Im Interview erklärt das Startup die Technologie hinter dem Wairify Luftreiniger und wie filterlose Systeme die Luftreinigung nachhaltig verändern
Stellen Sie sich und das Startup Wairify sowie den Wairify Luftreiniger kurz unseren Lesern vor!
Gern! Mein Name ist Michael Dietzen. Ich bin CEO und einer der Gründer von Wairify.
Wairify bietet eine neue Luftreinigungstechnologie und eine umweltfreundliche Alternative zu HEPA-Systemen an. Unser Luftreiniger macht nachweislich und effektiv Viren und Bakterien unschädlich und scheidet dabei auch Partikel wie Pollen, Schimmelsporen oder lungengängige Mikrofeinstäube aus der Luft – und das ohne teure Filter oder unhygienische Filterwechsel!
Warum haben Sie sich entschieden, ein Unternehmen zu gründen?
Das ist eher aus einem Zufall heraus entstanden. In meiner Tätigkeit als Director Business Planning & Strategy der Woco Group teilte ich mir ein Büro mit dem Entwicklungsleiter Dr. Anton Wolf. Die Woco Group ist ein klassisches mittelständisches Unternehmen, das den größten Teil des Umsatzes als Zulieferer in der Automobilindustrie verdient.
2019 sprachen wir über eine Technologie auf Plasmabasis zur Abscheidung von Partikeln im Motorraum, die er entwickelt und seit dem Jahr 2011 weiter perfektioniert hat. Anwendung fand die Technologie – trotz der technischen Überlegenheit gegenüber anderen konventionellen Lösungen – leider noch nicht. Die Elektrifizierung der Antriebe und die zögerliche Haltung der Automobilhersteller bei der Integration neuer Technologien verhinderten bisher eine Serienapplikation. Das war unserer Ansicht nach verschenktes Potenzial.
Und so fingen Anton und ich an, über Lösungen zur Verwendung der Technologie in der Luftreinigung nachzudenken, und hatten schon Anfang 2020 den ersten Prototypen hergestellt.
Wir gründeten die Wairify GmbH, ein Corporate Spin-off der Woco Group. Dr. Anton Wolf ist Mitgründer und CTO von Wairify.
Wir wussten, dass die Technologie kleinste Ölpartikel abscheiden kann. Der ultimative Test für die Technologie sollte jedoch die Fähigkeit werden, auch im Bereich von Nanopartikeln zu reinigen. Zum Zeitpunkt der ersten Tests lag also nichts näher als der Test mit RNA-Viren wie dem SARS-CoV-2-Virus. Mit dem erfolgreichen Test des ersten Prototypen beim Biotech-Institut in Gütersloh, bei dem wir eine Inaktivierungsrate von 99,9993 % erreichten, hatten wir den Nachweis, auf den wir gehofft hatten.
In Zusammenarbeit mit BCG und der auf digitale Startups spezialisierten Tochter BCG Digital Ventures arbeiteten wir unter anderem an Planung und Marktstudien. Um das Ganze aufgrund der akuten Brisanz schnell in agilen Strukturen zur Entwicklung zu bringen, entschieden wir uns gemeinsam mit der Geschäftsführung und den Gesellschaftern der Woco, Wairify auszugründen.
Welche Vision steckt hinter Wairify?
Die Industrie der Luftreinigung funktioniert fast ausschließlich mit physischen Filtermedien wie zum Beispiel HEPA-Filtern, die regelmäßig ausgetauscht und entsorgt werden müssen. Den globalen Markt für Luftreinigungsanwendungen haben wir mit BCG zusammen auf etwa 18 Milliarden Euro geschätzt – davon rund ein Drittel für mobile Luftreinigungsgeräte. Zu dieser Marktgröße muss der Verkauf von Ersatzfiltern addiert werden – aus unserer Sicht eine ökologische Katastrophe. Nachhaltige Technologien spielen aktuell kaum eine Rolle, sicher auch aufgrund mangelnder technischer Alternativen. Wir bieten mit der filterlosen und wartungsfreien Wairify-Technologie eine bessere Alternative.
