Mit mypacing haben Siegfried und Sarah Gaier eine kostenlose App entwickelt, die bei der persönlichen Tagesplanung hilft und Belastung, Erholung sowie individuelle Gesundheitsdaten übersichtlich darstellt.
Siegfried, kannst du dich und mypacing kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, eine App zur Planung von Belastung und Erholung zu entwickeln?
Ich bin Siegfried Gaier aus Bochum. Gemeinsam mit meiner Ehefrau Sarah habe ich mypacing entwickelt. Ich übernehme vor allem die technische Umsetzung, Sarah bringt ihre Erfahrungen als Betroffene ein und ist das öffentliche Gesicht unseres Projekts.
Vor ihrer Erkrankung arbeitete Sarah in der Stadtkämmerei, stand kurz vor dem Abschluss einer Weiterbildung, fuhr Motorrad, ging tauchen und reiste gerne. Nach mehreren Corona-Infektionen im Jahr 2022 veränderte sich ihr Leben grundlegend. Ab Anfang 2023 bestimmten starke Erschöpfung, Schwindel, Schmerzen und Konzentrationsprobleme zunehmend ihren Alltag. Besonders schwierig waren die zeitverzögerten Verschlechterungen nach Belastungen.
Als ihr Ehemann habe ich diese Veränderungen miterlebt. Wir mussten gemeinsam lernen, mit wechselnden Grenzen umzugehen. Uns fehlte eine einfache Möglichkeit, persönliche Beobachtungen, vorhandene Körperdaten und die Tagesplanung übersichtlich zusammenzubringen.
So entstand mypacing an unserem Küchentisch. Sarah beschrieb, was sie im Alltag brauchte, und wir entwickelten daraus gemeinsam ein Werkzeug, das wir schließlich auch anderen zugänglich machen wollten. Heute dient mypacing der persönlichen Reflexion und Tagesplanung. Unsere Geschichte erklärt die Motivation; sie ist kein Versprechen einer medizinischen Wirkung.
Mit SIGAtech Softwareentwicklung betreibst du ein Einzelunternehmen. Welche Erfahrungen aus deiner bisherigen beruflichen Laufbahn sind in die Entwicklung von mypacing eingeflossen und was hat dich zur Gründung motiviert?
Ich arbeite im kommunalen Ordnungsdienst. Zuhören, verständlich kommunizieren und Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen ernst nehmen gehören dort zum Alltag. Diese Haltung prägt auch meine Entwicklungsarbeit.
Die Motivation kam aus unserer persönlichen Situation. Ich wollte etwas beitragen, das Sarah tatsächlich nutzen konnte. Ihre Perspektive ist dabei entscheidend: Wie viel Konzentration verlangt eine Funktion? Sind die Texte verständlich? Ist eine Eingabe auch an einem schwierigen Tag noch zu bewältigen?
Sarah arbeitet inzwischen wieder wenige Stunden pro Woche im Vorstandsbereich der Schwerbehindertenvertretung. Sie bringt ihre Erfahrungen weiterhin in das Projekt ein und gibt mypacing nach außen eine persönliche Stimme.
SIGAtech Softwareentwicklung ist rechtlich mein Einzelunternehmen und bildet den organisatorischen Rahmen. mypacing ist unser gemeinsames Herzensprojekt. Ohne Sarah wäre es nicht entstanden.
Viele Fitness- und Gesundheitsapps konzentrieren sich auf Leistungssteigerung und Aktivität. Warum hast du dich bewusst für einen Ansatz entschieden, der Belastung und Erholung gleichermaßen berücksichtigt?
Weil Sarahs Alltag uns gezeigt hat, dass mehr Aktivität kein allgemeingültiges Ziel ist. Eine Anwendung kann zusätzlichen Druck erzeugen, wenn sie ausschließlich Schritte, Serien und Steigerungen belohnt.
Wir wollten Raum für die eigene Beobachtung schaffen: Was war heute los? Wie habe ich mich gefühlt? Wann habe ich geruht? Sarahs Erfahrungen haben diesen Ansatz wesentlich geprägt. Deshalb legen die Nutzer ihr Tagesbudget und ihre Vorhaben selbst fest. Die App dokumentiert und stellt dar, ohne eine Belastbarkeit vorzugeben.
mypacing nutzt Ruhepuls, Herzratenvariabilität und Schlafdaten aus Apple Health oder Health Connect. Wie werden diese Informationen ausgewertet und welche Erkenntnisse können Nutzer daraus für ihren Alltag gewinnen?
Nach der jeweiligen Freigabe übernimmt die mobile App die verfügbaren Werte aus Apple Health oder Health Connect. Ruhepuls, Herzratenvariabilität und Schlaf werden im Tagesbild und im Verlauf den eigenen bisherigen Werten gegenübergestellt. Dazu kommen die persönlichen Einträge.
