wingmaite sichert Wissen in Unternehmen mit KI und macht Erfahrungswissen langfristig digital nutzbar
Wie ist wingmaite entstanden? Wer steht hinter dem Unternehmen und welche Rollen habt ihr im Team übernommen?
Als Gründer und Angel Investor habe ich immer wieder erlebt, wie viel Wissen verloren geht, wenn Schlüsselpersonen ein Unternehmen verlassen. Der Auslöser für die Gründung waren dann aber die Fortschritte in Sachen KI. 2025 habe ich gemeinsam mit Christian Zacharias wingmaite gestartet. Christian verantwortet als Co-Founder die technologische Seite, ich kümmere mich als CEO um Strategie, Positionierung und Vertrieb. Inzwischen sind wir ein Team von 15 Leuten, verteilt über Deutschland und Portugal, vollständig remote.
Welche Erfahrungen aus euren bisherigen Stationen haben euch zur Gründung von wingmaite geführt?
Ich habe Unternehmen aufgebaut, abgegeben und neu aufgebaut. In meiner Zeit als Gründer mehrerer Unternehmen, wie z. B. dem heutigen JobRad Loop habe ich hautnah erlebt, wie abhängig Organisationen von einzelnen Menschen und ihrem Wissen sind. Wenn diese Menschen gehen, geht nicht nur Fachwissen verloren, sondern auch Kontext, Beziehungen und gelebte Erfahrung. Das hat mich nie losgelassen. Als ich dann als Investor gesehen habe, wie oft Unternehmensübernahmen genau an diesem Punkt scheitern, war klar: Hier braucht es eine Lösung.
Welche Vision verfolgt wingmaite für den Umgang mit Wissen in Unternehmen. Wie soll sich dieser langfristig verändern?
Wir glauben, dass Wissen der entscheidende Standortfaktor für die deutsche und europäische Wirtschaft ist – und dieses Wissen ist in Gefahr: In den kommenden fünf Jahren gehen mehr als 6 Millionen Babyboomer in Rente, 190.000 Familienunternehmen suchen eine Nachfolge. In dem Zusammenhang ist unser Ziel, dass kein Unternehmen mehr kritisches Wissen verliert, nur weil Menschen in Rente gehen, kündigen oder ein Unternehmen übergeben wird. Langfristig soll jedes Unternehmen über ein lebendiges digitales Gedächtnis verfügen, das Erfahrungswissen bewahrt und für alle Mitarbeitenden und KI nutzbar macht.
Wie wollt ihr diese Vision konkret erreichen. Welche Schritte sind dafür entscheidend?
Zuerst müssen wir Bewusstsein schaffen. Viele Unternehmen wissen gar nicht, wie viel ihres Wissens ausschließlich in den Köpfen der einzelnen Mitarbeitenden steckt. Man schätzt, dass das rund 70 Prozent ausmacht. Dann setzen wir technologisch an: Unsere KI-basierte Plattform erfasst dieses implizite Wissen niedrigschwellig und macht es durchsuchbar und nutzbar. Wir starten zunächst dort, wo der Handlungsdruck am größten ist, nämlich bei Unternehmensnachfolgen und dem bevorstehenden Ausscheiden der Babyboomer-Generation.
Welche Zielgruppen adressiert wingmaite aktuell. Welche konkreten Probleme löst ihr für diese Unternehmen im Alltag?
Wir richten uns an kleine und mittlere Unternehmen im deutschsprachigen Raum, insbesondere an solche vor oder in einer Unternehmensnachfolge. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit professionellen Käufern aus dem Private-Equity- und Search-Fund-Umfeld, die bei Übernahmen sicherstellen müssen, dass das Wissen im Unternehmen bleibt. Im Alltag lösen wir ein ganz konkretes Problem: Wissen, das bisher nur in den Köpfen einzelner Personen existiert hat, wird gesichert, strukturiert und für das gesamte Team und KI zugänglich gemacht.
Warum scheitert Wissensmanagement in vielen Unternehmen noch immer. Wo setzt ihr mit eurer Lösung an?
