IGNAITE entwickelt KI für Unternehmen, die ihre Daten unter eigener Kontrolle behalten und künstliche Intelligenz direkt in bestehende Prozesse integrieren möchten.
Können Sie IGNAITE kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, KI speziell für bestehende Unternehmens- und Industrieprozesse nutzbar zu machen?
IGNAITE ist ein KI-Unternehmen aus Hoppstädten-Weiersbach in Rheinland-Pfalz. Wir entwickeln KI-Lösungen, die direkt in den Unternehmen laufen, statt in der Cloud: LOKI, einen On-Premise-KI-Wissensassistenten, der auf das interne Wissen eines Unternehmens zugreift, MINERVA, eine modulare Edge-KI-Sensorplattform für die Fertigung, und HEIMDALL, eine Art Firewall für KI, die sensible Daten aus Anfragen an Cloud-KI-Dienste herausfiltert. Die Idee entstand aus der Beobachtung, dass gerade mittelständische Industrieunternehmen enormes Wissen in Dokumenten, Maschinen und Köpfen haben, es aber kaum nutzen können. Gleichzeitig wollten viele dieser Unternehmen ihre Daten nicht an externe Cloud-Anbieter geben. Genau diese Lücke wollten wir schließen: KI, die dort ankommt, wo die Wertschöpfung passiert, und die Kontrolle über die Daten beim Unternehmen lässt.
Wer steht hinter IGNAITE, und welche Erfahrungen bringen Sie in den Aufbau des Unternehmens ein?
IGNAITE wurde im Juli 2022 von drei Gründern gemeinsam mit zwei Professoren gegründet. Diese Verbindung aus unternehmerischer Praxis und wissenschaftlicher Tiefe prägt uns bis heute. Ich selbst komme aus dem industriellen Mittelstand. Von 2016 bis 2022 war ich bei BITO Lagertechnik tätig, zuletzt als CEO des BITO-Campus. Dadurch kenne ich die Perspektive unserer Kunden sehr genau: wie Entscheidungen im Mittelstand getroffen werden, welche Rolle Verlässlichkeit und Vertrauen spielen und wie wichtig es ist, dass neue Technologie im Alltag funktioniert. Mit dieser Erfahrung bin ich 2022 in die Gründung von IGNAITE gegangen und verbinde sie heute mit einem starken Team aus KI-Entwicklung, Softwarearchitektur und Hardware-Know-how. Wir sind bisher ohne institutionelle Investoren gewachsen, finanziert durch Bootstrapping, ein Wandeldarlehen und Förderprojekte. Das hat uns gezwungen, sehr früh nah an echten Kundenproblemen zu arbeiten.
Viele Industrieunternehmen beschäftigen sich mit KI, setzen sie aber noch nicht umfassend ein. Welche Hürden erleben Sie in der Praxis besonders häufig?
Die größte Hürde ist selten die Technik, sondern Unsicherheit. Viele Unternehmen wissen nicht, wo sie anfangen sollen und welcher Anwendungsfall wirklich etwas bringt. Dazu kommen berechtigte Bedenken beim Datenschutz: Konstruktionsdaten, Kundeninformationen oder interne Prozesse sollen das Haus nicht verlassen. Häufig fehlt außerdem internes KI-Know-how, und die IT-Abteilungen sind ohnehin schon ausgelastet. Und schließlich erleben wir eine gewisse Pilotmüdigkeit: Viele haben schon einen Test gemacht, der nie in den produktiven Betrieb überführt wurde. Deshalb setzen wir auf Lösungen, die schnell einsatzbereit sind und einen klaren, messbaren Nutzen im Alltag zeigen.
IGNAITE möchte moderne KI in bestehende Systeme und Prozesse integrieren. Warum ist dieser Ansatz für Unternehmen sinnvoller, als vorhandene Strukturen komplett zu ersetzen?
