Donnerstag, April 9, 2026
StartInterviewsWie entsteht Innovation in einer der komplexesten Branchen der Welt?

Wie entsteht Innovation in einer der komplexesten Branchen der Welt?

Versicherungsbranche, Startups und Innovation stehen im Fokus des InsurTech Hub Munich und treiben die digitale Transformation der Branche entscheidend voran.

Wie würden Sie den InsurTech Hub Munich unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und welche zentrale Rolle nimmt dieser Hub im deutschen Digital Hub Netzwerk sowie im InsurTech-Ökosystem ein?

Dr. Jesper Heide: Der InsurTech Hub Munich ist die zentrale Plattform für Versicherungsinnovationen in Deutschland und Teil der de:hub Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Wir verbinden Startups, etablierte Versicherer, Investoren und Forschungseinrichtungen zu einem lebendigen Ökosystem. Als einer von zwölf Digital Hubs in Deutschland haben wir uns auf die digitale Transformation der Versicherungsbranche spezialisiert. Unsere Mission ist es, Deutschland als führenden Standort für InsurTech-Innovationen zu stärken und den Austausch zwischen allen Akteuren der Branche zu fördern. Wir schaffen die Infrastruktur und das Netzwerk, damit innovative Ideen schnell in marktfähige Lösungen überführt werden können.

Was macht München als Standort für InsurTech-Innovationen besonders attraktiv und welche strukturellen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Stärken bringt die Region für die Transformation der Versicherungsbranche mit?

Estefanía Rodríguez Migliarini: München vereint ideale Voraussetzungen für InsurTech-Innovationen. Die Stadt ist Sitz führender Versicherungskonzerne wie Allianz, Generali, MunichRe und anderen Rückversicherern, aber auch vieler regionaler Champions und mittelständischer Unternehmen. Diese Dichte an Branchenexpertise ist weltweit einzigartig. Hinzu kommen exzellente Forschungseinrichtungen wie die TU München und LMU, die Spitzentalente für die Versicherungswirtschaft und technologische Innovationen, insbesondere in KI, ausbilden. Die starke Startup-Szene, verfügbares Venture Capital und eine hohe Lebensqualität machen München zum Magneten für Gründer und Fachkräfte. Die geografische Nähe zwischen Startups und Versicherern ermöglicht kurze Wege und schnelle Kooperationen. Diese Kombination aus Tradition und Innovation schafft ein fruchtbares Umfeld für die digitale Transformation der Versicherungsbranche.

Der InsurTech-Bereich entwickelt sich rasch weiter. Welche aktuellen Herausforderungen der Versicherungswelt adressiert der InsurTech Hub Munich und wie tragen Ihre Aktivitäten dazu bei, diese zu lösen?

Dr. Jesper Heide: Die Versicherungsbranche steht vor fundamentalen Herausforderungen. Kunden erwarten heute digitale, personalisierte Erlebnisse. Gleichzeitig müssen Versicherer ihre Prozesse effizienter gestalten und neue Risiken wie Cyberbedrohungen oder Klimawandel bewältigen. Wir adressieren these Themen durch gezielte Programme und Veranstaltungen. In unseren Formaten bringen wir Startups mit konkreten Lösungen und Versicherer mit spezifischen Problemen zusammen. Wir organisieren Workshops zu Zukunftsthemen, fördern Pilotprojekte und schaffen Räume für Experimente. Durch den Wissensaustausch im de:hub Netzwerk können wir Best Practices teilen und gemeinsam an Standards arbeiten. So beschleunigen wir die Entwicklung von Lösungen, die echten Mehrwert schaffen.

Künstliche Intelligenz, Datenanalytics und Automatisierung sind starke Treiber in der Branche. Wie unterstützt der Hub Startups dabei, diese Technologien in Versicherungsprozesse zu integrieren — etwa in Underwriting, Schadenmanagement oder Kundenkommunikation?

