finmid ermöglicht B2B Plattformen integrierte Finanzierungslösungen und verbindet Plattformen mit datenbasierter Finanzierung für KMUs in ganz Europa.
Wie würden Sie finmid heute beschreiben und wer sind die Menschen hinter dem Unternehmen?
finmid hat sich zum Haupt-Ansprechpartner für globale B2B-Plattformen entwickelt, die mehr bieten wollen. Mit unserer leicht integrierbaren Infrastruktur ermöglichen wir es diesen Plattformen, ohne dass sie im Bankengeschäft tätig sind, maßgeschneiderte Finanzierungsprodukte für ihre Kunden in 30 europäischen Märkten anzubieten. So haben wir schon das Vertrauen der führenden Plattformen Europas in den Bereichen Gastronomie, Zahlungsdienstleistung, E-Commerce und Mobilität, wie etwa Wolt oder FREENOW, gewonnen.
Alexander Talkanitsa, Co-Founder von finmid, und ich haben uns bei N26 kennengelernt, wo wir fünf Jahre lang eng im Bereich Business Operations zusammengearbeitet haben. Dann haben wir eine Chance gesehen, die Marktlücke in der Unternehmensfinanzierung zu schließen – indem wir Plattformen, die schon über die Daten und Beziehungen verfügen, mit dem nötigen Kapital verbinden, das Unternehmen brauchen. Heute haben wir ein Team von rund 45 Mitarbeitern aus 23 Nationen.
Welche Idee oder welches spezifische Marktproblem war der Ausgangspunkt für die Gründung von finmid?
Unsere Kernthese ist: Jedes Unternehmen braucht Geld. Hier besteht eine fundamentale Diskrepanz zwischen was der Markt braucht, und was er bedient: Millionen von KMUs benötigen Kapital, um zu wachsen, aber traditionelle Banken können ihnen dies nicht effizient verschaffen. Diese Finanzierungslücke wird auf 400 Milliarden Euro geschätzt.
Banken fehlen drei Dinge:
Vertrieb, um diese Unternehmen in großem Umfang zu erreichen,
Zugang zu Echtzeitdaten, und
Bestehende Vertrauensbeziehungen.
Plattformen hingegen verfügen bereits über alles drei: Sie haben Zugang zu Tausenden von Unternehmen, sitzen auf massig Transaktionsdaten und haben bereits Vertrauen im Rahmen ihrer bestehenden Geschäftsbeziehungen aufgebaut. Aufgrund der regulatorischen und operativen Komplexität wollen Plattformen jedoch nicht selbst zu Banken werden.
finmid wurde gegründet, um genau diese Lücke zu füllen: Wir stellen die Infrastrukturlösung, die es Plattformen ermöglicht, integriert Finanzierung anzubieten, während wir uns um die „unangenehmen“ Teile wie regulatorische Anforderungen, Underwriting und operative Abläufe kümmern.
Welche Vision verfolgt finmid im Bereich der KMU-Finanzierung und wie wollen Sie diese Schritt für Schritt umsetzen?
Wir wollen in den nächsten Jahren der Unternehmensfinanzierung und der europäischen Wirtschaft einen Aufschwung verleihen.
Unsere Mission ist es, der führende Embedded-Lending-Anbieter für B2B-Plattformen zu sein und 32 Millionen europäischen Unternehmen Zugang zu Wachstumskapital direkt über die Plattformen zu gewähren, die sie ohnehin täglich nutzen. Wir skalieren Schritt für Schritt und erweitern unser Modell über drei Dimensionen – auf weitere geografische Gebiete, Branchen und Finanzierungsformen.
Schon heute sind wir in 30 europäischen Märkten aktiv und arbeiten mit Plattformen aus Bereichen wie Payments, Hospitality und Commerce sowie mit Marktplätzen und SaaS-Plattformen zusammen. Zudem decken wir unterschiedliche Finanzierungsformen ab, etwa umsatzbasierte oder asset-basierte Modelle.
An wen richtet sich Ihr Angebot konkret und welche Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe stehen im Mittelpunkt?