Ich würde nicht sagen, dass Wissensmanagement gescheitert ist – aber manche bisherigen Lösungen haben nicht so richtig zu den Menschen gepasst. Man hat versucht, Mitarbeitende in starre Strukturen und Eingabemasken zu pressen. Das hat oft nicht funktioniert, weil niemand nach einem langen Arbeitstag noch Formulare ausfüllen möchte. Durch KI können wir das erstmals anders lösen. Wir passen uns der Arbeitsweise der Menschen an, nicht umgekehrt.
Was macht wingmaite im Vergleich zu anderen Lösungen im Bereich Wissensmanagement wirklich besonders?
Wir bauen den Kontext-Layer eines Unternehmens, erfassen also nicht nur explizites Wissen aus Dokumenten und Datenbanken, sondern gezielt auch das implizite Wissen, also Erfahrungswerte, Routinen und Zusammenhänge, die nirgendwo aufgeschrieben sind. Unsere Plattform macht dieses Wissen für Mensch und KI gleichermaßen nutzbar. Kontext ist das neue Gold, und genau darauf konzentrieren wir uns.
Wie gelingt es euch, auch implizites Wissen aus den Köpfen von Mitarbeitenden zugänglich zu machen?
Der Schlüssel liegt in der Niedrigschwelligkeit. Wir nutzen unter anderem Voice-to-Voice-Technologie. Mitarbeitende können ihr Wissen einfach aussprechen, im Gespräch, beiläufig, ohne extra Zeit einplanen zu müssen. Unsere KI verarbeitet das im Hintergrund, strukturiert es und macht es durchsuchbar. Es fühlt sich nicht nach Dokumentation an, sondern passiert fast nebenbei. Das ist der große Unterschied zu allem, was es vorher gab.
Mit welchen Herausforderungen seid ihr beim Aufbau von wingmaite konfrontiert. Wie geht ihr damit um?
Die größte Herausforderung ist natürlich Vertrauen. Unternehmen vertrauen uns ihr sensibelstes Asset an: ihr Wissen. Das erfordert Überzeugungsarbeit, wobei die Gespräche bisher alle ausgesprochen aufgeschlossen und positiv waren. Gleichzeitig bewegen wir uns auch in einem KI-Markt, der gleichzeitig überhitzt und übersättigt ist. Wir reden deshalb nicht über Technologie, sondern über das Problem. Wenn Entscheider:innen verstehen, was für sie auf dem Spiel steht, öffnen sich Türen.
Wie entwickelt ihr eure Plattform weiter. Welche Funktionen oder Ansätze stehen aktuell im Fokus?
Wir konzentrieren uns voll darauf, unsere Plattform so zugänglich für unsere Nutzenden zu machen wie nur möglich. Zusätzlich arbeiten wir an vielen weiteren Features, die den Value für unsere Nutzer:innen erhöhen – aber das lasse ich mal so als Cliffhanger stehen.
Wohin soll sich wingmaite in den nächsten Jahren entwickeln. Welche Rolle wollt ihr im Markt einnehmen?
Wir wollen die führende Wissensinfrastruktur für den europäischen Mittelstand werden – als unverzichtbare Grundlage, auf der Unternehmen ihre KI-Strategie aufbauen. Kurzfristig starten wir im DACH-Raum mit dem Fokus auf Unternehmensnachfolge. Mittelfristig wollen wir überall dort sein, wo Unternehmen vor der Herausforderung stehen, ihr Wissen zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Welche drei konkreten Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Erstens: Fangt beim Warum an. Wenn ihr nicht erklären könnt, warum es euch geben muss, wird es schwer, andere zu überzeugen. Zweitens: Hört nie auf, mit euren Kund:innen zu sprechen. Die besten Produkte entstehen nicht im stillen Kämmerlein, sondern im echten Austausch mit den Menschen, für die ihr baut. Drittens, wenn mal was nicht so läuft wie geplant: Mund abwischen und weitermachen. Es wird Rückschläge geben. Das gehört dazu. Entscheidend ist, dass ihr daraus lernt und morgen besser seid als heute.
Bildrechte/Fotograf: Viktor Strasse
Wir bedanken uns bei Oliver Diekmann für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


























