Mittwoch, Oktober 14, 2026
StartInterviewsKI im Gesundheitswesen: Wie AvisCode die ärztliche Privatabrechnung automatisiert

KI im Gesundheitswesen: Wie AvisCode die ärztliche Privatabrechnung automatisiert

AvisCode entwickelt eine KI, die Arztpraxen bei der GOÄ-Abrechnung unterstützt und aus vorhandenen Behandlungsdokumentationen automatisch Rechnungsentwürfe erstellt. Gründer Felix Vogel erklärt im Interview, wie die Technologie funktioniert, welche Vorteile sie für Arztpraxen bietet und warum Datenschutz und fachliche Kontrolle entscheidend sind

Felix, kannst du dich und das Team hinter AvisCode kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, die ärztliche Privatabrechnung mithilfe künstlicher Intelligenz zu automatisieren?

Ich bin Felix Vogel, Gründer und Geschäftsführer der AvisCode GmbH. Ich habe einen Master in Informatik mit Schwerpunkt künstliche Intelligenz abgeschlossen und 2025 eigene Forschung auf der CVPR, einer der weltweit führenden KI-Konferenzen, vorgestellt.

AvisCode haben wir Anfang 2025 als digitale privatärztliche Verrechnungsstelle aufgebaut. In der Produktentwicklung verbinden wir unsere technische Expertise mit den praktischen Erfahrungen unserer Kundenpraxen. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur das Rechnungsmanagement, sondern vor allem die eigentliche Rechnungserstellung viel Zeit kostet. Deshalb haben wir gemeinsam mit mehreren Arztpraxen unsere GOÄ-KI entwickelt.

Mit eurer GOÄ-KI möchtet ihr die Rechnungserstellung in Arztpraxen grundlegend vereinfachen. Welche konkreten Probleme habt ihr im bisherigen Abrechnungsprozess erkannt und welche Vision verfolgt ihr mit AvisCode?

Ärzte müssen jede Behandlung ohnehin dokumentieren. Für die Privatabrechnung beginnt danach häufig ein zweiter, zeitintensiver Arbeitsschritt: GOÄ-Ziffern heraussuchen, Leistungen kombinieren, Steigerungsfaktoren begründen und Ausschlussregeln prüfen. Gerade bei komplexeren Behandlungen werden dabei schnell Leistungen übersehen.

Genau diesen zweiten Arbeitsschritt haben wir automatisiert. Aus der ohnehin vorhandenen Behandlungsdokumentation wird mit möglichst wenig zusätzlichem Aufwand eine vollständige, korrekte Rechnung.

Eure Software erstellt direkt aus der Behandlungsdokumentation einen fertigen GOÄ-Rechnungsentwurf. Wie funktioniert dieser Prozess in der Praxis und welche Aufgaben übernimmt die künstliche Intelligenz dabei?

Der Arzt stellt unserer KI seine Behandlungsdokumentation zur Verfügung. Daraus erkennt sie die erbrachten Leistungen und erstellt einen vollständigen GOÄ-Rechnungsentwurf. Berücksichtigt werden neben den Gebührenziffern auch Steigerungsfaktoren, individuelle Begründungen, Analogziffern, Zuschläge und Auslagen.

Besonders interessant sind unsere zwei Modi: Im ersten werden ausschließlich dokumentierte Leistungen berücksichtigt. Im zweiten gibt die KI zusätzlich Hinweise auf möglicherweise übersehene Leistungen oder sinnvolle Ergänzungen für zukünftige Behandlungen. Diese werden ausdrücklich als „kontextuell“ gekennzeichnet und dürfen natürlich nur bei tatsächlicher Leistungserbringung und entsprechender Dokumentation abgerechnet werden.

Der Arzt prüft anschließend den Entwurf und gibt die Rechnung frei.

Die Gebührenordnung für Ärzte ist komplex und stellt insbesondere neu gegründete Praxen vor Herausforderungen. Welche typischen Fehler oder Schwierigkeiten treten bei der GOÄ-Abrechnung auf und wie kann AvisCode dabei unterstützen?

Häufig werden Leistungen nicht abgerechnet, obwohl sie erbracht wurden. Hinzu kommen komplizierte Ziffernkombinationen, Ausschlussregeln und Unsicherheiten bei Steigerungsfaktoren oder Analogabrechnungen.

Ein weiteres Problem ist, dass das Abrechnungswissen in vielen Praxen bei wenigen erfahrenen Mitarbeitenden liegt.

Unsere KI schlägt nicht nur passende Ziffern vor, sondern liefert direkt die zugehörigen GOÄ-Informationen und verlinkt relevante Ziffernketten. So können auch weniger erfahrene Mitarbeitende die Vorschläge nachvollziehen.

