Montag, Juni 29, 2026
Start Blog Seite 25

Ebury Finanzierung über 550 Millionen Pfund für Expansion

0
Ebury Finanzierung über 550 Millionen Pfund Bild von Links nach Rechts: Juan Lobato (CEO, Ebury), Ana Botín (Executive Chairman, Santander Group), and Ana Muñoz (CFO, Ebury).

Die Ebury Finanzierung markiert einen wichtigen Schritt für die internationale Expansion der Fintech-Plattform im Bereich grenzüberschreitender Zahlungen. Mit rund 550 Millionen Pfund stärkt das Unternehmen seine Marktposition und treibt Innovationen im globalen Zahlungsverkehr voran.

Ebury Finanzierung stärkt globale Plattform

Ebury, Santanders Fintech für internationale Zahlungen, sichert sich rund 550 Millionen Pfund zur Beschleunigung von Wachstum und globaler Expansion

Die von Centerbridge angeführten Finanzierungsrunden, an denen sich Santander und weitere Bestandsinvestoren beteiligen, stärken Eburys Position als führende globale Plattform für grenzüberschreitende Zahlungen und Handelslösungen.
Santander investiert 50 Mio. £ und bleibt mit 55 % Mehrheitsaktionär. Die Transaktionen sollen die CET1-Quote auf Konzernebene um rund +4 Basispunkte erhöhen.
London/Madrid, 30. April 2026

Santander beteiligt sich an Finanzierungsrunden für Ebury in Höhe von rund 550 Millionen Pfund. Ebury ist die globale Fintech-Plattform der Bank für grenzüberschreitende Zahlungen und Lösungen im internationalen Handel. Eine Investorengruppe unter Führung von Centerbridge setzt die Mittel ein. Zu ihr gehören außerdem die bestehenden Investoren Santander, Vitruvian Partners und 83North, die erneut investieren.

Ebury Finanzierung treibt Wachstum und Innovation

Santander bringt 50 Millionen Pfund ein und hält weiterhin 55 Prozent der Anteile. Damit bekräftigt die Bank ihr langfristiges Engagement und stärkt zugleich Eburys Rolle als strategische Plattform für grenzüberschreitende Zahlungen im KMU-Segment sowie als Treiber für Produktinnovationen. Die Finanzierung erfolgt in zwei separaten Transaktionen, die beide unter dem Vorbehalt der üblichen regulatorischen Genehmigungen stehen.

Ebury ist in 30 regulierten Märkten tätig und bedient weltweit mehr als 27.000 Unternehmen. Das Unternehmen ermöglicht Zahlungen in über 140 Währungen in 160 Ländern. Die technologiegestützte Plattform erlaubt es Kunden, internationale Zahlungen zu senden und zu empfangen, Fremdwährungsrisiken zu steuern, Mittel in Echtzeit zwischen Tochtergesellschaften zu transferieren und sich in ihre Finanzsysteme zu integrieren. Seit dem Einstieg von Santander im Jahr 2020 wächst der Umsatz von Ebury jährlich um über 30 Prozent.

Ebury setzt die Mittel gezielt für weiteres Wachstum ein. Das Unternehmen entwickelt neue Produkte und expandiert in zusätzliche Märkte. Gleichzeitig baut es seine KI-Fähigkeiten aus. Ziel ist es, Zahlungsprozesse zu verbessern, Devisenlösungen zu optimieren und das Kundenerlebnis weiter zu steigern.

Ebury Finanzierung im Kontext der Santander Strategie

Ana Botín, Executive Chair von Banco Santander, sagte:

„Diese Transaktionen stärken das weitere Wachstum von Ebury und unterstützen gleichzeitig Santanders Fokus auf disziplinierte Kapitalallokation und Wertschöpfung. Mit den zusätzlichen Investitionen kann Ebury schneller skalieren und sein Angebot für KMU weltweit ausbauen. Die neuen Partner bringen zudem erheblichen strategischen Mehrwert ein. Sie ergänzen die bestehende Expertise und helfen, das Wachstum zu beschleunigen und das langfristige Potenzial der Plattform auszuschöpfen.“

Juan Lobato, CEO von Ebury, sagte:

„Wir begrüßen Centerbridge als neuen Investor neben unseren bestehenden Anteilseignern. Gleichzeitig setzen wir unsere bestehende Partnerschaft mit Santander fort. Gemeinsam haben wir gezeigt, dass wir durch die Kombination der Stärken einer führenden europäischen Bank mit einem schnell wachsenden Fintech eine weltweit führende Plattform für grenzüberschreitende Zahlungen für Unternehmen aufbauen können. Diese Investitionen erfolgen zu einem entscheidenden Zeitpunkt: Die Weiterentwicklung der digitalen Geldinfrastruktur und agentenbasierter Zahlungsabläufe bieten starken Rückenwind und beschleunigen unser Wachstum weiter.“

Nach Abschluss bilanziert Santander seinen Anteil von 55 Prozent nach der Equity-Methode, was zur Entkonsolidierung der Umsätze und Kosten von Ebury aus der Berichterstattung von Santander führt. Die Auswirkungen auf die Gewinn- und Verlustrechnung sind vernachlässigbar. Diese Transaktionen sollen – vorbehaltlich regulatorischer Genehmigungen – rund +4 Basispunkte zur CET1-Quote beitragen. Der Abschluss wird spätestens im ersten Quartal 2027 erwartet.

Alle Ziele für 2026 bis 2028, die Santander am 25. Februar in London vorgestellt hat, bleiben unverändert.

Bis 2028 will die Bank mehr als 210 Millionen Kunden erreichen, ein Umsatzwachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich erzielen und die Gesamtkosten jährlich senken. Dies gilt unabhängig von der Herausnahme der Kostenbasis von Ebury. Daraus sollen ein Gewinn von über 20 Milliarden Euro und eine Eigenkapitalrendite (RoTE) von mehr als 20 Prozent resultieren. Ebury ist Teil des globalen Geschäftsbereichs Payments Solutions von Santander. Dieser Bereich peilt für 2026 bis 2028 ein jährliches Umsatzwachstum von über 15 Prozent an (in konstanten Euro und auf vergleichbarer Basis). Zudem soll die EBITDA-Marge bis 2028 rund 45 Prozent erreichen.

Bild von Links nach Rechts: Juan Lobato (CEO, Ebury), Ana Botín (Executive Chairman, Santander Group), and Ana Muñoz (CFO, Ebury).

Quelle ebury/ edelman Smithfield

LIZZY Ludwigsburg bietet über 100000 Euro für Start-ups

0
LIZZY Ludwigsburg Flächen für Start-ups sichern Image by kazuharu kondo from Pixabay

Das LIZZY Ludwigsburg entwickelt sich zu einem zentralen Anlaufpunkt für wachstumsstarke Start-ups und Scale-ups in Deutschland. Mit geförderten Flächen und einem Wettbewerb inklusive Zuschuss von über 100000 Euro schafft die Stadt Ludwigsburg gezielt Raum für Innovation und Skalierung.

LIZZY Ludwigsburg im Überblick

100.000 Euro Mietzuschuss für wachstumsstarke Start-ups und Scale-ups

Ludwigsburg, 28.04.2026 – Mit dem LIZZY bietet die Stadt Ludwigsburg im Ludwigsburg Industriezentrum – LIZ – attraktive und bezahlbare Flächen für Entwicklung, Innovation und leichte Produktion. Aktuell können sich fortgeschrittene Start-ups und Scale-ups in einem Wettbewerb für die begehrten Raumkapazitäten bewerben. Der Hauptgewinn: Über 100.000 Euro Mietkostenzuschuss in zwei Jahren. Der Zuschuss ist möglich durch eine Förderung durch den Verband Region Stuttgart.
Der Wettbewerb „Geh den nächsten Schritt für dein Business” soll wachstumsstarke Unternehmen aus ganz Deutschland aktivieren, die den nächsten Skalierungsschritt anstreben: junge Unternehmen mit Bedarf an Flächen für Produktion, Werkstatt, Labor, Entwicklung oder Lager.

Bewerbungsschluss ist am 17. Mai 2026.

LIZZY Ludwigsburg bietet Raum für Wachstum

Start-ups und Scale-ups, die ihre Produktion ausbauen oder den nächsten Wachstumsschritt gehen möchten, können sich bis zum 17. Mai 2026 auf eine der begehrten Flächen im LIZZY und auf den Hauptgewinn im Wert von über 100.000 Euro bewerben. Für den Wettbewerb kooperiert die Stadt Ludwigsburg mit der Inbright Development GmbH und der Patron Capital, den Trägern des LIZ – Ludwigsburg Industriezentrum. Die Stadt gewährt einen Mietkostenzuschuss in Höhe von 4.000 Euro pro Monat für bis zu zwei Jahre. Ergänzend reduzieren die Entwickler des LIZ den Quadratmeterpreis, sodass der Gewinner einen Start-Zuschuss von über 100.000 Euro erhält.

LIZZY Ludwigsburg stärkt das Innovationsumfeld

Mehr Raum für Wachstum

Auf 93.400 Quadratmetern bietet das LIZ flexibel nutzbare Flächen. Das dort angesiedelte LIZZY schließt dabei eine wichtige Lücke im regionalen Ökosystem, indem es produzierenden und technologieorientierten Jungunternehmen Raum für Wachstum bietet. Zudem profitieren die Unternehmen vom Innovationsumfeld vor Ort, in dem bereits Firmen aus Bereichen wie Luft- und Raumfahrt, Greentech, Robotik und Biotech angesiedelt sind.

Der Link zur Bewerbung

Bild Image by kazuharu kondo from Pixabay

Quelle thepublic GmbH

EVERSION Technologies digitalisiert Orthopädie neu

0
EVERSION Technologies digitalisiert Orthopädie

EVERSION Technologies und die Digitalisierung eines Lebenswerks

Digitalisierung des Lebenswerkes

Orthopädieschuhtechnikmeister Wolfgang Triebstein suchte jahrelang einen Nachfolger und fand ihn – besser gesagt sie – in einer Patientin. Statt sein Geschäft zu übergeben, brachte er sein Wissen in ein Start-up ein. Gemeinsam gründeten sie die EVERSION Technologies GmbH und überführten 40 Jahre Erfahrung in ein digitales Medizinprodukt.

Konstanz – 30 bis 40 Prozent der Orthopädieschuhtechnik-Betriebe in Deutschland suchen in den nächsten Jahren einen Nachfolger. Viele werden keinen finden und schließen müssen. Andere werden von großen Sanitätshausketten aufgekauft. Wolfgang Triebstein, Meister aus Bebra mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung, hat einen anderen Weg gewählt: Statt sein Geschäft an einen Nachfolger zu übergeben, brachte er sein Wissen in ein junges Team ein – und machte seinen Know-how-Transfer zur Grundlage eines neuen Unternehmens. Seine Geschichte zeigt: Nachfolge muss nicht heißen, dass jemand denselben Betrieb weiterführt. Sie kann auch bedeuten, dass Erfahrungswissen von jungen Menschen aufgegriffen, digitalisiert und in die moderne Welt übersetzt wird. Doch was genau ist das Wissen, das Triebstein über Jahrzehnte aufgebaut hat – und das ohne Digitalisierung mit ihm in den Ruhestand gegangen wäre?

