Freitag, Oktober 9, 2026
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Von der eigenen Erfahrung zum Health-Startup: Friderike Bruchmann über XO Life

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Patienten: brite als digitale Plattform von XO Life Friderike Bruchmann XO Life

XO Life möchte mit brite die digitale Gesundheitsversorgung neu denken und Patienten von den ersten Symptomen bis zur langfristigen Therapie kontinuierlich begleiten

Stellen Sie XO Life doch kurz vor. Wer steckt hinter dem Startup und welche Erfahrungen bringt das Team mit?

Hinter XO Life steht ein Team von knapp dreißig Personen mit einem klaren Schwerpunkt auf Produkt- und Technologieentwicklung – alles in-house, mit einem starken Fokus auf KI. Ergänzt wird das durch ein eigenes medizinisches Team, das sicherstellt, dass unsere Lösungen klinisch fundiert und regulatorisch compliant sind.

Ich bin Friderike Bruchmann, Gründerin und CEO. Ich habe Technologiemanagement studiert und viele Jahre mit Daten gearbeitet – das prägt bis heute, wie wir bei brite an Produktentwicklung und Entscheidungen herangehen.

Was uns als Team besonders macht: Wir haben die Expertise wirklich intern aufgebaut – über Jahre am Markt, mit echtem Geschäft im Rücken. Das erlaubt uns heute, sehr erfahrene Spezialistinnen und Spezialisten zu gewinnen, die die besten Trends und Entwicklungen direkt einbringen. Und was mich persönlich sehr freut: Wir kommen aus über vierzehn Nationen – das bringt eine echte globale Perspektive in alles, was wir tun.

Wie entstand die Idee, eine digitale Plattform für Patientenbegleitung und Therapiesupport aufzubauen?

Die Idee entstand aus einer ganz persönlichen Erfahrung. Während meiner Doktorarbeit hatte ich Nebenwirkungen aufgrund eines Medikaments – und habe natürlich angefangen, im Internet zu recherchieren. Heute würde man ChatGPT, Claude oder Perplexity befragen. Was mir damals wie heute fehlt, ist eine wirklich vertrauenswürdige, gut gestaltete Plattform, auf der ich als Patient meine Erfahrungen teilen, mich selbst managen und tracken kann – mit einer User Experience, die ernst nimmt, was ich durchmache.

Was mich aber noch mehr beschäftigt hat: Diese Daten, die Patienten täglich erzeugen, werden kaum genutzt – weder von Ärzten noch von Pharmaunternehmen, obwohl sie enormen klinischen und kommerziellen Wert hätten. Ich wollte eine bidirektionale Plattform schaffen, auf der Patienten nicht nur Daten eingeben, sondern auch wirklich relevante Insights zurückbekommen. Eine Plattform, auf der jeder Patient zählt und ernst genommen wird – so wie man es von exzellentem Kundensupport kennt, nur eben im Gesundheitsbereich.

Welche Vision verfolgt XO Life für die Zukunft der digitalen Gesundheitsversorgung?

Unsere Vision ist einfach: Kein Patient soll jemals wieder alleingelassen werden.

Heute ist die Realität, dass es zwar viele digitale Lösungen gibt – aber jede löst nur einen kleinen Teil des Problems. Man googelt die Symptome hier, trackt die Medikamente dort, findet Informationen irgendwo anders – und dann hört jede Lösung auf, genau wenn man sie am meisten braucht. Der Patient springt von Tool zu Tool, und niemand begleitet ihn wirklich durch den gesamten Weg.

Das wollen wir grundlegend ändern. Unsere Vision ist, dass jeder Patient – egal welche Erkrankung, egal welche Therapie – von den ersten Symptomen bis zur langfristigen Behandlung digital begleitet wird. Durchgehend, vertrauenswürdig, und in einer einzigen App. brite ist diese eine Plattform. Für jeden Patienten. Über jede Erkrankung, jede Therapie, jeden Lebensabschnitt.

Welche Probleme im Gesundheitsalltag von Patienten möchte XO Life konkret lösen?

1 in 3 Patienten mit einer behandelbaren Erkrankung wird nie diagnostiziert. 1 in 2 Patienten, die diagnostiziert werden, nehmen ihre Therapie nicht wie vorgeschrieben ein. Patienten wenden sich an Google und Social Media – und verlieren sich in Fehlinformationen. Niemand begleitet sie wirklich vom ersten Symptom zur richtigen Therapie.

Gleichzeitig ist der Alltag chronisch kranker Patienten hochkomplex: Sie haben oft mehrere Erkrankungen, nehmen verschiedene Medikamente und brauchen Unterstützung an ganz unterschiedlichen Punkten ihrer Behandlungsreise. Bestehende Lösungen lösen immer nur einen kleinen Teil dieses Problems – und hören dann auf. brite schließt diese Lücke: eine durchgängige, vertrauenswürdige Begleitung vom ersten Symptom bis zur langfristigen Therapie, in einer einzigen App.

Wie funktioniert die Plattform „brite™“ im Alltag?

brite ist für den Patienten ganz einfach eine App – aber dahinter steckt deutlich mehr als ein klassisches Tracking-Tool.

Der Patient gibt alle seine Medikamente und Erkrankungen ein und hat damit sofort einen zentralen Ort für seine gesamte Gesundheit. Er kann Vitaldaten tracken, Symptome erfassen, Wearable-Daten integrieren – aber was uns wirklich unterscheidet, ist der medizinische Layer, den wir darüber legen. Wir arbeiten mit medizinischen Fachgesellschaften zusammen und binden validierte Fragebögen und klinische Assessments direkt in die App ein. Das sind wissenschaftlich anerkannte Instrumente, die echte medizinische Tiefe erzeugen – weit über simples Datentracking hinaus. Wer möchte, kann darüber hinaus auch unstrukturiert berichten – Erlebnisse, Beobachtungen, persönliche Eindrücke, ganz wie in einem digitalen Tagebuch.

Für jedes Medikament und jede Therapie gibt es zusätzlich eigene Therapiebereiche in der App – mit spezifischen Inhalten und Services, die direkt vom jeweiligen Hersteller bereitgestellt werden. brite ist eine App für alle Medikamente und alle Erkrankungen – vollständig unabhängig von einem einzelnen Pharmaunternehmen.

Welche Rolle spielen Patient Reported Outcomes für die Weiterentwicklung moderner Therapien?

Patient Reported Outcomes sind für uns absolut essenziell – und zwar aus einem ganz grundlegenden Grund: Klinische Studien sind wertvoll, aber sie sind limitiert. Sie werden unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt, mit einer sehr spezifischen Patientenpopulation. Der Alltag eines echten Patienten sieht jedoch anders aus – andere Komorbiditäten, andere Lebensumstände, andere Verhaltensweisen.

Genau hier entsteht der Wert von Patient Reported Outcomes in der Real World. Sie ermöglichen es zu verstehen, wann eine Therapie wirklich funktioniert – und wann nicht. Bei wem sie wirkt, unter welchen Lebensumständen, in welchem Alltag. Das sind Insights, die keine klinische Studie liefern kann.

brite macht genau diese Real-World-Evidenz möglich – strukturiert über validierte Assessments und Vitalwerte, unstrukturiert über Patientenberichte und Tagebucheinträge. Das Ergebnis sind tiefgehende, alltagsnahe Einblicke, die sowohl für die medizinische Forschung als auch für die kommerzielle Strategie von Pharmaunternehmen einen echten Mehrwert darstellen.

Was unterscheidet XO Life von klassischen Gesundheits-Apps oder digitalen Patientenplattformen?

Ein zentraler USP von brite ist, dass wir wirklich eine App für alle Medikamente und alle Erkrankungen sind. Die Realität der meisten Patienten ist, dass sie nicht nur ein Medikament nehmen und nicht nur eine Erkrankung haben. Genau das sollte über eine einzige Plattform abgebildet werden – nur so entstehen wirklich tiefgehende, umfassende Insights über einen Patienten als Ganzes.

Was uns darüber hinaus unterscheidet: Wir verbinden drei Dimensionen, die bisher nie zusammengedacht wurden – Patientenaktivierung, klinisch fundierte Therapiebegleitung und Real-World-Evidenz für Pharma. Medication-Reminder-Apps starten zu spät. Allgemeine KI-Apps haben keine klinische Tiefe und keine Kontinuität. Einzelindikations-Apps skalieren weder über Erkrankungen noch über Portfolios hinweg.

Wenn wir so drüber nachdenken: Wir haben LinkedIn für berufliche Netzwerke, wir haben Meta für soziale Verbindungen – aber für Gesundheit hat sich noch keine Plattform wirklich durchgesetzt. Genau diesen Platz will brite einnehmen.

Welche Zielgruppen stehen aktuell besonders im Fokus und welche Bedürfnisse haben diese Nutzer?

Unser primärer Fokus liegt klar auf Patienten mit chronischen Erkrankungen – das ist die Zielgruppe, bei der der Bedarf an kontinuierlicher digitaler Begleitung am größten ist. Darüber hinaus haben wir zahlreiche Projekte im Bereich Rare Diseases, wo der Bedarf an spezifischer Unterstützung und Real-World-Evidenz besonders hoch ist.

Was uns zunehmend beschäftigt, ist der OTC-Bereich. Auch hier arbeiten wir bereits mit großen Unternehmen zusammen. Der Grund ist einfach: Es reicht heute nicht mehr, ein Produkt zu verkaufen. Patienten und Nutzer erwarten ein digitales Erlebnis drum herum – das Gefühl, dass die Marke auch über den Kaufmoment hinaus für sie da ist.

Insgesamt decken wir ein breites Spektrum ab – von chronischen Volkskrankheiten über seltene Erkrankungen bis hin zu OTC-Produkten. Aber der strategische Kern bleibt: chronische Erkrankungen, wo die Kontinuität der Begleitung den größten Unterschied macht.

Wie wichtig sind geprüfte Informationen und der Austausch mit anderen Betroffenen für Patienten heute?

Geprüfte, verlässliche Informationen sind für Patienten absolut entscheidend – und der Bedarf daran wächst paradoxerweise genau in dem Maße, in dem das Informationsangebot zunimmt. Das Internet ist voll von Gesundheitsinformationen, die sich widersprechen oder schlicht falsch sind. Auch KI-Systeme wie ChatGPT oder Claude sind auf das gesamte Internet trainiert – mit allem, was dazugehört. Was Patienten in einer schwierigen Situation wirklich brauchen, ist keine Liste von zehn Optionen, sondern klare, vertrauenswürdige Orientierung: Das ist es. Das solltest du tun.

Der Austausch mit anderen Betroffenen hat dabei eine eigene, tiefere Bedeutung. Chronisch kranke Menschen haben in ihrem direkten Umfeld oft niemanden, der wirklich versteht, wie es sich anfühlt. Das Gefühl, nicht allein zu sein, ist emotional von enormer Bedeutung.

Und was heute durch moderne KI möglich wird: Apps können wesentlich empathischer, persönlicher und kontextueller mit Patienten interagieren als je zuvor. brite nutzt genau diese Möglichkeiten – um nicht nur informativ, sondern wirklich begleitend da zu sein. Nicht wie eine Datenbank. Sondern wie ein Begleiter, dem man vertraut.

Welche Herausforderungen bringt die Zusammenarbeit mit Pharma- und Gesundheitsunternehmen mit sich?

Die Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen ist komplex – und das ist auch gut so, denn Komplexität schafft Eintrittsbarrieren für Wettbewerber. Die größten Herausforderungen sind Compliance und regulatorische Anforderungen: Inhalte müssen medizinisch geprüft und freigegeben werden, Datenschutz nach europäischen Standards ist nicht verhandelbar, und Pharmakovigilanz-Anforderungen müssen in jede Produktentscheidung einfließen.

Dazu kommen lange Entscheidungszyklen. Große Pharmaunternehmen haben viele interne Stakeholder – Medical, Marketing, Legal, IT – und bis ein Projekt grünes Licht bekommt, können Monate vergehen. Was dabei hilft: ein starker interner Champion auf Kundenseite, der das Projekt aktiv vorantreibt.

Was uns aber ermutigt: Wer diese Komplexität einmal gemeistert hat – und das haben wir mit über 40 Pharmakunden – der hat einen echten Wettbewerbsvorteil. Vertrauen in der Pharmaindustrie baut man nicht über Nacht auf. Es ist das Ergebnis von Jahren konsequenter Arbeit.

Wie verändert künstliche Intelligenz und Digitalisierung aus Ihrer Sicht die Patientenbegleitung?

Künstliche Intelligenz ist für die Patientenbegleitung ein echter Segen – das muss man so klar sagen.

Wenn man ehrlich zurückblickt: Ohne LLMs waren die meisten Gesundheits-Apps eigentlich dem Tode geweiht. Jede Interaktion, jeder Text, jede Antwort musste vorprogrammiert sein. Alles war statisch, alles war generisch. Die einzigen digitalen Plattformen, die wirklich funktioniert haben, waren Social-Media-Apps – weil dort der Content von den Nutzern selbst kam.