Weil die bestehenden Systeme das Rückgrat eines Unternehmens sind. ERP, Dokumentenmanagement, Maschinensteuerungen, all das wurde über Jahre aufgebaut und funktioniert. Diese Strukturen komplett zu ersetzen, wäre teuer, riskant und würde den Betrieb stören. KI entfaltet ihren Wert dann, wenn sie auf das vorhandene Wissen zugreift und die Menschen in ihrer gewohnten Arbeit unterstützt. LOKI zum Beispiel verbinden wir vorab mit den Systemen des Kunden und liefern ihn fertig konfiguriert aus, sodass er innerhalb von zwei bis vier Wochen startklar ist. Das senkt die Einstiegshürde enorm und sorgt für Akzeptanz bei den Mitarbeitenden.
Sensible Unternehmensdaten und Datenschutz sind zentrale Herausforderungen beim KI-Einsatz. Wie begegnen Sie diesen Anforderungen bei Ihren Lösungen?
Datensouveränität ist bei uns kein Zusatz, sondern der Ausgangspunkt. LOKI läuft vollständig On-Premise auf einer Hardware beim Kunden. Die Daten verlassen das Unternehmen nicht, es gibt keine Abhängigkeit von amerikanischen Cloud-Anbietern. Mit MINERVA verarbeiten wir Sensordaten direkt an der Maschine, also am Edge. Und für Unternehmen, die trotzdem Cloud-KI nutzen möchten, haben wir HEIMDALL entwickelt, das sensible Informationen herausfiltert, bevor eine Anfrage das Haus verlässt. Außerdem lassen sich Zugriffsrechte so abbilden, dass jeder Mitarbeitende nur das sieht, was er auch sehen darf. So wird KI mit DSGVO und internen Compliance-Anforderungen vereinbar.
Welche Prozesse in Industrieunternehmen eignen sich aus Ihrer Sicht besonders gut für den Einsatz von KI und wo ist der Nutzen bislang eher begrenzt?
Sehr gut eignen sich wissensintensive Prozesse: das schnelle Finden von Informationen in technischen Dokumentationen, Normen und Handbüchern, Unterstützung im Service und Support, die Einarbeitung neuer Mitarbeitender oder die Aufbereitung von Angeboten. Auch in der Fertigung sehen wir großes Potenzial, etwa bei Qualitätsprüfung und Zustandsüberwachung von Maschinen. Begrenzt ist der Nutzen dort, wo Daten fehlen oder sehr unstrukturiert sind, wo Entscheidungen hochgradig individuell sind oder wo ein Prozess so selten vorkommt, dass sich die Automatisierung nicht rechnet. KI ist kein Selbstzweck. Wenn ein bestehender Prozess gut funktioniert, muss man ihn nicht zwingend mit KI ausstatten.
Der Markt für KI-Lösungen wächst rasant. Was soll IGNAITE gegenüber anderen Anbietern langfristig besonders machen?
Die meisten KI-Angebote am Markt setzen auf die Cloud. Wir gehen bewusst den anderen Weg: Unsere KI läuft lokal, direkt im Unternehmen unserer Kunden. Das bedeutet echte Datensouveränität. Konstruktionsdaten, Kundeninformationen und internes Know-how bleiben dort, wo sie hingehören, und es entsteht keine Abhängigkeit von großen außereuropäischen Plattformen. Möglich wird das durch die Kombination aus Software und Hardware, die uns von vielen Anbietern unterscheidet. Wir liefern nicht nur eine Anwendung, sondern ein vollständiges System: LOKI kommt beispielsweise vorkonfiguriert auf leistungsfähiger Hardware ins Haus, bereits verbunden mit den vorhandenen Systemen. Mit MINERVA bringen wir KI sogar direkt an die Maschine in der Fertigung. Für unsere Kunden heißt das: eine Lösung aus einer Hand, volle Kontrolle über die eigenen Daten und ein Ansprechpartner, der das Gesamtsystem versteht. Dazu kommt unser Verständnis für den Mittelstand, in dem Verlässlichkeit und langfristige Partnerschaft mehr zählen als der nächste Hype.
Neue KI-Technologien entwickeln sich in sehr kurzen Zyklen. Wie bauen Sie Lösungen, die für Unternehmen trotzdem langfristig einsetzbar bleiben?