EVERSION Technologies entwickelt neue Lösungen für Eversionswinkel

Eine Erkenntnis aus 40 Jahren Praxis

Über Jahrzehnte beobachtete Triebstein, dass moderne Schuhsohlen immer dicker und weicher geworden sind. Und genau das verändert, wie sich der Fuß beim Gehen bewegt – subtil, aber mit messbaren Folgen. Er stellte fest, dass dadurch der sogenannte externe Eversionswinkel zunimmt: Der Fuß kippt beim Gehen leicht nach außen ab. Was harmlos klingt, überträgt sich als Fehlbelastung nach oben – ins Knie, die Hüfte, die Wirbelsäule. Das Ergebnis: chronische Schmerzen, für die in der klassischen Medizin oft keine Ursache gefunden wird. Nach Auswertung von zigtausenden Patientendaten bestätigte sich: Je höher der Eversionswinkel, desto deutlicher und weitreichender die Beschwerden. Seine Antwort war kein verbessertes Fußbett.

Herkömmliche orthopädische Versorgung stützt den Fuß von oben – mit Polstern, Erhöhungen und Formteilen. Der Körper gewöhnt sich daran, die Muskulatur arbeitet weniger, die Ursache bleibt unbehandelt. Triebsteins 0°-Sohlen funktionieren anders: Sie korrigieren den Eversionswinkel gezielt über die Unterseite der Sohle. Die Oberseite bleibt bewusst flach. Der Fuß wird nicht gestützt, sondern in seine natürliche, neutrale Position zurückgeführt – bei erhaltener Muskelaktivität. „Ich sah, dass die Sohlen der Schuhe meiner Patienten in den letzten Jahrzehnten immer dicker und weicher geworden sind. Und ich sah, welche Beschwerden das auslöst. Das kann kein Zufall sein.“ — Wolfgang Triebstein, Mitgründer EVERSION Technologies

Eine Patientin stellt die entscheidende Frage

Dieses Wissen half Tausenden – aber nur denen, die den Weg nach Bebra fanden. Julia Zimmermann, Wirtschaftsingenieurin aus Konstanz, litt plötzlich unter Hüftschmerzen. Sie suchte Ärzte auf, ging in Kliniken, machte Physiotherapie. Monatelang ohne Ergebnis – bis sie durch Zufall Wolfgang Triebstein kennenlernte. Er identifizierte den Auslöser ihrer Beschwerden und konnte sie beheben. Doch statt Erleichterung kam eine Frage: „Warum gibt es niemand anderen, der das kann? Und warum ist so eine Methode nicht digital verfügbar – unabhängig davon, wo man wohnt?“ — Julia Zimmermann, Geschäftsführerin EVERSION Technologies

EVERSION Technologies als Beispiel für digitale Nachfolge im Handwerk

Gründung als neue Form der Nachfolge

Aus dieser Frage wurde ein Unternehmen – und eine neue Form der Nachfolge. Im November 2023 gründeten Zimmermann und Triebstein gemeinsam mit Lucas Heitele (Mathematiker), Max Starkmann (M.Sc. Sportwissenschaften) und Timon Sutter (Wirtschaftsingenieur) die EVERSION Technologies GmbH. Das Ziel: Triebsteins Methode digitalisieren, skalierbar machen und als Produkt zu den Menschen bringen – direkt nach Hause, ohne dass jemand zufällig an die richtige Tür klopfen muss. Triebstein hatte in seinem eigenen Ganglabor mit der ersten Generation seines Systems bereits 3.000 Patienten versorgt. Dieses Erfahrungswissen bildete das Fundament – ein junges Team übersetzte es in digitale Technologie.

Vom Ganglabor zum digitalen System

Um Triebsteins Methode vom Meister zu lösen und skalierbar zu machen, entwickelte das Team ein sensorbasiertes System: Sensorsohlen werden bis zu 14 Tage im normalen Alltag getragen. Sie messen kontinuierlich die gesamte Schrittabwicklung – nicht nur einen einzelnen Moment, sondern den kompletten Schritt inklusive Standphase und der realen Fußstellung im Schuh. Eine App wertet daraus den individuellen Eversionswinkel aus. Auf dieser Basis werden die 0°-Sohlen gefertigt und dem Patienten direkt zugeschickt. Was früher nur in Triebsteins Ganglabor in Bebra möglich war, funktioniert heute als digitales System – unabhängig vom Standort, ohne persönlichen Termin beim Meister.

Das System ist seit September 2025 als CE-zertifiziertes Medizinprodukt erhältlich. In einer wissenschaftlichen Studie mit 33 Teilnehmern zeigte sich eine deutlich stärkere Schmerzreduktion als bei herkömmlichen orthopädischen Versorgungskonzepten. Die Studie wird derzeit auf 100 Teilnehmer erweitert. „Wolfgang hat in seinem Ganglabor 3.000 Patienten geholfen. Die Frage war: Wie machen wir das zugänglich für die Millionen, die nie zufällig an seine Tür klopfen?“ — Julia Zimmermann

Nachfolge als Know-how-Transfer

Die Geschichte von EVERSION zeigt einen Weg, der für viele Handwerksbetriebe relevant werden könnte: Wenn klassische Nachfolge scheitert, muss das nicht das Ende von Erfahrungswissen bedeuten. Triebsteins Wissen lebt nicht in einem Betrieb weiter, der seinen Namen trägt – sondern in einem digitalen Produkt, das sein Lebenswerk für Millionen von Menschen zugänglich macht. Nachfolge, neu gedacht.

Bild:Julia Zimmermann (Geschäftsführerin) und Wolfgang Triebstein (Erfinder). Bildrecht: EVERSION Technologies GmbH

Quelle EVERSION Technologies GmbH

Der Kulturkampf ist eine konstruierte Spaltungserzählung. Wir kämpfen nicht – wir sollen kämpfen!

0
Spaltungserzählung Kulturkampf Macht im Fokus herCAREER - Franz Pfluegl

Gilda Sahebi hat es sich zur Aufgabe gemacht, Spaltungserzählungen in Politik, Medien und Alltag sichtbar zu machen. Im Interview mit herCAREER spricht die Journalistin über Mechanismen und Phänomene, die Spaltung instrumentalisieren – und darüber, warum es so schwer ist, ihnen zu widerstehen. Denn auch wenn Spaltungserzählungen nicht der Wahrheit entsprechen: Die Gefühle, die sie auslösen, sind real. Wer Verbindung wiederherstellen will, muss deshalb zunächst verstehen, wie Spaltung funktioniert.

„Spaltungserzählungen basieren auf Vereinfachungen, die der Komplexität von uns Menschen und der Gesellschaft nicht gerecht werden.“

herCAREER: Du beginnst dein Buch mit dem Konzept des Kulturkampfs. Ein Begriff, der von den Medien gerne für die Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen verwendet wird. Was genau steckt dahinter?

Gilda Sahebi: Der Kulturkampf ist eine konstruierte Spaltungserzählung, die uns aufgezwungen wurde. Wichtig zu verstehen ist: Im Narrativ des Kulturkampfs steckt die Behauptung, dass es zwei Lager gäbe, als würde die gesamte Gesellschaft gegeneinander kämpfen. Aber dafür gibt es keine belastbaren Daten. Wir kämpfen nicht – wir sollen kämpfen!

herCAREER: Warum? Und wogegen? Historisch betrachtet war der Kulturkampf ein Machtstreit zwischen Staat und Kirche. Aber worum geht es im aktuellen vermeintlichen Kulturkampf? Rechte gegen Linke? Tradition gegen Moderne? Männer gegen Frauen?

Gilda Sahebi: Es geht um Gut gegen Böse. Aber diese Auseinandersetzung ist reine Projektion. Denn für die einen ist links böse, für die anderen rechts. Und was heißt überhaupt „links“? Was bedeutet „rechts”? Spaltungserzählungen basieren auf Vereinfachungen, die der Komplexität von uns Menschen und der Gesellschaft nicht gerecht werden.

herCAREER: In deinem Buch beschreibst du an vielen Stellen, wie schnell sich diese Spaltung in nicht wahren, aber sehr wahr wirkenden Erzählungen manifestiert. So kommt es zu Stereotypisierungen wie „alle AfD-Wähler:innen sind rechtsradikal”, „alle Linken gendern” oder „alle Feminist:innen sind vegan”.

Gilda Sahebi: Das sind alles Beispiele für das sogenannte „minimale Gruppenparadigma“. Genauso funktioniert das menschliche Gehirn: Es ordnet, sortiert und assoziiert. In den Medien werden uns ständig Menschen präsentiert, die entweder als „woke” oder „rechts” eingestuft werden und vermeintlich alle Eigenschaften erfüllen, die mit diesen Begriffen assoziiert werden. Wir verallgemeinern und denken dann beispielsweise: Alle, die an einer Pro-Palästina-Demo teilnehmen, seien antisemitische Querdenker:innen, die Hafermilch trinken. Das ist natürlich Quatsch! Während der Stadtbild-Debatte habe ich einen Post geschrieben und gefragt: „Was ist eigentlich mit Menschen, die traditionell leben, konservativ sind, heimatverbunden und vielleicht christlich, aber keine Ausländer hassen? Wen wählen die eigentlich?” Darauf haben mehrere Leute kommentiert: „Solche Leute gibt es doch gar nicht.“ Natürlich gibt es die! Aber die Debatte ist so polarisiert, dass wir diese Menschen nicht mehr sehen.

herCAREER: Wir gegen die. Affektive Polarisierung – auch das beschreibst du im Buch – ist dieses Gefühl, wenn ich den Inhalt der Auseinandersetzung nicht mehr wahrnehme, weil ich bereits emotional in der umfassenden Abwertung der Gegenseite gefangen bin. Warum ist das gefährlich?

Gilda Sahebi: Spaltungserzählungen sind ein Herrschaftsinstrument – vor allem ein Instrument autoritärer Herrschaft – und ohne sie können autoritäre Kräfte nicht aufsteigen. So machen es Donald Trump, die AfD, Benjamin Netanjahu und das iranische Regime. Die stellen sich hin und sagen: „Wir sind die Guten und die dort sind die Bösen. Und damit ihr alle eine bessere Zukunft habt, haben wir hier folgenden Plan.“ In Wirklichkeit bringen sie keine Lösung, sondern ringen um Macht.

herCAREER: Der Soziologe Steffen Mau hat eine Bezeichnung für Menschen, die von Spaltung profitieren. Er nennt sie „Polarisierungsunternehmer:innen“. Wer sind diese Menschen?

