Das Berliner Startup Amara entwickelt mit KI eine sprachgesteuerte Lösung, die ältere Menschen im Alltag unterstützt, den Kontakt zur Familie erleichtert und digitale Teilhabe ohne komplizierte Bedienung ermöglichen soll.
Philipp, kannst du dich und Amara kurz vorstellen und erzählen, wie aus einer persönlichen Erfahrung in deiner Familie die Idee für ein AgeTech-Unternehmen entstanden ist?
Ich bin Philipp, Mitgründer und Geschäftsführer von Amara. Angefangen hat alles mit einem Satz. Ich war bei meiner Großmutter zu Besuch, und als ich gehen wollte, sagte sie: „Jetzt bin ich wieder einsam.“ Sie war bestens versorgt. Es fehlte ihr an nichts, außer an uns. Da habe ich verstanden: Allein sein und einsam sein sind zwei völlig verschiedene Dinge. Für das eine gibt es eine ganze Industrie, von Pflegediensten bis zum Hausnotruf. Für das andere gibt es nur den Sonntagsanruf: Liebe, geschrumpft auf einen festen Termin pro Woche.
Ihr wertvollster Besitz war ein digitaler Bilderrahmen. Sie saß stundenlang davor und hat unser Leben angeschaut wie durch ein Schaufenster. Sie konnte sehen, was bei uns passiert, aber nicht wirklich daran teilhaben und mitreden. Amara macht aus diesem Schaufenster eine offene Tür. Man muss nichts lernen und nichts einrichten. Man spricht einfach und ist wieder Teil des Familienlebens. Nicht nur am Sonntag, sondern auch am Dienstag.
Du hast Amara gemeinsam mit Richard Hector gegründet. Welche Erfahrungen aus euren bisherigen unternehmerischen Tätigkeiten bringt ihr mit und warum habt ihr euch entschieden, den Fokus auf ältere Menschen zu legen?
Richard und ich haben schon früher zusammengearbeitet. Wir bringen jeweils 20 Jahre Erfahrung in Technologie, Produkt, Sales und Operations mit. Wir hätten das nächste Fintech Unternehmen starten können. Doch das wollten wir nicht. Wir haben uns gefragt: Wo ist die größte Lücke zwischen dem, was Technologie kann, und dem, was Menschen wirklich brauchen?
Die Antwort war für uns sehr persönlich. Wir haben beide erlebt, dass unsere Eltern und Großeltern zwar immer länger leben, aber die digitale Welt für diese Lebensphase kaum wirklich gebaut ist. Die Medizin hat uns zusätzliche Jahrzehnte Leben geschenkt. Aber Technologie hat bisher erstaunlich wenig dafür getan, diese Jahre auch mit Teilhabe und Selbstständigkeit zu füllen.
Wer 80 ist, bekommt ein Gerät mit größeren Knöpfen und einer Bedienungsanleitung. Nicht die zweite Lebenshälfte ist das Problem. Das Problem ist, was man für sie gebaut hat. Und genau hier verändert KI gerade etwas Grundsätzliches.
Zum ersten Mal können wir Technologie so bauen, dass sie sich nicht über Menüs oder Einstellungen erschließt, sondern über die Stimme. Das ist die Oberfläche, die jede 85-Jährige schon beherrscht. Für Menschen, die die Tech-Branche jahrzehntelang übersehen hat, ist das kein Feature. Das ist der Durchbruch.
Viele Senioren möchten digital mit ihrer Familie verbunden bleiben, stoßen aber auf technische Hürden. Welche konkreten Probleme habt ihr erkannt und wie möchte Amara diese lösen?
Ich würde die Frage tatsächlich umdrehen: Die älteren Menschen sind nicht das Problem, die Technik ist es. Wir haben drei große Themen gesehen.
Erstens: Distanz. Familien leben heute über das ganze Land verteilt, manchmal auch über Europa. Der Sonntagsanruf wird zur ganzen Beziehung. Die Enkelin schickt Fotos in eine WhatsApp-Gruppe, in der Oma nie beigetreten ist.
Zweitens: Komplexität. In fast jeder Familie gibt es dieses Tablet, das zu Weihnachten verschenkt wurde und jetzt in der Schublade liegt. Jede Geräteaktualisierung wird zum Gefallen, um den man die Tochter oder den Sohn bitten muss. Das nimmt Selbstständigkeit. Und wer fünfmal fragen musste, fragt beim sechsten Mal nicht mehr.
