenzen oder wissenschaftlichen Publikationen – in einer neuen Intensität. Diese Barriere wollen wir breiter zugänglich machen.
Es geht um Fragen, nicht Features: Wie wird ein Buch zu einem Gefährten? Wie wird Expertise zu Narrativen?
Afterglow lässt Events neu erleben. Es ist komplex, roh und genau deshalb unser Ding.
Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mitgeben?
Die besten Ideen sind wertlos ohne das richtige Team. Ein Startup ist wie eine Ehe – entscheidend ist, mit wem man die Reise geht.
Wenn deine Idee auch von einem Konzern kommen könnte, ist sie nicht gut genug. Frag dich, warum nur du sie umsetzen kannst.
Umgib dich mit Menschen, die in anderen Disziplinen smarter sind als du. Tech, Design, Literatur und Philosophie zusammen schaffen unbeschreibliche Dinge.
Bildcredits @Turn-Motion
Wir bedanken uns bei Susann Mürling, Tobias von Dewitz und Stefan Probst für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
