Etablierte Praxen können unsere KI außerdem nutzen, um ihre bisherigen Standardabrechnungen einmalig zu überprüfen und zu optimieren, ohne sie anschließend dauerhaft einsetzen zu müssen.

Eure KI lässt sich individuell an die Anforderungen einzelner Praxen anpassen und berücksichtigt eigene Ziffern, Ziffernketten, Faktoren und Begründungen. Wie gelingt diese Anpassung technisch und welche Vorteile ergeben sich dadurch für unterschiedliche medizinische Fachrichtungen?

Unsere KI arbeitet mit einer umfangreichen, fachspezifischen Wissensbasis, die typische Abrechnungskombinationen der verschiedenen medizinischen Fachrichtungen enthält.

Zusätzlich können Praxen eigene Ziffern, Ziffernketten, bevorzugte Steigerungsfaktoren und individuelle Begründungen hinterlegen. Diese werden bei der Rechnungserstellung automatisch berücksichtigt.

Dadurch erhält beispielsweise ein Kardiologe andere Vorschläge als ein Orthopäde oder Dermatologe. Gleichzeitig kann jede Praxis ihre eigenen Abrechnungsstandards beibehalten und gezielt verbessern.

Bei der automatisierten medizinischen Abrechnung müssen Leistungen korrekt und nachvollziehbar erfasst werden. Wie stellt ihr sicher, dass die von AvisCode vorgeschlagenen Abrechnungspositionen den geltenden GOÄ-Vorgaben entsprechen und wie werden mögliche Fehler erkannt?

Wir setzen bewusst nicht auf ein einzelnes Sprachmodell. Im Hintergrund arbeiten mehrere spezialisierte KI-Modelle zusammen, die medizinische Dokumentationen analysieren, passende Gebührenziffern ermitteln und daraus Rechnungsentwürfe erstellen.

Zusätzlich erfolgt eine deterministische Prüfung mit über 10.000 Regeln. Diese kontrolliert unter anderem Abrechnungsausschlüsse, zulässige Ziffernkombinationen und notwendige Begründungen. Dabei können auch vorherige Rechnungen berücksichtigt werden, wenn Ausschlussregeln rechnungsübergreifend gelten.

Für jede vorgeschlagene Ziffer zeigen wir außerdem die zugehörige Textstelle aus der Behandlungsdokumentation. So ist unmittelbar nachvollziehbar, worauf sich der Vorschlag stützt. Die abschließende fachliche Freigabe bleibt bei der Praxis.

Ihr befindet euch bereits im Praxiseinsatz und habt eure kostenlose Pilotphase aufgrund der Nachfrage verlängert. Welche Erfahrungen habt ihr bisher gesammelt und welche konkreten Rückmeldungen aus den Arztpraxen beeinflussen die Weiterentwicklung eurer Software?

Wir haben unsere kostenlose Pilotphase im August 2026 gestartet und aufgrund der positiven Rückmeldungen erweitert.

Besonders interessant ist, wie unterschiedlich die Praxen unsere KI einsetzen. Einige erstellen damit regelmäßig ihre Rechnungen, andere lassen ihre bisherigen Standardabrechnungen überprüfen und übernehmen neu erkannte Ziffernkombinationen in ihre bestehenden Abläufe.

Positiv hervorgehoben werden vor allem der geringere Aufwand und Hinweise auf bislang nicht berücksichtigte Leistungen.

Ein wichtiger Wunsch ist die direkte Integration in die Praxissoftware. Daran arbeiten wir aktuell mit verschiedenen Softwareherstellern.

AvisCode richtet sich sowohl an neu gegründete als auch an etablierte Arztpraxen. Welche Zielgruppen stehen für euch zunächst im Mittelpunkt und wie groß schätzt ihr das Potenzial für KI-gestützte Abrechnungslösungen im deutschen Gesundheitswesen ein?

Wir richten uns an alle medizinischen Fachrichtungen, die nach GOÄ abrechnen – von der Einzelpraxis über Haus- und Facharztpraxen bis zu größeren MVZ und Kliniken.

Besonders interessant ist die KI für Praxisgründer, die noch wenig Erfahrung mit der GOÄ haben, und für etablierte Praxen, die ihre Abrechnung optimieren oder Mitarbeitende entlasten möchten.

Das Potenzial ist entsprechend groß. Privatärztliche Leistungen werden täglich in zahlreichen Praxen und Kliniken erbracht. Die medizinische Dokumentation existiert bereits – die daraus abgeleitete Rechnung muss heute aber häufig noch manuell erstellt werden. Genau diesen Prozess können wir automatisieren.

Da eure KI auf medizinische Behandlungsdokumentationen zugreift, spielen Datenschutz und Datensicherheit eine besonders wichtige Rolle. Wie gewährleistet ihr den Schutz sensibler Patientendaten und welche technischen und rechtlichen Anforderungen müsst ihr dabei erfüllen?

