Generative künstliche Intelligenz verändert die Chancen für Gründer, ermöglicht neue Geschäftsmodell-Ansätze und stellt die Finanzierung junger Firmen vor neue Herausforderungen.
Welche Veränderungen beobachten Sie derzeit bei der Gründung von Startups durch den schnellen Fortschritt generativer KI?
Die Eintrittsbarrieren sinken enorm. Gründen war noch nie so einfach. Gründer:innen können heute in sehr kurzer Zeit aus einer Idee einen funktionierenden Prototyp erstellen, ihn mit Kunden testen und weiterentwickeln. Und mit Coding Agents können sogar Anfänger programmieren. Dadurch können jetzt mehr Menschen Unternehmen gründen – und auch sehr kleine Teams deutlich ambitioniertere Produkte bauen.
Heute können sehr kleine Teams Produkte entwickeln, für die früher deutlich mehr Personal und Kapital notwendig waren. Was verändert das für Gründer?
Geschwindigkeit wird noch wichtiger. Kleinere Teams können schneller testen, lernen und ihre Richtung ändern. Gleichzeitig verschiebt sich der Wettbewerbsvorteil: weg von Ressourcen, stärker hin zu gutem Urteilsvermögen und Fokus auf das Wesentliche, Kundennähe und der Wahl des richtigen Problems.
Was unterscheidet ein wirklich AI-natives Unternehmen von einem Startup, das lediglich KI-Funktionen in ein bestehendes Produkt integriert?
Bei einem AI-nativen Unternehmen ist KI zentral für das Produkt und das Geschäftsmodell – ohne sie würde das Unternehmen in dieser Form nicht funktionieren. Gute Beispiele sind Parloa mit KI-Agenten für den Kundenservice, n8n mit der Automatisierung KI-gestützter Arbeitsabläufe oder Zauber, das Produkte von Grund auf rund um KI entwickelt. Bei anderen Startups verbessert KI dagegen einzelne Funktionen eines grundsätzlich bestehenden Produkts oder Geschäftsmodells.
Wenn leistungsfähige KI-Modelle vielen Unternehmen gleichermaßen zur Verfügung stehen, wo entsteht dann langfristig ein echter Wettbewerbsvorteil?
Durch das Verständnis des Kunden und seines Problems. Technologie allein ist selten ein dauerhafter Vorteil. Entscheidend sind Produkt, Distribution, Geschwindigkeit, die sinnvolle Verwertung gewonnener Daten und die Fähigkeit, schneller als andere aus Kundenfeedback zu lernen.
Sie arbeiten mit Startups wie Parloa zusammen. Was machen junge Unternehmen besonders gut, die KI erfolgreich vom Experiment in ein skalierbares Geschäftsmodell überführen?
Sie lösen ein konkretes Problem, schaffen messbaren Mehrwert für Kund:innen und bauen manchmal auch Produkte, die vor fünf Jahren technisch noch nicht realisierbar gewesen wären.
Parloa ist ein gutes Beispiel dafür: Das Berliner Unternehmen entwickelt KI-Agenten für den Kundenservice und arbeitet bereits mit internationalen Unternehmen wie Allianz, Booking.com, Zalando und IKEA zusammen. Bei Decathlon bearbeiten die KI-Agenten über 500.000 Interaktionen pro Jahr und haben die Service-Mitarbeitenden bei Anrufen um 20 Prozent entlastet.
Deutschland verfügt über starke Forschung, Industrie und technisches Know-how. In welchen Bereichen sehen Sie für deutsche KI-Startups besonders interessante internationale Chancen?
Überall dort, wo technische Tiefe auf echtes Branchenwissen trifft. Deutschland hat enorme Expertise in Industrie, Engineering und B2B. Kombiniert mit KI bietet das eine sehr gute Grundlage, um Unternehmen für einen globalen Markt auf- und auszubauen. Zwei konkrete Beispiele wären Robotics und Industrial Tech: Unser Wissen in der Fertigung ist weltweit einzigartig, so sind wir in der (Weiter-)Entwicklung von Hardware, konkret Robotics, bestens aufgestellt. Und die Daten, die wir in unserer jahrzehntelangen Industrie-Erfahrung gesammelt haben, lassen sich mit dem Einsatz von KI endlich sinnvoll verwerten.