Die Vision hinter Wairify ist aber mehr als nur eine Luftreinigungsfunktion. Die Lebensräume werden immer enger und pathogene Mikroorganismen oder Gifte sind allgegenwärtig. Denken Sie nur an Schimmelbefall, der allein in Deutschland jährlich einen Sachschaden von über 4 Milliarden Euro verursacht. Dabei sprechen wir noch nicht über die Folgen von durch Schimmel verursachten Erkrankungen.
Laut einer Untersuchung der Harvard T.H. Chan School of Public Health verbringen wir bis zu 90 Prozent unseres Lebens in geschlossenen Räumen, die unsere Gesundheit oftmals stärker belasten als die Außenluft. Baustoffe, Reinigungsmittel, Feinstaub oder Sporenbildung können dazu beitragen.
Wir arbeiten an der nächsten Generation der Luftsensorik. Mit diesen Sensoren werden wir in der Lage sein, zum Beispiel Schadstoffe wie Schimmel anhand ihres spezifischen Geruchs zu erkennen – viel früher und effizienter als der Mensch es kann. Mit der dahinterliegenden künstlichen Intelligenz entsteht ein neuronales Netzwerk zur Identifikation schädlicher Merkmale.
Das wiederum bietet die Möglichkeit, Wairify über klinische Studien für die Diagnose von Erkrankungen einzusetzen. Bereits heute gibt es erste Erfolge in der olfaktorischen Diagnostik, zum Beispiel bei Parkinson. Stellen Sie sich vor, Ihr Wairify-Gerät sagt Ihnen, ob Sie möglicherweise an einem mit Kariesbakterien befallenen Zahn leiden – und das nur durch die Analyse Ihres Atems.
Von der Idee bis zum Start: Was waren die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Wir hatten den Vorteil, dass wir die Woco Group im Hintergrund haben und auf jahrzehntelange Entwicklung, Erfahrung sowie Infrastruktur zurückgreifen konnten und können. Die größten Herausforderungen lagen tatsächlich im technischen Bereich.
Das oberste Ziel war es, einen Luftfilter ohne Filter zu entwickeln, der ohne jegliche Austauschkomponenten auskommt. Darauf sind wir extrem stolz.
Ein Consumer-Produkt zu industrialisieren und gleichzeitig eine digitale Premium-Marke aufzubauen, ist etwas völlig anderes, als Zulieferer für einen Autohersteller zu sein. Wir haben noch einiges an Arbeit vor uns, dennoch bin ich begeistert, wie zügig wir das bisher umgesetzt haben.
Die bisherige Finanzierung erfolgte ausschließlich über die Woco Group. Das Ziel ist es aber, Wairify schnell finanziell eigenständig aufzustellen. Dazu sind wir kurz davor, einen weiteren strategischen Investor an Bord zu holen, der zudem Wissen und Erfahrung im Bereich Consumer Electronics einbringen wird.
Wer ist die Zielgruppe des Wairify Luftreinigers?
Die Pandemie hat den Bedarf für Luftfilter extrem gesteigert und die Zielgruppe deutlich verbreitert. Um die Ansprache besser abzustimmen, haben wir diese in verschiedene Gruppen unterteilt.
Unser Wairify One wurde in einer Fastlane industrialisiert, um insbesondere der akuten Nachfrage von Schulen, Kitas und Unternehmen gerecht zu werden. Das EPP ist extrem robust, leicht und kann auch Stöße problemlos verkraften. Zudem entstehen keine Folgekosten für Wechselfilter.
Auch durch unser Design unterscheiden wir uns klar von anderen Anbietern. Vielen Konkurrenten sieht man ihren Ursprung in der Industrie oder Medizintechnik an – ihr Auftreten ist oft sehr funktional. Gastronomen, Hoteliers oder Büroausstatter, die viel in ihr Interieur investieren, möchten keinen weißen Kunststoffklotz in ihre Räume stellen.