Wir verarbeiten Patientendaten ausschließlich in Europa und verwenden sie nicht zum Training der KI-Modelle.

Da wir bereits als privatärztliche Verrechnungsstelle tätig sind, gehört der vertrauliche Umgang mit medizinischen und personenbezogenen Daten zu unserem Kerngeschäft.

Neben der DSGVO müssen wir insbesondere die ärztliche Schweigepflicht und die Anforderungen an eine sichere Datenverarbeitung berücksichtigen. Bei unseren geplanten Praxissoftware-Schnittstellen achten wir deshalb auch darauf, dass nur die jeweils benötigten Daten kontrolliert übertragen werden.

Der Markt für digitale Praxisverwaltung und medizinische Abrechnungssoftware ist bereits von etablierten Anbietern geprägt. Was unterscheidet AvisCode von bestehenden Lösungen und wie lässt sich eure Technologie in vorhandene Praxisverwaltungssysteme integrieren?

Wir bieten die gesamte Privatabrechnung aus einer Hand – von der KI-gestützten Rechnungserstellung über den Rechnungsversand bis hin zu Zahlungskontrolle, Patientenkommunikation, Mahnwesen und Inkasso.

Ein wesentlicher Unterschied zu vielen klassischen Verrechnungsstellen ist, dass die Patienten direkt auf das Konto der Arztpraxis überweisen. Das Geld steht der Praxis dadurch früher zur Verfügung, da keine gesammelten Auszahlungen durch die Verrechnungsstelle abgewartet werden müssen. Gleichzeitig bleibt die direkte, persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patient erhalten. Durch unsere weitgehend automatisierten Prozesse können wir die Leistungen zudem deutlich günstiger anbieten.

Technisch unterstützen wir bereits die etablierten Schnittstellen PAD und PADNeXt. Zusätzlich entwickeln wir direkte KI-Schnittstellen, damit Ärzte künftig ihre Behandlungsdokumentation unmittelbar aus der Praxissoftware verarbeiten und die vorgeschlagenen GOÄ-Ziffern dort übernehmen können.

Der Aufbau eines HealthTech-Unternehmens erfordert neben technologischer Entwicklung auch Vertrauen und ein tragfähiges Geschäftsmodell. Welche Herausforderungen habt ihr bei der Gründung und Produktentwicklung erlebt, wie finanziert ihr euer Wachstum und welche Strategie verfolgt ihr nach Abschluss der Pilotphase?

Die größte technische Herausforderung ist die enorme Komplexität der GOÄ. Ein Sprachmodell allein reicht dafür nicht aus. Deshalb haben wir eine Architektur entwickelt, die medizinisches Sprachverständnis mit einer umfangreichen Wissensbasis und festen Abrechnungsregeln kombiniert.

Gleichzeitig muss die Software einfach zu bedienen sein und sich in bestehende Praxisabläufe integrieren lassen. Gerade im Gesundheitswesen sind fachliche Zuverlässigkeit und Vertrauen entscheidend.

Wir haben AvisCode bislang ohne externe Investoren aufgebaut und finanzieren unser Wachstum aus eigenen Mitteln und laufenden Einnahmen. Das Unternehmen arbeitet bereits profitabel.

Nach der Pilotphase wollen wir unsere KI breiter verfügbar machen, weitere Praxissoftware-Schnittstellen integrieren und unsere Kundenbasis ausbauen.

Wenn ihr fünf Jahre in die Zukunft blickt: Welche Ziele verfolgt ihr mit AvisCode, welche weiteren Einsatzmöglichkeiten seht ihr für eure KI und wie könnte sich die medizinische Abrechnung durch Automatisierung langfristig verändern?

Unser Ziel ist, AvisCode als eine der führenden Plattformen für die automatisierte Privatabrechnung in Deutschland zu etablieren.

Im Idealfall dokumentiert ein Arzt seine Behandlung wie gewohnt in der Praxissoftware. Unsere KI erstellt daraus automatisch den passenden Rechnungsentwurf, berücksichtigt individuelle Abrechnungsstandards und prüft die GOÄ-Vorgaben. Nach der Freigabe übernimmt AvisCode die weitere Abwicklung bis zum Zahlungseingang.

Darüber hinaus kann die KI Praxen dabei unterstützen, ihre Abrechnungsstandards kontinuierlich zu verbessern und bislang übersehene Leistungen zu erkennen.

Langfristig möchten wir erreichen, dass die Privatabrechnung für Ärzte keinen zusätzlichen Verwaltungsaufwand mehr bedeutet.

Bildcredits Privat

Wir bedanken uns bei Felix Vogel für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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