Gilda Sahebi: Politiker:innen wie Donald Trump und Alice Weidel, aber auch Unternehmen wie Meta, TikTok, Nius – Julian Reichelt! Der ist derzeit mit einem Buch, das explizit spalten soll, auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste (Paperback). Das zeigt, wie gut dieses Konzept funktioniert: Spaltung bringt Profit.

herCAREER: Wer gewinnt, wenn Frauen und Männer gegeneinander ausgespielt werden? Ich spiele da auf die aktuelle Debatte um genderspezifische digitale Gewalt an.

Gilda Sahebi: Auch die Frauen-gegen-Männer-Erzählung wird von den Autoritären instrumentalisiert und befeuert. Es ist ein Fakt, dass Gewalt überwiegend von Männern ausgeübt wird. Aber die Zuspitzung auf „Frauen-gegen-Männer“ ist eine Strategie der Spaltung, eine Ablenkung, die notwendige gesellschaftliche Veränderung ausbremst. So gerät in Vergessenheit, dass es unserer Gesellschaft besser ginge, wenn es überhaupt keine Gewalt und keinen Missbrauch gäbe – und zwar ginge es auch Männern besser, nicht nur Frauen

Und damit will ich nicht sagen, dass Frauen keinen Grund haben, wütend zu sein. Sie haben jeden Grund dazu! Und dann kommt auch noch ein Bundeskanzler dazu, der alles verharmlost und relativiert. Man hat den Eindruck, dass es nicht darum gehen soll, wirklich Verbesserungen zu erwirken.

herCAREER: Friedrich Merz relativiert systematische Gewalt gegen Frauen nicht nur, sondern instrumentalisiert sie für eine rassistische Agenda. Was passiert da?

Gilda Sahebi: Friedrich Merz sagt, dass systematische sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein Zuwanderungsproblem sei. Eine klassische autoritäre Spaltungserzählung. Und anstatt sich nach starkem Gegenwind dafür zu entschuldigen und einen Fehler einzugestehen, geht er nicht in eine differenzierte Debatte über seine Aussage, sondern sagt: „Ich werde mich nicht beirren lassen, das Problem mit der Integration anzusprechen.“ Er rationalisiert seine systematische Abwertung, indem er seine Spaltungserzählung zementiert: Er bestimmt immer wieder „die Bösen“ und normalisiert so das Bild von einem „Wir gegen die“. Das nennt sich „Doubling-Down-Effekt“.

herCAREER: Wie könnte der Bundeskanzler in diesem Moment verbinden statt spalten?

Gilda Sahebi: Er hätte die Chance gehabt zu sagen: „Meine Aussage war falsch.“ Oder: „Redet mit mir, ich höre euch zu, ich möchte dazulernen.“ Er nimmt stattdessen in Kauf, dass er den autoritären Kräften, der AfD, in die Hände spielt.

herCAREER: Wer ist dafür verantwortlich, dass diese Spaltungserzählung ständig reproduziert wird?

Gilda Sahebi: Ich mache die demokratischen Parteien dafür verantwortlich. Wenn sich demokratische Politiker:innen dem autoritären Weg anschließen, um ihre eigene Macht und ihre Ämter zu sichern, dann sind sie für den Zerfall der Demokratie verantwortlich. In ihrem Buch „Wie Demokratien sterben” schreiben die Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt und Steven Levitsky, dass circa 25 bis 30 Prozent einer Gesellschaft dem autoritären Weg zugeneigt sind, da sie sich Klarheit und starke Führung wünschen. Das sind jedoch nicht genug Menschen, um eine Demokratie zu gefährden – solange sich die demokratischen Parteien nicht falschen Narrativen hingeben. Und natürlich tragen auch mediale Dynamiken Verantwortung. Die Zivilgesellschaft versucht bereits, an vielen Stellen Gemeinschaft herzustellen. Aber ich frage mich auch, was sollen die Bürger:innen noch alles machen? Sie gehen schon auf die Straße, starten Petitionen und jetzt werden den demokratischen Zivilorganisationen auch noch gezielt Gelder entzogen. Es wäre die Aufgabe der demokratischen Parteien, sich für die politische Bildung und den Erhalt der Demokratie einzusetzen.

herCAREER: Warum ergreift nicht jedes Mal ein Politiker das Wort, warum schreibt nicht jede Zeitung auf der Titelseite, dass Friedrich Merz die Unwahrheit gesagt hat? Es gibt klare Daten, die zeigen, dass geschlechtsspezifische Gewalt in Deutschland überwiegend von weißen deutschen Tätern ausgeübt wird.

Gilda Sahebi: An der Frage des „Warum” kann man verzweifeln. Ich denke, weil sie den innerparteilichen Kampf für wichtiger erachten als den gesamtgesellschaftlichen. Wenn man so etwas macht, muss einem die Zukunft der Gesellschaft schon sehr egal sein. Eines ist sicher: Es geht immer um Macht. Und es gibt sie ja, die Abgeordneten, die sich hinstellen und sagen: „Herr Bundeskanzler – Sie reden Schwachsinn.“ Aber es ist schier unmöglich, mit vereinzelten Personen eine etablierte Struktur zu verändern.

herCAREER: Jetzt stellt sich die Frage: Was machen wir damit?

Gilda Sahebi: Die Frage bekomme ich oft gestellt. Aber ich kann sie nicht beantworten, ich habe gewiss nicht alle Antworten. Ich kann nur beschreiben, was ich als Probleme sehe, und mit diesem Wissen zeigen sich oft auch Lösungen. Aber ich kann niemandem sagen, was er oder sie tun soll. Alles, was ich weiß – und das schreibe ich auch in meiner Einleitung zum Buch: „Der erste Schritt ist Wissen.“

herCAREER: Was bedeutet das – dass wir bessere Bildung brauchen? Dass es bei uns selbst beginnt?

Gilda Sahebi: Wir können als Individuen sehr viel bewirken, wenn wir verstehen und handeln. Daran glaube ich fest. Die Welt verändert sich, wenn sich ein Mensch verändert. Das kann eine Erzieherin erreichen, indem sie mit Kindern über Emotionen spricht, oder ein Großvater, der seinem Enkel vorliest. Eine Frau, die sich nicht mehr von ihrem Vorgesetzten abwerten lässt, verändert ebenfalls ein patriarchales Muster. Gleichzeitig geht es in meinem Buch um Strukturen. Um die zu beeinflussen, ist es wichtig, auf den politisch-medialen Raum einzuwirken, so gut wir können. Schreibt den Redaktionen! Wenn euch etwas ärgert, wenn ein Thema politisiert wird – oder auch, wenn etwas besonders differenziert dargestellt wurde. Denn Hater schreiben unentwegt – das führt in den Redaktionen dazu, dass eine Angst davor herrscht, als „links“ betrachtet zu werden. Wir müssen die Strukturen, die Welt und uns selbst besser verstehen, um handeln zu können. Das können wir jetzt tun.

herCAREER: Brauchen wir dennoch Schulfächer wie „Macht und Hierarchie“ und eben „Medienkompetenz“?

Gilda Sahebi: Ich plädiere für das Fach „emotionale Bildung“. Wenn Kinder und Jugendliche verstehen, wie Emotionen funktionieren, lernen sie auch, wie Manipulation funktioniert. Wenn Menschen ihren eigenen Schatten kennen und verstehen, verstehen sie auch Projektion und menschlichen Antrieb. Emotional kompetente Menschen wollen nicht gefallen – sie wollen verstehen.

Sie werden automatisch machtkritisch und haben alle Grundlagen für Medienkompetenz.  Es ist absurd, dass wir in diesem Land Emotionen von allem trennen, auch von Politik.

herCAREER: Was macht dir Hoffnung?

Gilda Sahebi: Menschen. Ich treffe so tolle Menschen, wenn ich beruflich unterwegs bin! Mein Buch richtet sich darum auch an die Gesellschaft und nicht an die Politik. Denn die zeigt sich nicht bereit, etwas zu verändern. Die Menschen dagegen schon.

Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.

Bildcredits: herCAREER – Franz Pfluegl 

Quelle messe.rocks GmbH

Wer versteht eigentlich noch, was in Unternehmensprozessen wirklich passiert?

0
Noreja Process Intelligence Knowledge Graph Fokus Noreja Teambild

Noreja entwickelt Process Intelligence auf Basis eines Knowledge Graph, um Unternehmensprozesse transparenter und besser steuerbar zu machen

Wie ist Noreja entstanden und wer steht hinter der Idee der Plattform?

Noreja ist aus dem wissenschaftlichen Kontext heraus entstanden. Wir sind ein Spin off der Wirtschaftsuniversität Wien und haben im Jahr 2021 ausgegründet. Hinter der Idee steht die Überzeugung, dass Unternehmen ihre Prozessdaten deutlich besser nutzen können, wenn diese nicht nur technisch analysiert, sondern in ihrem tatsächlichen fachlichen und organisatorischen Kontext verstanden werden.
Der Ursprung lag in unserer Forschungsarbeit im Bereich Process Intelligence und datenbasierter Prozessanalyse. Gemeinsam mit einem Industriepartner, einem ERP Anbieter aus Salzburg, haben wir uns intensiv mit den Schwachstellen bestehender Process Mining Lösungen beschäftigt. Aus dieser Forschungskooperation heraus entstand schließlich der Impuls, Noreja als eigenständiges Unternehmen aufzubauen.

Was war der Auslöser, sich mit Noreja auf Process Intelligence und datenbasierte Prozessoptimierung zu fokussieren?

Der konkrete Auslöser war die Beobachtung, dass klassische Process Mining Lösungen in der Praxis oft an zwei Stellen an ihre Grenzen stoßen: bei der Datenanbindung und bei der Nutzbarkeit der Ergebnisse.
Viele bestehende Lösungen setzen voraus, dass Daten zunächst aufwendig transformiert und in bestimmte Formate, etwa Event Logs, überführt werden. Das passt aus unserer Sicht aber häufig nicht zur Realität heutiger IT und ERP Systemlandschaften. Unternehmensdaten liegen verteilt, relational, historisch gewachsen und oft sehr komplex strukturiert vor.
Zugleich sind die resultierenden Prozessmodelle häufig so komplex, dass sie nur von sehr spezialisierten Analysten interpretiert werden können. Für Fachbereiche, Process Owner oder Management sind sie dadurch nur eingeschränkt nutzbar. Genau hier wollten wir ansetzen: Wir wollten Process Intelligence so neu denken, dass sie schneller integrierbar, fachlich verständlicher und näher an der tatsächlichen Datenrealität von Unternehmen ist.

Welche Vision verfolgt Noreja im Umgang mit Unternehmensdaten und Entscheidungsprozessen?