Der Wairify Home ist in erster Linie für Privatnutzer gedacht. Sein mit dem Red Dot ausgezeichnetes Design passt sich in die Wohnwelt ein, lässt sich in Smart-Home-Systeme integrieren und bietet zusätzliche digitale Services.
Wie funktioniert der Wairify Luftreiniger?
Die Raumluft wird durch rundum angebrachte Lufteinlässe ins Gerät eingesogen. Dieser Luftstrom passiert ein ringförmiges Plasmafeld, wodurch die enthaltenen Partikel aufgeladen werden.
In der Luft vorhandene Organismen und Viren werden im Plasmafeld zerstört beziehungsweise deaktiviert und unschädlich gemacht. Diese werden in einem Wasserfilm auf einer Gegenelektrode aufgenommen und abtransportiert.
Die gereinigte Luft strömt anschließend nahezu verlustfrei aus dem Gerät aus. Das zur Reinigung benötigte Wasser kann einfach über eine Schublade eingefüllt und ausgetauscht werden.
Wo liegen die Vorteile des Wairify Luftreinigers?
Wairify vereint drei Produktkategorien in einem Gerät.
Luftreinigung: Kleinste Fein- und Ultrafeinstäube bis 0,01 Mikrometer werden aus der Luft entfernt und im Wasser gebunden.
Luftentkeimung: Das Energiefeld macht Viren und Bakterien unschädlich.
Geruchsneutralisierung: Gerüche werden im Gerät neutralisiert. Anders als andere Systeme setzt Wairify kein Ozon frei, sondern wandelt vorhandenes Ozon in Sauerstoff um.
Zudem kommt Wairify ohne Wechselfilter aus, wodurch die Gesamtkosten geringer sind und die Lösung deutlich nachhaltiger ist als klassische HEPA-Systeme.
Was unterscheidet Wairify von anderen Anbietern?
Vor der Pandemie war der Markt für Luftreiniger weitgehend gesättigt. Es gab wenig Innovation. Die meisten Technologien basieren auf dem einfachen Prinzip, ein Filtermedium vor einen Lüfter zu setzen.
Im Zuge der Pandemie entstand eine Art Goldgräberstimmung mit vielen neuen Anbietern, die einfache oder zugekaufte Lösungen anbieten – oft ohne echte Innovation.
Wairify: Wo geht der Weg hin?
Wir wollen das Thema Luftqualität ganzheitlich betrachten und die Lebensqualität unserer Nutzer verbessern. Nach der Etablierung unserer Technologie ist die Integration in Smart-Home-Systeme ein wichtiger Schritt.
Wairify soll automatisiert mit dem Zuhause kommunizieren und sich an Wetter, Heizung und das Verhalten der Nutzer anpassen. Dabei spielt die Sensorik eine zentrale Rolle.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Ich bin überzeugt, dass wir ganz neue Erkenntnisse zur Raumluft gewinnen und lernen werden, intelligenter damit umzugehen. Schon heute arbeiten wir mit wissenschaftlichen Partnern zusammen, um unsere Produkte weiterzuentwickeln und passende Services anzubieten.
Zum Schluss: Welche drei Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
Habt den Mut, Risiken einzugehen. Scheitern gehört zum Alltag. Oft entschädigt eine richtige Entscheidung für viele falsche.
Baut ein Team auf, das mit Herzblut bei der Sache ist. Fachliche Expertise ist wichtig, aber die Einstellung der Menschen ist entscheidend.
Verliert das Ziel nicht aus den Augen. Manche Kompromisse sind notwendig – aber zentrale Ziele sollten nicht verwässert werden.
Wir bedanken uns bei Michael Dietzen für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder


