KI verändert das fundamental. Zum ersten Mal ist es möglich, ein wirklich persönliches, individuelles Erlebnis zu schaffen – eines, das sich an den Nutzer anpasst, das auf seine Situation eingeht, das empathisch reagiert. Es ist kein Zufall, dass viele Menschen heute sagen, ChatGPT sei für sie so etwas wie ein Freund geworden.

Für brite bedeutet das: Wir können zum ersten Mal eine digitale Begleitung schaffen, die sich wirklich wie eine Begleitung anfühlt. Personalisiert, empathisch, kontextuell – über den gesamten Behandlungsverlauf hinweg. KI macht aus einer App einen echten Companion. Und genau das ist der Durchbruch, auf den diese Branche gewartet hat.

Welche neuen Funktionen oder Entwicklungen plant XO Life in den kommenden Jahren?

In den kommenden Wochen stehen bei brite ganz große Updates an – also am besten jetzt schon die brite App herunterladen, geschrieben B-R-I-T-E.

Unser Anspruch ist dabei nichts weniger als das: Wir wollen eine Gesundheits-App launchen, die besser ist als ChatGPT, besser als Claude, besser als Perplexity – und besser als jede andere Health-App auf dem Markt. Eine App, die nicht nur antwortet, sondern wirklich begleitet.

Darüber hinaus haben wir eine klare Wachstumsagenda: Wir wollen neue Technologien konsequent für unsere Nutzer nutzbar machen, immer mehr Pharmaunternehmen dabei unterstützen, wirklich patientenfreundlich zu werden, und brite in immer mehr Sprachen und Märkten verfügbar machen. Wir expandieren bereits in verschiedene Länder – der nächste Schritt ist klar: brite soll global verfügbar sein. Unser Ziel ist, dass kein Patient weltweit mehr alleingelassen wird.

Warum ist XO Life Teil des Chemistry & Health Hub Mannheim/Ludwigshafen geworden?

Teil des Chemistry & Health Hub Mannheim zu werden ist für uns ein weiterer wichtiger Schritt in unserer Netzwerkstrategie – und Netzwerk ist für brite von Anfang an essenziell gewesen.

Wir sind bewusst Teil verschiedener Acceleratoren und Unterstützungsnetzwerke geworden, weil wir verstehen, dass in einer Branche wie dem Gesundheitswesen der richtige Kontakt zum richtigen Zeitpunkt alles verändern kann. Unsere Pharmapartnerschaften, unsere Kooperationen mit medizinischen Fachgesellschaften, unsere Investorenbeziehungen – vieles davon ist über genau solche Netzwerke entstanden. Über Pitches, Events, persönliche Gespräche, zufällige Begegnungen, die sich als wegweisend herausgestellt haben.

Welche Vorteile bietet das Innovationsumfeld in Mannheim und Ludwigshafen für ein Digital-Health-Startup wie Ihres?

Die Region Mannheim und Ludwigshafen ist einer der dichtesten Pharma- und Chemie-Standorte Europas – mit globalen Konzernen, Forschungsinstituten und einem tief verwurzelten Verständnis für die Anforderungen der Gesundheitsbranche. Für ein Unternehmen wie brite, das Pharmaunternehmen als Kernkunden hat, ist das ein strategisch ideales Umfeld.

Was uns besonders schätzen: die kurzen Wege zu Entscheidungsträgern in der Industrie, das starke akademische und wissenschaftliche Netzwerk in der Region und ein Ökosystem, das Health Innovation nicht als Nischenthema behandelt, sondern als strategische Priorität. Das ist für uns als wachsendes Digital-Health-Unternehmen ein echter Standortvorteil.

Welche drei Tipps würden Sie anderen Gründern im Bereich Digital Health und HealthTech mit auf den Weg geben?

Erstens: Sei realistisch über dein Finanzierungsmodell.

Digital Health ist eine großartige Branche mit enormem gesellschaftlichem Impact – aber man muss ehrlich sein: Das klassische Venture-Capital-Modell mit exponentiellen Wachstumskurven lässt sich im Gesundheitswesen nicht immer so einfach umsetzen wie in anderen Branchen. Wenn externes Kapital keine realistische Option ist, sollte man von Anfang an überlegen, wie man das Unternehmen Cashflow-positiv aufbaut – vielleicht langsamer, aber nachhaltiger.

Zweitens: Löse die Zahlerfrage früh.

Wer zahlt – das ist im Gesundheitswesen die entscheidende Frage. Direct-to-Consumer ist in Deutschland und Europa schwierig, weil Patienten für digitale Gesundheitsleistungen bisher kaum zu zahlen bereit sind. Selektivverträge mit Krankenkassen sind möglich, aber langwierig. Man muss früh verstehen, welcher Zahler wirklich erreichbar ist – und das Geschäftsmodell danach ausrichten.

Drittens: Denke in Hybridmodellen.

Was heute in Digital Health wirklich funktioniert, sind Hybridansätze – man dockt an bestehende Strukturen an, an etablierte Unternehmen, an bestehende Budgets, und innoviert von dort aus. Man kauft sich sozusagen in ein funktionierendes System ein und schafft von innen heraus Mehrwert. Das ist weniger glamourös als die reine Startup-Romantik – aber deutlich erfolgsversprechender.

Bildcredits  XO Life

Wir bedanken uns bei Friderike Bruchmann für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

ChargeX: Wie das Münchner Startup Ladeinfrastruktur modular skaliert

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Ladeinfrastruktur: Immobilienwirtschaft setzt auf Aqueduct Michael Masnitza

Ladeinfrastruktur wird für die Immobilienwirtschaft zunehmend zum entscheidenden Faktor: Mit Aqueduct zeigt ChargeX, wie sich Ladeplätze einfacher, intelligenter und skalierbarer realisieren lassen.

Stellen Sie ChargeX doch kurz vor. Wer steckt hinter dem Startup und welche Erfahrungen bringt das Team mit?

Gemeinsam mit Tobias, meinem Mitgründer, habe ich bereits während unserer Zeit bei The Mobility House zusammengearbeitet. Diese Wurzeln prägen ChargeX bis heute: Wir sind ein Team aus passionierten Experten für Elektromobilität, innovative Technologien und ökologische Verantwortung. Unsere Startup-Erfahrung verbinden wir dabei stets mit einem kompromisslosen Fokus auf die Bedürfnisse unserer Kunden.

Wie entstand die Idee, Ladeinfrastruktur für Elektroautos modular und einfacher skalierbar zu machen?

Die Idee für Aqueduct entstand aus Erfahrung mit anderen Ladestationen und Abrechnungssystemen. Der Stromnetzanschluss, der Aufbau und der Betrieb waren viel zu komplex für die Kunden und damit wurden oft Infrastrukturprojekte erst gar nicht realisiert. Was unterm Strich dazu führt, dass damals auch die Ladeinfrastruktur der größte Blocker der E-Mobilität war. Das ist dann auch unsere Mission geworden: ChargeX macht jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz.

Welche Vision verfolgt ChargeX für die Zukunft der Elektromobilität?

Für uns ist es ganz klar: Ein E-Auto-Fahrer will sein Auto dann laden, wenn er es nicht benutzt, also zu Hause und beim Arbeitsplatz. Das Auto ist dann quasi immer voll und das Laden ist dann kein Thema mehr. Aber damit das funktioniert muss sich jedes Auto, wenn es steht, an einen Ladepunkt andocken können. Das heißt, wir müssen jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz machen.

Mit „Aqueduct“ setzt ChargeX auf ein Plug-and-Play-System. Welche Probleme lösen Sie damit konkret für Unternehmen und Immobilienbesitzer?

Insgesamt gibt es drei Probleme: Zum einen benötigen normale Ladestationen sehr spezialisierte Elektrofachkräfte, von denen es in Deutschland immer weniger gibt. Zusätzlich reicht das Stromnetz nicht aus, um mit konventionellen Systemen jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz zu machen. Drittens ist Laden am Unternehmensstandort durch Lastmanagement, Betrieb und Abrechnungsfragen so komplex geworden, dass es mindestens vier, eher mehr Zulieferer benötigt, um ein Ladesystem umzusetzen und zu betreiben.

Diese ganze Komplexität lösen wir für unsere Kunden in einem vollintegrierten Ökosystem aus Plug-and-Play-Hardware mit Lastmanagementsystem und eigenen IT-Produkten für Abrechnung, Nutzermanagement und so weiter. Für die Immobilienwirtschaft bringen wir auch die Elektrofachkraft, den Service bis hin zum Stromvertrag für die Nutzer alles mit.

Welche Zielgruppen stehen aktuell besonders im Fokus und welche Anforderungen haben diese Kunden?

Unser erster Zielmarkt sind mittelständische Unternehmen in der verarbeitenden Industrie. Diese sind bis heute unsere Kern-Kundengruppe. Denn hier pendeln sehr viele Mitarbeiter zum Standort. Der PKW ist hier alternativlos. Für diese Zielgruppe muss Elektromobilität so einfach wie möglich sein, denn die zusätzliche Komplexität für den Standort muss natürlich auch vom Facility Management abgedeckt werden können. Insbesondere durch unseren Inhouse Support haben wir hier eine sehr hohe Kundenzufriedenheit.

Wir sind dann vor zwölf Monaten in die gewerbliche Immobilienwirtschaft eingestiegen. Für Besitzer und Verwalter von Büroimmobilien und Industriegeländen ist das Problem noch einmal größer, denn die Anforderungen aller Gewerbemieter müssen berücksichtigt werden. Hier bringen wir sogar den Ladestromtarif mit und kümmern uns um die komplette Aufrüstung der Elektroinstallation der Tiefgarage.

Wie wichtig ist intelligente Energieverteilung für die Zukunft moderner Ladeinfrastruktur?

Wir haben schon 2017 die Hypothese vertreten, dass ohne intelligente Energieverteilung es nicht möglich sein wird, großflächig Ladeinfrastruktur auszurollen. Das hat sich heute bewahrheitet, denn wir müssen als Ladestationsbetreiber immer Lastspitzen vermeiden und möglichst dann laden, wenn viel erneuerbarer Strom im Netz ist oder die Netzlast generell gering ist. Bis heute sind wir der einzige größere Anbieter, der den Mobilitätsbedarf der Nutzer in das Zentrum des Lastmanagements stellt.

Welche Herausforderungen bringt der schnelle Ausbau der Elektromobilität aktuell mit sich?

Die größte Herausforderung sehen wir aktuell in der Immobilienwirtschaft. Das neue Gesetz für Ladeinfrastruktur schreibt Eigentümern von Nicht-Wohngebäuden ab dem 01.01.2027 eine hohe Quote an Ladeinfrastruktur vor. Wir haben im Jahresverlauf spezifische Blaupausen entwickelt, um unsere Kunden bei der schnellen Planung und Umsetzung dieser Projekte zu unterstützen. Dies gilt übrigens auch für Unternehmen, die Ihre Niederlassung, Lager und Logistikflächen selbst verwalten.

Was unterscheidet ChargeX von klassischen Anbietern von Ladelösungen?

Andere Anbieter setzen auf verschiedene Lösungen, die durch offene Protokolle miteinander vernetzt werden. Das klingt zwar in der Theorie sinnhaft, aber in der Praxis führt das zu großen Verzögerungen im Roll-out, Kompatibilitätsproblemen und insgesamt einer sehr schlechten Nutzer- und Kundenerfahrung. Wir haben entweder eigene Lösungen oder setzen auf jeweils eine Drittanbieterlösung, die wir speziell auf uns abstimmen, um eine viel bessere Nutzererfahrung zu generieren. Damit können wir mit weniger Leistung mehr Stellplätze ausstatten und bieten eine viel höhere Verfügbarkeit der Infrastruktur.

Welche Rolle spielen digitale Services wie Monitoring und automatische Abrechnung für Ihre Kunden?

Der Kunde benötigt bestimmte Services für seine Abrechnung, für seine Buchhaltung etc. Die müssen einfach funktionieren und simpel im täglichen Ablauf sein, damit eMobilität keinen signifikanten Mehraufwand bei der eigenen Belegschaft führt. Wir haben deshalb zum Beispiel extra ein Frontend für Hotels entwickelt, damit Frontdesk-Mitarbeiter ganz einfach die Gäste bei ihren Ladevorgängen unterstützen können.

Wie wichtig sind Themen wie Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz für die Entwicklung Ihrer Systeme?

E-Mobility-Startups sind Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz die Kern unserer DNA. Zum Beispiel werden defekte Ladestationen von Kunden bei uns nie weggeschmissen sondern kommen zurück zu ChargeX, werden repariert und kommen dann in einen sekundären Kreislauf. Das hat sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile und ist schon immer ein Standard-Prozess bei ChargeX.

Welche technologischen Entwicklungen oder neuen Produkte plant ChargeX in den kommenden Jahren?

Kurz- und mittelfristig geht es darum, unsere Ladepunkte noch schneller an die Wand zu bekommen. Wir brauchen aktuell im Durchschnitt etwas mehr als vier Monate, um ein größeres Ladeprojekt mit komplexen Stromnetzanpassungen an die Wand zu bekommen. Durch neue Produkte zur Vereinfachung der Vorinstallation, Automatisierungen im Ablauf und der Projektorganisation z.B. mit KI werden wir unter zwei Monaten kommen. So können wir Immobilienfonds helfen, Ihren gesamten Gebäudebestand schnellstmöglich GEIG-konform aufzurüsten.