Unsere Vision ist es, beliebige IT Systeme miteinander in Verbindung zu setzen und daraus einen umfassenden Knowledge Graph aufzubauen, der die Realität der Unternehmensprozesse möglichst vollständig abbildet.
Dabei geht es nicht nur um operative Prozessdaten, sondern auch um Kontextdaten: also Informationen darüber, warum bestimmte Prozessvarianten entstehen, welche Abhängigkeiten bestehen, welche Systeme beteiligt sind und welche Auswirkungen bestimmte Prozessmuster haben.
Ein zentraler Bestandteil unserer Vision ist die Kombination aus Knowledge Graph, Agentic AI und sogenannten Frontier Agents. Darunter verstehen wir KI Agenten, die im Hintergrund kontinuierlich und zunehmend autonom an Prozessproblemen arbeiten. Sie sollen beispielsweise dauerhaft Root Causes für Prozessabweichungen identifizieren, die Compliance eines Prozesses überwachen oder relevante Risiken und Optimierungspotenziale erkennen.

Entscheidend ist dabei, dass diese Agenten nicht nur Informationen anzeigen, sondern im richtigen Moment auch konkrete Aktionen vorbereiten oder ableiten können – etwa indem sie Verantwortliche informieren, Handlungsempfehlungen geben oder Maßnahmen zur Prozessverbesserung anstoßen. Die Verbindung aus tiefem Prozessverständnis im Knowledge Graph und autonom arbeitenden KI Agenten ist für uns der nächste große Entwicklungsschritt in der Process Intelligence.
Unser Ziel ist es, Unternehmensdaten so aufzubereiten, dass künstliche Intelligenz sie optimal verstehen und nutzen kann. Auf dieser Grundlage sollen Manager, Process Owner und Fachbereiche künftig deutlich besser in ihren Entscheidungsprozessen unterstützt werden – nicht nur durch Dashboards, sondern durch konkrete, kontextbezogene und handlungsorientierte Erkenntnisse.

Wie möchtet ihr diese Vision in den kommenden Jahren konkret umsetzen?

Wir werden unseren Knowledge Graph konsequent weiterentwickeln und ihn noch stärker darauf ausrichten, von KI Systemen verstanden und genutzt zu werden. Bereits heute bildet unsere Lösung sehr differenzierte Zusammenhänge in Unternehmensprozessen ab. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf kausalen Zusammenhängen, nicht nur auf zeitlichen Abläufen.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Wir möchten nicht nur zeigen, dass etwas passiert ist oder in welcher Reihenfolge Prozessschritte erfolgt sind. Wir möchten besser verstehen, warum bestimmte Muster entstehen, welche strukturellen Ursachen dahinterliegen und welche Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen können.

In den kommenden Jahren werden wir deshalb die Schnittstelle zwischen Knowledge Graph und künstlicher Intelligenz weiter ausbauen. Dazu gehören agentenbasierte KI Funktionen, die gezielt Informationen aus dem Graphen abrufen, interpretieren und für konkrete Fragestellungen nutzbar machen. Perspektivisch sollen solche Agenten immer autonomer im Hintergrund arbeiten und Unternehmen kontinuierlich dabei unterstützen, Prozessprobleme zu erkennen, Ursachen zu analysieren und geeignete Maßnahmen abzuleiten.
Damit wollen wir Unternehmen noch präzisere Analysen und bessere Entscheidungsgrundlagen liefern.

An welche Zielgruppen richtet sich eure Lösung und welche Probleme löst ihr für diese konkret?

Unsere Lösung richtet sich vor allem an größere mittelständische Unternehmen sowie an Enterprise Kunden. Besonders relevant sind für uns Unternehmen ab etwa 1.000 Mitarbeitenden bis hin zu Organisationen mit 20.000 Mitarbeitenden oder mehr. Im Markt positionieren wir uns insbesondere unterhalb der sehr großen Fortune 500 Konzerne und sprechen damit Unternehmen an, die komplexe Prozesse und Systemlandschaften haben, aber zugleich pragmatische, schnell integrierbare und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen benötigen.
Wir helfen diesen Unternehmen, Transparenz über ihre Prozesse zu gewinnen, Engpässe und Fehlmuster zu erkennen und operative Verbesserungen datenbasiert abzuleiten. Dabei geht es nicht nur um Analyse, sondern auch um die konkrete Wertgenerierung. Deshalb begleiten wir unsere Kunden im Rahmen unserer Lizenzen aktiv dabei, aus den gewonnenen Erkenntnissen tatsächliche Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten und umzusetzen.

Wie stellt ihr sicher, dass komplexe Prozesse für Unternehmen verständlich und nutzbar gemacht werden?

Wir arbeiten mit unterschiedlichen Prozessdimensionen beziehungsweise Perspektiven. Das bedeutet: Prozesse können bei uns auf verschiedenen Detailebenen modelliert und analysiert werden.
Ein Process Owner, der für einen klar abgegrenzten Teilprozess verantwortlich ist, muss nicht den gesamten End to End Prozess in voller Komplexität sehen. Er bekommt genau die Perspektive, die für seinen Verantwortungsbereich relevant ist. Gleichzeitig kann eine Person, die einen systemübergreifenden End to End Prozess verantwortet, eine übergreifende Perspektive auf den gesamten Ablauf erhalten.
Dadurch machen wir komplexe Prozesse zielgruppengerecht nutzbar. Unterschiedliche Rollen im Unternehmen erhalten unterschiedliche Sichten auf dieselbe Datenbasis – von der operativen Detailanalyse bis zur Managementperspektive. Das reduziert Komplexität, ohne wichtige Informationen zu verlieren.

Was unterscheidet Noreja von klassischen Process Mining oder Analytics Lösungen am Markt?

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass wir keinen klassischen Event Log benötigen. Dadurch ist die Datenanbindung deutlich schneller und näher an der Realität bestehender Quellsysteme. Wir können Daten so verarbeiten, wie sie tatsächlich in ERP oder anderen Unternehmenssystemen vorhanden sind, ohne dass sie zuvor umfangreich transformiert werden müssen.

Zweitens verfolgen wir einen anderen algorithmischen Ansatz. Mit unserem Causal Process Mining Ansatz betrachten wir nicht nur zeitliche Abfolgen, sondern auch strukturelle und kausale Zusammenhänge innerhalb von Prozessen. Dadurch können Nutzer bestimmte Fehlermuster und Prozessprobleme präziser identifizieren und besser verstehen, welche Ursachen dahinterliegen.

Drittens unterscheiden wir uns durch unser Preismodell. Klassische Process Mining und Enterprise Analytics Lösungen bewegen sich häufig im mittleren bis hohen sechsstelligen Lizenzbereich; im Enterprise Segment können auch siebenstellige Beträge entstehen. Wir möchten Process Intelligence für den gehobenen Mittelstand deutlich zugänglicher machen – mit einem transparenteren und niedrigeren Pricing, das besser zur Realität dieser Unternehmen passt.
Damit kombinieren wir technologische Tiefe mit einer Marktpositionierung, die nicht nur auf sehr große Konzerne ausgerichtet ist, sondern auch Unternehmen adressiert, die komplexe Prozesse haben, aber wirtschaftlich pragmatische Lösungen benötigen.

Welche Herausforderungen begegnen euch bei der Integration in bestehende Systemlandschaften?

Eine der größten Herausforderungen ist die Datenqualität. In vielen Unternehmen sind Daten historisch gewachsen, uneinheitlich gepflegt oder über mehrere Systeme verteilt. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn unterschiedliche Systeme miteinander verbunden werden müssen und die Beziehungen zwischen den Daten nicht sauber dokumentiert oder nicht eindeutig sind.
Ein zentrales Thema sind dabei Schlüsselbeziehungen, also zum Beispiel IDs, Fremdschlüssel oder andere Identifikatoren, über die Objekte und Ereignisse systemübergreifend miteinander verknüpft werden können. Diese Verbindungen müssen korrekt erkannt und gematcht werden, damit ein belastbares Prozessbild entsteht.
Hinzu kommen Anforderungen rund um IT Security, Datenschutz und den Einsatz von KI. Viele Unternehmen stellen sich zurecht die Frage, ob öffentliche Large Language Models oder Cloud Dienste eingesetzt werden dürfen. Deshalb bieten wir auch vollständig lokale und isolierte LLM Setups an, um Datenschutz und Sicherheitsanforderungen gerecht zu werden.

Wie geht ihr mit der Komplexität großer Datenmengen und unterschiedlicher Datenquellen um?

Unsere Architektur ist darauf ausgelegt, sehr große und heterogene Datenmengen zu verarbeiten. Im Knowledge Graph können auch mehrere Milliarden Objekte abgebildet werden. Dadurch lassen sich komplexe Prozessrealitäten sehr granular modellieren.
Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass Unternehmensdaten häufig nicht linear zusammenhängen. Daten laufen oft divergent und konvergent zusammen: Ein Objekt kann sich in viele Folgeobjekte verzweigen, mehrere Objekte können später wieder in einem gemeinsamen Vorgang zusammengeführt werden. Gerade bei Audit Tabellen oder Änderungsprotokollen entstehen dadurch sehr komplexe Join Bedingungen. Dort liegen teilweise Millionen oder Hunderte Millionen Events vor, die korrekt interpretiert und in ihren tatsächlichen fachlichen Zusammenhang gebracht werden müssen.

Hinzu kommen komplexe Kardinalitäten, etwa 1 n, n 1 oder n m Beziehungen. Klassische Prozessmodelle vereinfachen diese Realität häufig stark. Unser Anspruch ist es dagegen, diese Zusammenhänge so abzubilden, wie sie in den Quellsystemen tatsächlich existieren. Genau dafür eignet sich der Knowledge Graph Ansatz besonders gut, weil er auch komplexe Objektbeziehungen, Abhängigkeiten und Prozessstrukturen flexibel modellieren kann.
Für die Verbindung unterschiedlicher Datenquellen nutzen wir unter anderem sogenannte Makro Entitäten. Damit können Daten aus verschiedenen Quellsystemen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Voraussetzung ist in der Regel ein gemeinsamer Identifier oder eine fachlich belastbare Logik, über die sich Datenpunkte aus System A mit Datenpunkten aus System B verbinden lassen.
So entsteht ein übergreifendes Prozessverständnis, das nicht an Systemgrenzen endet. Gerade das ist für viele Unternehmen entscheidend, weil reale Geschäftsprozesse selten nur in einem einzigen System stattfinden.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in eurer Plattform und wie entwickelt ihr diesen Bereich weiter?