Drittens: formlose Tage. Es gibt Tage, an denen wenig passiert und niemand fragt: Was denkst du eigentlich darüber? Was hast du erlebt? Was kannst du uns erzählen? Dann wird man schnell zum Zuschauer des eigenen Familienlebens.
Unsere Antwort ist radikal einfach: Wir haben keine kleinere Version eines normalen Geräts gebaut. Wir haben die Bedienoberfläche abgeschafft. Amara kommt fertig eingerichtet an und funktioniert ab dem ersten Wort.
Mit Amara Home setzt ihr auf ein sprachgesteuertes Display und eine zentrale Basiseinheit. Wie funktioniert das System im Alltag und welche Möglichkeiten bietet es älteren Menschen, ohne technische Vorkenntnisse mit ihrer Familie und der Außenwelt in Kontakt zu bleiben?
Amara Home sieht nicht aus wie Technik, und das ist Absicht. Die Basis ist ein weiches, rundes Objekt mit einem Lichtring. Das Display steht darauf wie ein Bilderrahmen. Es soll im Wohnzimmer stehen wie vertrauter Gegenstand und nicht wie ein Hilfsmittel.
So sieht ein Tag aus: morgens begrüßt Amara sie, erzählt, was heute ansteht, und zeigt die Fotos, die der Enkel gestern Abend aus dem Urlaub geschickt hat. Sie sagt „Ruf Julia an“, und die Tochter ist per Videoanruf da. Nachmittags läuft ihr Lieblingsradio, oder sie spielt ein Quiz. Und zwischendurch fragt Amara nach ihrer Meinung, nach ihren Erinnerungen, nach ihrem Rezept für Rinderrouladen. Dieses Rezept landet dann bei der Familie.
Das Entscheidende: Sie muss nie etwas bedienen. Alles läuft über die Stimme, und für die wichtigsten Dinge gibt es vier große Tasten an der Basis. Die Familie ist über eine App verbunden. Sie kann Fotos schicken, Termine eintragen und anrufen. Aber nichts hängt davon ab, dass sie es tut. Amara ist kein Gerät, das die Familie für Oma bespielen muss. Es ist ihr Gerät.
Ihr habt Amara von Beginn an gemeinsam mit älteren Menschen entwickelt. Wie sah diese Zusammenarbeit aus und welche Erkenntnisse haben eure ursprünglichen Vorstellungen besonders verändert?
Wir wollten nicht im Büro darüber spekulieren, was ältere Menschen brauchen, deshalb sind wir zu ihnen nach Hause gegangen. Und die wichtigste Lektion war unbequem: Fast alles, was wir am Anfang über unsere Zielgruppe geglaubt haben, war falsch.
Niemand sagt „ich bin einsam“. Wir sind ursprünglich mit einer Einsamkeits-Lösung angefangen. Aber keine einzige Person, mit der wir gesprochen haben, würde die Stille im eigenen Alltag so nennen. Die Antwort ist immer: „Mir geht’s gut, wirklich.“ Was sie sich wünschen, ist nicht Gesellschaft. Es ist Teilhabe.
Gebraucht werden statt bedient werden. Wir dachten, wir müssten möglichst viel abnehmen. Tatsächlich haben wir gelernt, dass es für viele Menschen wichtig ist, weiterhin etwas beitragen zu können: ihre Meinung, ihren Rat, ihre Geschichten, ihr Wissen. Würde heißt, gebraucht zu werden.
Eine App allein reicht nicht. Wir sind als App gestartet und haben gelernt: Wer erst eine App finden, herunterladen und einrichten muss, ist schon raus. Deshalb kommt Amara heute als fertiges Gerät, das ausgepackt wird und spricht.

Künstliche Intelligenz spielt bei Amara eine zentrale Rolle, soll aber bewusst im Hintergrund bleiben. Wie nutzt ihr KI, um die Bedienung zu vereinfachen, ohne dass die Technologie menschliche Beziehungen ersetzt?
Die meisten KI-Produkte messen Erfolg daran, wie lange Menschen mit der KI sprechen. Wir messen Erfolg daran, wie oft Menschen mit einem anderen Menschen sprechen.
Es gibt gerade eine ganze Welle von KI-Begleitern, deren Geschäftsmodell die Bindung an die Maschine ist. Wir nutzen KI nicht, um menschliche Beziehungen zu ersetzen, sondern um sie leichter und häufiger möglich zu machen.
