HydroMapper erfasst präzise Daten über und unter Wasser, um den Zustand kritischer Infrastruktur besser zu beurteilen und Sanierungen gezielter planen zu können.
Können Sie HydroMapper kurz vorstellen und erzählen, welches konkrete Problem Sie mit Ihrer Technologie lösen möchten?
Wir erfassen Infrastrukturbauwerke dreidimensional – über und unter Wasser – und machen die Daten für deren Betrieb und Instandhaltung nutzbar. Das Problem ist häufig nicht, dass es überhaupt keine Unterlagen gibt. Vielmehr liegen Pläne, Prüfberichte und Messungen verstreut vor, sind veraltet oder lassen gerade die schwer zugänglichen Bereiche unter Wasser offen. Wir verbinden deshalb präzise Vermessung mit InfraCloud: In der Plattform werden neue Messdaten und vorhandene Informationen zu einem digitalen Bauwerksmodell zusammengeführt. Betreiber können so fundierter entscheiden, wo sie prüfen, instand setzen oder weiter beobachten müssen. Das spart Zeit und Kosten, weil präzise Daten bessere Entscheidungen ermöglichen und dazu beitragen können, die Nutzungsdauer bestehender Bauwerke gezielt zu verlängern. Gerade angesichts der hohen Investitionen in die Sanierung der deutschen Infrastruktur liegt darin ein großer Hebel: Mittel können dort eingesetzt werden, wo der tatsächliche Zustand des Bauwerks sie begründet.
Wer steht hinter HydroMapper, und welche Erfahrungen haben zur Gründung des Unternehmens geführt?
HydroMapper ist aus der Ingenieurpraxis heraus entstanden. Mitgründer und CEO Karsten Holste kommt aus dem Wasser- und Ingenieurbau; heute arbeitet bei HydroMapper ein interdisziplinäres Team aus Bauingenieurwesen, Vermessung, Hydrographie, Geodäsie und Softwareentwicklung zusammen. Ausgangspunkt war immer wieder dieselbe Lücke: Wer den Zustand einer Kaimauer oder eines Brückenfundaments beurteilen soll, braucht aktuelle Daten zum gesamten Bauwerk – auch unter Wasser. Aus diesem Bedarf entwickelten wir zunächst die Erfassungstechnologie und anschließend InfraCloud. In die InfraCloud können alle Daten einfließen, die zu einem Bauwerk vorhanden sind, also nicht nur unsere aktuellen Messdaten. So machen wir aus Messdaten tatsächlich nutzbare Grundlagen für Ingenieurentscheidungen.
Bei Brücken, Häfen und anderen Bauwerken fehlen häufig belastbare Zustandsdaten. Warum ist diese Datenlücke trotz jahrelanger Infrastrukturplanung noch immer so groß?
Ein Bauwerk wird über Jahrzehnte geplant, gebaut, geprüft und verändert. Die dabei entstehenden Informationen landen oft in unterschiedlichen Plänen, Berichten, Fotos und Dateiformaten. Hinzu kommt, dass insbesondere Unterwasserbereiche aufwendig zu untersuchen sind: Ein älterer Bestandsplan zeigt nicht, wie eine Spundwand heute tatsächlich aussieht. So können viele Einzelinformationen vorhanden sein, ohne dass daraus ein aktuelles Gesamtbild entsteht. Wir schließen diese Lücke, indem wir neue Messungen mit Bestands- und Zustandsdaten in einem gemeinsamen, fortschreibbaren Modell verbinden.
HydroMapper vermisst Infrastruktur über und unter Wasser, selbst bei Nullsicht. Was ermöglicht Ihre Technologie, das mit bisherigen Verfahren nur schwer möglich war?
Mit unserer patentierten HydroScan-Technologie können wir Unterwasserstrukturen per Sonar erfassen, ohne auf Sicht im Wasser angewiesen zu sein. Für die Bereiche über Wasser kommen je nach Bauwerk etwa Laserscanning, Mobile Mapping oder Bilddaten hinzu. Die Ergebnisse werden georeferenziert und in einem gemeinsamen Koordinatensystem zusammengeführt. Dadurch lassen sich beispielsweise Kaimauern oder Brückenbereiche räumlich zusammenhängend betrachten, statt Informationen ober- und unterhalb der Wasserlinie getrennt auszuwerten. Auch schwer zugängliche Flächen können so dokumentiert werden, ohne überall auf Gerüste oder Taucheinsätze angewiesen zu sein.