Künstliche Intelligenz spielt für uns eine zentrale Rolle. Wir verstehen uns als AI first Unternehmen. Der Knowledge Graph bildet die fachliche, strukturelle und prozessuale Grundlage, damit KI Unternehmensprozesse nicht nur oberflächlich auswertet, sondern in ihrem Kontext versteht.
Dafür haben wir ein agentenbasiertes System entwickelt. Unterschiedliche Agenten übernehmen unterschiedliche Aufgaben: Ein Agent liest Informationen aus dem Graphen aus, ein anderer interpretiert Kontextinformationen, ein weiterer kann externe Informationen recherchieren oder bestimmte Properties und Datenstrukturen analysieren.
Unser Ziel ist es, KI nicht isoliert auf Daten loszulassen, sondern ihr eine strukturierte, kontextreiche Wissensbasis zur Verfügung zu stellen. Dadurch sollen Analysen präziser, Antworten relevanter und Handlungsempfehlungen belastbarer werden. Insbesondere die Weiterentwicklung in Richtung Frontier Agents ist für uns zentral: also KI Agenten, die dauerhaft an Prozessproblemen arbeiten, Ursachen identifizieren, Compliance überwachen und bei relevanten Abweichungen geeignete nächste Schritte ableiten können.
Diesen Bereich werden wir in den kommenden Jahren konsequent weiter ausbauen.

Welche nächsten Schritte und Entwicklungen plant ihr für Noreja?

Der nächste große Schritt ist der gezielte Aufbau von Vertrieb und Customer Success. Wir möchten im DACH Markt bekannter werden, unsere Lösung breiter in den Markt bringen und insbesondere Unternehmen im gehobenen Mittelstand gewinnen.
Ein wichtiger Fokus liegt darauf, gemeinsam mit Kunden konkrete Success Stories aufzubauen. Wir möchten zeigen, welchen messbaren Wert Process Intelligence schaffen kann – etwa durch effizientere Abläufe, bessere Prozesssteuerung, geringere Fehlerquoten oder fundiertere Entscheidungen.
Produktseitig werden wir weiterhin daran arbeiten, Kontext und Content in der Plattform zu verbessern, damit Nutzer noch schneller zu relevanten Erkenntnissen gelangen. Gleichzeitig treiben wir die Weiterentwicklung unseres Knowledge Graphs und unserer KI Funktionen konsequent voran.

Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründern geben, die datengetriebene Geschäftsmodelle aufbauen möchten?

Erstens: Nicht zu technisch denken. Gerade bei datengetriebenen Geschäftsmodellen ist die Versuchung groß, vom Produkt oder von der Technologie her zu denken. Entscheidend ist aber das konkrete Nutzerproblem. Man sollte sehr genau verstehen, für wen man welches Problem löst und welchen Wert die Lösung tatsächlich schafft. Das haben auch wir im Laufe der Zeit immer stärker gelernt.

Zweitens: Risiken eingehen. Als Gründer muss man manchmal Entscheidungen treffen, ohne alles bis ins letzte Detail abgesichert zu haben. Natürlich braucht es Analyse und Vorbereitung, aber zu langes Zögern kann gerade in frühen Phasen gefährlich sein. Man muss bereit sein, Dinge auszuprobieren, zu lernen und bei Bedarf schnell nachzuschärfen.

Drittens: Bei der Personalsuche auf Seniorität achten. Gerade in einem anspruchsvollen technischen Umfeld ist es enorm wertvoll, Menschen ins Team zu holen, die wirklich Verantwortung übernehmen und Arbeit abnehmen können. Natürlich ist das initial teurer, aber sehr juniorige Profile erzeugen am Anfang häufig mehr Betreuungsaufwand, als sie entlasten. Gute Senior Leute können für ein junges Unternehmen ein echter Beschleuniger sein.

Bild Bildcredits @ Noreja

Wir bedanken uns bei Dr. Lukas Pfahlsberger für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.


Premium Start-up: Noreja

noreja logo

Kontakt:

Noreja Intelligence GmbH
Bruck 12
6914 Hohenweiler
Österreich

https://noreja.com
Lukas.pfahlsberger@noreja.com

Ansprechpartner: Dr. Lukas Pfahlsberger

Social Media:
LinkedIn
X

Steht der Onlinehandel vor seinem größten Umbruch?

0
Frontnow Produktdaten KI im E Commerce optimieren

Frontnow entwickelt eine Plattform für Produktdaten und KI im E Commerce, die Daten strukturiert und für intelligente Anwendungen nutzbar macht

Wie ist Frontnow entstanden und wer sind die Köpfe hinter dem Unternehmen?

Gabriel Bobinski: Frontnow wurde 2020 in Berlin von Marc Funk gegründet, mit der klaren Vision, den digitalen Handel datengetrieben weiterzuentwickeln. Von Anfang an stand die Frage im Fokus, wie Produkte online besser verstanden, gefunden und ausgewählt werden können.
Heute besteht das Führungsteam aus Marc Funk als Gründer und Chief Revenue Officer, der sich auf Wachstum und Marktausbau konzentriert, und mir als CEO. Ich verantworte Strategie, Produkt und Organisation und bringe meine Erfahrung aus dem Aufbau und der Skalierung technologiegetriebener Unternehmen ein. Gemeinsam treiben wir die nächste Wachstumsphase von Frontnow voran.

Was war die ursprüngliche Idee hinter Frontnow und wie hat sie sich bis heute weiterentwickelt?

Gabriel Bobinski: Die ursprüngliche Idee war, Produktdaten im E-Commerce besser nutzbar zu machen. Viele Händler kämpfen mit fragmentierten, unvollständigen Daten, die weder für Kunden noch für Systeme optimal funktionieren.
Heute ist daraus ein deutlich umfassenderer Ansatz geworden. Wir sehen Produktdaten nicht mehr nur als operatives Thema, sondern als zentrale Infrastruktur im KI-getriebenen Handel. Unsere Plattform sorgt dafür, dass Daten strukturiert, vollständig und für KI-Systeme nutzbar sind. Ein zentraler Teil unseres Ansatzes ist dabei die intelligente Anreicherung mit externen Datenquellen. Genau darin sehen wir uns als klaren First Mover. Gleichzeitig verbinden wir diese Daten direkt mit Anwendungen im Shop, etwa durch KI-basierte Beratung. So entsteht ein durchgängiges System von der Datenbasis bis zur Kaufentscheidung.

Welche Vision verfolgt Frontnow für den E-Commerce der Zukunft?

Gabriel Bobinski: Wir glauben, dass Produktdaten zur zentralen Infrastruktur des digitalen Handels werden, ähnlich wie Websites oder mobile Apps in früheren Phasen.
Unsere Vision ist es, die Plattform zu sein, die diese Daten systematisch optimiert und für Menschen wie Maschinen nutzbar macht. Gleichzeitig wollen wir das Einkaufserlebnis neu definieren, indem wir KI direkt in die Interaktion zwischen Kunden und Shop integrieren.

Wie möchte Frontnow das Einkaufserlebnis im Onlinehandel konkret verändern?

Gabriel Bobinski: Das Einkaufserlebnis wird sich von einer klassischen Suche hin zu einer geführten, intelligenten Interaktion entwickeln. Nutzer wollen nicht mehr selbst filtern und vergleichen, sondern schneller zur richtigen Entscheidung kommen.
Wir ermöglichen genau das, indem wir strukturierte und angereicherte Produktdaten mit Conversational AI verbinden. Zum Beispiel über intelligente Chatbots, die Nutzer direkt im Shop beraten. Das Ergebnis ist ein deutlich intuitiveres Erlebnis, weniger Reibung im Kaufprozess und bessere Entscheidungen auf Kundenseite.

Welche Zielgruppen stehen bei Frontnow im Fokus und welche Bedürfnisse adressiert ihr besonders?

Gabriel Bobinski: Wir arbeiten vor allem mit E-Commerce-Händlern und Marken, die ihre Sichtbarkeit und Conversion in einem zunehmend KI-getriebenen Umfeld verbessern wollen.
Diese Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass ihre Produkte in klassischen wie generativen Suchumfeldern richtig verstanden und ausgespielt werden. Genau hier setzen wir an: Wir strukturieren und erweitern Produktdaten gezielt, auch mit Hilfe externer Datenquellen, und übersetzen diese Datenqualität direkt in kommerzielle Wirkung.

Wie stellt ihr sicher, dass eure KI-Lösungen wirklich einen Mehrwert für Onlinehändler und deren Kunden bieten?

Gabriel Bobinski: Für uns steht der messbare Impact im Mittelpunkt. Unsere Lösungen sind darauf ausgelegt, konkrete KPIs wie Sichtbarkeit, Conversion und Effizienz zu verbessern.
Wir sehen in der Praxis, dass bessere und kontextreichere Daten zu relevanteren Produktausspielungen führen, Rückfragen reduzieren und die Customer Experience deutlich verbessern. Gleichzeitig messen wir kontinuierlich, wie sich unsere Anwendungen auf das Nutzerverhalten auswirken, etwa durch schnellere Produktfindung oder geringere Absprungraten.

Was unterscheidet Frontnow von anderen Anbietern im Bereich KI im E-Commerce?

Gabriel Bobinski: Viele Lösungen adressieren entweder Daten oder das Frontend. Wir verbinden beides konsequent.
Klassische Systeme helfen vor allem dabei, Produktdaten zu verwalten. Unser Ansatz geht einen Schritt weiter: Wir machen diese Daten für eine KI-getriebene Welt tatsächlich nutzbar. Das heißt, wir denken Daten immer vom Anwendungsfall her und bringen sie direkt in die Interaktion mit dem Kunden. Hinzu kommt unser Ansatz, Produktdaten gezielt mit externen Datenquellen anzureichern. Genau diese Kombination aus Dateninfrastruktur, Anreicherung und Anwendungsebene ist in dieser Form am Markt noch selten.

Welche technologischen Herausforderungen begegnen euch bei der Entwicklung eurer Lösungen und wie geht ihr damit um?

Gabriel Bobinski: Die größte Herausforderung liegt in der Qualität und Komplexität von Produktdaten. Diese stammen aus unterschiedlichen Quellen, folgen keinen einheitlichen Standards und sind oft fehlerhaft oder unvollständig.
Unser Ansatz ist es, diese Daten systematisch zu strukturieren, zu harmonisieren und gezielt anzureichern, damit sie von KI-Systemen wirklich verstanden werden können. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Plattform so, dass sie sich flexibel in bestehende Commerce-Systeme integrieren lässt.

Wie reagiert Frontnow auf die schnelle Entwicklung im Bereich Generative AI und den wachsenden Wettbewerb?

Gabriel Bobinski: Die Geschwindigkeit im Markt ist extrem hoch, deshalb setzen wir bewusst auf Fokus und klare Positionierung.
Wir konzentrieren uns auf das, was aus unserer Sicht der zentrale Engpass ist: die Qualität, Vollständigkeit und Nutzbarkeit von Produktdaten. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Produkte kontinuierlich weiter und bringen neue KI-basierte Anwendungen schnell in den Markt. Unsere neue Teamstruktur hilft uns dabei, noch fokussierter zu skalieren und schneller auf Veränderungen zu reagieren.