Deutsche Gründer werden häufig mit US-Startups verglichen. Wo unterscheiden sich Ambition, Geschwindigkeit und Risikobereitschaft aus Ihrer Erfahrung tatsächlich?
Ich bin sehr optimistisch, was Gründer:innen aus Deutschland angeht. Talent und technische Tiefe sind außergewöhnlich. Wir dürfen uns aber ruhig noch häufiger zutrauen, vom ersten Tag an global zu denken und große Unternehmen aufzubauen. Dafür brauchen wir auch einen grundlegenden gesellschaftlichen Kulturwandel. Unternehmertum wird in Deutschland noch immer häufig als zu unsicher wahrgenommen. Als ich selbst gegründet habe, wurde ich tatsächlich gefragt, ob ich keinen Job gefunden hätte. In den USA werden Gründer und Erfinder als Helden gefeiert, bei uns dagegen oft eher bemitleidet. Dieses Mindset müssen wir ändern. Wir brauchen mehr Mut, größer zu denken, mehr gesellschaftliche Anerkennung für Unternehmertum und vor allem deutlich weniger Bürokratie, um das Gründen in Deutschland und Europa attraktiver zu machen.
Verändert KI auch die klassische Logik von Finanzierungsrunden, wenn Unternehmen mit kleineren Teams schneller Produkte entwickeln und Umsätze erzielen können?
Ja. Zunächst brauchen die Firmen am Anfang oft weniger Geld, um schnell zu wachsen. Sobald sie aber ihren Product-Market-Fit gefunden haben, benötigen sie deutlich mehr Kapital, um schnell zu skalieren.
Ich beobachte, dass es schon immer einen Fokus auf die besten Gründer gab. Seit dem KI-Boom hat diese allerdings noch einmal deutlich zugenommen, da die erfolgreichsten Unternehmen so überproportional schnell wachsen, dass die Top-VCs diese Chancen nicht verpassen wollen. Das heißt, es gibt insgesamt weniger Investments, dafür aber größere Finanzierungsrunden, weil das Potenzial so riesig ist. Dadurch hat sich die Kapitalkonzentration noch einmal deutlich verstärkt.
Wenn kleine Teams durch KI produktiver werden, verändert das zwangsläufig auch Recruiting. Welche Fähigkeiten werden für Startups künftig wichtiger?
Eigenverantwortung, Neugier und Anpassungsfähigkeit werden noch wichtiger. Ich sehe, dass wieder mehr Generalisten gesucht werden – also weniger Spezialisten, weil sich alles so schnell ändert. Die Menschen sollten sehr gut darin sein, Probleme zu definieren, KI den richtigen Kontext zu geben und Ergebnisse kritisch zu beurteilen.
Die technologische Entwicklung verläuft derzeit extrem schnell. Wie sollten Gründer entscheiden, was sie selbst entwickeln und wo sie auf bestehende Modelle und Infrastruktur setzen?
Ich würde dort selbst bauen und entwickeln, wo der echte Wettbewerbsvorteil des Unternehmens liegt. Alles andere sollte möglichst wenig Ressourcen binden. Gerade weil sich die Basistechnologie so schnell entwickelt, ist es riskant, viel Zeit in etwas zu investieren, das kurze Zeit später Teil der Infrastruktur sein könnte.
Welche Fehler beobachten Sie derzeit besonders häufig bei Startups, die ein Geschäftsmodell rund um KI aufbauen möchten?
Mit der Technologie statt mit dem Kundenproblem zu beginnen. „Wir machen etwas mit AI“ ist noch keine Produktstrategie. Die entscheidende Frage bleibt: Welches konkrete Problem lösen wir besser als bisher?
Wenn wir fünf Jahre vorausblicken: Was könnte sich durch AI-native Unternehmen am grundlegendsten daran verändern, wie Startups gegründet, finanziert und international skaliert werden?
Wir könnten deutlich mehr sehr große Unternehmen sehen, die mit überraschend kleinen Teams aufgebaut werden. Gründen wird zugänglicher, Produktentwicklung schneller und Internationalisierung kann viel früher beginnen. Das eröffnet gerade europäischen Gründern eine enorme Chance.
Bild Eva Spannagl (c)OpenAI (1)
Wir bedanken uns bei Eva Spannagl für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















