Dienstag, Juni 30, 2026
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Frauengesundheit im Fokus: Wird die Versorgung von Müttern noch immer unterschätzt?

Frau Otzelberger, viele Frauen berichten nach Schwangerschaft und Geburt von Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und dem Gefühl, nicht mehr dieselbe Leistungsfähigkeit wie früher zu haben. Warum wird dieses Thema gesellschaftlich noch immer unterschätzt?

Zum einen war Frauengesundheit in Wissenschaft und Forschung über Jahrzehnte stark unterrepräsentiert. Viel zu lange wurden Frauen als „kleine Männer“ betrachtet. Die Erkenntnis, dass der weibliche Stoffwechsel in Teilen anders funktioniert als der männliche, setzt sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der Medizin erst langsam durch. Somit wissen wir einfach noch viel zu wenig darüber, was genau biochemisch in uns Frauen durch hormonelle Umstellungen gepaart mit Stress und Schlafentzug wirklich passiert.

Andererseits wird seit Generationen von Frauen erwartet, dass sie – egal in welcher Lebenslage – zuverlässig funktionieren. Nach wie vor bekommen Frauen von Ärzten gesagt, Symptome wie starke Periodenschmerzen oder postnatale Erschöpfung seien normal. Sinngemäß vermittelt man den Frauen, sie sollten sich einfach nicht so anstellen.

Das ist verrückt! Millionen von Frauen leiden still und suchen den Fehler bei sich. Dabei sind die Ursachen biochemisch erklärbar und können heutzutage gut behandelt werden.

Sie haben sich auf berufstätige Frauen, Unternehmerinnen und Führungskräfte spezialisiert, die innerhalb der letzten Jahre Mutter geworden sind. Was macht diese Zielgruppe aus Ihrer Sicht besonders?

Kinder zu bekommen ist für alle Frauen ein einschneidendes Erlebnis und eine große Umstellung. Muss man allerdings mit Schlafmangel, Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten auch noch Unternehmen und Teams führen, erreichen die Herausforderungen schnell eine ganz andere Dimension. Frauen mit kleinen Kindern, die gleichzeitig beruflich viel Verantwortung tragen, sind plötzlich mit einer enormen Mehrfachbelastung konfrontiert. Das wird häufig unterschätzt – in erster Linie von den Frauen selbst.

In Ihrer Arbeit erleben Sie immer wieder Frauen, die glauben, sie müssten sich lediglich besser organisieren oder stärker belastbar sein. Welche Ursachen stecken tatsächlich häufig hinter den Beschwerden?

In der Regel treffen hier Schlafmangel, hormonelle Umstellungen und gravierende Nährstoffdefizite zusammen.

Auch die bei „Macherinnen“ besonders verbreitete Persönlichkeitsstruktur mit besonders hohen Ansprüchen an sich selbst trägt zu Erschöpfung und Gefühlen von Überforderung bei.

Welche körperlichen und biochemischen Veränderungen nach Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit werden aus Ihrer Sicht zu selten betrachtet?

Während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit wird der Körper der Frau regelrecht „geplündert“. Das Wachstum des Kindes entzieht der Mutter große Mengen an Nährstoffen. Erfahrungsgemäß reicht Mehr -Essen bei weitem nicht aus, um diesen Bedarf zu decken. Auch typische Schwangerschafts-Supplements greifen viel zu kurz.

Vielmehr braucht es eine fundierte Analyse und eine individuell auf die jeweilige Frau zugeschnittene Nährstofftherapie, um im besten Fall die Entstehung von Mängeln zu verhindern oder zumindest aufgetretene Defizite schnell zu beseitigen.

Dafür stehen uns heutzutage sehr gute, praktikable Lösungen zur Verfügung. Man muss sie nur nutzen!

Wie groß ist die Versorgungslücke in der Frauengesundheit, und welche Folgen hat sie für die Leistungsfähigkeit vieler Frauen im Berufsalltag?

