Prioco entwickelt eine digitale Lösung für die betriebliche Notfallvorsorge, mit der Unternehmer wichtige Dokumente, Zugänge und Zuständigkeiten für den Ernstfall sicher organisieren können.
Clara, kannst du dich und Prioco kurz vorstellen und erzählen, wie aus einer persönlichen familiären Erfahrung die Idee entstanden ist, eine digitale Lösung für die betriebliche Notfallvorsorge zu entwickeln?
Wenn ein Selbstständiger oder Unternehmer von heute auf morgen ausfällt, kann der Betrieb stillstehen. Ausgelöst durch eine familiäre Situation habe ich erkannt, wie schnell ein gesundheitlicher Notfall oder eine längere Abwesenheit zu einer unternehmerischen Krise führen kann. In zahlreichen Gesprächen mit Betrieben, Kammern und Beratern habe ich das überprüft und gemerkt, dass die meisten Selbstständigen und Unternehmer für ihren Ausfall bisher kaum vorbereitet sind. Deswegen haben wir Prioco entwickelt, einen verschlüsselten digitalen Tresor für die betriebliche Notfallvorsorge, in dem Unternehmer ihre rechtlichen Dokumente, Verträge, Kontakte, Zugänge und erste Schritte im Notfall festhalten. Zudem wählen sie ihre Vertrauenspersonen aus und bestimmen, wer wann Zugriff auf diese Vorbereitungen bekommt.
Mit Prioco möchtest du Selbstständige und Unternehmer auf den Fall einer plötzlichen Geschäftsunfähigkeit vorbereiten. Welche Probleme entstehen, wenn wichtige Informationen und Zugänge nicht verfügbar sind, und welche Vision verfolgst du mit deinem Unternehmen?
Bei Selbstständigen und Unternehmern hängt oft alles an einer Person. Fällt diese aus, ist nicht geregelt, wer übernimmt. Wer dann einspringt, muss klären, was sofort zu erledigen ist und wer informiert werden muss. Dazu kommt die Suche nach Verträgen, Passwörtern und Zugängen, denn alles ist an verschiedenen Orten verteilt. Verträge liegen im Büro, Passwörter stehen im Notizbuch und Ansprechpartner sind im Handy gespeichert. Ohne Zugriff können Angehörige und Mitarbeitende nicht in den bestehenden Strukturen weiterarbeiten. Kunden werden im Zweifel nicht informiert. Projekte stoppen, aber Kosten und Gehälter laufen weiter.
Mit Prioco soll die betriebliche Notfallvorsorge selbstverständlich werden. Sie soll kein großes Projekt sein, das Selbstständige und Unternehmer zusätzlich vorantreiben müssen, sondern etwas, das sich Schritt für Schritt erledigen lässt. Wer so vorsorgt, übernimmt Verantwortung für seinen Betrieb, die Mitarbeitenden und die Familie.
Viele Unternehmer beschäftigen sich intensiv mit Wachstum, Finanzierung und strategischer Planung, aber deutlich weniger mit ihrer eigenen möglichen Geschäftsunfähigkeit. Warum wird die betriebliche Notfallvorsorge deiner Einschätzung nach häufig unterschätzt und welche Folgen kann das haben?
Ich verstehe, dass dieses Thema eher hinten angestellt wird, weil es nicht dringend wirkt. Dabei wird unterschätzt, dass ein Ausfall nicht immer ein Todesfall sein muss. Er kann auch eine vorübergehende Handlungsunfähigkeit sein, die deutliche Folgen für den Betrieb haben kann.
Eine vorübergehende Abwesenheit ist organisatorisch oft sogar schwieriger zu bewältigen als ein Todesfall. Bei einem Todesfall ist meist klar, ob der Betrieb auf eine Nachfolge übergeht oder abgewickelt wird. Bei einer zeitweisen Handlungsunfähigkeit fehlen dagegen Informationen zum Betrieb, rechtliche Regelungen und entsprechende Zugänge. Das kann eine große Belastung für alle Beteiligten sein. Denn nach einer Genesung soll der Betrieb noch vorhanden sein, damit eine Rückkehr möglich ist. Das können Angehörige und Mitarbeitende ohne entsprechende Vorbereitung kaum gewährleisten, gerade weil sie ohnehin schon emotional belastet sind. Deshalb sollte sich jeder Unternehmer, der sein Lebenswerk schützen möchte, frühzeitig mit der Notfallvorsorge auseinandersetzen.