Aus den erfassten Daten entstehen digitale Zwillinge. Wie helfen diese konkret bei der Entscheidung, ob und wie ein Bauwerk saniert werden muss?
Im digitalen Bauwerksmodell lässt sich ein Schaden an der betroffenen Stelle verorten und mit Messungen, früheren Aufnahmen und vorhandenen Unterlagen abgleichen. In Verbindung mit der technischen Auswertung wird so sichtbar, wo rechnerische Annahmen vom tatsächlich erfassten Zustand abweichen. Bei einer rund 815 Meter langen Hafenkaje zeigten unsere Messdaten und die anschließende ingenieurtechnische Auswertung beispielsweise eine Auslastung von etwa 70 Prozent statt der zuvor rechnerisch angenommenen rund 157 Prozent. Auf dieser Grundlage konnte eine drohende Sperrung vermieden werden. Der digitale Zwilling trifft die Sanierungsentscheidung nicht selbst; er liefert die Daten, mit denen Fachleute Notwendigkeit, Umfang und Zeitpunkt einer Maßnahme besser beurteilen können.
Welche Rolle spielt KI innerhalb Ihrer Plattform und welche Entscheidungen müssen weiterhin von Fachleuten getroffen werden?
KI unterstützt uns dabei, große Mengen an Bauwerksdaten auszuwerten und – je nach Datentyp und Anwendung – Schäden automatisiert vorzuklassifizieren. In konkreten Anwendungen setzen wir sie beispielsweise bei der Erkennung von Rissen und Oberflächenschäden ein. Die Ergebnisse werden anschließend durch Fachleute validiert und in InfraCloud am Bauwerksmodell dokumentiert. Ob ein Befund für die Sicherheit oder Nutzung eines Bauwerks relevant ist, welche Untersuchung zusätzlich nötig wird und ob eine Instandsetzung erfolgen muss, entscheiden jedoch qualifizierte Fachleute. KI kann ihnen Hinweise liefern und Routinearbeit beschleunigen; sie ersetzt weder die ingenieurtechnische Bewertung noch die Verantwortung des Betreibers.
Kommunen und Behörden arbeiten häufig mit langen Planungs- und Beschaffungsprozessen. Wie schwierig ist es für ein junges Technologieunternehmen, in diesem Markt Fuß zu fassen?
Bei kritischer Infrastruktur genügt es nicht, eine neue Technologie vorzuführen. Auftraggeber müssen nachvollziehen können, wie die Daten erhoben wurden, wie sie sich in bestehende Prüf- und Planungsabläufe einfügen und welchen konkreten Nutzen sie bringen. Entsprechend wichtig sind für uns belastbare Referenzen und die Zusammenarbeit mit den Fachleuten auf Betreiberseite. Projekte an Uferanlagen, Hafenkajen und einem Stahlviadukt der Hamburger Hochbahn zeigen unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten. Zugleich gibt es keinen einheitlichen Beschaffungsweg: Anforderungen und Zeiträume unterscheiden sich je nach Auftraggeber und Projekt.
Sie versprechen erhebliche Zeit- und Kosteneinsparungen. An welchen Stellen eines Infrastrukturprojekts entsteht dieser Vorteil konkret?
Zeit lässt sich bereits bei der Erfassung sparen, wenn größere oder schwer zugängliche Bereiche ohne aufwendige Zugangslösungen dokumentiert werden können. Danach profitieren Fachleute davon, dass Messungen, Schäden, Pläne und Anmerkungen an einem Ort vorliegen, statt Unterlagen aus verschiedenen Systemen zusammentragen zu müssen. Der größte Hebel liegt häufig in früheren, präziseren Entscheidungen: Maßnahmen können gezielter geplant und unnötige Eingriffe oder Sperrungen vermieden werden. Beim Stahlviadukt der Hamburger Hochbahn wurden Schäden während planmäßiger kurzer Sperrpausen aufgenommen und anschließend digital bearbeitet; eine zusätzliche Betriebsunterbrechung für die Erfassung war nicht erforderlich.