Konkret macht die KI zwei Dinge. Erstens ersetzt sie die Bedienoberfläche. Statt Menüs gibt es Sprache, und Sprache beherrscht jeder. Zweitens füllt sie die Stunden zwischen den Anrufen: Sie stellt Fragen, erinnert an Geburtstage, schlägt vor, dem Enkel zur Prüfung zu gratulieren.
Deshalb hat unsere KI auch keinen eigenen Namen und keine eigene Persönlichkeit, die sich in den Vordergrund schiebt. Sie heißt einfach Amara, wie das Gerät. Wir haben ganz bewusst keinen virtuellen Freund gebaut. Wir haben eine Brücke gebaut.
Anders als viele digitale Betreuungslösungen verzichtet ihr bewusst auf Überwachungsfunktionen. Warum ist euch dieser Ansatz wichtig und wie verbindet ihr die Wünsche der Angehörigen nach Sicherheit mit der Selbstbestimmung älterer Menschen?
Weil niemand gern beobachtet wird, mit 35 nicht und mit 85 erst recht nicht. Stell dir vor, deine Kinder bekommen jeden Abend einen Bericht darüber, wie oft du heute gesprochen hast. Genau das verkaufen viele Produkte in diesem Markt als Fürsorge.
Wir glauben: Wenn die Tochter wissen will, wie es ihrer Mutter geht, soll sie es von ihrer Mutter hören. Nicht von einem Dashboard.
Deshalb verzichten wir bewusst auf Berichte, Auswertungen und Bewertungen. Was eine Nutzerin oder Nutzer mit Amara bespricht, wird nicht protokolliert oder mitgeschnitten, bleibt bei ihr, ohne Transkripte und ohne Mitschnitte.
Das ist für uns kein Feature, das man ein- und ausschalten kann. Es ist ein Grundsatz. Wir wollen ein Produkt bauen, das ältere Menschen freiwillig und gerne nutzen, und nicht eines, das Angehörige beruhigt, indem es die Selbstbestimmung der Senioren einschränkt.
Mit eurer Pre-Seed-Finanzierungsrunde habt ihr 3,7 Millionen Euro von Investoren wie Econa, Caesar VC und IBB Ventures eingesammelt. Wie habt ihr die Investoren von eurer Vision überzeugt und wofür möchtet ihr das Kapital konkret einsetzen?
Wir haben nicht über ein neues Gerät gesprochen. Wir haben über eine Verschiebung gesprochen, die gerade stattfindet und die aus unserer Sicht unterschätzt wird.
Die größte Generation, die Deutschland je hatte, geht gerade in Rente. Diese Generation hat Smartphones, Online-Banking und Streaming erlebt. Sie wird sich nicht mit grauen Plastikgeräten und Notrufknöpfen abspeisen lassen. Gleichzeitig zahlt die Sandwich-Generation dazwischen, die sich um Kinder und Eltern zugleich kümmert, einen enormen emotionalen Preis. Wer dieses Problem löst, baut keine Nische. Der baut eine Kategorie.
Ein wichtiges Signal für uns waren dabei auch unsere bisherigen Erfahrungen mit dem Produkt. Wir wussten bereits sehr genau, was wir auf der Software-Seite bauen wollten, und konnten das mit mehr als 50.000 Downloads und einer Bewertung von 4,9 im App Store auch zeigen. Das hat uns bestätigt, dass der Bedarf da ist und dass wir die digitale Erfahrung für diese Zielgruppe bauen können. Parallel dazu haben wir die passende Hardware dazu entwickelt.
Das Kapital fließt in die Produktion, Logistik und den Marktstart in Deutschland, mit Fulfillment aus unserem eigenen Lager in Berlin.
Der AgeTech-Markt gewinnt angesichts des demografischen Wandels an Bedeutung. Welche Zielgruppen möchtet ihr mit Amara erreichen und wie soll euer Geschäftsmodell langfristig funktionieren?
Bei uns gibt es eine klare Rollenverteilung: Die ältere Person ist die Hauptfigur. Die Familie kauft Amara und wird Teil davon.
Der Nutzerkreis ist zwischen 70 und 90, lebt allein oder mit Partner, zu Hause oder in einer betreuten Situation. Erkauft Amara meist nicht selbst, aber entscheidet jeden Tag neu, ob Amara genutzt wird. Deshalb bauen wir für sie.
Die Käuferinnen und Käufer sind typischerweise Mitte vierzig bis Ende fünfzig, berufstätig, vielleicht mit eigenen Kindern.