Frauen sind in klinischen Studien bis zu 70% seltener vertreten als Männer. Entsprechend ist ein Großteil der medizinischen Empfehlungen einfach nicht auf die weibliche Biochemie ausgerichtet.

In meiner Arbeit erlebe ich tagtäglich, dass Frauen mit ihren Beschwerden bei den Ärzten nicht ernstgenommen werden. Anstatt niedrige Ferritinwerte, unausgeglichene Hormone oder Mikronährstoffdefizite zu diagnostizieren, bekommen sie den Rat, sich mehr zu entspannen. Wer in einer Führungsrolle oder als Unternehmerin tätig ist und auf diesem Niveau funktionieren muss, kann sich das schlicht und ergreifend nicht leisten.

Sie verbinden Ernährungswissenschaft, funktionelle Blutanalytik und Coaching. Warum reicht es oft nicht aus, Gesundheit nur aus einer einzelnen Perspektive zu betrachten?

Wir alle wünschen uns einfache Lösungen. Am besten eine Pille, die alle Beschwerden wegzaubert. In Wahrheit sind wir als Menschen und insbesondere als Frauen aber sehr komplexe Wesen. Sowohl meine eigene Geschichte als auch die Arbeit mit meinen Klientinnen hat mich gelehrt, dass viele Räder ineinandergreifen müssen, damit es uns wirklich gut geht. Nachhaltige Gesundheit und Leistungsfähigkeit brauchen daher immer einen ganzheitlichen Ansatz.

Ihre eigene gesundheitliche Geschichte war der Ausgangspunkt Ihrer heutigen Arbeit. Wie hat diese Erfahrung Ihren Blick auf Gesundheit und Prävention geprägt?

Als Kind wurde ich von der Schulmedizin sehr enttäuscht und habe früh gelernt, meine Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Auf der Suche nach Lösungen für meine eigenen Herausforderungen habe ich unzählige Therapieformen ausprobiert, hunderte von Büchern gelesen und sehr viel Zeit und Geld in alle möglichen Protokolle, Supplements, Geräte und Methoden investiert.

Einerseits hat mich dieser Weg ein Stück weit geläutert – die meisten noch so vielversprechenden Ansätze waren völlig wirkungslos oder gar kontraproduktiv.

Andererseits habe ich unglaublich viel Erfahrung gesammelt. In der Wissenschaft, der klassischen Schulmedizin, aber auch der Naturheilkunde sowie alternativen oder energetischen Heilmethoden. Dieser Erfahrungsschatz ist heute in der Arbeit mit meinen Klientinnen Gold wert.

Viele Frauen stehen unter hohem Leistungsdruck und haben gleichzeitig Familie, Karriere und Alltag zu organisieren. Welche Rolle spielen Faktoren wie Perfektionismus, Stress und innere Ansprüche für die Gesundheit?

Die Frauen, die zu mir kommen, sind in der Regel sehr ambitionierte Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Diese Persönlichkeit ist einerseits für ihren oftmals beeindruckenden beruflichen Erfolg verantwortlich. Sie setzen sich große Ziele und erreichen diese auch.

Auf der anderen Seite beobachte ich, dass es gerade diese Neigung zu Perfektionismus und einem starken Kontrollbedürfnis ist, die den Frauen enormen zusätzlichen Stress macht. Abschalten, Loslassen und zur Ruhe kommen fällt meinen Klientinnen oft sehr schwer. Dieser dauerhafte Stresszustand – in der Fachsprache Hyperarousal genannt – ist jedoch enorm gesundheitsschädlich. Unser Immunsystem, die Hormonachsen und der gesamte Stoffwechsel leiden darunter.

Deshalb widmen wir uns in meiner Arbeit, wenn nötig, auch Themen wie Glaubenssätze, Prägungen aus der Kindheit und innerer Kritiker.