Langfristig weiß in Deutschland noch niemand, wie wir Ladeinfrastruktur für Mehrparteienhäuser oder sogar Sozialwohnungen anbieten können. Hier möchten wir mit ChargeX natürlich auch eine Vorreiterrolle einnehmen, um jedem Zugang zur Ladeinfrastruktur bieten zu können. Hier machen wir erste Gehversuche im ASCEND Projekt zusammen mit der Stadt München.

Wie verändert die steigende Zahl an Elektrofahrzeugen die Anforderungen an Gebäude und Unternehmen?

Alles läuft darauf hin, dass wir jeden Stellplatz zu einem Ladeplatz machen müssen. Und nur intelligente Steuerung der Ladevorgänge und zukunftssichere Infrastruktur können das ermöglichen. Die gesamte Industrie hat hier gut vorgearbeitet, dass heute für den Rollout keine Blocker mehr vorliegen.

Warum ist ChargeX Teil des Mobility Hub München geworden?

Für ChargeX ist München ein Heimspiel, weshalb es für uns selbstverständlich war, Teil des Mobility Hubs zu werden. München bietet ein starkes Netzwerk aus kommunalen Playern, Großkonzernen, Mittelständlern und Startups. Wir profitieren von diesem Umfeld, um Innovationen voranzutreiben und die Elektromobilität in der Region aktiv mitzugestalten.

Welche Vorteile bietet der Mobility Hub München für ein wachsendes Startup im Bereich Elektromobilität?

Die Vernetzung ist natürlich ein großer Teil. Als Start-Up ist es z.b. schwierig, Teil des politischen Diskurses zu sein. Mit dem Mobility Hub hat man hier das Netzwerk und auch die Bühne, die eigene Innovation vorzustellen, Reichweite zu bekommen und diese auch mit etablierten Playern zu validieren und auszurollen.

Welche drei Tipps würden Sie anderen Gründern im Bereich Mobility und ClimateTech mit auf den Weg geben?

Mein erster Tipp wäre, mir ein Netzwerk zu suchen, in dem Gründer sind, die eine ähnliche Herausforderung schon mal durchgestanden haben. Bei uns waren es der Mobility Hub und der Climate KIC. Mein zweiter Tipp ist es, die ersten Mitarbeiter immer nach Attitude einzustellen. Mobility und Climate Tech leben meist vom Nutzer und damit muss jeder im Team den Nutzer verstehen. Und nummer drei: Die Skalierung ist immer top Priorität. Denn echten Impact haben eine Technologie, ein Produkt und eine Firma nur, wenn sie es schafft auch in der breiten Masse Anwendung zu finden.

Bildcredits @ ChargeX

Wir bedanken uns bei Michael Masnitza für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Wir müssen über Ungleichheit sprechen. Wer profitiert, wer verliert?

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: Rosa Lyon Journalistin des ORF Sie arbeitet als Reporterin, mitunter auch als Moderatorin, für Radio und Fernsehen und berichtet aus vielen Ländern dieser Welt, unter anderem aus Afghanistan, Pakistan und Syrien © Ingo Pertrama

Die reichsten 10 Prozent der Menschheit besitzen rund 85 Prozent des weltweiten Nettovermögens. Für die österreichische Journalistin Rosa Lyon ist das keine abstrakte Zahl: Sie sieht darin eine Gefahr für Demokratie und Wirtschaft. Im Interview mit herCAREER spricht sie über die Ungleichheit als eins der großen Themen unserer Zeit: warum sie unsere Zukunft bedroht, welche Rolle das ökonomische und das kulturelle Kapital spielen – und was Frauen am Anfang ihrer Karriere tun können, damit gar nicht erst ein Gender-Pay-Gap entsteht.

„Die Gesetze sind genauso menschengemacht wie die Ungleichheit.“

herCAREER: Frau Lyon, schon bevor Elon Musk zum ersten Billionär wurde, besaßen laut Global Wealth Report die reichsten 10 Prozent der Menschheit rund 85 Prozent des weltweiten Nettofinanzvermögens. Sie finden das gefährlich, warum?

Rosa Lyon: Dass manche sehr reich sind, ist nicht gefährlich. Aber manche Ungleichheiten gefährden unser Wirtschaftssystem und unsere Demokratie. Denn unsere Gesellschaft fußt auf der Idee, dass Anstrengung plus Talent zum Erfolg führen. Doch immer weniger kommt es auf die eigene Leistung an, viel häufiger auf die Leistung der Vorfahren, also das Erbe, und darauf, in welche Familie, welches Land, welchen Kontinent man hineingeboren wurde. Dass das Leistungsversprechen nicht hält, wirkt sich auf die Motivation der meisten Menschen aus. Und das wird zu einem Problem für die Wirtschaft. Damit die gut funktioniert, sollten wir möglichst alle Talente bestmöglich nutzen, alles andere ist Energieverschwendung. Gewisse krasse Ungleichheiten führen auch zu Problemen mit der Demokratie.

herCAREER: Inwiefern?

Rosa Lyon: Wenn nicht mehr „ein Mensch eine Stimme“ gilt, sondern „ein Euro oder ein Dollar eine Stimme“, dann gibt es ein Problem.

herCAREER: Womit wir wieder bei Elon Musk als Beispiel wären, der sich mit Twitter, heute X, mal eben ein soziales Medium gekauft hat und auch so weltweit Politik beeinflusst.

Rosa Lyon: Das funktioniert nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Wenn ich die Telefonnummer vom Bürgermeister habe und regelmäßig mit ihm zur Jagd gehe, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich auf die politische Entwicklung im Ort anders Einfluss nehmen kann als jemand, der diese Möglichkeit nicht hat. Lobbyismus von Unternehmen ist die institutionalisierte Form dieses Zugangs.

herCAREER: Wenn es um die Vermögensverteilung geht, gehören Deutschland und Ihre Heimat Österreich zu den ungleichsten Ländern in Europa. Sie hinterfragen dennoch, dass Ungleichheit automatisch ungerecht ist. Bitte erklären Sie.

Rosa Lyon: Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind keineswegs immer deckungsgleich. Ungleichheit bedeutet ja erst mal nur, dass zwei Dinge nicht gleich sind. Und selbst wenn manche mehr haben als andere, heißt das nicht automatisch, dass das ungerecht ist. Ich finde es wichtig, nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass Ungleichheit schlecht ist, sie kann total gut sein.

herCAREER: Im Sinn von Vielfalt?

Rosa Lyon: Wir alle haben unterschiedliche Talente, Bedürfnisse, Wünsche. Daher ergibt es auch Sinn, dass wir unterschiedliche Dinge tun und unterschiedlich viel verdienen. Die Frage ist: Wo ist Ungleichheit nicht gut? Und warum ist sie hier nicht gut? Und wie kann man das ändern? Kinderarmut in reichen Ländern ist so ein Fall. Dass es in Ländern wie Österreich, der Schweiz oder Deutschland Kinder gibt, die in Armut aufwachsen, ist eine Schande. Und zwar nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich. Das ließe sich sehr leicht ändern, würde nicht viel kosten. Es ist absurd, aber es wird trotzdem nicht gelöst.

herCAREER: Mithilfe des Films „Pretty Woman“ zeigen Sie in Ihrem Buch „Mehr als Geld“, was der Soziologe Pierre Bourdieu als die verschiedenen Formen von Kapital beschreibt: ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch. Warum reicht ein Blick aufs Konto nicht aus, um zu verstehen, wo jemand steht?

Rosa Lyon: Ungleichheit ist weit mehr als nur Geld. Das ist nicht zufällig der Titel meines Buchs. Es gibt eben auch soziales, symbolisches und kulturelles Kapital. Zu wissen, wie man sich bei Tisch oder in der Oper benimmt, die richtigen Telefonnummern und Kontakte – das eröffnet Möglichkeiten, die anderen Menschen fehlen. Manches lässt sich konvertieren, aber nicht alles. Wenn Sie so wollen: Das ist der Unterschied zwischen altem Geld und Neureichen.

herCAREER: Sie schreiben, dass staatliche Ausgaben, die als sozial gelten, Ungleichheit sogar vermehren können.

Rosa Lyon: Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist ein Beispiel. Wir gehen immer davon aus, dass es sich um eine soziale Maßnahme handelt. Aber so einfach ist es nicht. Menschen, die es sich leisten können, bauen Häuser, viele im Umland von Städten. Wenn diese Gebiete dann ans Verkehrsnetz angeschlossen werden, wertet es die Immobilien auf. Das Gleiche gilt für eine Wohnung in der Stadt, in der eine neue U-Bahn-Linie entsteht. Von aufgewerteten Immobilien profitieren wohlhabende Menschen.

herCAREER: Gerade werden Kürzungen beim Sozialstaat geplant, weil der zu teuer sei. Sie stellen fest, dass Geld oft in die andere Richtung umverteilt wird: von unten nach oben. Was ist der größte Denkfehler, den Menschen über Umverteilung machen?

Rosa Lyon: Dass Umverteilung und Sozialstaat gleichbedeutend sind. Tatsächlich wird ständig umverteilt und sehr oft von unten nach oben. Beispielsweise finanzieren wir alle mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs die Immobilienwertsteigerungen reicher Menschen. Oder die Bankenrettungen in der Finanzkrise. Alle haben das Geld von einigen wenigen gerettet. Oder die Unterstützung von Unternehmen in der Pandemie. Das waren große Umverteilungen von unten nach oben.

herCAREER: Die eigenen Privilegien zu hinterfragen, ist nicht leicht. Viele arbeiten hart und sind überzeugt, dass sie ihren Wohlstand selbst verdient haben. Wie kann man da das Bewusstsein für ungleiche Voraussetzungen schärfen, damit Solidarität möglich wird?

Rosa Lyon: Wir müssen häufiger darüber sprechen und brauchen eine Debatte über Ungleichheit, in der es nicht nur um den Sozialstaat geht oder nur um Vermögensbesteuerung, sondern um alles. Bei jedem Gesetz, das beschlossen wird, muss mitgedacht werden: Was bedeutet das für wen? Wer profitiert, wer verliert?

herCAREER: Die Grundsicherung liegt in Deutschland für alleinstehende Erwachsene bei 563 Euro, bei Bedarf plus Wohngeld.

Rosa Lyon: Alle sollten mal versuchen, einen Monat mit dem Geld auszukommen. Es lohnt sich, das auszuprobieren. Ich empfehle auch allen Abgeordneten, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, weil man so zumindest ein bisschen Kontakt mit „normalen“ Menschen hat.

herCAREER: Das Versprechen der Leistungsgesellschaft war immer: „Wer hart arbeitet, schafft es.“ Was bedeutet es, wenn das nicht mehr gilt?

Rosa Lyon: Das ist eins der großen Themen der Zukunft. Erst habe ich es für ein Vorurteil gehalten, dass junge Menschen nicht mehr so viel arbeiten wollen wie wir, aber im Alltag erlebe ich, sie achten wirklich sehr auf ihre Work-Life-Balance. Das finde ich toll. Aber wenn wir weiterhin im Kapitalismus leben wollen, sollten wir zusehen, dass wir etwas ändern. Ich halte ihn immer noch für die beste Wirtschaftsform.

herCAREER: Was muss dafür passieren?

Rosa Lyon: Die ÖVP, die Österreichische Volkspartei, hat vor vielen Jahren den Slogan: „Leistung muss sich wieder lohnen“ im Wahlkampf genutzt. Ich will keine Wahlempfehlung abgeben, daher bin ich mit diesem Satz vorsichtig. Aber den Gedanken finde ich total richtig.

herCAREER: Genau diesen Slogan haben CDU und CSU bei uns auch propagiert. Aber er wird auch herangezogen, um Sozialleistungen gering zu halten, damit es sich für Geringverdiener:innen lohnt zu arbeiten. Was braucht es denn, damit sich Leistung für weite Teile der Menschen lohnt?

Rosa Lyon: Es gibt unterschiedliche Stellschrauben. Von der Besteuerung von Löhnen und Gehältern über eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie bis dahin, Karrierewege durchlässiger zu machen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Es gibt auch so viel Potenzial, das nicht wahrgenommen wird. Soziale Mobilität nützt nicht nur den Betroffenen, sie nützt der Wirtschaft. Es würde viel bewegen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder aus weniger gebildeten Schichten bessere Chancen bekämen.

herCAREER: Sie zitieren eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien, wonach Männer nach zehn Jahren Karriere fast 27 Prozent mehr Einkommen haben als Frauen, trotz gleicher Startbedingungen. Was passiert in diesen zehn Jahren?

