Donnerstag, Oktober 22, 2026
StartInterviewsKI im Bewerbungsprozess: Wie das Startup Arveum das Recruiting veränderts

KI im Bewerbungsprozess: Wie das Startup Arveum das Recruiting veränderts

Tilda ist die KI-Recruiterin des Münchner Startups Arveum, das mit KI den Bewerbungsprozess verbessern, Personalverantwortliche entlasten und nachvollziehbare Entscheidungen im Recruiting ermöglichen möchte.

Philipp und Albrecht, könnt ihr euch und Arveum kurz vorstellen und erzählen, warum ihr euch nach euren Erfahrungen bei Unternehmen wie lastminute.com, Readly, Tipico und gutefrage.net entschieden habt, gemeinsam ein Startup im Recruiting-Bereich zu gründen?

Albrecht: Wir sind Philipp Montgelas und Albrecht Senden, die Gründer von Arveum in München. Ich war 13 Jahre Group CTO bei Tipico, Philipp über 25 Jahre als Geschäftsführer in schnell wachsenden Unternehmen wie lastminute.com, Readly oder gutefrage. In all diesen Unternehmen haben wir gesehen, wie viel Zeit und Geld schlechte Besetzungen kosten und wie wenig Technik bisher im eigentlichen Auswahlgespräch steckt. Bewerbungen werden in Sekunden überflogen, gute Leute fallen durchs Raster, und Bewerber hören oft nie wieder etwas. Das wollen wir ändern. Arveum baut KI-Agenten für das Recruiting: Die KI bereitet vor, Menschen entscheiden.

Ihr kennt euch seit über 25 Jahren und habt bereits digitale Plattformen aufgebaut und skaliert. Was macht euch als Gründerteam aus und welche Erfahrungen helfen euch heute beim Aufbau von Arveum?

Philipp: Wir kennen uns seit über 25 Jahren und haben beide Plattformen gebaut, die unter Last funktionieren müssen. Genauso wichtig ist unsere operative Erfahrung. Albrecht war bei Tipico nicht nur CTO, sondern hat als Geschäftsführer Organisationsstrukturen aufgebaut. Die Menschen und die Frage, wie eine Organisation gebaut sein muss, damit sie gut arbeitet, standen dabei immer im Mittelpunkt. Ich habe bei Readly als Group-CMO ein interdisziplinäres Marketing Team in Europa aufgebaut und geführt. Genau daher wissen wir, wie entscheidend die richtige Besetzung ist und wie viel eine Fehlbesetzung kostet. Die Aufteilung ist klar: Albrecht: Produkt, Technik und Organisation, Ich: Markt, Partner, Vertrieb. Wir müssen einander nichts mehr beweisen. Das macht uns schnell.

Mit Arveum möchtet ihr das Recruiting grundlegend verändern. Welche Probleme im heutigen Bewerbungsprozess haben euch dazu bewogen, eine KI-gestützte Lösung zu entwickeln?

Philipp: Recruiter können sich heute nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Sie gehen Hunderte Lebensläufe durch, die ohnehin nicht passen, und für die wenigen, die passen, bleibt kaum Zeit. Unser Motto dazu: LinkedIn is broken. Ein Klick auf „Bewerben“ kostet nichts, also landen Bewerbungen massenhaft bei Stellen, für die sie nicht gedacht sind. Dazu kommt, dass Gespräche schwer vergleichbar sind und Bewerber den Prozess als Black Box erleben. Unsere Antwort ist keine Maschine, die aussortiert, sondern eine gründliche Vorbereitung für jede einzelne Bewerbung. So hat das Team wieder Zeit für die Menschen, die wirklich passen.

Euer erstes Produkt ist die KI-Recruiterin Tilda. Wie funktioniert sie konkret und welche Aufgaben übernimmt sie im Auswahlprozess für Unternehmen?

Albrecht: Tilda liest jede Bewerbung vollständig und gleicht den Lebenslauf mit den Anforderungen der Stelle ab. Für jede Anforderung zeigt sie, ob sie belegt ist, und zitiert die passende Stelle im Lebenslauf. Ihr Herzstück sind hochpersonalisierte Fragen. Tilda stellt keine Fragen, die auf jeden passen, sondern Fragen, die nur auf diese eine Person passen: genau dort, wo der Lebenslauf schweigt, vage bleibt oder eine Lücke zur Stelle hat. Diese Fragen kommen in einen Interview-Leitfaden für das Gespräch. Auf Wunsch führt Tilda selbst ein kurzes Sprachinterview im Browser, telefonisch oder per Whatsapp kommt bald dazu. Am Ende bekommt das Hiring-Team ein Entscheidungsdossier. Die Entscheidung trifft immer ein Mensch.