Das Herzstück von Prioco ist ein verschlüsselter digitaler Tresor. Wie funktioniert eure Lösung konkret und wie können Unternehmen sicherstellen, dass im Ernstfall die richtigen Personen auf notwendige Informationen zugreifen können?
Prioco denkt den ganzen Prozess mit, von der Vorbereitung bis zum Zugriff. Mit dem digitalen Tresor von Prioco erstellen Selbstständige und Unternehmer ihre Notfallvorsorge strukturiert, bewahren sie verschlüsselt auf und regeln, wer im Ernstfall darauf zugreift.
Natürlich beginnt es mit der Erstellung der Vorsorge. Im digitalen Tresor von Prioco halten Betriebsinhaber fest, was ihre Vertrauenspersonen im Ernstfall wissen müssen, etwa was zu tun ist, wer informiert werden muss oder wer bei Fragen weiterhelfen kann. Dann stellt sich immer die Frage, wo diese Vorbereitung aufbewahrt wird. Im Tresor liegt sie digital und in verschlüsselter Form vor und ist von überall erreichbar, von zuhause, im Büro, im Urlaub oder im Krankenhaus.
Die beste Notfallvorsorge bringt aber nichts, wenn im Ernstfall keine Vertrauensperson darauf zugreifen kann. Deshalb legt der Inhaber schon beim Befüllen des digitalen Tresors fest, wer wann auf welche Inhalte Zugriff erhält. Manche Vertrauenspersonen haben von Beginn an Zugriff und helfen beim Befüllen des Tresors. Andere stellen im Ernstfall eine Zugriffsanfrage. Der Inhaber wird darüber benachrichtigt und kann sie annehmen oder ablehnen. Reagiert er nicht, geht der Tresor von einer Handlungsunfähigkeit aus und gibt die Vorbereitungen für die vorher bestimmten Vertrauenspersonen frei.
Gerade bei der Speicherung sensibler Unternehmensdaten spielen Datenschutz, Verschlüsselung und Vertrauen eine entscheidende Rolle. Welche technischen und organisatorischen Sicherheitsmaßnahmen setzt Prioco ein und wie schützt ihr die hinterlegten Informationen vor unberechtigtem Zugriff?
Prioco schützt Daten auf zwei Ebenen. Zum einen sichert die Transportverschlüsselung die Verbindung zwischen Browser und Server, die ausschließlich über aktuelle TLS-Standards läuft. Zum anderen geht Prioco mit der Inhaltsverschlüsselung weiter und verschlüsselt zusätzlich jeden einzelnen Eintrag im Tresor. Dabei erhält jedes Dokument, jeder Kontakt, jede Notiz und jeder Zugang einen eigenen Schlüssel. Die Daten sind allein für den Inhaber und seine Vertrauenspersonen lesbar. Prioco kann keine Inhalte im jeweiligen Tresor einsehen. Zudem stehen unsere Server in Deutschland.
Prioco richtet sich an Selbstständige und Unternehmer. Welche Zielgruppen möchtest du zunächst erreichen und wie unterscheiden sich die Anforderungen von Einzelunternehmern, Startups und etablierten mittelständischen Betrieben?
Wir sprechen zunächst Selbstständige und Unternehmer an, an denen Kunden, Mitarbeitende und Kosten hängen. Bei ihnen läuft das gesamte Wissen in einer Person zusammen. Fällt sie aus, gerät der Betrieb ins Stocken. In vielen Fällen sind das Einzelunternehmer oder Inhaber von Betrieben mit bis zu 30 Mitarbeitenden, die schon eine Weile am Markt sind und noch keine großen Strukturen und keine Vertretung aufgebaut haben.
Die Anforderungen an eine Notfallvorsorge unterscheiden sich je nach Art des Unternehmens. Grundsätzlich ist das Thema auch bei Start-ups und bei etablierten mittelständischen Betrieben relevant. Gerade bei frühphasigen Start-ups steht es aber eher hinten an, weil dort zunächst Produkt und Finanzierung im Vordergrund stehen. Entscheidend ist bei allen Unternehmensformen, welche Strukturen es gibt, etwa mehrere Geschäftsführer oder eine geregelte Vertretung. Bisher sehen wir die größte Lücke dort, wo alles bei einer Person zusammenläuft.