So lässt sich beispielsweise sehen, ob der Schlaf länger oder kürzer als gewohnt war oder wie sich der Ruhepuls über mehrere Tage verändert hat. Die Darstellung unterstützt den eigenen Rückblick. Sie erklärt keine medizinischen Ursachen und sagt nicht, welche Aktivität an einem bestimmten Tag gesundheitlich sicher wäre. Welche Werte vorliegen und wie verlässlich sie sind, hängt auch vom Gerät und der jeweiligen Datenquelle ab.
Statt allgemeiner Richtwerte vergleicht deine App die aktuellen Daten mit den persönlichen Werten der vergangenen vier Wochen. Warum hast du dich für diesen Ansatz entschieden und welche Vorteile und Grenzen hat die individuelle Betrachtung?
Uns interessiert zunächst der eigene Verlauf. Menschen haben unterschiedliche Ausgangswerte und Alltagsrhythmen. Der persönliche Vergleich macht sichtbar, was gegenüber den vergangenen Wochen anders ist, ohne daraus einen Wettbewerb mit anderen zu machen.
Die Grenze ist ebenso wichtig: Der gewohnte Bereich ist kein medizinischer Normalbereich. Auch ein vertrauter Wert kann mit schlechtem Befinden zusammenfallen. Wenige Messungen, Gerätewechsel oder Veränderungen der Lebensumstände können die Vergleichbarkeit einschränken. Deshalb darf die Darstellung das eigene Befinden oder eine ärztliche Einschätzung nicht ersetzen.
Ein täglicher Check-in dauert bei mypacing nur etwa 20 Sekunden und umfasst vier Fragen. Welche Informationen werden dabei erfasst und wie fließen die subjektiven Angaben in die Einschätzung von Belastung und Erholung ein?
Der Check-in erfasst das allgemeine Befinden, das persönliche Schlafgefühl, die Belastung durch Denken, Gespräche und Reize sowie Ruhezeiten am Tag.
Diese Angaben ergänzen die Messwerte um die persönliche Wahrnehmung. Sarah kennt aus eigener Erfahrung, dass eine Zahl auf der Uhr nicht alles über einen Tag erzählt. Im Rückblick können Nutzer ihre Einträge und die verfügbaren Werte nebeneinander betrachten. Daraus entsteht keine medizinische Belastbarkeitsbewertung und keine automatische Freigabe für Aktivitäten.
Gesundheitsdaten sind besonders sensibel. Wie schützt du die persönlichen Informationen deiner Nutzer und welche Daten werden auf dem Gerät beziehungsweise auf deinen Servern verarbeitet oder gespeichert?
Die Freigabe von Apple Health oder Health Connect erfolgt auf dem jeweiligen Gerät. Dort steuern Nutzer, welche Daten die App lesen darf. Auf dem Gerät liegen außerdem Einstellungen, zwischengespeicherte Anzeigedaten und noch nicht übertragene Einträge. Sitzungsschlüssel werden in den geschützten Speicherbereichen des Betriebssystems aufbewahrt.
Die für das Konto übernommenen Werte und Einträge werden auf Servern in Deutschland gespeichert und verarbeitet. Gesundheitsdaten und persönliche Kontodaten werden verschlüsselt gespeichert, Verbindungen sind transportverschlüsselt und Passwörter werden als Hash abgelegt. Es gibt keine Werbung und keinen Verkauf persönlicher Daten.
Zur ausdrücklich erläuterten Einwilligung gehört auch mypacingLAB: Tageswerte werden unter einer zufälligen Kennung pseudonymisiert gemeinsam ausgewertet, um die Darstellungen zu verbessern. Namen, E-Mail-Adressen und genaue Geburtsdaten fließen in diese Auswertung nicht ein. Pseudonymisiert bedeutet dabei nicht anonym. Die Zwecke und Datenarten sind in unserer Datenschutzerklärung beschrieben. Nutzer können ihre Daten exportieren und ihr Konto löschen.
mypacing ist ausdrücklich kein Medizinprodukt und stellt keine Diagnosen. Wie grenzt du deine Anwendung von medizinischen Angeboten ab und wie verhinderst du, dass Nutzer die Ergebnisse als gesundheitliche Diagnose oder konkrete Behandlungsempfehlung verstehen?
Die Abgrenzung muss in den Funktionen und in der Sprache erkennbar sein. mypacing zeigt persönliche Werte und Einträge zur Reflexion und Tagesplanung. Es diagnostiziert oder überwacht keine Krankheiten, sagt keine Krankheitsverläufe voraus und gibt keine Therapieempfehlungen.
Wir beschreiben Abweichungen deshalb sachlich, etwa als über oder unter dem gewohnten Bereich. Ein Wert wird dadurch nicht zu einer gesundheitlichen Freigabe. Hinweise in der Anwendung und auf der Website erklären diese Grenzen. Die persönliche Erkrankungsgeschichte hinter dem Projekt ändert nichts an dieser Zweckbestimmung.