Unsere Partner sind B2B-Plattformen Handelsmarktplätze, Zahlungsdienstleister, vertikale SaaS-Unternehmen, Mobilitätsdienstleister und andere. Ihre Prioritäten sind Wachstum, Kundenbindung und Kapitalvermittlung ohne weitere Umstände.
Am Ende der Wertschöpfungskette stehen die Unternehmen auf den Plattformen, die Kapital für kurzfristigen Cashflow und langfristiges Wachstum benötigen. Sie wollen Schnelligkeit und Komfort durch vorab-genehmigte Finanzierung, verfügbar über ihre bereits vertrauten Plattform-Anbieter.
Wie unterscheidet sich Ihr plattformbasierter Finanzierungsansatz von herkömmlichen Kreditlösungen?
Bei herkömmlichen Krediten müssen Unternehmen Finanzierungen suchen und unzählige Anträge ausfüllen, nur um wochenlang auf eine Genehmigung zu warten, die am Ende an Bonität oder Sicherheitsleistungen scheitert. Der Prozess ist bürokratisch, langsam und am Ende werden viele rentable Unternehmen abgelehnt.
Wir drehen dieses Modell um, indem wir direkt in die Plattformen integrieren, auf denen Unternehmen bereits tätig sind. Auf Grundlage der breiten auf der Plattform schon vorhandenen Datenmasse können wir kontinuierlich verfügbare Finanzierungsangebote für das individuelle Unternehmen konfigurieren, mit Geld das sofort bereitgestellt wird, wenn das Unternehmen Kapital benötigt. Und das alles ganz ohne langwierige Anträge oder Wartezeiten.
Dies hat drei Vorteile:
Distribution zu Grenzkosten von nahezu null.
Risk Assessment auf der Grundlage von Echtzeitdaten an Stelle von rein historischen Finanzdaten.
Weg von Unternehmen, die Kapital suchen müssen, hin zu sofortiger Verfügbarkeit von Kapital bei Bedarf.
Welche Rolle spielen Echtzeitdaten bei Ihren Finanzierungsentscheidungen und welchen Mehrwert schaffen sie für Unternehmen?
Echtzeitdaten sind für unser Modell von grundlegender Bedeutung. Wir betrachten das tägliche Transaktionsvolumen, den Bruttowarenwert, Kundenbewertungen und andere Kennzahlen.
Dies schafft Mehrwert in zweierlei Hinsicht:
Erstens ermöglicht es uns, Unternehmen zu finanzieren, die von traditionellen Banken abgelehnt würden. Wir können erkennen, dass ein Unternehmen gesund ist und wächst, auch wenn es nicht über umfangreiche Finanzdaten verfügt.
Zweitens ermöglichen sie eine präzisere Risikobewertung und schnellere Entscheidungen. Ein Unternehmen kann innerhalb weniger Minuten auf der Grundlage von Daten, die bereits über die Plattform vorliegen, für Finanzierung genehmigt werden. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie effizienter an Geld kommen, aber noch wichtiger ist, dass Kapitalzugang für zahlreiche Unternehmen geschaffen wird, für die dies über traditionelle Wege niemals möglich gewesen wäre.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie derzeit in dem stark regulierten Finanzumfeld?
Bereits innereuropäisch zu expandieren ist komplex. Die Rechtsordnungen weisen oft unterschiedliche regulatorische Nuancen auf. Aber genau das ist mittlerweile zu einem unserer wichtigsten Wertversprechen geworden: Wir haben die Infrastruktur aufgebaut, um diese Komplexität zu bewältigen, sodass die Plattformen dies nicht tun müssen.
Wir haben die notwendige regulatorische Struktur aufgebaut, um in unseren Zielmärkten europaweit agieren zu können, ohne von fragilen Drittanbieter-Strukturen oder externen Faktoren abhängig zu sein. Die Einhaltung der auch kontinuierlich Veränderungen unterliegenden Vorschriften in allen Märkten und die Verwaltung grenzüberschreitender Aktivitäten erfordern jedoch ständige Investitionen von Zeit und Geld.