Für die betriebliche Notfallvorsorge gibt es bereits klassische Lösungen wie Notfallordner, Vollmachten oder anwaltliche Regelungen. Wie ergänzt Prioco diese bestehenden Instrumente und was unterscheidet euren digitalen Ansatz von anderen Angeboten auf dem Markt?
Eine Vollmacht ist weiterhin erforderlich und regelt, wer handeln darf. Aber nur weil eine Vertrauensperson eine Vollmacht hat, weiß sie noch nicht, wie sie im Ernstfall vorgehen muss und wo die nötigen Informationen liegen. Deshalb ergänzt der digitale Tresor von Prioco die Vollmacht um das Wissen zum Betrieb.
Das geht grundsätzlich auch mit dem klassischen Ordner. Der wird aber meist nur angeschafft, ins Regal gestellt und nie ausgefüllt, weil die Hürde zu groß ist, sich durch all diese Seiten zu kämpfen. Bei Prioco ist der Prozess deutlich handhabbarer, da sich die einzelnen Tresorfächer in beliebiger Reihenfolge befüllen lassen und man jederzeit zwischen ihnen wechseln kann. Außerdem kann ein Ordner durch Einbruch, Feuer oder Wasserschaden verloren gehen oder in falsche Hände geraten. Tritt der Notfall ein, ist zudem nicht klar, wie man an den Ordner kommt.
Mit Prioco geht es um mehr als das Speichern von Zugängen. Ein Passwort allein nützt wenig, wenn nicht klar ist, was dahintersteckt. Deshalb halten Unternehmer im Tresor auch Wissen zum Betrieb fest, zum Beispiel zu Verträgen, Steuern und wichtigen Ansprechpartnern. So bekommen Vertrauenspersonen einen Überblick, was vorhanden ist, wer informiert werden muss und wer bei Fragen weiterhelfen kann.
Du hast einen Master in Entrepreneurship an der WHU absolviert und deine Geschäftsidee im Rahmen von Gründungsstipendien wie EXIST-Women weiterentwickelt. Welche Bedeutung hatten diese Erfahrungen für deinen Weg und welche Unterstützung war beim Aufbau von Prioco besonders wertvoll?
Für mich war immer klar, dass ich selbst ein Unternehmen gründen möchte. Der Master in Entrepreneurship an der WHU – Otto Beisheim School of Management war sehr praxisnah und eine gute Vorbereitung auf die Gründung. Wir haben viele Gastvorträge von Gründerinnen und Gründern gehört und bei Besuchen in Berlin und London Start-ups und Investoren kennengelernt. Daraus sind wertvolle Kontakte entstanden, die mich bis heute unterstützen.
Direkt im Anschluss an den Master habe ich das EXIST-Women-Stipendium bekommen. Es hat mir die Zeit und finanzielle Unterstützung gegeben, um mich intensiv mit meinem Gründungsthema auseinanderzusetzen. Dabei habe ich viele Interviews geführt und den Markt analysiert, um das Problem zu verstehen und dafür eine konkrete Lösung zu entwickeln. Besonders hilfreich war außerdem der wöchentliche Austausch mit den anderen Stipendiatinnen. Währenddessen habe ich mich um die Anschlussfinanzierung gekümmert, etwa das Gründungsstipendium.NRW und den Go-to-Market Gutschein NRW. So konnte ich nahtlos weitermachen und zügig die Prioco GmbH gründen.
Beide Erfahrungen waren für die Gründung entscheidend. Der Master hat mich auf die Gründung vorbereitet. Das Stipendium hat mir die Zeit gegeben, diese umzusetzen.
Mit dem aktuellen Markteintritt beginnt für Prioco eine entscheidende Phase. Welche Herausforderungen musstest du bei der Produktentwicklung bewältigen, wie möchtest du erste Kunden gewinnen und auf welchem Geschäftsmodell basiert eure Lösung?
Bei der Produktentwicklung ging es vor allem darum, gut zuzuhören. Das ist keine Herausforderung im engeren Sinne, aber enorm zeitintensiv. Nach jedem Gespräch stellt sich die Frage, was das konkret für das Produkt bedeutet. Mir war wichtig, nicht am Markt vorbei zu entwickeln, sondern zu verstehen, was gebraucht wird. Deshalb habe ich nicht nur mit der Zielgruppe gesprochen, sondern auch mit anderen Stakeholdern wie Beratern, Steuerberatern, Rechtsanwälten und Kammern. So wurde deutlich, an welchen Punkten das Thema vorkommt und wie man hier gut vorgeht.