Rosa Lyon: Es fängt ungleich an und entwickelt sich ungleich weiter. Schon das Einstiegsgehalt ist bei Männern in der Regel deutlich höher und bei jeder Gehaltserhöhung setzt sich das fort. Betreuungszeiten sind bei dieser Studie übrigens berücksichtigt und herausgerechnet.

herCAREER: Die herCAREER Expo ist eine Messe für Frauen*. Was raten Sie einer Frau, die am Anfang ihrer Karriere steht, damit dieser Einkommens-Gap gar nicht erst entsteht?

Rosa Lyon: Sich möglichst viel Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zuzulegen. Mich hat das oft Mühe gekostet. Meine Karriere war alles andere als geradlinig. Ich wollte erst Opernsängerin werden, habe dann Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft studiert, dann bin ich zum Radio gegangen, war zwischendrin Nachrichtenmoderatorin und bin jetzt Korrespondentin für den Iran und die Türkei. Was ich also raten kann, ist Vertrauen in sich selbst aufzubauen, dass man wendig genug ist, allen möglichen Situationen gewachsen zu sein.

herCAREER: Und wie ist Ihnen das gelungen?

Rosa Lyon: Es hilft, sich mindestens in einer Sache richtig gut auszukennen. Mittlerweile ist es bei mir zum Glück mehr als nur eine Sache. Und es ist gut, sich Unterstützung zu suchen, zum Beispiel eine Mentorin oder einen Mentor.

herCAREER: Warum ist es gerade für Frauen wichtig, nicht nur ans Einkommen zu denken, sondern auch an einen möglichen Vermögensaufbau?

Rosa Lyon: Frauen lassen sich oft immer noch gesellschaftlich dazu drängen, sich wirtschaftlich abhängig zu machen, vor allem, sobald sie Kinder bekommen. Vermögensaufbau ist allerdings in Österreich und Deutschland kaum nötig.

herCAREER: Wirklich?

Rosa Lyon: Ja, der Sozialstaat sichert noch immer die großen Risiken des Lebens ab, sodass die Situation bei uns anders ist als zum Beispiel in den USA oder auch anderen europäischen Ländern. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht zu viele Menschen gibt, die in Armut leben – auch in reichen Ländern –, vor allem Frauen und Kinder. Dass es bei uns eine Grundabsicherung gibt, sehe ich auch, aber der Sozialstaat ist schon unter Druck.

Es wird enger, eindeutig.

herCAREER: In Deutschland wird manchmal über die Vermögenssteuer diskutiert. Wenn man die Abwehr der konservativen Kräfte hört, klingt das fast so, als sollte der Sozialismus eingeführt werden. Dabei gab es die Steuer bis 1997 und sie ist jetzt nur ausgesetzt. Müssen wir da auch fragen, wem nutzt es?

Rosa Lyon: In den USA gab es mal eine Vermögensbesteuerung von 70 Prozent. In Österreich ist sie komplett abgeschafft worden, und ich glaube nicht, dass sie so bald wieder eingeführt wird, weil es ähnliche ideologische Überzeugungen wie in Deutschland gibt. Aber ich denke, langfristig ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert.

herCAREER: Die Millionenerbin Marlene Engelhorn hat mit der Bewegung taxmenow Steuergerechtigkeit gefordert, weil auch sie die extreme Vermögenskonzentration für gefährlich hält. Dagegen sind Elon Musk und PayPal-Gründer Peter Thiel überzeugt, jeder Dollar ist ihr ureigener Verdienst und jede Steuer eine ungerechtfertigte Umverteilung. Haben Sie Hoffnung, dass der immense Einfluss der Tech-Bros und ihrer Konzerne aufhaltbar ist?

Rosa Lyon: Das ist, was ich eingangs mit der Gefahr für die Demokratie meinte. Letztendlich ist es eine Gesetzesfrage. Die Gesetze sind genauso menschengemacht wie die Ungleichheit. Um das zu ändern, müssen wir anders wählen, brauchen eine aktive Zivilgesellschaft und eine lebendige Debatte. Wenn wir darüber reden, wer profitiert wovon, wo gibt es Ungleichheiten, die unserer Gesellschaft Probleme machen, und wie kann man die beseitigen – wäre viel gewonnen.

herCAREER: Was war der größte Augenöffner für Sie bei den Recherchen?

Rosa Lyon: Die Verbildlichung von Vermögensunterschieden in den USA. Der Münchner Soziologe Fabian Pfeffer, der zu sozialer Ungleichheit forscht, macht die Unterschiede mithilfe von Türmen aus Ein-Dollar-Münzen sichtbar (Anm. d. Red.: Hier gibt es die Animation https://youtu.be/PAHYCiiXQlQ). So eine Münze ist zwei Millimeter dick. Wer in den USA ein Vermögen von einem Dollar hat, hätte einen zwei Millimeter hohen Turm – und hat damit mehr als die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung, denn von denen sind viele verschuldet. 2025 wäre der Stapel von Elon Musk rund 867 800 Kilometer hoch gewesen, fast zweimal zum Mond und zurück, und seitdem hat sich sein Vermögen mehr als verdoppelt. Das ist astronomische Ungleichheit.

Das Gespräch führte die freie herCAREER-Redakteurin Silvi Feist.

Rosa Lyon wird am 23. Oktober 2026 beim Authors-MeetUp live Fragen zum Thema soziale Ungleichheit und zu ihrem Buch „Mehr als Geld. Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht“ beantworten.

Bild: Rosa Lyon Journalistin des ORF Sie arbeitet als Reporterin, mitunter auch als Moderatorin, für Radio und Fernsehen und berichtet aus vielen Ländern dieser Welt, unter anderem aus Afghanistan, Pakistan und Syrien © Ingo Pertrama

Quelle mess.rocks GmbH

Rivativ: Wie ein Fintech das Options-Overlay für ETF-Anleger automatisiert

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Rivativ: Optionen für Privatanleger automatisiert team bild

Rivativ will Privatanlegern den Zugang zu Optionen erleichtern und institutionelle Optionsstrategien für den langfristigen Vermögensaufbau zugänglich machen.

Können Sie Rivativ kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee für ein automatisiertes Options Overlay auf ETF Portfolios entstanden ist?

Rivativ gibt Privatanlegern Zugang zu Finanzprodukten, die bisher fast ausschließlich institutionellen Investoren vorbehalten waren: systematische Optionsstrategien. Die Idee kam mir während meiner Zeit im Hedgefonds, wo ich unter anderem auch Optionen gehandelt habe. Ich habe mich damals gefragt, warum eigentlich nur Profis diese Strategien nutzen. Die Antwort ist simpel: Optionen sind komplex, erfordern Sicherheiten und sind operativ aufwendig. Genau da setzen wir an. Bei Rivativ legen wir ein vollautomatisiertes Options-Layer auf das bestehende Portfolio des Anlegers. So profitiert er von einer Zusatzrendite von historisch rund 3% pro Jahr, ohne die Mechanik dahinter selbst bis ins kleinste Detail durchdringen und täglich sein Portfolio prüfen bzw. Trades erfassen zu müssen. In unserer finalen Produktversion wollen wir es Anlegern so einfach machen, in eine systematische Optionsstrategie zu investieren, wie einen ETF zu kaufen.

Wer steht hinter Rivativ, und wie fließen Ihre Erfahrungen aus Hedgefonds, Investment Banking, Private Equity und Beratung in das Unternehmen ein?

Wir sind drei Gründer. Theo kümmert sich um alles Technische sowie die KI-Komponente als Teil unseres Produktes. Jan und ich kommen beide aus der Finanzwelt mit Stationen u.a. bei führenden Beratungen, Banken und Hedgefonds, wo wir über die Jahre ein großes Netzwerk aufgebaut haben, das in der Frühphase eines FinTechs Gold wert ist. Potenzielle Investoren und erste Kunden aus dem Family-Office- und Asset-Management-Umfeld kennen wir bereits. Diese Kombination aus praktischer Handelserfahrung, Netzwerk und technischer Expertise ist das, was uns als Team ausmacht.

Welche Vision verfolgen Sie mit Rivativ, und welche Rolle möchten Sie künftig im Wealth Management spielen?

Ich glaube, dass Optionen das nächste große Ding in der Geldanlage werden, so wie es ETFs vor zwanzig Jahren waren. Ich erinnere mich noch, dass damals fast nur institutionelle Investoren Zugang zu ETFs hatten; heute nutzt sie praktisch jeder. Ein Beispiel verdeutlicht das Potenzial eines Options-Overlays: Wer mit 18 Jahren einmalig 10.000 Euro in einen ETF investiert, erreicht bei einer unterstellten langfristigen Rendite von 10% pro Jahr nach 40 Jahren rund 450.000 Euro. Das ist schon ziemlich gut. Hätte dieselbe Person zusätzlich unser Options-Overlay genutzt und neben der ETF-Rendite eine Zusatzrendite von 3% pro Jahr erzielt, läge der Portfoliowert nach 40 Jahren durch den Zinseszinseffekt bei circa 1,3 Millionen Euro.

An welche Anleger richtet sich Ihr Angebot, und welches konkrete Problem möchten Sie für diese Zielgruppe lösen?

Im ersten Schritt richtet sich unser Produkt an Anleger, die bereits Erfahrung mit Optionen haben. Für sie bieten wir Marktanalysen und aufbereitete Modellportfolios, die ihnen als Orientierung für ihre eigenen Entscheidungen dienen. Nach erfolgreicher Lizenzierung durch die Finanzaufsicht werden wir unser Produkt dem Massenmarkt anbieten und das vollautomatisierte Options-Overlay direkt für die Kunden ausführen. So können dann auch Anleger, die bisher keine Berührungspunkte mit Optionen hatten, von deren Potenzial profitieren.

Rivativ kombiniert bestehende ETF Portfolios mit einer automatisierten Optionsstrategie. Wie funktioniert dieses Zusammenspiel grundsätzlich?

Ich erkläre es gerne so: Dein ETF-Portfolio ist das Fundament. Darüber legen wir lediglich ein zweites Layer, das Options-Overlay. Es läuft ganz von allein im Hintergrund und generiert zusätzliche Erträge, während dein Fundament (dein bestehendes Portfolio) unverändert bleibt und als Sicherheit für die Optionspositionen dient. Das Overlay handelt dabei vollautomatisch nach klaren Regeln, die wir vordefiniert haben. Der Kunde muss sich also nicht selbst in die Materie eindenken, sondern das Layer agiert autonom im Hintergrund.

Sie sehen in Ihrem Ansatz einen möglichen Beitrag zur Rentenlücke. Welches Potenzial bietet die Strategie für den langfristigen Vermögensaufbau?

Die Rentenlücke ist real und wird sich mit klassischen Sparplänen allein nicht schließen lassen. Was wir anbieten, ist kein Wundermittel, das den Portfoliowert von heute auf morgen vervielfacht. Bei ausreichend langem Horizont sind aber rund 3% zusätzliche Rendite pro Jahr durch unser Options-Overlay durchaus sehr attraktiv. Über 40 Jahre verdreifacht sich so wie zuvor ausgeführt der Portfoliowert im Vergleich zu einem herkömmlichen ETF.

Optionsstrategien gelten für viele Privatanleger als komplex. Wie wollen Sie diese verständlich und zugänglich machen, ohne die damit verbundenen Risiken aus dem Blick zu verlieren?

Das stimmt. Optionen sind für viele Privatinvestoren aufgrund der hohen Komplexität nur bedingt zugänglich. Was unser Set-up so spannend macht, ist, dass wir all die technischen Herausforderungen, die beim Optionstrading bestehen, für den Kunden managen, er muss sie also nicht bis ins letzte Detail verstehen. Unser System handelt regelbasiert und vollautomatisch, und wir erklären offen, was es wann tut und warum. Risiken kommunizieren wir aktiv und klar, weil wir langfristig auf Vertrauen setzen und nicht auf schnelle Abschlüsse. Wichtig ist mir zu betonen, dass wir niemandem empfehlen Optionen ohne ein gewisses Grundverständnis ins Portfolio aufzunehmen.

Was macht Rivativ aus Ihrer Sicht besonders gegenüber bestehenden Investmentlösungen auf dem deutschen Markt?

Ein mit unserem vergleichbares Produkt gibt es in Deutschland schlicht nicht. Als Privatanleger hattest du bisher drei Möglichkeiten:

  1. stundenlang selbst lernen, wie Optionen funktionieren, bevor du sie überhaupt handeln kannst (neben dem Beruf oft kaum machbar).
  2. einen Covered-Call-ETF wählen, der aber kein Overlay auf dein bestehendes Portfolio erlaubt, sondern voraussetzt, dass dein Vermögen in diesem ETF gebündelt ist; zudem lässt sich die Strategie dort kaum individuell beeinflussen.
  3. oder – und das ist die Realität für viele Privatanleger – ganz darauf verzichten, weil dir aus den genannten Gründen bisher schlicht der Zugang fehlt.

Wir bieten als einziger Anbieter eine vierte Alternative: institutionelle Optionsstrategien als Overlay auf das bestehende Portfolio, aufbereitet für Privatanleger. Was mich dabei antreibt: Wir stehen erst am Anfang von etwas ganz Großem… etwas, das so groß werden kann wie die ETF-Revolution vor zwanzig Jahren.