Insgesamt wurden auf diese Weise mehr als 6.000 Schäden an den 18 Überbauten strukturiert dokumentiert. Wie groß eine Einsparung ausfällt, hängt immer vom Bauwerk und vom bisherigen Vorgehen ab. Der größte wirtschaftliche Hebel entsteht häufig dann, wenn belastbare Zustandsdaten zeigen, dass bestehende Infrastruktur sicher länger genutzt werden kann. Instandsetzungen und Ersatzneubauten lassen sich dann gezielter priorisieren und zeitlich planen, statt vorsorglich zu früh zu handeln. Gerade bei langlebigen und kapitalintensiven Infrastrukturbauwerken können bereits einige zusätzliche Nutzungsjahre Millionen einsparen.
Bei Zustandsdaten kritischer Infrastruktur können Fehler weitreichende Folgen haben. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Messungen und digitalen Modelle zuverlässig genug für Planungsentscheidungen sind?
Die Grundlage ist eine präzise und nachvollziehbare Datenerhebung. Wir führen Messungen aus unterschiedlichen Verfahren georeferenziert in einem gemeinsamen Koordinatensystem zusammen und verknüpfen sie mit vorhandenen Plänen, Bildern und Prüfunterlagen. So lassen sich Befunde am konkreten Bauteil überprüfen und bei späteren Aufnahmen vergleichen. InfraCloud dokumentiert Schäden, Messpunkte und Bewertungen für die beteiligten Fachleute. Entscheidend ist aber auch, die Grenzen der Daten ernst zu nehmen: Wo Informationen fehlen oder ein Befund weiter untersucht werden muss, darf das Modell keine Gewissheit vortäuschen. Die abschließende ingenieurtechnische Bewertung bleibt bei den dafür Verantwortlichen.
Ihre Technologie ist nicht auf Deutschland beschränkt. Welche internationalen Märkte und Anwendungsbereiche sind für HydroMapper besonders interessant?
Der Bedarf an verlässlichen Zustandsdaten für Häfen, Wasserstraßen und andere Bauwerke besteht weltweit. Besonders naheliegende Anwendungen sind Kaimauern, Spundwände, Schleusen, Wehre und Brückenfundamente – überall dort, wo wesentliche Teile eines Bauwerks unter Wasser liegen. Unsere Vermessungsmethodik für Unterwasserstrukturen ist in der EU und den USA patentiert, dazu bauen wir unsere internationale Präsenz aus. Entscheidend sind für uns Märkte und Projekte, in denen Betreiber ihre Infrastruktur nicht nur einmalig vermessen, sondern auf Basis der Daten langfristig prüfen, erhalten und planen wollen.
Welche Vision verfolgen Sie mit HydroMapper, und welche Rolle sollen digitale Zwillinge künftig bei der Planung und Sanierung von Infrastruktur spielen?
Wir möchten weg von Einzelentscheidungen auf Basis verstreuter oder veralteter Unterlagen – hin zu einem aktuellen, gemeinsamen Bild des Bauwerks. Ein digitaler Zwilling sollte deshalb kein Modell sein, das nach der ersten Vermessung liegen bleibt. Neue Messungen, Prüfungen, Schäden und Monitoringdaten müssen ihn über die Zeit ergänzen. Dann wird sichtbar, was sich verändert und wo Handlungsbedarf entsteht. Betreiber können Maßnahmen vorausschauender priorisieren und Mittel dort einsetzen, wo die Daten sie tatsächlich begründen. Der Nutzen liegt für uns nicht im 3D-Modell an sich, sondern in besseren Entscheidungen über den gesamten Lebenszyklus.
Welche drei Ratschläge würden Sie Gründerinnen und Gründern geben, die mit einer DeepTech-Lösung in einen etablierten und stark regulierten Markt eintreten möchten?
Erstens: Beginnen Sie mit einem konkreten Problem aus der Praxis, nicht mit der Technologie. Bei uns waren es fehlende oder veraltete Zustandsdaten, besonders unter Wasser.
Zweitens: Machen Sie Ihre Ergebnisse für die Fachleute nachvollziehbar, die später damit arbeiten und Verantwortung tragen. Reale Projekte sind dafür wichtiger als abstrakte Versprechen.
Drittens: Denken Sie den gesamten Arbeitsablauf mit. Eine präzise Messung allein reicht nicht, wenn ihre Ergebnisse nicht in die Prüf-, Planungs- und Instandhaltungsprozesse einfließen. Erst die Verbindung von Erfassung, Bewertung und nutzbarer Dokumentation schafft einen dauerhaften Mehrwert.
Bildcredits Hydromapper
Wir bedanken uns bei Karsten Holste für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















