Montag, Oktober 26, 2026
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Wir haben der KI beigebracht, Marketing-Mails zu schreiben. Kann sie jetzt bitte auch unseren Papierkram erledigen?

Unternehmer:innen setzen auf KI, verbringen aber immer noch absurd viel Zeit mit Buchhaltung und Finanzen. Vielleicht lösen wir die falschen Probleme?

Ich habe fünf Unternehmen gegründet, mit Hunderten weiteren zusammengearbeitet und in genug Ländern gelebt, um zu wissen: Bürokratie gehört zu den universellen Erfahrungen des Unternehmertums. Jedes Land hat seine eigene Art, es kompliziert zu machen, und Deutschland hat sich darin einen gewissen Ruf erarbeitet.

Laut KfW Research verbringen kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland jedes Jahr rund 1,5 Milliarden Arbeitsstunden damit, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Das entspricht etwa 61 Milliarden Euro an Arbeitskosten. Zeit und Geld, die man sonst in Produktentwicklung oder die Gewinnung neuer Kund:innen stecken könnte.

Gleichzeitig leben wir im Zeitalter der KI, einer Technologie, die verspricht, unsere Produktivität zu revolutionieren und uns den langweiligen Kram abzunehmen. Und was machen wir damit? Natürlich, Marketing-Mails schreiben.

KI ja, aber bitte nicht für die Buchhaltung

Eine aktuelle bunq-Umfrage zeigt: Fast acht von zehn deutschen Unternehmer:innen haben im vergangenen Jahr KI für ihr Business genutzt, und mehr als zwei Drittel zahlen bereits dafür oder würden es in Betracht ziehen. Hier muss also niemand mehr überzeugt werden. Trotzdem landeten Buchhaltung und Finanzen bei der Frage, was sie der KI anvertrauen würden, fast ganz unten. Nur 11 Prozent der Befragten nannten diesen Bereich.

Spannend ist, wie viel Zeit diese Unternehmer:innen in Buchhaltung und Finanzen stecken. Jede fünfte Person gab an, mehr als die Hälfte der Arbeitswoche dafür aufzuwenden, weitere sechs von zehn investieren zwischen einem Viertel und der Hälfte.

Unternehmer:innen setzen also begeistert auf KI, machen aber einen Bogen darum, wenn es um die Arbeit geht, die so viel von ihrer Zeit auffrisst. Das wirkt widersprüchlich, ist aber meiner Ansicht nach durchaus rational.

Warum das Zögern vernünftig ist

Als jemand, der selbst genug Unternehmen geführt hat, kann ich gut verstehen, warum Gründer:innen die KI einen Sales-Pitch entwerfen lassen, aber zögern, ihr die Buchhaltung zu überlassen. Eine schlechte Marketing-Mail ist peinlich. Eine fehlerhafte Steuererklärung kann deutlich teurer werden, und die Folgen zeigen sich manchmal erst Monate später, meist in einem Umschlag von jemandem mit Briefkopf.

Unternehmer:innen sind nicht technikscheu. Sie haben einfach ein gutes Urteilsvermögen.

Das muss die KI-Branche besser verstehen. Vertrauen entsteht nicht durch clevere Oberflächen oder beruhigende Marketingkampagnen. Vertrauen muss man sich verdienen, indem man Dinge richtig macht. Immer und immer wieder.

In Buchhaltung und Finanzen heißt das: wissen, woher die Zahlen kommen, was damit passiert ist und wer geradesteht, wenn etwas schiefgeht. Die Technologie muss sich beweisen, statt zu erwarten, dass Unternehmer:innen ihr einfach glauben.

Papierkram nicht verschieben, sondern verschwinden lassen

Das Potenzial ist riesig. Schauen wir uns an, was passiert, wenn in einem kleinen Unternehmen eine Rechnung eingeht. Jemand lädt sie herunter, prüft sie, kategorisiert sie, überträgt die Daten in ein anderes System, gibt eine Zahlung frei und gleicht am Ende alles ab. Dann will vielleicht noch die Steuerberatung dieselben Infos in einem anderen Format.

Wir sind erstaunlich gut darin geworden, Papierkram mit Technologie hin- und herzuschieben. Ihn verschwinden zu lassen, gelingt uns deutlich seltener.

Ich glaube nicht, dass die Lösung noch ein KI-Dashboard oder ein Chatbot ist, der Unternehmer:innen bittet, Dokumente hochzuladen, die schon in drei anderen Systemen liegen.

Banken spielen hier eine besonders wichtige Rolle, und ehrlich gesagt sollten wir mehr von ihnen erwarten. Sie sehen schon jetzt, wo Geld reinkommt und rausgeht, kennen die Transaktionshistorie und können diese Infos mit Rechnungen und anderen Belegen verknüpfen.

Banking sollte mehr leisten, als nur Transaktionen abzuwickeln. Es sollte aktiv die Arbeit reduzieren, die das Führen eines Unternehmens mit sich bringt. Wenn KI das möglich macht, setzen wir sie endlich für etwas ein, das wirklich zählt.

Es geht nicht darum, Banking intelligenter zu machen, sondern darum, das Führen eines Unternehmens weniger kompliziert zu machen.

Das heißt natürlich nicht, dass KI uneingeschränkt Geld bewegen oder Compliance-Entscheidungen treffen soll. Zuerst sollte man sich wiederkehrende Aufgaben, die sich überprüfen lassen, anschauen.

Die Begründungen müssen transparent sein, und bei folgenreichen Entscheidungen müssen Menschen die Kontrolle behalten. Je zuverlässiger die KI wird, desto mehr lässt sich automatisieren. Das Ziel sollte sein, Aufwand zu reduzieren, statt noch mehr Funktionen zu bauen.

Der richtige Maßstab: zurückgegebene Zeit

Es gibt auch eine gesamtwirtschaftliche Dimension. Deutschland braucht Menschen, die Unternehmen gründen, Jobs schaffen und neue Ideen entwickeln.

Gleichzeitig hatten in der bunq-Umfrage nur 24 Prozent der Unternehmer:innen das Gefühl, vom Staat gut unterstützt zu werden – was bedeutet, dass die Systeme, die er selbst geschaffen hat, vereinfacht werden sollten.

Die KI darf hier keine Ausrede sein, unnötige Bürokratie einfach unangetastet zu lassen. Unternehmer:innen können ihr Business aber auch nicht auf Eis legen, bis die Reform endlich kommt.

Vielleicht wird es Zeit, den Erfolg von KI anders zu messen. Statt Nutzungsquoten, Prompt-Zahlen und beeindruckende Demos als Erfolg zu betrachten, sollten wir schauen, wie viele Stunden wir Unternehmer:innen tatsächlich zurückgeben.

Menschen gründen, weil sie etwas aufbauen wollen, nicht weil sie eine Leidenschaft für Buchhaltung und Finanzen haben.

Deutschland braucht also keine Unternehmer:innen, die besser in Buchhaltung und Finanzen werden, sondern solche, die weniger Zeit damit verbringen müssen.

Joe Wilson ist Chief Evangelist bei bunq, Europas zweitgrößter Neobank, und übersetzt deren globale Mission in echten, alltäglichen Kundennutzen. Als seit zwei Jahrzehnten aktiver Gründer und ehemaliger Microsoft-Topmanager spricht er über Unternehmertum, internationales Leben, KI und Banking über Grenzen hinweg.

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