Welche nächsten Schritte plant Frontnow in Bezug auf Produktentwicklung und Wachstum?

Gabriel Bobinski: Unser Fokus liegt klar auf Skalierung. Wir wollen unsere Plattform weiter im Markt verankern, international wachsen und unsere Produktlösungen weiter ausbauen.
Parallel dazu stärken wir unsere Position als zentrale Infrastruktur im KI-getriebenen Handel und bauen unseren technologischen Vorsprung, insbesondere bei der intelligenten Datenanreicherung, weiter aus.

Wo seht ihr Frontnow in den kommenden Jahren im internationalen Wettbewerb?

Gabriel Bobinski: Unser Anspruch ist es, ein prägendes Unternehmen an der Schnittstelle von Produktdaten, KI und Commerce aufzubauen.
Wir sehen uns perspektivisch als globalen Player, der mitdefiniert, wie Produktdaten genutzt werden und wie Kaufentscheidungen im digitalen Handel entstehen.

Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründern geben, die im Bereich KI oder E-Commerce ein Startup aufbauen möchten?

Gabriel Bobinski: Erstens: fokussiert euch auf ein echtes Kernproblem und nicht nur auf die Technologie. KI ist ein Enabler, aber der Mehrwert entsteht durch die Lösung eines konkreten Pain Points.
Zweitens: denkt von Anfang an in skalierbaren Systemen und nicht in isolierten Features. Gerade im E-Commerce entscheidet Integration oft über Erfolg oder Misserfolg.
Drittens: Geschwindigkeit ist entscheidend. Märkte wie Generative AI entwickeln sich extrem schnell. Wer zu lange zögert, verliert den Anschluss.

Bild:@Frontnow

Wir bedanken uns bei Gabriel Bobinski für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Verändert sich der Zugang zu Unternehmenskrediten gerade grundlegend?

0
iwoca Kredite KMU schnell und flexibel finanzieren iwoca Fabian Platzen

iwoca bietet Kredite für KMU und ermöglicht schnellen Zugang zu Kapital durch digitale Prozesse

Wie ist iwoca entstanden und wer sind die Menschen hinter dem Unternehmen?

iwoca wurde 2012 in London von dem Deutschen Christoph Rieche und dem Briten James Dear mit dem Ziel gegründet, kleinen und mittleren Unternehmen einen schnellen und einfachen Zugang zu Kapital zu ermöglichen. Seit 2015 sind wir auch in Deutschland aktiv. iwoca ist ein großes , internationales Team aus Technologie- und Finanzexpertinnen, sowie erfahrenen Kundenbetreuerinnen, die den deutschen und britischen Mittelstand verstehen. Wir alle sind davon überzeugt, dass der Zugang zu einem Unternehmenskredit nicht an bürokratischen Hürden scheitern darf.

Welche Vision verfolgt iwoca im Bereich der Unternehmensfinanzierung?

Unsere Vision ist es, die strukturelle Unterversorgung des Mittelstands mit Fremdkapital zu beenden. Unternehmerinnen und Unternehmer sehen, wie Hausbanken ihre Vergabekriterien für KMU-Kredite Jahr für Jahr verschärfen. Vielen mittleren und kleinen Unternehmen wird dadurch der Zugang zu Kapital verwehrt, das sie händeringend brauchen, um in ihr Wachstum zu investieren oder ihre Liquidität zu schützen. Wir wollen diese Kreditlücke schließen und Unternehmer*innen mit schnellen und flexiblen Lösungen in ihrem Geschäftsalltag unterstützen. Unser Beitrag wirkt sich am Ende auch gesamtwirtschaftlich positiv aus: Allein im letzten Jahr haben deutsche KMU mithilfe von iwoca-Krediten rund 9.000 neue Arbeitsplätze und eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 600 Millionen Euro geschaffen.

Wie möchte iwoca den Zugang zu Krediten für kleine und mittlere Unternehmen langfristig verändern?

Für viele kleine und mittelständische Unternehmer ist es nicht nur frustrierend, sondern auch enorm zeitaufwendig, bei ihrer Hausbank einen Kredit zu beantragen. Unser jüngster KMU-Index, für den wir regelmäßig Finanzierungsexpert*innen nach einer Einschätzung des aktuellen Kreditmarkts befragen, hat ergeben: Für fast die Hälfte der gestellten Kreditanträge beträgt die Bearbeitungszeit bei den Hausbanken mindestens drei, oftmals sogar mehr als vier Wochen. Für Unternehmen, die kurzfristigen Liquiditätsbedarf haben, ist es dann oft schon zu spät. Bei uns hingegen werden acht von zehn Anfragen innerhalb weniger als 24 Stunden geprüft und genehmigt, dank automatisierter Prozesse und smarter Datenanalyse. Wir wollen mit unseren Krediten ein Geschäftsbooster für KMU sein, kein Hindernis.

Welche Zielgruppen stehen bei iwoca besonders im Fokus und warum?

Viele unserer Kunden sind Kleinst- und Kleinunternehmen, mit bis zu zehn Mitarbeitenden. Dabei begleiten wir meist etablierte Unternehmen, die bereits seit Jahren am Markt aktiv sind – und das über alle Branchen hinweg. Oftmals handelt es sich um inhabergeführte Betriebe, in denen sich der Geschäftsführer oder die Geschäftsführerin neben dem Alltagsgeschäft selbst um die Finanzen kümmert. Da ist jede Minute, die auf umständliche und langwierige Kreditanträge verwendet werden muss, bares Geld und Zeit, die vom eigentlichen Geschäft abhält. Hier gehen die Angebote der Großbanken an den Bedürfnissen der Kleinunternehmer*innen vorbei und wir schaffen echten Mehrwert für unsere Kunden.

Wie stellt iwoca sicher, dass die Bedürfnisse von Selbstständigen und KMU wirklich getroffen werden?

Zwei Dinge – Erstens: Indem wir zuhören. Wir verstehen uns als Partner des Mittelstands und meinen das auch so. Dazu gehört der direkte Kontakt zum Kunden, den wir durch unseren mehrfach ausgezeichneten Kundenservice sicherstellen. Bei aller Automatisierung war es uns von Anfang an wichtig, dass unsere Kunden zu jeder Zeit einen persönlichen Ansprechpartner haben, der oder die sie durch den Prozess führt und für Rückfragen jederzeit zur Verfügung steht. Und unsere Kunden schätzen das sehr: Neben dem direkten positiven Feedback, das wir bekommen, wird unser Kundenservice auf Trustpilot mit 4,9 Sternen bewertet. Zweitens: Wir analysieren unsere Daten kontinuierlich. Wir beschäftigen viele Data Science und Strategy Analysten, die das Verhalten unserer Kunden und Partner analysieren und daraus ableiten, wie wir unsere Angebote für unsere Kunden noch einfacher und besser machen können.

Was unterscheidet iwoca konkret von klassischen Banken und anderen Kreditanbietern?

Der Hauptunterschied liegt in der Agilität und der technologischen Basis. Wir nutzen KI-basierte Modelle, um Risiken präziser und schneller zu bewerten. Bei Krediten bis 25 000 Euro treffen wir so innerhalb von Sekunden eine Entscheidung – inklusive Auszahlung oft in unter 15 Minuten. Bei Beträgen bis 500 000 Euro sind es zwei bis drei Geschäftstage. Neben der Geschwindigkeit ist es die Flexibilität. Unsere Kredite sind jederzeit kostenlos rückzahlbar. Unternehmer können finanzielle Sicherheit schaffen, ohne sich langfristig zu binden. Das entlastet den Kopf und gibt Raum fürs Geschäft.

Welche Herausforderungen begegnen iwoca im stark regulierten Finanzmarkt und wie geht das Team damit um?

Für eine schnelle und saubere Datenanalyse in der Kreditentscheidung spielt Open Banking und der Zugang zu den benötigten Daten eine wichtige Rolle. Wir sind hier in Deutschland bereits gut aufgestellt, doch ein Blick auf den englischen Markt zeigt, dass hier noch großes Optimierungspotenzial besteht. Wir sehen Regulierungen jedoch nicht nur als Hürde, sondern als Chance, durch Transparenz und ein solides Risikomodell die Nachhaltigkeit unseres Geschäfts zu demonstrieren.

Welche Rolle spielen Daten und Technologie im Geschäftsmodell von iwoca?

Daten und Technologie sind unser Fundament. Sie erlauben uns Kreditabschlüsse über verschiedene Kanäle, Plattformen und Broker-Netzwerke hinweg. Erst durch die technologische Skalierung können wir auch kleinere Kreditsegmente profitabel und schnell bedienen, was für traditionelle Institute oft zu aufwendig ist. Über unsere Embedded Lending Partnerschaften, zum Beispiel mit Banking-Plattformen wie Tide oder Qonto, sind wir außerdem dort präsent, wo Kunden ihren Finanzbedarf haben. Dort ist unser Finanzierungsangebot direkt in den Bankingprozess eingebunden. Und mit zunehmender Datennutzung wird es möglich, Kreditangebote proaktiv und an die aktuelle Situation angepasst auszuspielen – etwa auf Basis saisonaler Umsätze. So entsteht für unsere Kunden echter Mehrwert: Nicht nur reagieren, sondern vordenken.

Wie entwickelt sich die Nachfrage nach digitalen Unternehmenskrediten aktuell aus Ihrer Sicht?

Der Bedarf nach schnell verfügbarer Finanzierung unter deutschen KMU ist hoch. Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist unser Kreditbuch in Deutschland auf über 275 Millionen Euro angewachsen. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir 2025 die Zahl der von uns vergebenen Kredite und das Kreditvolumen massiv gesteigert, mit Wachstumsraten im hohen zweistelligen Prozentbereich. Aktuell unterstützen wir in Deutschland bereits mehr als 10.000 kleine und mittlere Unternehmen. Der Markt für KMU-Finanzierung in Deutschland ist riesig und wir sind bestens aufgestellt, um unseren Wachstumskurs erfolgreich fortzusetzen.

Welche nächsten Schritte plant iwoca für die Weiterentwicklung seines Angebots?

Wir haben jüngst unsere Refinanzierungslinie für den deutschen Markt auf 350 Millionen Euro aufgestockt. Die zusätzliche „Geldspritze“ werden wir nutzen, um unser Wachstum in Deutschland weiter zu beschleunigen und noch mehr KMU Zugang zu Kapital zu ermöglichen. Wir arbeiten außerdem kontinuierlich daran, unsere Embedded Lending Lösungen über Broker-Netzwerke und Plattformen tiefer zu integrieren und auszubauen. Auch auf Produktseite arbeiten wir ständig daran, unser Portfolio auszubauen und Unternehmen mit passgenauen Finanzierungslösungen genau so zu unterstützen, wie sie es brauchen.

Welche internationalen oder technologischen Entwicklungen beeinflussen die Strategie von iwoca besonders?