Sie sprechen häufig über die Gender Health Gap. Warum werden Frauen in Medizin und Forschung noch immer nicht ausreichend berücksichtigt?

Es fehlt schlicht und ergreifend die Lobby. Medizin war über Jahrzehnte sehr männlich geprägt und ist es zum Teil immer noch.

Wir brauchen einerseits Frauen, die Lösungen aktiv einfordern und sich nicht einschüchtern lassen von Ärztinnen und Ärzten, die sie mit Plattitüden und Binsenweisheiten nach Hause schicken.

Andererseits braucht es aber natürlich auch sehr viel mehr Forschungsgelder für Female Health Themen. Im Zeitraum von 2008 bis 2018 erschienen beispielsweise mehr als dreimal so viele Studien zu erektiler Dysfunktion wie PMS-Studien in der gesamten Forschungsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Obwohl etwa doppelt so viele Frauen von PMS betroffen sind, wie Männer von Potenzstörungen.

Diese ungleiche Verteilung von Fördermitteln ist ein Skandal.

Nahrungsergänzungsmittel erleben einen Boom. Welche Fehler beobachten Sie besonders häufig, wenn Menschen ihre Gesundheit eigenständig optimieren möchten?

2024 wurden in Deutschland über 3 Milliarden Euro für Nahrungsergänzungsmittel ausgegeben. Das Marktpotenzial ist enorm und bei vielen Anbietern herrscht eine gewisse Goldgräber-Stimmung. Die Folge sind umfangreiche Marketingkampagnen.

Für den Laien ist es jedoch kaum möglich aus der Fülle an Angeboten und Informationen das herauszufiltern, was für die eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit wirklich relevant ist.

Häufig nehmen Menschen Präparate, die sie gar nicht brauchen. Andererseits sind sie weiterhin mit wichtigen Nährstoffen teils gravierend unterversorgt. Zudem sind viele Präparate zu niedrig dosiert oder enthalten zweifelhafte Zusatzstoffe.

Zurückbleiben enttäuschte Verbraucher, die sich selbst etwas Gutes tun wollten, aber die falsche Strategie gewählt haben.

Auch die Darm-Hirn-Achse gehört zu Ihren Schwerpunkten. Welche neuen Erkenntnisse über den Zusammenhang von Darmgesundheit, mentaler Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden halten Sie für besonders spannend?

Wir fangen gerade erst an, zu begreifen, welch enormen Einfluss der Zustand unseres Darms auf unsere psychische Verfassung und kognitive Leistungsfähigkeit hat.

Wussten Sie beispielsweise, dass das von Darmbakterien produzierte Butyrat vor Neuroinflammation – also Entzündungen im Gehirn – schützt? Es reduziert Alzheimer-assoziierte Amyloid-Plaques und verbessert gleichzeitig Stimmung und kognitive Funktionen.

Weil man vielfach zeigen konnte, dass depressive Symptome durch die Gabe von Präbiotika verbessert werden können, etabliert sich für solche klinisch geprüften Bakterienstämme gerade ein neuer Begriff: Psychobiotika.

Der Weg zu mentaler Gesundheit geht definitiv über den Darm!

Wenn Sie sich für die Zukunft der Frauengesundheit drei Veränderungen wünschen könnten. Welche wären das?

Viel höhere Investitionen in die Erforschung von Themen wie PMS, PMOS (früher PCOS), Endometriose und Menopause.

Eine Etablierung von funktioneller Medizin in deutschen Arztpraxen (davon profitieren auch die Männer!).

Und last but not least müssen wir Frauen raus aus der Opferrolle und rein in die Eigenverantwortung. Es gibt schon heute zahlreiche Lösungsansätze. Dazu gehört aber auch, dass Frauen sich um einen gesunden Lifestyle bemühen, die eigenen Bedürfnisse und die ihres Körpers ernstnehmen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch in ihre Gesundheit investieren.

Bildcredits PR

Wir bedanken uns bei Carolin Otzelberger für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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