Dr. Jesper Heide: Wir verstehen uns gleichermaßen als Brückenbauer zwischen Technologie und Versicherungspraxis. Startups erhalten bei uns Zugang zu Branchenexperten, die ihnen helfen, ihre Lösungen auf reale Anforderungen zuzuschneiden. In unseren Veranstaltungen zeigen wir konkrete Anwendungsfälle, von KI-gestützter Risikoprüfung bis zur automatisierten Schadensabwicklung. Wir vermitteln Pilotprojekte, in denen Startups ihre Technologien in echten Prozessen testen können. Zudem organisieren wir Tech-Sessions und Hackathons, bei denen gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Der Austausch mit etablierten Versicherern hilft Startups, die spezifischen Anforderungen an Genauigkeit, Compliance und Integration zu verstehen. So entstehen Lösungen, die nicht nur technologisch überzeugen, sondern auch praktisch umsetzbar sind.

Wie begleitet der InsurTech Hub Munich Gründerinnen und Gründer ganz konkret bei der Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung, der Markteinführung und beim Aufbau nachhaltiger Kundenbeziehungen?

Estefanía Rodríguez Migliarini: Wir bieten ein umfassendes Begleitprogramm entlang der gesamten Gründungsreise. Startups erhalten Zugang zu Mentoring durch erfahrene Versicherungsmanager und erfolgreiche Gründer. Wir organisieren Feedback-Sessions, in denen Produkte auf Herz und Nieren geprüft werden. Bei der Markteinführung helfen wir durch Sichtbarkeit auf unseren Events und in unserem Netzwerk. Wir stellen Kontakte zu potenziellen Pilotkunden und Investoren her. Regelmäßige Austauschformate ermöglichen es Gründern, voneinander zu lernen und gemeinsam Herausforderungen zu meistern. Durch die Anbindung an das de:hub Netzwerk können wir auch überregionale Kontakte vermitteln. Unser Fokus liegt darauf, nachhaltige Beziehungen aufzubauen, von denen beide Seiten langfristig profitieren.

In der InsurTech-Szene sind Partnerschaften zwischen Startups und etablierten Versicherern essenziell. Wie fördern Sie solche Kooperationen und welche Formate oder Initiativen haben sich dabei als besonders wirkungsvoll erwiesen?

Estefanía Rodríguez Migliarini: Kooperationen gelingen am besten, wenn beide Seiten einander verstehen. Wir schaffen strukturierte Begegnungsformate, in denen Startups ihre Lösungen präsentieren und Versicherer ihre Herausforderungen teilen. Besonders bewährt haben sich Innovation Challenges, bei denen Versicherer konkrete Problemstellungen ausschreiben. Auch unsere Matchmaking-Events bringen gezielt die richtigen Partner zusammen. Wir moderieren Pilotprojekte und helfen bei der Definition realistischer Ziele. Wichtig ist uns, dass Kooperationen auf Augenhöhe stattfinden. Deshalb sensibilisieren wir beide Seiten für die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Kulturen. Erfolgsgeschichten aus unserem Netzwerk zeigen wir als Best Practices, um andere zu inspirieren. Die persönlichen Beziehungen, die bei uns entstehen, sind oft die Basis für langfristige Partnerschaften.

Welche Bedeutung haben regulatorische Anforderungen und Datenschutz im Kontext von InsurTech-Innovation und wie unterstützen Sie Startups, diese Compliance-Hürden erfolgreich zu meistern?

Dr. Jesper Heide: Regulierung und Datenschutz sind zentrale Erfolgsfaktoren im Versicherungsbereich. Viele innovative Ideen scheitern nicht an der Technologie, sondern an mangelndem Verständnis für regulatorische Anforderungen. Wir bieten regelmäßig Workshops mit Experten von BaFin, Datenschutzbehörden und Compliance-Spezialisten an. Startups lernen, wie sie DSGVO-konform arbeiten und welche Lizenzanforderungen gelten. Wir vermitteln Rechtsberatung und helfen bei der Navigation durch den Regulierungsdschungel. Besonders wertvoll ist der Austausch mit etablierten Versicherern, die ihre Compliance-Expertise teilen. Durch frühzeitige Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen vermeiden Startups teure Umwege. Wir setzen uns zudem für innovationsfreundliche Rahmenbedingungen ein und bringen die Perspektive von Startups in regulatorische Diskussionen ein.

Versicherungsbranche Startups Innovation InsurTech  Dr. Jesper Heide: Director Strategy & Programme
Dr. Jesper Heide: Director Strategy & Programme

Wie fördert der InsurTech Hub Munich den Wissenstransfer zwischen Forschung, etablierten Unternehmen und jungen Innovatoren, um neue Ideen schneller in marktfähige Produkte zu überführen?