Mit dem Markteintritt möchten wir zunächst Betriebe gewinnen, die noch keine Stellvertreter-Ebenen haben. Wie wir diese Betriebe am besten erreichen, testen wir gerade auf verschiedenen Wegen. Ideen haben wir viele, aber ob sie tragen, zeigt sich erst, wenn man am Markt ist.
Der digitale Tresor für die betriebliche Notfallvorsorge basiert auf einem Abo-Modell als Software-as-a-Service. Der größte Mehrwert des digitalen Tresors liegt darin, dass die Inhalte verschlüsselt aufbewahrt werden und der Zugriff im Notfall geregelt ist. Das muss dauerhaft verlässlich funktionieren, deshalb gibt es Prioco im Abo.
Der Anteil von Gründerinnen in Deutschland ist weiterhin vergleichsweise gering. Welche Erfahrungen hast du selbst als Gründerin gemacht, welche Hürden siehst du für Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit und was müsste sich aus deiner Sicht im Startup-Ökosystem verändern?
Auch in meinem sehr gründungsaffinen Umfeld treffe ich kaum Gründerinnen. Schon im Master in Entrepreneurship war das so und es zieht sich bis heute durch. In meinem Start-up-Coworking-Space sitzen fast nur Männer. Das ist schade, denn ich sehe, dass viele Frauen selbstständig sind.
Meine persönliche Beobachtung ist, dass man Frauen häufig eher zu einer Selbstständigkeit oder einer kleineren Gründung rät. Bei Männern erlebe ich dagegen oft, dass sie ermutigt werden, ein Start-up aufzuziehen und größer zu denken. Deswegen sind Angebote für Gründerinnen wichtig, entscheidend ist aber auch die Botschaft dahinter. Aus meiner Sicht sollten Frauen nicht nur auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet werden, sondern auch auf dem Weg, ein skalierbares Unternehmen aufzubauen.
Der Weg von einer ersten Geschäftsidee bis zum eigenen Unternehmen ist häufig mit Unsicherheiten und schwierigen Entscheidungen verbunden. Welche persönlichen und unternehmerischen Herausforderungen haben dich bei der Gründung von Prioco besonders geprägt und welche Erkenntnisse möchtest du anderen Gründerinnen mitgeben?
Eine Gründung bringt tatsächlich viel Ungewissheit und schwierige Entscheidungen mit sich. Gleichzeitig lernt man in dieser Zeit sehr viel und wächst mit den Herausforderungen. Man merkt aber schnell, dass immer schon die nächste Herausforderung wartet. Deshalb braucht man vor allem Ausdauer.
Dazu möchte ich anderen Gründerinnen mitgeben, dass nicht das Gründen selbst im Vordergrund stehen sollte, sondern ein Problem, das man gerne lösen würde. Denn um sich so lange mit einem Thema auseinanderzusetzen und sich einzuarbeiten, braucht man eine Menge Durchhaltevermögen. Das gelingt eher bei einem Thema, bei dem man merkt, dass man selbst einen Mehrwert schaffen kann. Bei mir war es so, dass das Thema mich gefunden hat und nicht andersherum. Seitdem treibt mich an, dass sich mehr Selbstständige und Unternehmer auf eine Geschäftsunfähigkeit vorbereiten.
Wenn du fünf Jahre in die Zukunft blickst: Welche Ziele verfolgst du mit Prioco, wie möchtest du das Unternehmen weiterentwickeln und welchen Beitrag soll eure Lösung langfristig zur Sicherheit und Handlungsfähigkeit von Unternehmen leisten?
In fünf Jahren soll Prioco die erste Adresse für Selbstständige und Unternehmer sein, wenn es um betriebliche Notfallvorsorge geht. Langfristig möchten wir zur Sicherheit und Handlungsfähigkeit von Unternehmen beitragen, indem im Ernstfall alle wichtigen Informationen, Zuständigkeiten und Zugänge vorliegen. So können Vertrauenspersonen den Betrieb vorübergehend weiterführen oder abwickeln. Das kann auch Angehörige und Mitarbeitende entlasten, die einspringen. Außerdem lässt sich das Thema gut weiterdenken, etwa in Richtung Nachfolge. Ich sehe hier noch viele Möglichkeiten, Prioco weiterzuentwickeln und dabei möglichst umfassend auf die unternehmerischen Bedürfnisse einzugehen.
Fotograf Michael Lübke
Wir bedanken uns bei Clara Charpey für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