Ein Thema, das uns genauso umtreibt wie fast alle anderen Unternehmen ist natürlich AI: wie kann die smarte Nutzung von AI unsere Angebote und Prozesse für unsere Kunden, Partner, unsere Mitarbeiter und unser Risikomanagement noch besser machen? Wir nutzen z.B. seit vielen Jahren Machine Learning, um den Kreditentscheidungsprozess zu automatisieren, extrem schnell zu machen und so effizient in Drittplattformen zu integrieren.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?

Basierend auf unserer Reise bei iwoca und den Erfahrungen, die wir täglich mit unseren Kunden im Mittelstand sammeln, sind meine drei Kernbotschaften:

  1. Löst echte pain points, keine fiktiven: Erfolgreiche Innovation entsteht dort, wo Prozesse für den Kunden spürbar einfacher werden. Bei iwoca war das die Erkenntnis, dass Schnelligkeit bei der Finanzierung für ein KMU oft wichtiger ist als nur der Zins. Versteht das Daily Business eurer Zielgruppe bis ins Detail.
  2. Baut Brücken durch Partnerschaften: Besonders als neuer Player in einer etablierten Branche wie dem Finanzsektor ist Vertrauen die wichtigste Währung. Sucht euch Partner, die eure Vision teilen. Gemeinsam wächst man schneller.
  3. Vergesst trotz aller Tech-Euphorie den Faktor Mensch nicht: Wir sind stolz auf unsere digitalen Prozesse, aber am Ende des Tages ist Vertrauen eine menschliche Angelegenheit. Ein exzellenter, persönlicher Kundenservice ist kein Kostenfaktor, sondern ein Differenzierungsmerkmal. Skaliert eure Technologie, aber bewahrt euch eure Empathie.

Bildcredits iwoca

Wir bedanken uns bei Fabian Platzen für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Frontnow ernennt Gabriel Bobinski zum CEO

0
Gabriel Bobinski wird CEO bei Frontnow

Gabriel Bobinski wird CEO bei Frontnow und übernimmt damit eine zentrale Rolle in der nächsten Wachstumsphase des Berliner KI-Unternehmens. Mit dem Wechsel an der Spitze rückt die Skalierung im KI-getriebenen Handel noch stärker in den Fokus.

Gabriel Bobinski wird CEO bei Frontnow in neuer Wachstumsphase

Frontnow gewinnt Gabriel Bobinski als CEO für die nächste
Wachstumsphase im KI-getriebenen Handel
Mit dem Wechsel von Gründer Marc Funk in die Rolle des Chief Revenue Officer schärft
Frontnow sein Führungsteam, um die Revenue Infrastructure für KI-getriebenen Handel zu
skalieren und den nächsten Wachstumsschritt zu gestalten.
Berlin, 30. April 2026 – Frontnow, das in Berlin ansässige KI-Unternehmen für
digitalen Handel, gewinnt Gabriel Bobinski als CEO und Equity Partner. Gründer Marc
Funk übernimmt künftig die Rolle des Chief Revenue Officer und fokussiert sich damit
noch stärker auf Umsatzwachstum und Marktausbau.

Mit dieser personellen Weichenstellung geht Frontnow in die nächste
Entwicklungsphase. Weg vom reinen Produktaufbau, hin zu stärkerer Skalierung,
klarerer operativer Umsetzung und dem weiteren Ausbau der Marktposition.

Gabriel Bobinski wird CEO bei Frontnow und treibt KI Handel voran

Frontnow baut die Revenue Infrastructure für KI-getriebenen Handel
Die Plattform verbindet Produktdaten, Content und Commerce-Systeme in einem
intelligenten Datenlayer, der Sichtbarkeit erhöht, bessere Produktentscheidungen
ermöglicht und messbares Umsatzwachstum schafft.

Das Produktportfolio von Frontnow, darunter Enhance und Advise, hilft Händlern
dabei, Produktdaten in Sichtbarkeit, Relevanz, bessere Produktentscheidungen und
messbare Umsatzwirkung zu übersetzen. Da KI zunehmend verändert, wie Produkte
gefunden, verglichen und ausgewählt werden, brauchen Händler eine neue
Infrastruktur, die Produktdaten in kommerzielle Wirkung übersetzt. Genau hier setzt
Frontnow an.

„Im KI-Zeitalter sind Produktentscheidungen nur so stark wie die Daten, auf denen sie
basieren. FrontNow baut die Infrastruktur, mit der Händler in einer sich schnell
verändernden digitalen Umgebung sichtbar, relevant und conversion-stark bleiben“
, sagt Gabriel Bobinski, CEO und Equity Partner von Frontnow.

Bobinski wird CEO bei Frontnow mit Fokus auf Expansion

Mit Gabriel Bobinski gewinnt Frontnow einen erfahrenen Unternehmer und
Digital-Executive mit nachweislicher Expertise in Aufbau, Skalierung und
Restrukturierung technologiegetriebener Unternehmen. Er wird die nächste
Wachstumsphase operativ führen, die Plattform weiter skalieren und Frontnow auf den
nächsten Finanzierungsschritt vorbereiten.

„Gabriel bringt genau die operative Stärke und den Wachstumsfokus mit, die Frontnow
für das nächste Kapitel braucht“, sagt Marc Funk, Gründer und CRO von Frontnow.
„Uns verbindet die Ambition, ein prägendes Unternehmen an der Schnittstelle von
Produktdaten, KI und Commerce aufzubauen.“

Bis heute hat Frontnow 10 Millionen Euro für Produktentwicklung und Go-to-Market eingesammelt.

Mit dem erweiterten Führungsteam geht das Unternehmen nun in die
nächste Phase. Mit Fokus auf Wachstum, internationale Expansion und stärkere
Sichtbarkeit im Markt. Und mit diesem Schritt unterstreicht Frontnow den Anspruch, eine
neue Generation digitaler Commerce-Erlebnisse mitzugestalten. Dort, wo
Produktintelligenz, geführte Produktauswahl und bessere Kaufentscheidungen
zunehmend über Markterfolg entscheiden.

Bild @ Frontnow

Quelle COHORT GmbH

KI und Robotik: Kann ein Reallabor den Regulierungsdruck abfedern?

0
KI und Robotik im Fokus: Kann ein Reallabor in Baden-Württemberg die Folgen der EU-KI-Regulierung für Unternehmen abfedern?

Key Takeaways

  • Baden-Württemberg investiert zwei Millionen Euro in ein KI-Reallabor, um Innovation und Regulierung zu verbinden.
  • Der EU AI Act wird häufig als Bremsklotz wahrgenommen, wodurch deutsche Unternehmen im Wettbewerb ins Hintertreffen geraten.
  • Das Reallabor bietet Unternehmen Unterstützung bei konkreten Anwendungen und klärt regulatorische Unsicherheiten gemeinsam mit Forschungseinrichtungen.
  • Projekte im Reallabor zeigen die Grauzonen bei der Auslegung regulatorischer Anforderungen auf und sollen als Testfeld für neue Ansätze dienen.
  • Trotz begrenzter Wirkung könnte das Reallabor kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen, schneller marktgerechte Lösungen zu finden.

Baden-Württemberg investiert zwei Millionen Euro in ein KI-Reallabor. Ein kleines Projekt mit großer Frage: Kann Deutschland Regulierung und Innovation im Bereich KI und Robotik noch zusammenbringen?

Der EU AI Act sollte Vertrauen schaffen. In vielen Entwicklungsabteilungen deutscher Industrieunternehmen sorgt er vor allem für Stillstand. Während US- und chinesische Wettbewerber ihre Systeme längst in den Markt drücken, beschäftigen sich Ingenieure hierzulande zunehmend mit Klassifizierungen, Risikostufen und Dokumentationspflichten.

Vor diesem Hintergrund startet Baden-Württemberg ein Experiment: Mit rund zwei Millionen Euro fördert das Land ein KI und Robotik Reallabor, das Unternehmen beim Umgang mit Regulierung unterstützen soll. Die zentrale Frage ist jedoch: Reicht ein solches Projekt aus, um die Wettbewerbsfähigkeit eines industriellen Kernstandorts zu sichern?

KI und Robotik zwischen Standortpolitik und globalem Wettbewerb

Die wirtschaftliche Bedeutung von KI und Robotik ist enorm. Allein die deutsche Robotik- und Automationsbranche setzt laut Branchenverband VDMA jährlich zweistellige Milliardenbeträge um. Baden-Württemberg zählt mit seinem starken Maschinenbau zu den wichtigsten Clustern Europas.

Zum Vergleich: Die Robotik- und Automationsbranche im Land erwirtschaftet jährlich Umsätze in Milliardenhöhe. Das Reallabor ist damit weniger ein industriepolitischer Kraftakt als ein gezielter Eingriff an einer besonders sensiblen Stelle.

Doch der Wettbewerb hat sich verschärft. In den USA treiben Konzerne wie Tesla autonome Systeme aggressiv voran, während in China Unternehmen wie Xiaomi oder BYD ihre Fertigung konsequent digitalisieren. Parallel investieren beide Länder Milliarden in KI und Robotik Infrastruktur.

Europa geht einen anderen Weg. Mit der EU-KI-Verordnung setzt die Politik auf klare Regeln und Risikoklassifizierung. Was als Qualitätsmerkmal gedacht ist, wird von vielen Unternehmen als Bremsklotz wahrgenommen.

Ein Entwicklungsleiter eines mittelständischen Automationsunternehmens beschreibt die Lage so: „Wir entwickeln gerade ein visuelles Prüfsystem für Batteriezellen. Technisch sind wir weit. Aber wir wissen nicht, ob es am Ende als Hochrisiko-KI gilt und wir zusätzliche Zertifizierungen brauchen.“

Genau an diesem Punkt setzt das neue KI und Robotik Reallabor an.

KI und Robotik als Stresstest für den EU AI Act

Das Projekt verfolgt einen pragmatischen Ansatz. Unternehmen bringen konkrete Anwendungen ein, die gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und Rechtsexperten analysiert werden. Ziel ist es, Unsicherheiten früh zu klären und Lösungen zu entwickeln, die regulatorisch tragfähig sind.

In einer Pilotphase wurden bereits 15 Projekte untersucht. Dabei ging es vor allem um industrielle Anwendungen: autonome Robotersysteme, KI-gestützte Qualitätskontrolle oder Assistenzsysteme in der Produktion.

Die Ergebnisse zeigen, wie groß die Grauzonen sind. Oft liegt das Problem nicht in klaren Verboten, sondern in der Auslegung. Wann wird ein System als sicherheitskritisch eingestuft? Welche Daten gelten als sensibel? Und welche Dokumentation ist tatsächlich erforderlich?

Das Reallabor soll hier als eine Art Übersetzer fungieren, zwischen juristischen Anforderungen und technischer Realität.