Estefanía Rodríguez Migliarini: Wissenstransfer ist das Herzstück unserer Arbeit. Wir organisieren regelmäßig Veranstaltungen, bei denen Forscher ihre neuesten Erkenntnisse vorstellen und mit Praktikern diskutieren. Unsere Community umfasst Universitäten, Forschungsinstitute, Startups und Konzerne. In gemeinsamen Projekten arbeiten diese Akteure Hand in Hand. Wir fördern angewandte Forschung, die auf reale Marktbedürfnisse einzahlt. Studenten und Doktoranden erhalten Einblick in die Praxis und können ihre Abschlussarbeiten an echten Problemstellungen ausrichten. Etablierte Unternehmen profitieren von frischen Perspektiven und wissenschaftlicher Expertise. Startups erhalten Zugang zu Forschungsergebnissen und können auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Diese Vernetzung beschleunigt Innovation erheblich und stärkt den Standort Deutschland im internationalen Wettbewerb.

Dr. Jesper Heide: Wir sehen mehrere Trends, die die Branche fundamental verändern werden. KI-gestützte Risikobewertung ermöglicht präzisere und individuellere Tarife. Predictive Analytics hilft, Schäden zu verhindern, bevor sie entstehen. Dieser Wandel von reaktiver zu präventiver Versicherung ist revolutionär. Einer der größten Hebel ist derzeit die Automatisierung – nicht selten mit Hilfe auch von KI – von Prozessen, die diese deutlich schneller und kundenfreundlicher macht und den Mitarbeitenden Freiräume für die direkte Kundenbetreuung schafft. Agentic AI ist erst in der Entstehung, zeigt aber schon vereinzelt, welches Potenzial in dieser KI-Architektur steckt. Embedded Insurance integriert Versicherungsschutz nahtlos in andere Produkte und Dienstleistungen. Wir beobachten auch das Potenzial von Blockchain für transparente und effiziente Prozesse. Parametrische Versicherungen, die automatisch bei definierten Ereignissen zahlen, gewinnen an Bedeutung. Diese Technologien ermöglichen neue Geschäftsmodelle, von Pay-per-Use, über die Versicherung von bisher nicht versicherbaren Risiken bis zu Ökosystem-Plattformen. Die Versicherer der Zukunft werden stärker als Risikomanagement-Partner und Schadenverhinderer agieren.

Welche strategischen Ziele verfolgt der InsurTech Hub Munich für die kommenden Jahre, und wie möchten Sie den Hub weiterentwickeln, um noch mehr Innovations- und Wachstumspotenzial im InsurTech-Bereich zu entfalten?

Dr. Jesper Heide: Unser Ziel ist es, den InsurTech Hub Munich als Europas führende Plattform für Versicherungsinnovationen zu etablieren. Wir wollen die Versicherer enablen, die üblichen Innovationsbremsen, wie Legacy-Systeme oder fehlende Innovationskultur im Unternehmen, zu überwinden und stattdessen Lust auf und Freude an Veränderung und Verbesserung zu generieren. Wir wollen mehr internationale Startups nach München bringen und deutschen Startups den Weg ins Ausland ebnen. Die Zusammenarbeit innerhalb des de:hub Netzwerks werden wir intensivieren, um Synergien zu heben. Wir planen, unsere Programme stärker auf einen konkreten Outcome auszurichten und mehr Pilotprojekte zu realisieren. Der Ausbau unserer Community und die Vertiefung bestehender Partnerschaften haben Priorität. Zudem wollen wir neue Themen wie EUDI-Wallet und die Steigerung der Vertriebseffizienz durch KI in diesem Jahr stärker adressieren. Durch strategische Partnerschaften und innovative Formate werden wir den Hub kontinuierlich weiterentwickeln. Unsere Vision, unser Ziel ist, dass jeder, der in Europa an Versicherungsinnovation arbeitet, die Nähe zum InsurTech Hub Munich sucht!

Bildrechte: InsurTech Hub Munich

Wir bedanken uns bei Dr. Jesper Heide und Estefanía Rodríguez Migliarini für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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