Viele Anlagestrategien waren lange institutionellen Investoren vorbehalten. Warum ist aus Ihrer Sicht jetzt der richtige Zeitpunkt, solche Ansätze stärker für Privatanleger zu öffnen?

Drei Dinge kommen gerade zusammen:

  1. Das regulatorische Umfeld in Europa ist deutlich zugänglicher geworden als noch vor einigen Jahren.
  2. Die Technologie: Automatisiertes Trading ist für ein kleines Team überhaupt erst heute möglich.
  3. Und die Nachfrage ist da: eine ganze Generation von Anlegern, die ETFs längst als Standard sieht und jetzt nach dem nächsten Schritt sucht. Das zeigt sich zum Beispiel auch im Private-Equity-Umfeld, das sich bei Retail-Anlegern wachsender Beliebtheit erfreut. Entsprechende Produkte werden inzwischen sogar auf Plattformen wie Trade Republic angeboten.

Welche Herausforderungen bringt die Entwicklung eines automatisierten Finanzprodukts mit sich, insbesondere mit Blick auf Regulierung, Vertrauen und Transparenz?

Was in vielen anderen Bereichen für Start-ups funktioniert und was ich Gründern auch explizit raten würde, nämlich mithilfe von KI schnell einen Prototyp zu entwickeln und zu testen, wie der Markt reagiert, funktioniert im Finanzbereich so nicht. Die Regulatorik lässt das nicht zu. Die größte Herausforderung ist deshalb, Regulierung von Anfang an mitzudenken. Das kostet Zeit und Geld, schützt aber die Kunden und schafft das Vertrauen, das in dieser Branche notwendig ist. Und Vertrauen entsteht vor allem durch Transparenz. Deshalb legen wir offen, nach welchen Regeln unser System handelt und was es wann tut.

Wo soll Rivativ in den kommenden Jahren stehen, und welche weiteren Entwicklungen planen Sie für Ihr Angebot?

Wir haben in den letzten Monaten gezeigt, dass unser Produkt überzeugt. Jetzt geht es darum, das zu skalieren. Der nächste große Schritt ist unser geplantes Fundraising für Ende 2026 / Anfang 2027. Mit dem Kapital werden wir die Kommerzialisierung vorantreiben und den Grundstein für die regulatorische Zulassung legen, die uns erlaubt, das vollautomatisierte Overlay direkt für die Kunden auszuführen. Langfristig soll Rivativ die Infrastruktur für optionsbasiertes Investieren in Europa werden: für Privatanleger und als White-Label-Lösung für Asset Manager und Banken. In vier Jahren soll Rivativ der Name sein, der fällt, wenn jemand in Deutschland oder Europa über Optionsstrategien für Privatanleger spricht.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit einer neuen Idee in den stark regulierten FinTech Markt einsteigen möchten?

Der FinTech-Markt ist speziell. Während Investoren bei klassischer Software oder KI oft schon nach kurzer Zeit erste Umsätze erwarten, ist im FinTech-Bereich entscheidend die richtigen Akteure zu kennen, sie zusammenzubringen und gemeinsam eine Lösung für ein bestehendes Problem zu entwickeln. In unserem Fall sind das Menschen mit mehrjähriger Branchenerfahrung, Anwälte, Personen mit BaFin- und Regulatorik-Erfahrung und natürlich Investoren. Insofern würde ich angehenden Fintech-Gründern empfehlen sich früh ein Netzwerk aufzubauen, regulatorische Themen zu validieren und Feedback von Kunden einzuholen.

Bildcredits privat

Wir bedanken uns bei Manuel Nuber für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Wenn wichtige Menschen verstummen: Was Ghosting mit Gründern macht

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Ghosting im Business: Selbstführung für Gründer Clemens Ressel Bildcredits/Fotograf: Fotostudio Wetzikon Yannik Scrugli

Ghosting ist nicht nur ein Dating-Phänomen. Auch Gründerinnen und Gründer erleben es: bei Kunden, Investoren, Geschäftspartnern und manchmal im engsten persönlichen Umfeld. Was dann hilft, ist keine weitere Nachricht. Sondern Selbstführung.

Es gibt Erfahrungen, auf die dich kein Businessplan vorbereitet.

Du kannst deine Idee bis ins Detail durchdacht haben. Du kannst voller Energie sein, ein Team aufbauen, Kundengespräche führen, Verantwortung tragen. Du kannst überzeugt sein, dass deine Vision einen Unterschied macht.

Und dann verstummt ein wichtiger Mensch.

Keine Erklärung. Keine ehrliche Auseinandersetzung. Und keine klare Aussage. Nachrichten bleiben unbeantwortet, Absprachen verlieren ihre Verbindlichkeit, Nähe wird durch Funkstille ersetzt.

Das nennen wir Ghosting.

Meist verbinden wir es mit Dating. Doch Ghosting findet längst auch im beruflichen Alltag statt: Ein Investor zeigt Interesse und meldet sich nie wieder. Ein potenzieller Kunde verspricht einen Rückruf und verschwindet. Ein Partner spricht über gemeinsame Ziele, zieht sich dann aber zurück, sobald es verbindlich wird.

Besonders schwer wird es, wenn diese Funkstille aus dem engsten Umfeld kommt. Wenn Menschen, die Teil der eigenen Geschichte, Familie oder Zukunft waren, emotional nicht mehr erreichbar sind. Dann trifft es nicht nur den Menschen privat. Es trifft auch die Kraft, mit der er morgens aufsteht und weiterbaut.

Die Stille erzeugt Fragen

Ghosting hinterlässt selten eine sachliche Lücke. Es hinterlässt einen inneren Raum voller Fragen.

Habe ich etwas falsch gemacht?
War ich zu viel? Zu direkt? Zu fordernd?
Hätte ich anders handeln müssen?

Diese Fragen sind verständlich. Doch sie können zerstörerisch werden, wenn wir sie zum Dauerzustand machen.

Denn Schweigen ist nicht automatisch ein Urteil über unseren Wert. Es sagt oft mehr darüber aus, wie der andere Mensch mit Konflikten, Überforderung oder Verantwortung umgeht, als über den Menschen, der zurückbleibt.

Das macht die Erfahrung nicht harmlos. Aber es verändert den Blick darauf.

Wer geghostet wird, hat ein Recht auf Verletzung. Auf Traurigkeit. Auch auf Wut. Was er nicht tun sollte: seinen Selbstwert an eine Antwort koppeln, die vielleicht niemals kommt.

Gründer brauchen eine andere Form von Stärke

Im Start-up-Kontext reden wir häufig über Resilienz. Das Wort ist inzwischen fast ein Pflichtbegriff. Doch echte Resilienz zeigt sich nicht auf einer Bühne und nicht in einem LinkedIn-Post.

Sie zeigt sich an den Tagen, an denen keine Antwort kommt.

Dann, wenn man merkt: Ich kann Kommunikation anbieten, aber nicht erzwingen. Ich kann Klarheit wünschen, aber nicht verlangen. Ich kann andere nicht dazu bringen, die Verantwortung zu übernehmen, die ich mir von ihnen wünschen würde.

Eine meiner wichtigsten geistigen Lehrerinnen, Vera F. Birkenbihl, brachte diese Haltung in einem einfachen Satz auf den Punkt:

„Es ist, wie es ist.“

Das ist keine Kapitulation. Es ist Realitätssinn.

Es ist, wie es ist, ist nicht, wie es fair wäre. Nicht, wie ich es mir vorgestellt habe. Nicht, wie ein erwachsener Mensch möglicherweise handeln sollte.

Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung. Sie bedeutet, aufzuhören, die eigene Energie gegen eine Tatsache einzusetzen, die sich im Moment nicht ändern lässt.

Und genau dort beginnt Selbstführung.

Aus der Funkstille zurück in die Handlung

Wer ein Unternehmen aufbaut, weiß: Energie ist eine begrenzte Ressource. Jede Stunde Grübeln fehlt bei Kunden, Produkt, Team oder Familie. Das bedeutet nicht, Gefühle wegzudrücken. Es bedeutet, ihnen einen Platz zu geben, aber nicht die Führung.

Drei Fragen helfen, aus der Ohnmacht zurück in die Bewegung zu kommen:

  1. Was liegt wirklich in meiner Verantwortung?
    Nicht das Verhalten anderer. Aber die eigene Klarheit, die eigene Haltung und die nächsten Schritte.
  2. Was brauche ich, um handlungsfähig zu bleiben?
    Ein Gespräch mit einer Vertrauensperson, Sport, Abstand, professionelle Begleitung oder schlicht eine Nacht Schlaf. Stärke beginnt oft mit Selbstfürsorge.
  3. Welche Kultur will ich selbst vorleben?
    Gerade Gründer prägen ihre Unternehmen. Wer Respekt, Verbindlichkeit und klare Kommunikation erwartet, muss sie selbst auch dann praktizieren, wenn Gespräche unbequem werden.

Kommunikation ist Führung

Nicht jede Beziehung muss fortgesetzt werden. Nicht jedes Projekt passt. Und nicht jede Partnerschaft trägt.

Aber Menschen verdienen Klarheit.

Ein „Ich brauche Abstand“ ist besser als eine offene Schleife. Ein „Ich kann das nicht weiterführen“ ist ehrlicher als monatelange Unverbindlichkeit. Ein respektvolles Nein ist reifer als vollständiges Abtauchen.

Das gilt im Privaten genauso wie im Business.

Eine gesunde Gründerkultur entsteht nicht nur durch Vision, Geschwindigkeit und Technologie. Sie entsteht durch die Art, wie wir mit Menschen umgehen, wenn es schwierig wird. Durch die Bereitschaft, Verantwortung nicht einfach im Schweigen verschwinden zu lassen.

Der Phoenix-Moment

Vielleicht besteht der eigentliche Phoenix-Moment nicht darin, niemals zu fallen.

Vielleicht besteht er darin, nach einem emotionalen Rückschlag nicht bitter zu werden.

Nicht jede Antwort wird kommen. Nicht jeder Mensch wird bleiben. Und nicht jede Verbindung lässt sich retten.

Aber die eigene Haltung bleibt eine Entscheidung.

Wer geghostet wird, darf traurig sein. Er darf sich zurückziehen, sortieren, Grenzen ziehen. Und dann darf er weitergehen: klarer, bewusster und mit dem Wissen, dass sein Wert nicht davon abhängt, ob jemand anderes antwortet.

Es ist, wie es ist.

Und von dort aus beginnt die nächste Entscheidung.

Über den Autor

Clemens Ressel schreibt über Selbstführung, mentale Stärke und die menschliche Seite des Unternehmertums. Seine Perspektive verbindet persönliche Erfahrung mit dem Anspruch, auch in Krisen handlungsfähig zu bleiben.

Bildcredits/Fotograf: Fotostudio Wetzikon Yannik Scrugli

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Aus ECR Tag wird ECR iN MOTiON: Neue B2B-Convention feiert Premiere in Bonn

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Anna-Katharina Kraus, Commercial Director Advanced Solutions & Business Development, YouGov Shopper ECR iN MOTiON: Neue B2B-Convention für den Handel in Bonn

Aus ECR Tag wird ECR iN MOTiON: Neue B2B-Convention feiert Premiere in Bonn

ECR iN MOTiON feiert Premiere am 16. und 17. September in Bonn. Aus dem ECR Tag wird nach fast drei Jahrzehnten eine neue B2B-Convention: Am 16. und 17. September treffen sich Industrie, Handel und Dienstleister im World Conference Center Bonn – mit Top-Keynotes, neuen Formaten und vielfältigen Möglichkeiten für Medienvertreter:innen.

Köln/Bonn, 11. August 2026. Der ECR Tag war viele Jahre einer der zentralen Treffpunkte der Konsumgüterwirtschaft. Nun kommt auch die Veranstaltung selbst in Bewegung: Unter dem Namen ECR iN MOTiON entwickelt GS1 Germany das etablierte Branchenevent grundlegend weiter. Es steht zugleich für Evolution und den Beginn einer neuen Ära – mit mehr Interaktion, mehr Praxiswissen und mehr Bewegung zwischen Themen, Formaten und Communitys.

Unter dem Leitgedanken „Collaboration for Shopper Value“ bringt ECR iN MOTiON am 16. und 17. September 2026 im World Conference Center Bonn Entscheider:innen und Expert:innen aus Industrie, Handel und Dienstleistung zusammen. Der Wesenskern kommt durch das neue Konzept mehr zum Tragen: von der Community für die Community.

Top-Keynotes mit Perspektiven auf Veränderungen

„Die Zukunft ist menschlich“, sagt Dominic von Proeck, Co-Founder von Leaders of AI. In seiner Keynote „Wie KI-Agenten Organisationen grundlegend verändern“ erklärt er, was damit gemeint ist. KI-Agenten automatisieren nicht mehr nur einzelne Aufgaben. Sie beeinflussen zunehmend Prozesse, Verantwortlichkeiten, Entscheidungen und die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Technologien. Der Vortrag richtet den Blick darauf, wie sich hybride Organisationen auf diese tiefgreifende Veränderung durch künstliche Intelligenz vorbereiten können.