Tilda führt eigenständig erste Bewerbungsgespräche und bewertet anschließend die Kandidaten. Nach welchen Kriterien erfolgt diese Einschätzung und wie stellt ihr sicher, dass die Entscheidungen nachvollziehbar und fair bleiben?

Philipp: Eine kleine Korrektur vorweg: Wie Albrecht eben sagte: Tilda bewertet, aber sie entscheidet nicht. Maßstab sind ausschließlich die Anforderungen, die das Unternehmen für die Stelle festgelegt hat. Jede Einschätzung ist mit einem wörtlichen Zitat aus dem Lebenslauf oder dem Gespräch belegt, sodass jeder sie überprüfen kann. Wird ein Muss-Kriterium nicht belegt, ist das ein Hinweis für das Team und keine automatische Absage. Bewertet wird nur, was jemand sagt. Stimme, Tonfall oder Emotionen werten wir nicht aus.

Der Einsatz künstlicher Intelligenz bei Personalentscheidungen wird auch kritisch diskutiert. Wie verhindert ihr mögliche Diskriminierung und welche Verantwortung bleibt bei den Unternehmen selbst?

Albrecht: Wir halten Diskriminierung gezielt aus dem Prozess heraus. Die Bewertung des Gesprächs läuft ohne Namen, Merkmale wie Alter, Herkunft oder Geschlecht fragen wir nicht ab und lassen sie nicht in die Bewertung einfließen. Bewertet wird nur gegen die Anforderungen der Stelle, jeweils mit Beleg. Tilda prüft außerdem die Stellenanzeige selbst und weist auf Kriterien hin, die nichts über die Eignung aussagen. Die Verantwortung bleibt beim Unternehmen, es legt die Anforderungen fest, führt das Gespräch und trifft die Entscheidung. Tilda macht diese Entscheidung besser vorbereitet und nachvollziehbarer, aber sie ersetzt sie nicht.

Mit Theo plant ihr eine zweite Anwendung, die Bewerber kostenlos unterstützen soll. Welche Funktionen wird Theo bieten und wie sollen Tilda und Theo langfristig zusammenspielen?

Albrecht: Theo ist der persönliche Karriere-Coach für Bewerber, kostenlos und ohne Abo. Er prüft den Lebenslauf, zeigt, was ihn stärker macht und baut auf Wunsch einen neuen. Er sucht passende Stellen und erklärt bei jeder, was dafür spricht und wo die Lücken liegen. Für jede Bewerbung schreibt er ein Anschreiben, das auf das Unternehmen recherchiert ist und behält alle laufenden Bewerbungen im Blick. Im Sprachtraining kann man Vorstellungsgespräche für eine konkrete Stelle üben und bekommt Feedback zu Aufbau, Prägnanz und Sprechtempo. Dazu kommen Assessment-Center-Übungen, Case Interviews, ein Persönlichkeitstest, Karriereberatung mit passenden Zielrollen und Texte für das LinkedIn-Profil.

Viele Bewerber stehen KI-gestützten Auswahlverfahren skeptisch gegenüber. Wie möchtet ihr Vertrauen schaffen und sicherstellen, dass persönliche Fähigkeiten und individuelle Lebensläufe ausreichend berücksichtigt werden?

Albrecht: Durch Offenheit und echtes Interesse. Bewerber wissen immer, dass sie mit einer KI sprechen. Tilda stellt keine Fangfragen und keine Standardfragen, sondern gibt Raum, Lücken und Wechsel selbst zu erklären. Die Person merkt: Hier hat sich jemand wirklich mit mir beschäftigt. Wir hören sehr oft Sätze wie „Endlich stellt mir mal jemand vernünftige und relevante Fragen“. Und auch wenn es einmal nicht klappt, bekommt die Person eine wertschätzende Antwort statt Schweigen. Gerade ungewöhnliche Lebensläufe profitieren davon: Tilda fragt nach, statt aus Lücken Schlüsse zu ziehen. Die Daten verarbeiten wir in der EU und nach DSGVO.

Der Recruiting-Markt ist bereits von etablierten Plattformen und neuen KI-Anbietern geprägt. Was unterscheidet Arveum von bestehenden Lösungen und welche Unternehmen möchtet ihr besonders ansprechen?