Das Geschäftsmodell ist eine Mitgliedschaft: Gerät, Familien-App, Unterhaltung und Begleitung zu einem Monatspreis. Alles inklusive, keine Zusatzkäufe, keine Abo-Fallen.
Für 2027 plant ihr die Erweiterung von Amara Home um einen Hausnotruf und ein Alarmarmband. Welche zusätzlichen Möglichkeiten sollen dadurch entstehen und welche technischen und regulatorischen Herausforderungen bringt dieser Schritt mit sich?
Der klassische Hausnotruf ist ein roter Knopf an einer Kordel. Er ist ein Produkt für den schlimmsten Tag im Jahr, und genau deshalb tragen ihn viele nicht. Er erinnert sie jeden Tag daran, dass jemand glaubt, sie könnten hinfallen.
Wir wollen Sicherheit anders denken. Amara steht ohnehin im Wohnzimmer und wird jeden Tag genutzt. Wenn im Notfall ein Satz wie „Amara, ich brauche Hilfe“ genügt, entsteht Sicherheit aus einem Produkt, das im Alltag bereits selbstverständlich ist. Das Armband erweitert diesen Gedanken auf Situationen außerhalb der Wohnung.
Wichtig ist: Unser Grundsatz ändert sich nicht. Ein Notrufsystem soll im Notfall helfen, aber nicht daraus einen permanenten Tagesbericht über die Nutzerin machen.
Die technischen Herausforderungen sind dabei erheblich. Ein Notruf muss immer funktionieren, auch wenn das WLAN ausfällt oder der Strom weg ist. Dafür braucht es ein Mobilfunk-Backup, Akkupufferung und eine Sprachsteuerung, die zuverlässig funktioniert. Gleichzeitig müssen Fehlalarme minimiert werden, ohne echte Notfälle zu übersehen. Auch regulatorisch steigen die Anforderungen deutlich, sobald ein Produkt sicherheitsrelevante Funktionen übernimmt. Hausnotrufsysteme müssen anerkannten Normen entsprechen und Gesundheitsdaten verlangen den höchsten Datenschutzstandard.
Ihr möchtet langfristig ein digitales Ökosystem für ältere Menschen aufbauen. Welche weiteren Entwicklungen sind denkbar und wo seht ihr Amara in den kommenden fünf Jahren?
Der Fernseher war für die Generation unserer Großeltern das Fenster zur Welt. Aber er hat nur gesendet, nie zugehört. Amara ist ein Fenster, das in beide Richtungen offen ist: zur Familie, zur Welt, zu Hilfe, wenn sie gebraucht wird.
Von dort aus wachsen wir in zwei Richtungen:
Vom Gerät zum Zuhause. Nach dem Notruf kommen weitere Bausteine, die Sicherheit geben, ohne zu überwachen.
Vom Wohnzimmer in die Einrichtung. Pflegeheime und Betreutes Wohnen haben dasselbe Problem wie Familien, nur in größerem Maßstab.
Unsere Vision ist groß, und das darf sie sein: Wir wollen die führende Plattform für die zweite Lebenshälfte in Europa werden. Nicht, weil der Markt riesig ist, das ist er. Sondern weil Millionen Menschen ein Recht darauf haben, dass ihre zweite Lebenshälfte nicht still wird.
Welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit Technologie gesellschaftliche Herausforderungen angehen und dabei die Bedürfnisse der Menschen konsequent in den Mittelpunkt stellen möchten?
1. Bau für die Person, die es benutzt, nicht für die, die bezahlt. Bei uns kauft die Tochter, aber die Mutter entscheidet jeden Tag, ob Amara bleibt. Wer nur dem Käufer gefällt, baut Geräte für die Schublade.
2. Verlieb dich ins Problem, nicht in deine erste Lösung. Wir sind als App gestartet und mussten erkennen, dass sie die Menschen, für die wir sie gebaut haben, gar nicht erreicht. Das zuzugeben war schmerzhaft. Die Daten sagen dir die Wahrheit, wenn du bereit bist, zuzuhören.
3. Dein Geschäftsmodell ist deine Ethik. In unserem Markt könnte man sehr gut mit schlechtem Gewissen Geld verdienen: mit Überwachung, mit Angst, mit Schuldgefühlen. Das würde funktionieren. Wir machen es trotzdem nicht. Wenn deine Werte nicht im Geschäftsmodell stehen, sind es keine Werte, sondern Marketing.
Bild Philipp Hartz und Richard Hector @ Amara
Wir bedanken uns bei den Gründern für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
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