Gleichzeitig verfolgt das Projekt einen politischen Anspruch. Die Erkenntnisse sollen in die Weiterentwicklung der Regulierung einfließen. Das Stichwort lautet „regulatorisches Lernen“.

KI und Robotik als politisches Signal an Brüssel

Hinter dem Projekt steckt mehr als reine Wirtschaftsförderung. Baden-Württemberg positioniert sich damit auch im europäischen Diskurs. Die Botschaft: Regulierung muss praxistauglich sein, sonst gefährdet sie Innovation.

Tatsächlich wächst der Druck aus der Industrie. Der VDMA etwa hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Umsetzung der EU-KI-Verordnung für viele Unternehmen unklar und aufwendig ist. Besonders kleinere Betriebe sehen sich überfordert.

Ein Geschäftsführer eines Robotik-Start-ups formuliert es zugespitzt: „Wir verbringen aktuell fast so viel Zeit mit Compliance wie mit Produktentwicklung.“

Solche Stimmen zeigen, warum das Reallabor politisch relevant ist. Es dient als Testfeld für einen pragmatischeren Umgang mit Regulierung.

Allerdings bleibt die Dimension überschaubar. Zwei Millionen Euro sind im internationalen Vergleich eine geringe Summe. Allein große Tech-Konzerne investieren ein Vielfaches in einzelne KI-Projekte.

Chancen für Mittelstand und Investoren

Trotzdem kann das Projekt für einzelne Unternehmen einen spürbaren Unterschied machen. Gerade im Mittelstand fehlen oft Ressourcen, um regulatorische Fragen systematisch zu klären.

Hier bietet das Reallabor einen konkreten Mehrwert. Unternehmen erhalten Zugang zu Experten, Infrastruktur und einem Netzwerk aus Forschung und Praxis. Das kann Entwicklungszeiten verkürzen und Risiken reduzieren.

Für Investoren ist das ebenfalls relevant. Projekte, die regulatorisch sauber aufgesetzt sind, gelten als deutlich planbarer. In einem Umfeld, in dem Unsicherheit ein zentraler Risikofaktor ist, kann das ein entscheidender Vorteil sein.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Unternehmen entwickelt einen kollaborativen Roboter, der direkt mit Menschen zusammenarbeitet. Die technische Herausforderung ist lösbar. Die regulatorische Einordnung dagegen komplex. Fragen der Haftung, Sicherheit und Zertifizierung stehen im Raum.

Im Reallabor lassen sich solche Themen früh adressieren. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Produkt tatsächlich auf den Markt kommt.

Grenzen des Ansatzes

So sinnvoll der Ansatz ist, er hat klare Grenzen. Ein Reallabor kann keine strukturellen Wettbewerbsnachteile ausgleichen. Die großen Trends werden weiterhin durch Kapital, Skalierung und Geschwindigkeit bestimmt.

Zum Vergleich: Allein das US-Unternehmen OpenAI sammelte zuletzt Milliardenbeträge ein, während Tech-Giganten wie Microsoft jährlich zweistellige Milliardensummen in ihre KI und Robotik Infrastruktur investieren. Die rund zwei Millionen Euro aus Stuttgart wirken dagegen wie ein sehr kleines Instrument gegen die großen strukturellen Herausforderungen.

Ein weiterer Punkt ist die Übertragbarkeit. Die Erkenntnisse aus einzelnen Projekten lassen sich nicht immer eins zu eins auf andere Anwendungen übertragen. Jede KI-Anwendung bringt eigene regulatorische Fragen mit sich.

Hinzu kommt der Faktor Zeit. Regulierung entwickelt sich weiter, oft langsamer als Technologie. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass sie ihre Strategien regelmäßig anpassen müssen.

Auch international ist Deutschland nicht allein mit solchen Ansätzen. Länder wie Großbritannien oder Singapur setzen schon länger auf sogenannte Regulatory Sandboxes. Dort können Unternehmen neue Technologien unter realen Bedingungen testen, oft mit deutlich weniger Bürokratie.

Im Vergleich wirkt der deutsche Ansatz vorsichtiger. Das kann ein Vorteil sein, wenn es um Sicherheit und Qualität geht. Es kann aber auch dazu führen, dass Innovationen langsamer entstehen.

KI und Robotik Praxisrelevanz: Was Unternehmen jetzt tun sollten

Für Unternehmen stellt sich vor allem eine praktische Frage: Wie gehen sie mit der neuen Situation um?

Das Reallabor bietet hier eine konkrete Option. Firmen aus Baden-Württemberg können sich mit ihren Projekten bewerben und erhalten eine strukturierte Analyse ihrer Vorhaben.

Wichtiger ist jedoch die strategische Perspektive. Regulierung wird zu einem festen Bestandteil von Innovationsprozessen. Unternehmen müssen lernen, technische Entwicklung und Compliance zusammenzudenken.

Das betrifft nicht nur große Konzerne, sondern gerade auch kleinere Betriebe. Wer früh versteht, wie die Regeln funktionieren, kann daraus Vorteile ziehen.

Ein Innovationsleiter aus dem Maschinenbau bringt es auf den Punkt: „Früher haben wir erst entwickelt und dann geprüft. Heute müssen wir beides parallel machen.“

Service für Unternehmen: Baden-württembergische Firmen können sich bis zum 21. Mai für die „Legal Quick Checks“ im Reallabor bewerben. Informationen unter www.ki-fortschrittszentrum.de.

Fazit: Ein notwendiger Schritt mit begrenzter Wirkung

Das KI und Robotik Reallabor in Baden-Württemberg ist kein Gamechanger. Aber es ist ein notwendiger Testlauf. Es adressiert ein reales Problem und bietet konkrete Unterstützung für Unternehmen.

Gleichzeitig sollte man die Erwartungen nicht überhöhen. Die strukturellen Unterschiede im globalen Wettbewerb bleiben groß, und einzelne Förderprojekte können diese nicht allein ausgleichen.

Wenn selbst solche pragmatischen Ansätze scheitern, wird Europa sein eigenes Regulierungsmodell grundsätzlich hinterfragen müssen. KI und Robotik bleiben dabei der zentrale Prüfstein.

Foto/Quelle: stock.adobe.com – Martina Berg

&Charge Finanzierung bringt 5 Millionen Euro für bessere Ladeinfrastruktur

0
&Charge Finanzierung

&Charge Finanzierung: &Charge erhält 5 Millionen Euro Series-A-Finanzierung für zuverlässigere EV-Ladeinfrastruktur in Europa

&Charge Finanzierung stärkt Ausbau der Ladeinfrastruktur

Das auf Betriebstechnologie für Elektrofahrzeuge spezialisierte Unternehmen &Charge hat in einer Serie-A-Finanzierungsrunde 5 Millionen Euro eingesammelt, um die Entwicklung seiner Betriebsplattform voranzutreiben. Und seine Präsenz auf dem schnell wachsenden europäischen Markt für Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge auszubauen. Diese &Charge Finanzierung wurde von der Warsaw Equity Group angeführt, unter Beteiligung von InnoEnergy, Redstone und Porsche Ventures.

Während öffentliche Ladenetzwerke skalieren, wird die Verfügbarkeit zunehmend davon bestimmt, was vor Ort geschieht Probleme beim Zugang zu Standorten, Hardware-Verschleiß, Vandalismus, blockierte Ladeplätze und die Koordination von Servicepartnern. Ladepunktbetreibern fehlt häufig die Sichtbarkeit darüber, was an ihren Lade-Standorten passiert, da reine Softwarelösungen viele Probleme vor Ort und reale Bedingungen nicht erfassen.

&Charge Finanzierung adressiert Probleme vor Ort bei Ladepunkten

Die Realität vor Ort in zuverlässige Abläufe umsetzen

&Charge hilft Betreibern von Ladestationen dabei, Probleme vor Ort zu erkennen und zu beheben, die bei der Fernüberwachung oft unbemerkt bleiben – etwa defekte Stecker, blockierte Ladeplätze oder fehlende Beschilderungen. Das Hybridmodell kombiniert eine SaaS-Plattform mit einem Netzwerk aus Elektroautofahrern und lokalen Servicepartnern, die Daten sammeln und Aufgaben direkt vor Ort erledigen. So können Betreiber Probleme gezielt priorisieren, Serviceeinsätze steuern und die Umsetzung überprüfen.

Heute unterstützt &Charge führende CPO-Anbieter wie Ionity, Electra und Allego in zahlreichen europäischen Märkten und verwaltet über 50.000 Ladepunkte.

Mit der neuen Finanzierung wird das Unternehmen eine Steuerungsebene für den täglichen Betrieb aufbauen, die Felddaten, Nutzungsdaten und ein dezentrales Netzwerk von Servicepartnern in einem einzigen Betriebssystem zusammenführt.

„Mit dem Wachstum der Ladenetzwerke reicht die Verfügbarkeit allein nicht mehr aus; Betreiber müssen wissen, was Fahrer vor Ort tatsächlich erleben“, sagte Eugen Letkemann, Mitbegründer von &Charge. „Wir wandeln vor Ort überprüfte Bedingungen in priorisierte Maßnahmen um und helfen Teams, schneller zu handeln, wodurch Ausfallzeiten reduziert und das Ladeerlebnis verbessert werden.“

&Charge Finanzierung treibt Plattform für Elektromobilität voran

Starke Unterstützung durch Investoren für den Ausbau des Ladeinfrastrukturangebots für Elektrofahrzeuge

„&Charge hat bei führenden Betreibern eine starke Produkt-Markt-Passung bewiesen und wächst schnell“, sagt Jakub Głowaczewski von der Warsaw Equity Group. Besonders überzeugt habe die klare Problemlösung. Ohne ein System, das die Realität vor Ort mit der Umsetzung verbindet, sei keine zuverlässige Ladeinfrastruktur möglich. &Charge baue genau diese operative Steuerungsebene auf und werde nun bei der Expansion in Europa unterstützt.

InnoEnergy investierte erstmals im Dezember 2023 in &Charge und unterstützte das Unternehmen seitdem beim Marktzugang. Mit strategischen Kontakten und bei der Kapitalbeschaffung. Die Folgeinvestition gemeinsam mit WEG unterstreicht das Vertrauen in die Fortschritte von &Charge, darunter erste Erfolge mit Ladestationsbetreibern und die Weiterentwicklung des Produkts.

„Die Zuverlässigkeit der öffentlichen Ladeinfrastruktur ist entscheidend für den Erfolg der Elektromobilität“, sagte Christian Bauer, CEO DACH bei InnoEnergy. „&Charge hat gezeigt, wie wertvoll praxisnahe Erkenntnisse für die Verbesserung von Ladenetzwerken sind.“

&Charge will die operative Grundlage für Ladeinfrastruktur schaffen und den Betrieb von Ladenetzwerken zuverlässiger und skalierbarer machen.

Bildcredit privat

Quelle DWR eco GmbH

Neueste Beiträge