Deine App funktioniert im Browser sowie auf iPhone und Android. Welche technischen Herausforderungen bringt die plattformübergreifende Entwicklung mit sich und was unterscheidet mypacing von bestehenden Fitness- und Gesundheitsapps?
Eine Herausforderung ist, dass Berechtigungen, Datenverfügbarkeit und Hintergrundverarbeitung unter iOS und Android unterschiedlich funktionieren. Nicht jedes Gerät liefert dieselben Messwerte. Fehlende Daten müssen verständlich dargestellt werden.
Die Web-App bietet unter anderem Check-in, Verlauf und Tagesplanung. Der Zugriff auf Apple Health und Health Connect erfolgt über die jeweiligen mobilen Apps. Auch Synchronisierung, unterbrochene Verbindungen und unterschiedliche Bildschirmgrößen müssen berücksichtigt werden.
Unser Schwerpunkt liegt auf einer ruhigen Darstellung des eigenen Verlaufs und auf selbst festgelegten Vorhaben. Sarahs Perspektive hilft dabei, den Aufwand für die Bedienung gering zu halten.
Du stellst mypacing vollständig kostenlos, ohne Werbung und ohne In-App-Käufe zur Verfügung. Warum hast du dich für dieses Modell entschieden und wie finanzierst du die Entwicklung und den langfristigen Betrieb?
Wir wissen aus unserem eigenen Alltag, dass eine längere Erkrankung auch finanziell belastend sein kann. Deshalb möchten wir den Zugang zu mypacing möglichst niedrigschwellig halten. Werbung und der Verkauf von Daten passen nicht zu unserem Verständnis des Projekts.
Bisher tragen wir den Aufwand selbst und investieren viel persönliche Zeit. Das ist allerdings keine unbegrenzt gesicherte Finanzierung. Für den langfristigen Betrieb suchen wir nach tragfähigen Möglichkeiten und prüfen Kooperationen. Eine konkrete dauerhafte Lösung steht noch nicht fest. Falls sich das Angebot künftig verändert, wollen wir das transparent kommunizieren. Aktuell ist mypacing kostenlos und ohne In-App-Käufe nutzbar.
Welche Rückmeldungen hast du bisher von Nutzern erhalten, welche Funktionen werden besonders geschätzt und welche nächsten Entwicklungsschritte planst du für mypacing?
Dass ein an unserem Küchentisch begonnenes Projekt inzwischen Menschen in rund 20 Ländern erreicht, bewegt uns beide. Ein Nutzer lebt in Neuseeland, etwa 18.400 Kilometer von uns entfernt. Gleichzeitig bringt diese Reichweite Verantwortung mit sich: Rückmeldungen aus unterschiedlichen Alltagssituationen müssen ernst genommen werden.
Wir wollen den kurzen Check-in, verständliche Verläufe und die einfache Tagesplanung weiter verbessern und Rückmeldungen dazu gezielt auswerten. Eine belastbare Rangliste der beliebtesten Funktionen möchte ich daraus nicht behaupten. Sarah bleibt für die Weiterentwicklung eine zentrale Stimme, weil sie Fragen zur Bedienbarkeit aus ihrer eigenen Erfahrung beurteilt. Technisch stehen Zuverlässigkeit, Synchronisierung und eine möglichst einfache Nutzung im Vordergrund.
Welche langfristige Vision verfolgst du mit mypacing und welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die als Einzelunternehmer eine digitale Anwendung im Gesundheitsbereich entwickeln möchten?
Sarah und ich wünschen uns, dass mypacing ein verständlicher und verlässlicher Begleiter für die persönliche Tagesplanung bleibt. Sarah soll dabei als öffentliches Gesicht sichtbar sein. Ihre Erfahrungen und der Austausch mit anderen gehören ebenso zum Projekt wie die technische Entwicklung.
Wir prüfen außerdem, welche fachlichen Kooperationen und regulatorischen Wege für eine mögliche spätere medizinische Weiterentwicklung überhaupt realistisch wären. Das ist bislang eine offene Perspektive, keine bestehende Zulassung und kein Versprechen zusätzlicher Funktionen.
Mein erster Rat wäre, Menschen mit eigener Erfahrung von Anfang an einzubeziehen und ihnen echten Einfluss auf das Produkt zu geben. Mein zweiter Rat ist, Zweckbestimmung, Datenschutz und regulatorische Grenzen früh zu klären, bevor Funktionen und Werbeaussagen feststehen. Und drittens: Den laufenden Aufwand für Betrieb, Support und Finanzierung ehrlich kalkulieren. Gerade als Einzelunternehmer muss man ein Angebot auch langfristig verantworten können.
Bildcredits: Sarah und Siegfried Gaier, privat
Wir bedanken uns bei Sarah und Siegfried Gaier für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















