Donnerstag, April 18, 2024
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Als Influencer musst du dich abgrenzen können

Mentorin Carolin Kindermann gibt Tipps, wie Influencer Herausforderungen in den sozialen Netzwerken bewältigen können

Alles sieht so traumhaft, so leicht aus: Influencer präsentieren ihren Followern ein perfektes Leben ohne Probleme oder Schwierigkeiten. Doch die Realität unterscheidet sich davon meist erheblich. Mentorin Carolin Kindermann weiß um diese Diskrepanz und erklärt, warum es für das Influencer-Dasein besonders wichtig ist, Grenzen zu setzen. 

Fast zwei Jahre war Deutschlands berühmteste Influencerin Bibi (Bibis Beauty Palace) aus den sozialen Medien verschwunden. Jetzt im Januar teilte sie ihren Neustart als Bianca Heinicke mit – und nennt für ihren Rückzug von den digitalen Plattformen in einem ersten Statement unter anderem folgende Gründe: Der Beruf sei „intensiv mit meinem Privatleben verschmolzen“, private Momente habe sie nicht mehr in vollen Zügen genießen können, „weil es wichtiger ist, alles zu dokumentieren“, und der Druck „etwas teilen zu müssen“, habe auf ihr gelastet. 

Carolin Kindermann, die als Mentorin und Coach auch bekannte Entrepreneure sowie Influencer berät und begleitet, kennt diese Schattenseiten des Berufs nur zu gut. Denn um Erfolg zu haben, ist es wie in jedem anderen Job auch: Man muss Einsatz zeigen. „Ein Großteil meiner Klienten versucht nicht jetzt erst, eine Reichweite aufzubauen, sondern hat das schon vor einigen Jahren getan. Seither liefern sie gute Arbeit ab und sind kontinuierlich drangeblieben“, sagt Kindermann. Nur birgt dieses kontinuierliche Dranbleiben, das tägliche Wetteifern um Likes und Kommentare eben auch Risiken, die kaum thematisiert werden.

„Viele meinen ja immer, ich werde Influencer, weil das so leicht aussieht. Aber ist es wirklich leicht, wenn du fast keine Privatsphäre mehr hast?“, spricht Kindermann eine Kehrseite an. Der Bereich, der wirklich privat ist und nicht von der Öffentlichkeit aufgesaugt wird, wird immer kleiner. „Im Prinzip sind Influencer ja die neuen Schauspieler von GZSZ. Nur war es bei jenen einfach so, dass sie ihren Auftritt hatten, und danach hat sie keiner mehr gesehen. Influencer haben heutzutage diesen Cut nicht mehr, bei ihnen ist das Publikum die ganze Zeit dabei“, sagt Kindermann. 

Was also rät sie ihren Klienten, um dieser Herausforderung standzuhalten?

„Persönlichkeitsentwicklung steht hier an erster Stelle. Eine innere Stärke aufbauen und Grenzen setzen, damit die Arbeit einen nicht auffrisst. Das ist enorm wichtig. Denn auch wenn ich meinen Job liebe, gibt es trotzdem Grenzen“, betont Kindermann. Grenzen, die zum Beispiel Zeit für kreative Freiräume ermöglichen, Zeit für Familie, Gesundheit, Ruhe. Für Kindermann fällt das unter den Begriff Life-Balance, mit welchem sie den gängigeren Ausdruck der Work-Life-Balance gerne ersetzen würde.

„Aus meiner Sicht gibt es keine Work-Life-Balance. Weil wir ja auch leben, wenn wir arbeiten. Die Arbeit ist Teil unseres Lebens und sollte deshalb in unser Leben integriert werden. Für mich gibt es nur eine Life-Balance, also eine Balance des Lebens“, erklärt sie. 

Neben dem Verlust der Privatsphäre befeuert die Erwartungshaltung der Anhänger den anfangs zitierten Druck, etwas posten zu müssen. „Ich sehe bei vielen Influencern diese Posts, in denen es heißt: Entschuldigung, Story Pause. Oder: Heute frei. Da rechtfertigen sich Menschen für einen freien Tag. Welcher Arbeitnehmer tut das? Da dürfen wir auch mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden“, meint Kindermann. Umso wichtiger also, mental überhaupt in der Lage zu sein, eine gesetzte Grenze – beispielsweise eben der freie Tag – auch einzuhalten. 

Denn wenn sich hinter den Kulissen die Angst vor Anfeindungen, kritischen Kommentaren oder gar der Verlust von Followern und damit einhergehend Einkommen breit macht, kann die Standhaftigkeit schnell bröckeln. „In den allermeisten Fällen stecken Erwartungen oder Ängste dahinter, wenn die eigenen Grenzen nicht eingehalten werden, sondern andere diese übertreten oder ich selbst über sie hinweg gehe. Viele Menschen arbeiten sich beispielsweise in ein Burnout, weil Ängste als innerer Antreiber dahinterstecken“, sagt Kindermann. 

Und entsprechen Influencer mal nicht den Erwartungen ihrer Community, ist es ein leichtes in einen Shitstorm zu geraten.

Kindermann erklärt: „Als Öffentlichkeit sehen wir zwar nur kleine Ausschnitte aus dem Leben der Influencer, doch unser Gehirn kreiert daraus eine falsche Kausal-Kette. Es denkt nämlich: Oh, weil ich diesen Menschen jetzt immer auf meinem Handy sehe, weil ich mir die Stories immer anschaue, kenne ich den. Ich weiß jetzt genau, wie dieser Mensch ist. Aber das ist ja nicht so.“ Dementsprechend erwarten die Follower beispielsweise bestimmte Reaktionen und sind dann enttäuscht, wenn der Influencer anders reagiert als angenommen.

Permanente Kritik gehört zu diesem Job also dazu – denn wer kann es schon allen recht machen? Kindermann arbeitet mit ihren Klienten deshalb vor allem auch am Abgrenzen. „In diesem Beruf musst du dich abgrenzen können. Und man muss sich bewusst machen: Ja, das ist Meinungsmache, aber dieser Mensch kennt mich nicht. Diese innere Stärke ist so wichtig.“ 

Trotz all dieser Herausforderungen ist das Influencer- oder Creator-Dasein der Traumberuf vieler junger Menschen. Kindermann wundert das nicht. „Wir haben das Handy jederzeit in der Hand. Und wenn es jemand liebt, sich darzustellen, und dann noch dazu ein Medium hat, mit dem er genau das machen kann, ist das doch das Schönste, was passieren kann.“ Passt dann auch noch die innere Einstellung, ist schon einmal ein Grundstein für eine lange Präsenz in der Social-Media-Welt gelegt.

Fotograf: Saskia Bauer Photography

Autor: 

Carolin Kindermann ist Mentorin für Gründerinnen, Unternehmerinnen und Influencerinnen. Nach dem Aufbau zweier erfolgreicher Unternehmen mit ihrem Ehemann ist sie nun als Familie auf Weltreise. Als Life-Coach unterstützt sie Menschen, ihr Business ausgewogen zu führen.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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