Dass der Handel unverzichtbar ist, der Erfolg einzelner Handelsunternehmen jedoch keineswegs selbstverständlich, verdeutlicht Christoph Werner, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm-drogerie markt. Unter dem Titel „Retailing is essential, retailers are not“ geht er der Frage nach, was Unternehmen in einer von Unsicherheit und Veränderung geprägten Welt dauerhaft relevant macht – und welche Rolle Nähe zu den Menschen, Haltung sowie konsequente Kundenorientierung dabei spielen.

Eine Transformation ganz anderer Art hat Stefan Löcher, Geschäftsführer der Lanxess Arena, erlebt und gestaltet

In „Von der Krise zum Publikumsmagneten“ zeichnet er den Weg von schwierigen Anfangsjahren zu einer der erfolgreichsten Veranstaltungsarenen der Welt nach. Seine Geschichte zeigt, was sich mit Ausdauer, Veränderungsbereitschaft und einem starken gemeinsamen Ziel bewegen lässt und welche Erkenntnisse Unternehmen daraus für die eigene Entwicklung ableiten können.

Ob Unternehmen tatsächlich bereit für die Zukunft sind, fragt Paul Vetter, General Manager Henkel Consumer Brand, in seiner Keynote „Future? Ready! – Ready together“. Bereits der Titel gibt eine entscheidende Richtung vor: Zukunftsfähigkeit entsteht nicht im Alleingang. Sie braucht Zusammenarbeit, gemeinsame Verantwortung und die Bereitschaft, Wissen und Erfahrungen über Unternehmens- und Communitygrenzen hinweg zu teilen.

Den zweiten Veranstaltungstag eröffnet die Bestsellerautorin Prof. Dr. Maren Urner mit „Radikal hoffnungsvoll: Denn unser Gehirn gibt niemals auf“. Die Neurowissenschaftlerin der Fachhochschule Münster zeigt, warum Hoffnung weit mehr ist als positiver Zweckoptimismus. Sie kann Menschen dazu befähigen, den dauerhaften Krisenmodus zu verlassen, Lösungen wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und Veränderung aktiv zu gestalten. Richtig eingesetzt versetzt sie unser Gehirn in einen legalen Rauschzustand.

Inspiration, Fachwissen und Begegnungen von Menschen

Die genannten Keynotes sind ein Auszug der vollständig neuen Veranstaltungsdramaturgie. Die Vorträge und Impulse der Speaker:innen bieten konkrete Best Practices, innovative Denkansätze und direkt umsetzbare Strategien.

Auf der MOTiON Stage geben Keynotes, Panels und frische Perspektiven individuelle Impulse für den nächsten Move. Die parallel bespielten MOTiON Studios schaffen Raum für Praxis, fachliche Tiefe und Wissenstransfer. In der MOTiON Hall treffen Inhalte und Menschen aufeinander – in kompakten Formaten. Thematisch reicht das Spektrum von KI und Automatisierung über Shopper Experience und Category Management bis zu Supply Chain, Resilienz, Datenqualität, Standards, Nachhaltigkeit und Innovation.

Mit „Inspire. Empower. Connect.“ kommt die Branche bei der zweitägigen B2B-Convention zusammen: Ungewöhnliche Aspekte regen zum Nachdenken an, greifbare Praxis-Insights gestaltender Unternehmen befähigen zum Handeln und verschiedene Begegnungsformate verbinden Menschen aus unterschiedlichen Communitys noch starker miteinander.

Dazu gehört auch Mut zum Experiment. Bei „Ooops! Beyond Mistakes“ stehen nicht nur Erfolge, sondern Fehler, Umwege und die daraus entstandenen Erkenntnisse im Mittelpunkt. „Auf einen Kaffee mit …“ ersetzt das klassische „Meet-the-Speaker-Format“ durch ein exklusives Gesprächsformat. Erstmals erhalten zudem Startups ihre eigene Bühne. Beim Live-Founders-Pitch vor Ort, im Innovation Panel und im unmittelbaren Miteinander treffen junge Ideen auf Erfahrung, konkrete Herausforderungen und potenzielle Partner aus der Konsumgüterwirtschaft. Sowohl dem Publikum als auch der Jury kommt eine tragende Rolle zu.

Bild Anna-Katharina Kraus, Commercial Director Advanced Solutions & Business Development, YouGov Shopper

Quelle GS1 Germany GmbH

ImmerRuf: KI-Telefonassistent für das Handwerk

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ImmerRuf: KI-Telefonassistent für das Handwerk yatin Arora Immerruf Founder

Wenn die Hände auf der Baustelle oder in der Werkstatt beschäftigt sind, bleibt das Telefon oft stumm – und potenzielle Kunden rufen beim Nächsten an. Gründer Yatin Arora erklärt im Gespräch, wie der KI-Telefonassistent ImmerRuf verpasste Anrufe abschafft, Termine direkt bucht und warum der Service bewusst ohne Selbstkonfigurator auskommt

Können Sie ImmerRuf kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?

ImmerRuf ist ein KI-Telefonassistent für Betriebe, die keinen Kunden mehr verlieren wollen. Er geht rund um die Uhr ans Telefon, nimmt den Anruf in natürlicher Sprache an, klärt das Anliegen und bucht den Termin direkt in den Kalender des Betriebs — tagsüber auf der Baustelle, abends nach Feierabend, nachts, am Wochenende und im Urlaub.

Die Idee kam nicht aus einer Marktanalyse. Bei uns im Haus war ein Handwerker bei der Arbeit. Sein Telefon klingelte, während er beide Hände im Einsatz hatte. Er sah kurz hin, ließ es klingeln und machte weiter. Wenig später passierte es noch einmal. Niemand hatte etwas falsch gemacht — er konnte einfach nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Hängen geblieben ist bei mir, was das in Summe bedeutet. Hinter jedem dieser Anrufe stand jemand, der ihn brauchte und danach die nächste Nummer gewählt hat. Er wird es nie erfahren, denn ein verpasster Anruf hinterlässt keine Spur. Und die Anrufe, die er zurückgab, gab er abends zurück, zu Hause, in der Zeit, die eigentlich seiner Familie gehörte.

Ich baue KI-Systeme, und an diesem Nachmittag war mir klar, was gebaut werden müsste: etwas, das abnimmt, während seine Hände beschäftigt sind, ein echtes Gespräch mit dem Anrufer führt und den Termin in seinen Kalender einträgt. Er behält den Auftrag, und er behält seinen Feierabend.

Wer steht hinter ImmerRuf, und welche Erfahrungen haben die Entwicklung Ihres KI-Telefonassistenten geprägt?

ImmerRuf wird von einem Zweierteam gemacht. Ich, Yatin Arora, bin Gründer und Entwickler. Sebastian Höhne verantwortet den Vertrieb und den direkten Draht zu den Betrieben.

Ich habe KI- und Agentensysteme für Banken und Versicherer gebaut, wo ein System zuverlässig sein und einer Prüfung standhalten muss. Deshalb war der Datenschutz bei ImmerRuf von Tag eins Teil des Systems und nicht etwas, das später ergänzt wurde.

Welche Vision verfolgen Sie mit ImmerRuf, und wie möchten Sie den Telefonservice kleiner und mittelständischer Betriebe langfristig verändern?

Unsere Mission ist, den verpassten Anruf abzuschaffen — zu einem Preis, den ein Betrieb ohne Nachdenken zahlt, und mit einer Einrichtung, für die der Betrieb selbst nichts tun muss.

Langfristig soll ein Betrieb gar nicht mehr darüber nachdenken müssen, ob gerade jemand ans Telefon gehen kann. Heute ist Erreichbarkeit etwas, das man sich leisten können muss: eine eigene Kraft im Büro oder ein externer Telefonservice. Wir wollen, dass sie zur Grundausstattung gehört — so selbstverständlich wie eine Website.

An welche Zielgruppen richtet sich ImmerRuf hauptsächlich, und welche Herausforderungen lösen Sie für diese Unternehmen?

Vor allem Handwerk aller Gewerke — Elektro, Sanitär und Heizung, Dach, Maler, Schreiner, Garten- und Landschaftsbau — dazu Kfz-Werkstätten, Gastgewerbe und lokale Dienstleister.

Das Muster ist überall dasselbe: Die Arbeit findet nicht am Schreibtisch statt. Wer auf dem Dach steht oder die Hände im Motor hat, kann nicht ans Telefon. Für den Betrieb löst ImmerRuf damit zwei Dinge gleichzeitig. Erstens den entgangenen Auftrag. Und zweitens einen ständigen Druck: Niemand muss mehr mit einem Ohr am Telefon arbeiten, das Gerät mit auf die Baustelle nehmen oder abends prüfen, wer angerufen hat. Man macht seine Arbeit fertig und findet danach Termine im Kalender statt entgangener Anfragen.

Viele kleine Betriebe verpassen Anrufe im Arbeitsalltag. Warum sehen Sie hier so großes Potenzial für den Einsatz von KI?

Weil der verpasste Anruf ein Problem ist, das sich nicht durch mehr Disziplin lösen lässt. Der Betrieb macht nichts falsch — es ist in dem Moment schlicht niemand frei.

Alles, was es bisher dagegen gab, hat entweder nicht funktioniert oder war zu teuer — genau deshalb gibt es das Problem überhaupt noch. Sprach-KI ist der erste Ansatz, der beides zusammenbringt: ein echtes Gespräch statt einer Bandansage, und trotzdem ein Preis, über den ein Betrieb nicht lange nachdenken muss. Dazu kommt, dass Telefon in diesen Branchen nicht der Nebenkanal ist, sondern der Hauptkanal. Ein Kunde mit einem kaputten Heizkessel füllt kein Kontaktformular aus.

Was macht ImmerRuf aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu klassischen Telefonservices oder anderen KI-Telefonassistenten?

Zwei Dinge.

Erstens: Wir richten alles selbst ein. Der Betrieb muss nichts konfigurieren. Ein Dachdecker will sich abends nicht auch noch durch Gesprächsabläufe klicken.

Zweitens: Der Assistent nimmt nicht nur Nachrichten auf. Er bucht Termine in jedem Tarif, ohne Aufpreis. Er beantwortet die Fragen, die ohnehin ständig kommen — Öffnungszeiten, Anfahrt, Leistungen, Ablauf. Und er kann dem Anrufer aktiv passende Leistungen des Betriebs vorschlagen, statt das Gespräch nur entgegenzunehmen. Aus einem verpassten Anruf wird so ein Termin im Kalender.

Gegenüber einem klassischen Telefonservice kommt dazu, dass der Assistent nicht nur zu Bürozeiten da ist. Ein Kunde, der um 22 Uhr anruft, bekommt seinen Termin — ohne dass jemand im Betrieb wach sein muss.

Sie übernehmen die komplette Einrichtung für Ihre Kunden. Warum haben Sie sich bewusst gegen einen klassischen Selbstkonfigurator entschieden?

Weil ein Konfigurator die Arbeit nur verschiebt. Er sieht im Vertrieb gut aus und liegt danach als Aufgabe bei jemandem, der abends um acht von der Baustelle kommt.

Das tragen wir lieber selbst. Wenn wir die Einrichtung übernehmen, ist das Produkt ab dem ersten Tag im Einsatz, statt ein Projekt zu sein, für das man erst einmal Zeit finden muss. Und der Aufwand liegt auf der Seite, die ihn besser stemmen kann: Wir kennen das System, der Betrieb kennt sein Handwerk.

Für uns hat das noch einen zweiten Effekt. Jede Einrichtung ist ein genauer Blick darauf, wie in einem Gewerk tatsächlich telefoniert wird — welche Fragen kommen, was ein Anrufer erwartet, wo ein Gespräch hakt. Genau das ist der Input, den wir brauchen, um das Produkt besser zu machen.

Der KI-Assistent kann Termine direkt buchen und Anrufe vorqualifizieren. Welche Vorteile ergeben sich dadurch für Betriebe und deren Kunden?

Für den Anrufer ist der Vorteil, dass sein Anliegen im selben Gespräch erledigt ist. Kein Rückruf, auf den er warten muss, keine Mailbox, kein zweiter Anlauf am nächsten Tag.

Für den Betrieb ändert sich die Art der Arbeit, die überhaupt liegen bleibt. Ohne Assistent besteht der Rückstand aus Rückrufen: eine Liste von Nummern, von denen einige nicht mehr abheben oder inzwischen woanders gebucht haben. Mit Assistent besteht er aus Terminen im Kalender und aus Anfragen, die bereits geklärt sind — worum es geht, wo es ist, wie dringend es ist.

Und die Vorqualifizierung sortiert auch aus. Nicht jeder Anruf ist ein Auftrag. Wenn das im Gespräch geklärt wird statt abends am Telefon, spart das genau die Zeit, die vorher niemand hatte.

Datenschutz spielt bei Telefon- und Kundendaten eine zentrale Rolle. Welche Bedeutung haben EU-Hosting und DSGVO-konforme Prozesse für ImmerRuf?