Genau diese regulatorische Komplexität hindert Plattformen daran, dies selbst aufzubauen, und ist der Grund, warum sie stattdessen lieber mit uns zusammenarbeiten.
Was macht Finmid aus Ihrer Sicht für Plattformpartner besonders attraktiv?
Zwei Dinge: das vereinfachte Anbieten von Finanzierungslösungen und wirtschaftliche Anreize.
Wir nehmen Ihnen die gesamte regulatorische und operative Komplexität ab, die mit dem Betrieb eines Kapital-produkts einhergeht. Plattformen können in diesen Bereich mittels einer einzigen Integration vordringen, ohne selbst zu Banken zu werden.
Der Business Case ist ebenso überzeugend. Unsere Partner verzeichnen einen GMV-Anstieg um 20 %, erhöhte Kundenbindung durch um 70 % verringerte Abwanderung und 85 % erneute Inanspruchnahme von Finanzierung. Dies stärkt ihr Kerngeschäft und schafft zudem eine zusätzliche Einnahmequelle.
Wie entwickeln sich Nachfrage und Akzeptanz für Embedded Finance bei kleinen und mittleren Unternehmen?
Die Akzeptanz steigt rapide. KMUs erwarten zunehmend, dass Finanzdienstleistungen in Plattformen integriert sind, die sie bereits täglich nutzen. Diese Entwicklung spiegelt wider, was im Bereich Verbraucherfinanzierung mit Produkten wie „Buy Now, Pay Later” geschehen ist. Im B2B-Bereich ist dieser Trend jedoch noch stärker ausgeprägt, da die Datengrundlage umfangreicher ist Besonders starke Nachfrage sehen wir in Branchen mit hoher Cashflow-Volatilität: Lebensmittellieferung, Transport. 85 % unserer Händler nehmen nach dem ersten Mal weitere Finanzierungen in Anspruch. Dies zeigt deutlich, dass Unternehmen, sobald sie einmal vorab genehmigte, in bestehende Arbeitsabläufe integrierte Finanzierung erlebt haben, dies gegenüber traditionellen Wegen deutlich bevorzugen.
Die Chance ist enorm: Zum einen bedienen wir einen Bereich, der zuvor nicht bedient wurde, zum anderen erfüllen wir den Bedarf nach effizienterer Zurverfügungstellung von Kapital.
Was sind die nächsten Entwicklungsschritte oder strategischen Prioritäten für finmid?
Unser aktueller Fokus liegt auf dem Aufbau der Kerninfrastruktur und dem Ausbau von Partnerschaften. Wir erweitern unsere geografische Abdeckung, vertiefen unsere Kompetenzen in verschiedenen Finanzierungsprodukten, von Merchant Cash Advances bis hin zu befristeten Darlehen, und zeigen, dass unser Modell plattformübergreifend funktioniert.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründern geben?
Erstens: Ein echtes Problem identifizieren und dies lösen. Wir haben finmid gegründet, weil Millionen von Unternehmen keinen Zugang zu dem Kapital haben, das sie für ihr Wachstum benötigen. Wenn man kein dringendes und wichtiges Problem löst, wird der Weg deutlich herausfordernder.
Zweitens: Etwas aufbauen, das komplex ist. Expansion in 30 Märkte ist nicht glamourös, schafft aber Markteintrittsbarrieren. Keine Scheu vor operativen Herausforderungen, wenn dies zu dauerhafter Wertschöpfung führt.
Drittens: Nicht aufgeben. Ein Infrastruktur-Layer für Finanzierungsvermittlung zu entwickeln ist kein Wachstums-Hack. Diese Arbeit hängt von vielen externen Faktoren, wie Regulierung und Beziehungen zu Kapitalgebern sowie Vertrauenswürdigkeit der Plattformen ab. Als Gründer muss man seine Überzeugung bewahren, auch wenn der Fortschritt schleppend scheint. Unternehmen, deren Gründung sich lohnt, starten selten vom ersten Tag an durch.
Bild Bildcredits/Fotograf: Maurizio Sorvillo
Wir bedanken uns bei Max Schertel für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
