Wir bauen modular. Die Anbindung an die Unternehmenssysteme, die Rechteverwaltung und die Benutzeroberfläche sind vom eigentlichen KI-Modell entkoppelt. Wenn ein besseres Modell verfügbar ist, können wir es austauschen, ohne dass der Kunde seine Prozesse oder Integrationen neu aufbauen muss. Bei MINERVA gilt dasselbe für die Hardware: Sensormodule lassen sich ergänzen oder ersetzen. Außerdem setzen wir auf offene Modelle und vermeiden Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern. So bleibt die Investition des Kunden geschützt, auch wenn sich die Technologie weiterentwickelt.
Gerade bei industriellen Prozessen können Fehler weitreichende Folgen haben. Wie verbinden Sie Automatisierung mit Kontrolle und Sicherheit?
Bei uns bleibt der Mensch in der Verantwortung. Unsere Systeme unterstützen Entscheidungen, sie treffen sie nicht eigenmächtig in kritischen Bereichen. LOKI zeigt zum Beispiel immer an, aus welchen Quellen eine Antwort stammt, damit sie nachvollziehbar und überprüfbar ist. Wir führen KI schrittweise ein: zuerst als Assistenz, und erst wenn sich die Qualität in der Praxis bewährt hat, mit mehr Automatisierung. Klare Zugriffsrechte, Transparenz über die Datengrundlage und definierte Freigabeprozesse sind für uns Grundvoraussetzung. Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch Nachvollziehbarkeit.
Technische Machbarkeit bedeutet nicht automatisch wirtschaftlichen Mehrwert. Wie entscheiden Sie gemeinsam mit einem Unternehmen, ob sich der Einsatz von KI tatsächlich lohnt?
Wir starten nicht mit der Technologie, sondern mit dem Problem. In einem KI-Potenzialworkshop schauen wir gemeinsam mit dem Unternehmen auf konkrete Prozesse: Wo geht heute Zeit verloren, wo entstehen Fehler, wo hängt Wissen an einzelnen Personen? Daraus leiten wir priorisierte Anwendungsfälle ab und bewerten sie nach Aufwand und Nutzen. Oft zeigen wir den Mehrwert direkt in einer Demo mit den echten Dokumenten des Kunden. Dann wird schnell greifbar, ob sich der Einsatz lohnt. Und manchmal ist die ehrliche Antwort auch, dass KI an einer Stelle gerade nicht die beste Lösung ist. Diese Ehrlichkeit zahlt sich langfristig aus.
Welche Vision verfolgen Sie mit IGNAITE, und welche Rolle möchten Sie künftig bei der KI-Transformation der Industrie spielen?
Wir möchten, dass jedes mittelständische Industrieunternehmen in Deutschland KI nutzen kann, ohne die Kontrolle über seine Daten abzugeben. Unsere Vision ist eine souveräne, europäische KI-Infrastruktur, die direkt in den Unternehmen läuft. IGNAITE soll dabei der verlässliche Partner sein, der Mittelständler vom ersten Workshop bis zum produktiven Betrieb begleitet, mit Lösungen, die funktionieren, verständlich sind und mitwachsen. Wir sehen uns als Brücke zwischen moderner KI-Forschung und dem industriellen Alltag.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die KI-Lösungen für etablierte Unternehmen und bestehende IT-Strukturen entwickeln möchten?
Erstens: Hören Sie genau zu. Etablierte Unternehmen brauchen keine Technologie-Show, sondern die Lösung für ein konkretes Problem. Je früher Sie mit echten Kunden sprechen, desto besser wird Ihr Produkt.
Zweitens: Respektieren Sie das Bestehende. Die vorhandenen Systeme und Abläufe haben ihren Grund. Wer sich sauber integriert, statt alles umkrempeln zu wollen, gewinnt Vertrauen und kommt deutlich schneller in den produktiven Einsatz.
Drittens: Nehmen Sie Datenschutz und Sicherheit von Anfang an ernst. Im Mittelstand sind das keine Nebenthemen, sondern oft die entscheidende Frage. Wer hier von Beginn an überzeugende Antworten hat, hebt sich deutlich vom Wettbewerb ab.
Bild Teamfoto Bildcredits IGNAITE
Wir bedanken uns bei Richard Haxel für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