Für unsere Zielgruppe ist das kein Marketingpunkt, sondern die Voraussetzung dafür, ein solches System überhaupt ans Telefon zu lassen. Am Telefon landen Namen, Adressen und Terminwünsche echter Kunden — also genau die Daten, für die ein Betrieb geradesteht.

Deshalb behandeln wir Datenschutz als Teil des Produkts, nicht als Fußnote. ImmerRuf ist im Einklang mit der DSGVO, dem TDDDG und § 201 StGB aufgesetzt, und jede Frage, die ein Kunde dazu hat, beantworten wir ausführlich.

Sie haben ImmerRuf vollständig bootstrapped aufgebaut. Welche Herausforderungen mussten Sie dabei meistern, und welche Erkenntnisse nehmen Sie daraus mit?

Die größte Einschränkung ist nicht das Geld, sondern die Anzahl der Dinge, die gleichzeitig laufen können. Ohne Kapital gibt es keine parallelen Versuche. Jede Woche, die in ein Feature geht, geht nicht in ein Gespräch mit einem Betrieb.

Die zweite Herausforderung ist Geduld gegenüber der Zielgruppe. Handwerksbetriebe gewinnt man über Empfehlung und Vertrauen, und das braucht Zeit, die man mit Budget nicht abkürzen kann. Das ist ein langsamerer Weg, als ein Produkt mit Investoren im Rücken ihn gehen müsste, und man muss die Nerven dafür haben.

Was wir daraus mitnehmen: Bootstrapping hat uns vor der teuersten Sorte Fehler bewahrt — dem Feature, das gut klingt und nach dem niemand gefragt hat. Wenn jede Entscheidung Wochen der eigenen Arbeit kostet, fragt man vorher deutlich genauer nach.

Welche neuen Funktionen oder Weiterentwicklungen stehen bei ImmerRuf aktuell im Fokus?

Der Schwerpunkt liegt auf Anbindungen und auf Gesprächsqualität.

Anbindungen heißt: mehr Kalender- und Systemanbindungen, damit ein gebuchter Termin ohne Umweg dort landet, wo der Betrieb ohnehin arbeitet. Das ist unspektakulär, entscheidet aber darüber, ob der Assistent im Alltag wirklich Arbeit abnimmt.

Gesprächsqualität heißt: die Fälle abseits des Standards. Ein Anrufer, der mitten im Satz abbiegt, ein Notfall, der sofort an den Betrieb durchgestellt gehört, ein Anliegen, das gar keine Terminbuchung ist. Jedes echte Gespräch, das nicht sauber lief, sehen wir uns an und arbeiten daran.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die eine KI-Lösung für kleine und mittelständische Unternehmen entwickeln möchten?

Erstens: Sucht eine echte Lücke. Keinen Markt, der auf einer Folie groß aussieht, sondern einen konkreten Moment, in dem jemand etwas verliert und keine gute Möglichkeit hat. Wer diesen Moment nicht genau benennen kann, baut eine Lösung und sucht das Problem hinterher.

Zweitens: Nicht in Panik geraten, wenn es mittendrin schiefgeht. Es wird schiefgehen. Etwas bricht, ein Kunde ist unzufrieden, ein Monat vergeht, in dem sich nichts bewegt. Genau das habe ich in einem früheren Vorhaben erlebt, und gelernt habe ich daraus, dass nichts davon der Notfall war, als der es sich damals anfühlte. Man hat die Antworten am Anfang nicht — man lernt sie unterwegs, und das ist kein Zeichen dafür, dass man es falsch macht.

Drittens: Denkt über die Distribution nach, bevor ihr baut. Diese Zielgruppe sucht nicht nach Software, liest keine Tech-Presse und klickt nicht auf Anzeigen, die üblichen Kanäle greifen hier also nicht. Arbeitet den konkreten Weg heraus, auf dem ein Kunde von euch erfährt — eine Innung, ein Partner, eine Empfehlung, jemand, der ohnehin schon in seinem Telefon steht. Diese Frage ist meist schwerer als die Technik, und sie entscheidet darüber, ob jemals jemand benutzt, was ihr gebaut habt.

Bildcredits  privat

Wir bedanken uns bei Yatin Arora für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

amsight: KI-Qualitätsmanagement im 3D-Druck

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amsight: KI-Qualitätsmanagement im 3D-Druck Raoul Simon Tim und Peter Founding Team

Qualitätsnachweise in der additiven Fertigung sind oft in unübersichtlichen Ordnern und Excel-Tabellen verstreut. Die Gründer von amsight erklären, wie ihre Software alle relevanten Prozess- und Materialdaten verbindet, um den industriellen 3D-Druck lückenlos nachvollziehbar und serienreif zu machen.

Können Sie amsight kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?

amsight entwickelt Software für das Qualitätsmanagement in der industriellen additiven Fertigung, also im professionellen 3D-Druck von Bauteilen. Vereinfacht gesagt, helfen wir Unternehmen dabei, alle qualitätsrelevanten Daten rund um ein Bauteil sauber zu dokumentieren und dadurch datenbasiert die Qualität nachweisbar zu machen.

Die Idee entstand aus einer sehr praktischen Beobachtung, die wir während unserer langjährigen Tätigkeit am Fraunhofer IAPT gesammelt haben: In der additiven Fertigung entstehen unglaublich viele Daten – Maschinendaten, Pulverdaten, Prüfberichte, CT-Scans, Freigaben und Prozessparameter. In vielen Unternehmen liegen diese Informationen aber in unterschiedlichen Systemen, Excel-Listen, PDFs oder Ordnerstrukturen. Spätestens wenn ein Audit, eine Kundenanfrage oder eine Fehleranalyse ansteht, beginnt dann die Suche.

Wir wollten eine Lösung schaffen, die diese Qualitätsnachweise nicht erst im Nachhinein zusammensucht, sondern während der Produktion strukturiert aufbaut. An dieser Stelle kommt amsight ins Spiel: als digitale Qualitätsbasis für additive Fertigung, mit Rückverfolgbarkeit auf Bauteilebene und auditfähiger Dokumentation.

Wer steht hinter amsight, und welche Erfahrungen aus der additiven Fertigung und Softwareentwicklung haben die Entstehung Ihres Unternehmens geprägt?

Gegründet wurde amsight von Tim Wischeropp, Peter Lindecke, Raoul Tietgen und Simon Schauß. Zusammen bringen wir langjährige praktische Erfahrung aus dem industriellen 3D-Druck (durch Tim und Peter) sowie aus der professionellen Softwareentwicklung (durch Raoul und Simon) mit. Diese Kombination war wichtig, weil amsight nicht als reine Softwareidee entstanden ist, sondern aus realen Problemen in der industriellen Fertigung.

Welche Vision verfolgen Sie mit amsight, und wie möchten Sie das Qualitätsmanagement in der additiven Fertigung langfristig verändern?

Unsere Vision ist, dass Qualitätsmanagement in der additiven Fertigung nicht mehr als nachgelagerte Dokumentationsaufgabe verstanden wird. Qualität sollte während des gesamten Produktionsprozesses digital mitlaufen.

Langfristig soll amsight dazu beitragen, additive Fertigung serienreifer und besser kontrollierbar zu machen. Denn für industrielle Anwendungen reicht es nicht, ein einzelnes gutes Bauteil zu fertigen. Unternehmen müssen nachweisen können, warum ein Bauteil gut ist und ob der Prozess stabil genug ist, um viele gute Bauteile wiederholbar herzustellen.

An welche Zielgruppen richtet sich amsight hauptsächlich, und welche Herausforderungen möchten Sie mit Ihrer Software lösen?

amsight richtet sich vor allem an Unternehmen, die additive Fertigung industriell einsetzen, insbesondere Fertigungsdienstleister für regulierte Branchen wie Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung oder Halbleiterindustrie. Viele von ihnen kämpfen mit manueller Dokumentation und hohem Aufwand bei Rückverfolgbarkeit, Audits und Fehleranalysen. Mit amsight verbinden die relevanten Daten vom Ausgangsmaterial bis zum geprüften Bauteil und machen daraus strukturierte, nutzbare Daten.

Viele Unternehmen arbeiten noch mit unterschiedlichen Systemen und manueller Dokumentation. Wie hilft amsight dabei, mehr Transparenz und Rückverfolgbarkeit zu schaffen?

Der erste Schritt ist, die relevanten Informationen miteinander zu verbinden. In der additiven Fertigung reicht es nicht zu wissen, dass ein Bauteil geprüft wurde. Man muss auch wissen: Welches Pulver wurde verwendet? Auf welcher Maschine wurde es gebaut? Mit welchen Parametern? In welchem Build Job? Welche Nachbearbeitung hat stattgefunden? Welche Prüfergebnisse gehören genau zu diesem Teil?

amsight verknüpft diese Informationen auf Bauteilebene. Dadurch entsteht eine durchgängige Rückverfolgbarkeit, die nicht erst im Audit aufwendig rekonstruiert werden muss. Für Unternehmen bedeutet das weniger Suchen, weniger manuelle Nachweisführung und eine deutlich bessere Grundlage für Entscheidungen. Wenn ein Problem auftritt, kann man gezielter analysieren und den Prozess datenbasiert optimieren, damit der Fehler nicht wieder auftritt.

Was macht amsight aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen Lösungen für Qualitätsmanagement und Prozessüberwachung in der additiven Fertigung?

amsight ist bewusst nicht als generisches Tool gedacht, dass alle Funktionen von Einkauf, über Produktionssteuerung und Ressourcenplanung abdeckt. Wir fokussieren uns auf das Qualitätsmanagement im industriellen 3D- Druck – also darauf, wie Pulver-, Prozess-, Nachbearbeitungs- und Prüfdaten so verbunden werden, dass daraus belastbare Qualitätsnachweise entstehen.

Ves gibt viele Systeme, die Daten speichern. Das ist zwar wichtig, aber noch nicht genug. Entscheidend ist, ob die Daten auch im richtigen Zusammenhang stehen. Ein CT-Bericht, ein Pulverzeugnis oder ein Maschinenlog bringt wenig, wenn später niemand schnell nachvollziehen kann, zu welchem Bauteil, welchem Auftrag oder welchem Prozessschritt es gehört.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Digitalisierung hochkomplexer Fertigungsprozesse und wie gehen Sie damit um?

Die größte Herausforderung ist, dass additive Fertigung sehr datenreich, aber oft nicht einheitlich strukturiert ist – unter anderem auch deshalb, weil Standards fehlen. Das bedeutet, dass unterschiedliche Maschinen, unterschiedliche Dateiformate, verschiedene Prüfmethoden, manuelle Prozessschritte und kundenspezifische Anforderungen zusammenkommen und harmonisiert werden müssen.

Bei der Implementierung versuchen wir nicht, die Fertigung eines Unternehmens komplett neu zu erfinden. Stattdessen schauen wir uns an, welche Daten bereits vorhanden sind, welche Nachweise wirklich gebraucht werden und wo die größten manuellen Aufwände entstehen.

Die vollständige Rückverfolgbarkeit von Pulver-, Prozess- und Prüfdaten ist ein zentrales Merkmal Ihrer Lösung. Welche Vorteile ergeben sich daraus für Ihre Kunden?

Der größte Vorteil ist das Vertrauen in den eigenen Prozess. Wenn alle relevanten Daten miteinander verbunden sind, können Unternehmen schneller nachweisen, wie ein Bauteil entstanden ist und ob es die geforderten Qualitätskriterien erfüllt.

Das hilft unter anderem bei Audits, bei Kundenfreigaben, bei internen Qualitätsentscheidungen und bei der Ursachenanalyse, wenn etwas nicht wie erwartet läuft. Statt Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzusuchen, können Teams gezielt auf die vollständige Bauteilhistorie zugreifen.

Ein weiterer Vorteil ist die langfristige Prozessverbesserung. Rückverfolgbarkeit zeigt zunächst, was passiert ist. Wenn diese Daten systematisch auswertbar sind, entsteht daraus die Grundlage, Prozesse stabiler zu machen, Abweichungen früher zu erkennen und Qualitätsentscheidungen stärker datenbasiert zu treffen.

Welche nächsten Entwicklungsschritte und Innovationen stehen bei amsight aktuell im Fokus?

Aktuell liegt unser Fokus darauf, die Nutzung von Qualitätsdaten noch einfacher und wirkungsvoller zu machen. Dazu gehören bessere Auswertungsmöglichkeiten, stärkere Unterstützung für auditfähige Reports und Funktionen, die Unternehmen bei der Bewertung von Prozessstabilität helfen, unter anderem mittels statistischer Prozesskontrolle – kurz SPC.

Ein wichtiges Thema ist außerdem die Integration in bestehende IT-Landschaften. Viele Unternehmen haben bereits MES-, ERP-, QMS- oder Maschinensysteme im Einsatz. amsight soll diese Systeme nicht ersetzen, sondern die qualitätsrelevanten AM-Daten sinnvoll verbinden. Aufgrund fehlender Standards ist jede Integration heute noch ein individuelles Projekt. Durch die Mitentwicklung von Standards wollen wir das vereinfachen.

Wo soll amsight in den kommenden Jahren stehen, und welche Rolle möchten Sie für die industrielle Serienfertigung im 3D-Druck einnehmen?