Philipp: Die Lösungen, die wir kennen, stellen Standardfragen, die jeder Recruiter unter Zeitdruck auch stellen könnte. Dann kann man dem Kandidaten auch gleich einen Fragebogen schicken. Bei uns bekommt jede Person Fragen, die aus ihrem eigenen Lebenslauf und den Anforderungen der Stelle entstehen. Das ist der Unterschied zwischen einem Formular und einem Gespräch. Dazu kommt, dass sich viele Anbieter „KI“ als Label aufkleben und in Wirklichkeit einen einfachen Chatbot ohne jedes Verständnis für die Bewerbung liefern. Tilda versteht, was im Lebenslauf steht und was fehlt und belegt jede Aussage. Wir ersetzen keine Bewerbermanagement-Systeme oder Jobbörsen, sondern docken über eine Schnittstelle an sie an. Wir sprechen vor allem mittelständische Arbeitgeber und Personaldienstleister im DACH-Raum an, die viele Bewerbungen bekommen und wenig Zeit haben.

Mit der WESTPRESS Agency Group habt ihr bereits einen ersten Partner gewonnen. Welche Bedeutung hat diese Zusammenarbeit für euren Markteintritt und welche Erkenntnisse erhofft ihr euch aus dem praktischen Einsatz von Tilda?

Philipp: Eine sehr große. Wir ergänzen uns fantastisch: WESTPRESS kennt den Markt für Personalmarketing und seine Kunden wie kaum jemand, wir bringen die Technologie für die Auswahl. Die Kunden von WESTPRESS sind sehr vielfältig, von unterschiedlichen Branchen über verschiedene Berufsbilder bis zu ganz eigenen Anforderungen an den Auswahlprozess. Mit einem solchen Partner zu starten, bedeutet uns viel und wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.

Arveum startet offiziell am 22. Oktober 2026. Welche Herausforderungen habt ihr in der Gründungsphase erlebt und wie wollt ihr euer Geschäftsmodell aus Abonnements und künftigen Vermittlungsprovisionen weiterentwickeln?

Philipp: Positiv überrascht hat uns, wie unbürokratisch die Gründung selbst war. In Bayern und in Deutschland ging das sehr viel schneller und einfacher, als wir erwartet hatten. Die eigentliche Herausforderung war, Vertrauen aufzubauen, bevor es ein fertiges Produkt gab. Bei Personaldaten fragt jeder Einkauf und jede Rechtsabteilung richtigerweise nach Datenschutz, Auftragsverarbeitung oder EU AI Act. Diese Hausaufgaben haben wir früh gemacht. Technisch anspruchsvoll war es, mit sehr unterschiedlichen Stellenanzeigen fair umzugehen. Beim Geschäftsmodell starten wir mit Abonnements für Unternehmen, klassisch SaaS. Später kommen Vermittlungsprovisionen dazu, wenn über Theo passende Menschen und Stellen zusammenfinden.

Welche Vision verfolgt ihr mit Arveum für die kommenden Jahre und welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit künstlicher Intelligenz ein Unternehmen aufbauen möchten?

Albrecht: Wir wollen, dass jede Bewerbung eine faire, gründliche Prüfung bekommt, nicht nur ein paar Sekunden Aufmerksamkeit und dass jede Einstellungsentscheidung begründet ist. Jeder Mensch findet so schneller den Job, der zu ihm passt. Jede Firma findet schneller die Leute, die sie braucht.

Komm Philipp, lass uns gemeinsam Ratschläge geben:

1. Sucht euch früh die richtigen Partner. Ein Partner, der den Markt kennt und euch in die Praxis bringt, ist mehr wert als jede Demo.

2. Nutzt die Förderprogramme. Es gibt fantastische Programme für Gründer und für KI, von staatlicher Förderung bis zu Startup-Programmen der großen Technologieanbieter. Viele lassen dieses Geld liegen.

3. Baut Nachvollziehbarkeit von Anfang an ein. Wenn eine KI über Menschen urteilt, muss jede Aussage belegbar sein. DSGVO und AI Act sind dann kein Hindernis, sondern ein Grund, warum Kunden euch vertrauen.

4. Nutzt KI für alles, von der Produktentwicklung bis zur Budgetplanung, aber vergesst dabei Euren gesunden Menschenverstand nicht.

5. Raus aus dem Büro und reden. Jedes Gespräch bringt euch weiter, auch das, aus dem kein Deal wird. Tolle Ideen für unser Produkt kamen bspw. von unseren Pilotkunden.

6. Schaut nicht ständig auf den Wettbewerb. Es gibt immer jemanden, der größer ist oder mehr Geld hat. Das bringt euch nichts. Macht euer Ding, und zwar schnell. Machen, machen, machen.

Bildcredits Arveum

Wir bedanken uns bei Philipp Montgelas und Albrecht Senden für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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