Wir möchten, dass amsight zu einer zentralen digitalen Qualitätslösung für industrielle additive Fertigung wird. Wenn Unternehmen AM-Bauteile in Serie fertigen, brauchen sie nicht nur produktive Maschinen, sondern auch belastbare Prozesse und nachvollziehbare Qualitätsdaten.

Langfristig soll amsight für AM-Teams der Standard für Qualitätsmanagement in der industriellen additiven Fertigung sein und Unternehmen dabei helfen, ihre Prozesse kontinuierlich und datenbasiert zu optimieren.

Sie nehmen am GS1 Germany Accelerator butterfly & elephant teil. Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Programm, und wie unterstützt es die Weiterentwicklung von amsight?

Ende 2025 haben wir uns bewusst für eine strategische Partnerschaft mit butterfly & elephant entschieden. Wir sehen in GS1 Germany einen starken Partner, mit dem wir Standards bezüglich Bauteilidentifikation und Rückverfolgbarkeit im industriellen 3D-Druck nicht nur entwickeln, sondern auch im Markt verbreiten können. Zusätzlich profitieren wir sehr von dem starken Netzwerk von GS1 Germany mit Zugang zu potenziellen Kunden, Partnern und möglichen zukünftigen Investoren.

Gab es durch die Zusammenarbeit mit butterfly & elephant bereits neue Impulse, Partnerschaften oder Erkenntnisse, die Ihr Unternehmen vorangebracht haben?

Ja, einige. Gerade beim Thema Entwicklung der genannten Standards, aber auch durch Kontakte zu Entwicklungspartnern und potenziellen Kunden. Besonders im Bereich der Verteidigungsindustrie gibt es aktuell einen großen Bedarf an Lösungen, die wir gemeinsam mit GS1 Germany anbieten können.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein technologiegetriebenes Unternehmen im industriellen Umfeld aufbauen möchten?

Erstens: Startet beim echten Problem, nicht bei der Technologie. Gerade im industriellen Umfeld gibt es viele spannende technische Möglichkeiten. Entscheidend ist aber, ob sie ein Problem lösen, für das Unternehmen wirklich Zeit und Geld aufbringen.

Zweitens: Sprecht früh mit den Menschen, die später täglich mit der Lösung arbeiten sollen und versucht diese eng in die Entwicklung eines ersten Prototyps einzubeziehen. Dadurch sieht man sehr schnell, ob eine Idee in der Praxis funktioniert und fokussiert sich auf die wirklich relevanten Features eines Produktes oder Angebots.

Drittens: Unterschätzt Vertrauen nicht, denn Industrieunternehmen kaufen keine Vision allein. Sie müssen verstehen, dass eine Lösung zuverlässig ist und langfristig Bestand hat. Deshalb sind Vertrauen und ein gutes Verständnis für industrielle Realität mindestens genauso wichtig wie die Technologie selbst.

Bildcredits amsight

Wir bedanken uns bei Tim Wischeropp für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

In unter 12 Monaten: fonio.ai knackt 10 Millionen Dollar ARR

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fonio.ai: Rekord-ARR, mehr Mitarbeiter & starkes Wachstum Bild Daniel Keinrath und Matthias Gruber Fotograf/Bildcredits: © NIKLAS STADLER | www.niklasstadler.at

fonio.ai überschreitet 10 Mio. Dollar ARR in unter 12 Monaten, wächst auf über 80 Mitarbeiter:Innen

Das Wiener KI-Startup erreicht einen jährlich wiederkehrenden Umsatz (ARR) von 10 Millionen Dollar in nur zwölf Monaten

Seit Anfang des Jahres wächst das Unternehmen im Schnitt um über 30 %

Das Team wuchs von der ersten Einstellung im Juni 2025 auf rund 80 Mitarbeiter:innen heute

fonio.ai, die europäische KI-Plattform für Kundenkommunikation, überschreitet die Marke von 10 Millionen Dollar an jährlich wiederkehrendem Umsatz (ARR). Das Unternehmen erreichte den Wert binnen zwölf Monaten und zählt damit zu den am schnellsten wachsenden KI-Start-ups Europas. Der Meilenstein folgt auf die Seed-Runde über 17 Millionen Dollar, die fonio.ai im Juni 2026 unter Führung von 20VC bei einer Bewertung von 140 Millionen Dollar abschloss.

„Ich bin unfassbar stolz auf dieses Team. Was diese Menschen in zwölf Monaten aufgebaut haben, schaffen die wenigsten, und sie tun es mit einer Energie, die mich jeden Tag umhaut“, sagt CEO und Mitgründer Daniel Keinrath. „Für mich ist das der beste Beweis, dass man mit dem richtigen Mindset, den richtigen Leuten und dem Mut, den Status quo herauszufordern, auch aus Österreich heraus etwas richtig Großes bauen kann. Wir bauen einen globalen Marktführer und wir bauen ihn aus Wien“, sagt Daniel Keinrath, Co-Founder & CEO von fonio.ai.

Im Februar 2026 stellte fonio.ai sein Geschäftsmodell von Prepaid auf ein vertraglich gebundenes Abo-Modell um. Seither wächst das Unternehmen mit über 30% pro Monat. Für das Jahresende peilt fonio.ai einen ARR im Bereich von 20 bis 30 Millionen Dollar an.

Wachstum getragen durch technologischen Vorsprung

Getragen wird das Wachstum von einem klaren technologischen Vorsprung und einer konsequent kundenzentrierten Produktentwicklung: fonio.ai bleibt eng an den Kund:innen, identifiziert laufend Painpoints und übersetzt sie in immer neue Funktionen. So entsteht ein Produkt, das sich in kurzen Zyklen weiterentwickelt.

Jüngste Beispiele sind eine neue Generation selbst produzierter Stimmen, die sich hyperrealistisch anfühlen und in zahlreichen Sprachen zu den besten am Markt zählen, KI-Agenten, die aus geführten Gesprächen selbstständig dazulernen sowie die automatische Erkennung wiederkehrender Anrufer:innen, sodass die KI den Kontext erfasst – etwa beim Namen grüßt oder bereits die Adresse kennt. Das Feature ist DSGVO-konform und muss von den Unternehmen aktiv freigeschaltet werden. Über die Plattform laufen monatlich mehrere Millionen Anrufe.

Teamwachstum

fonio.ai stellte im Juni 2025 seinen ersten Mitarbeiter ein. 14 Monate später zählt das Unternehmen bereits 81 Mitarbeiter:innen. Allein im vergangenen Monat kamen 17 neue Kolleg:innen hinzu, aktuell sind 52 weitere Positionen ausgeschrieben. Bis Jahresende soll das Team auf 130 bis 150 Personen wachsen.

Das Team verteilt sich mittlerweile über zehn Märkte. Herz des Unternehmens bleibt Österreich, gefolgt von Deutschland, Italien, Polen sowie eine wachsende Präsenz in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Spanien, Brasilien und den USA.

Bild Daniel Keinrath und Matthias Gruber Fotograf/Bildcredits: © NIKLAS STADLER | www.niklasstadler.at

Quelle getpress GmbH

Die Höhle der Löwen: Staffel 20 startet mit zwei neuen Investoren

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Welche Gründer sichern sich in Staffel 20 die besten Deals? Bild v.o.l.: Andreas Herb, Johannes Kliesch, Carsten Maschmeyer und Ralf Dümmel. v.u.l.: Janna Ensthaler, Dagmar Wöhrl, Judith Williams und Frank Thelen. Foto: RTL / Boris Breuer

Zwei neue Löwen. Mehr Konkurrenz. Mehr Deals. Die Höhle feiert Jubiläum!

Es geht wieder aufwärts – mit neuen Ideen, mutigen Gründerinnen und Gründern, harten Verhandlungen und jeder Menge Löwen-Instinkt: Am 7. September startet bei VOX die 20. Staffel von „Die Höhle der Löwen“. Seit 2014 ist das Erfolgsformat die erste Adresse für Gründergeist, Innovationen und Investments im deutschen Fernsehen. Zum Jubiläum wird das Löwen-Rudel um zwei große Player erweitert: Mit Johannes Kliesch und Andreas W. Herb ziehen zwei der erfolgreichsten Gründerpersönlichkeiten Deutschlands in die Höhle ein. Beide haben aus eigenen Ideen Unternehmensgruppen mit dreistelligen Millionenumsätzen aufgebaut und zählen heute zu den prägenden Unternehmern ihrer Branchen. Gemeinsam mit Dagmar Wöhrl, Janna Ensthaler, Judith Williams, Ralf Dümmel, Carsten Maschmeyer und Frank Thelen kämpfen künftig acht Löwen um die besten Gründerinnen, Gründer und Deals.

Die beiden Neuzugänge bringen nicht nur neue Perspektiven, sondern auch enorme Investitionskraft, große Unternehmernetzwerke und frischen Wettbewerb in die Höhle.

Beide investieren weit über ihre Kernbranchen hinaus und wollen den etablierten Löwen die besten Deals streitig machen. Damit verschärft sich der Konkurrenzkampf im Rudel spürbar: Härtere Verhandlungen, neue Strategien und intensive Battles um die spannendsten Gründerinnen und Gründer sind dabei vorprogrammiert.

Johannes Kliesch gehört zu den erfolgreichsten deutschen Digitalunternehmern seiner Generation.

Der erst 31-jährige Gründer und Geschäftsführer der SNOCKS Group baute sein Unternehmen mit gerade einmal 4.000 Euro Startkapital aus dem Kinderzimmer heraus zu einer international erfolgreichen Unternehmensgruppe mit mehr als 130 Millionen Euro Jahresumsatz auf. Der Forbes-„30 Under 30“-Unternehmer gilt als einer der profiliertesten Experten für E-Commerce, Markenaufbau und Künstliche Intelligenz. Sein junges Auftreten täuscht: Hinter dem „Babyface“ steckt ein kompromissloser Unternehmer mit klaren Ansagen. Kliesch scheut weder außergewöhnliche Beteiligungsmodelle noch hohe Investments und wird in vielerlei Hinsicht mit bisherigen DHDL-Konventionen brechen. Johannes Kliesch: „Als Founder, der bei null angefangen hat, bringe ich eine ehrliche Perspektive mit, auf Augenhöhe und voller Leidenschaft für Brand Building und E-Commerce. Gründer:innen und Zuschauer:innen können von mir erwarten, konstruktives Feedback mit echter Erfahrung aus der Praxis zu verbinden.“

Andreas W. Herb bringt jahrzehntelange Erfahrung aus der deutschen Getränke- und Markenbranche in die Höhle ein.

Der Gründer der MBG Group machte Marken wie SALITOS, effect® Energy Drink, SCAVI & RAY und 9 MILE Vodka erfolgreich und baute sein Unternehmen zu einer der führenden Unternehmensgruppen der Branche mit rund 240 Millionen Euro Jahresumsatz aus. Der Selfmade-Unternehmer bringt seine direkte Ruhrpott-Schnauze ebenso mit wie jahrzehntelange Erfahrung im Markenaufbau und Vertrieb. Seine Investitionen werden sich längst nicht nur auf Getränke beschränken. Mit seinem Handelsnetzwerk, seinem Gespür für starke Marken und seiner Bereitschaft, auch bei großen Tickets mitzubieten, dürfte er Dümmel, Thelen & Co. Deals vor der Nase wegschnappen. Andreas W. Herb: „Ich liebe Menschen, die den Mut haben, groß zu denken und einfach anzufangen. Bei ‚Die Höhle der Löwen‘ suche ich keine perfekten Gründer, sondern Persönlichkeiten mit Leidenschaft, Ausdauer und einer Idee, die das Potenzial hat, etwas zu verändern. Wenn dieses Feuer da ist, kann daraus etwas richtig Großes entstehen.“

Auch inhaltlich verspricht die Jubiläumsstaffel außergewöhnliche Momente.

Mit Diana zur Löwen wagt eine prominente Gründerin den Gang in die Höhle. Zudem sind Johann Lafer, Micaela Schäfer und Steffen Baumgart als Markenbotschafter mit dabei. Dazu kommen spektakuläre Zukunftstechnologien, ungewöhnliche Erfindungen – darunter eine Fensterputz-Drohne –, emotionale Geschichten, überraschende Wendungen und neue Deal-Mechaniken. Einen Überblick über alle Highlights der 20. Staffel gibt es in der Pressemappe.

Sendezeiten und Produktion

„Die Höhle der Löwen“, 20. Staffel, acht Folgen ab 7. September immer montags um 20:15 Uhr bei VOX. Alle Folgen stehen jeweils sieben Tage vor der TV-Ausstrahlung auf RTL+ zum Abruf bereit.

Produziert wird „Die Höhle der Löwen“ von Endemol Shine Germany im Auftrag von VOX.

Bild v.o.l.: Andreas Herb, Johannes Kliesch, Carsten Maschmeyer und Ralf Dümmel. v.u.l.: Janna Ensthaler, Dagmar Wöhrl, Judith Williams und Frank Thelen. Foto: RTL / Boris Breuer

Quelle RTL Deutschland GmbH

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