Sona8 nutzt KI-gestützte Interviews, um Unternehmen dabei zu helfen, Mitarbeiterwissen für strategische Entscheidungen und Transformationen nutzbar zu machen.
Können Sie sich, Ihr Team und Sona8 kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee für das Unternehmen entstanden ist?
Ich bin Anton Hantel, Mitgründer und CEO von Sona8. Wir sind ein Team aus vier Leuten in San Francisco: Thilo Tamme, Madeleine Malmsten und ich als Gründer, dazu Jakob Schepers als Founding Engineer. Thilo und ich teilen uns Go to Market und Sales. Mein Fokus liegt auf den frühen Phasen im Vertrieb, also neuen Kontakten und ersten Kundengesprächen, auf Fundraising und allem, was beim Aufbau sonst noch anfällt. Thilos Fokus liegt stärker auf der Produktentwicklung, der Iteration mit bestehenden Pilotkunden und dem Ausbau dieser Zusammenarbeit. Madeleine ist unsere CTO und kommt von QuantumBlack, der AI Unit von McKinsey. Gemeinsam mit Jakob entwickelt sie die Technologie hinter Sona8.
Sona8 führt mit Voice Agents Mitarbeiterinterviews für Strategie- und Transformationsprojekte. Die Idee entstand aus unserer gemeinsamen Zeit bei BCG. In solchen Projekten hängt die Diagnose stark davon ab, mit wem man spricht. Wir wollten diese Gespräche auf viel mehr Menschen ausweiten. Angefangen haben wir neben meinem MBA am MIT und Thilos Promotion an der TUM.
Sie haben Ihren MBA am MIT abgebrochen, Thilo Tamme seine Promotion an der TUM, um Sona8 aufzubauen. Was hat Ihnen beiden die Sicherheit gegeben, diesen Schritt zu gehen?
Ehrlich gesagt: richtige Sicherheit gab es nicht. Wir hatten erste Piloten und sahen, dass Kunden das Produkt wirklich nutzen wollten. Irgendwann ließ sich das nicht mehr nebenbei machen. Wenn ein Kunde etwas für sein laufendes Projekt braucht, kann man ihn schlecht auf die Zeit nach den Prüfungen vertrösten. Wir mussten uns entscheiden, wie ernst wir es meinen. Ob das Timing perfekt war, wissen wir vielleicht erst in ein paar Jahren. Aber auf vollständige Sicherheit hätten wir lange warten können.
Sie bringen Erfahrungen aus der Beratung mit. Welches konkrete Problem in Unternehmen haben Sie dort beobachtet, das schließlich zum Ausgangspunkt für Sona8 wurde?
Viele Strategieprojekte starten mit einer Interviewphase. Das Team spricht mit Führungskräften und ausgewählten Leuten aus dem Business. Diese Gespräche sind wertvoll, bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt ab. Wer weiß zum Beispiel, warum ein Freigabeprozess ständig umgangen wird? Meist die Leute, die täglich damit arbeiten. Ihre Sicht kommt nicht immer bis ins Projektteam. Dazu kommt: Die Interviews finden häufig am Anfang statt. Wenn die Umsetzung später hakt, fehlt ein aktuelles Bild. Diese Kombination aus begrenzter Reichweite und punktuellen Gesprächen war unser Ausgangspunkt.
Sona8 entwickelt Voice Agents, die Mitarbeiterwissen für die Unternehmensstrategie nutzbar machen sollen. Wie funktioniert das in der Praxis?
Das Projektteam definiert eine Fragestellung, etwa: Wie läuft der Rollout des neuen CRM im Vertrieb? Ich begleite Kunden vom ersten Gespräch durch den Piloten und kläre mit ihnen, wo die Interviews im Projekt helfen können. Thilo entwickelt das Produkt im engen Austausch mit unseren bestehenden Pilotkunden weiter. Er übersetzt ihr Feedback in neue Produktiterationen und arbeitet mit ihnen daran, den Einsatz von Sona8 auszubauen. Auf die jeweilige Fragestellung richten wir die Interviews aus. Die Mitarbeitenden bekommen einen Link und sprechen mit dem Agenten, wenn es ihnen passt. Der Agent fragt nach Beispielen und lässt sich erklären, wie ein Ablauf tatsächlich funktioniert. Daraus entstehen Prozessübersichten und eine strukturierte Sammlung von Problemen und Verbesserungsideen nach Teams oder Standorten. Später kann das Team mit weiteren Gesprächen prüfen, was sich durch die Maßnahmen verändert hat.
In vielen Unternehmen ist wertvolles Wissen auf einzelne Teams und Mitarbeiter verteilt. Warum gelingt es klassischen Befragungen, Meetings oder internen Tools aus Ihrer Sicht nicht ausreichend, dieses Wissen zu erfassen?
Surveys eignen sich gut, um bekannte Fragen regelmäßig zu messen. Sie können aber kaum einer unerwarteten Antwort nachgehen. In Meetings fehlt häufig die Person, die ein Problem aus dem Alltag kennt. Und ein Wiki enthält nur, was jemand aufgeschrieben hat. Viele Workarounds sind für die Beteiligten so selbstverständlich, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, sie zu dokumentieren. Dazu kommen die Silos: Der Werksleiter kennt sein Werk, die Vertriebsleiterin ihre Region. Spannend wird es, wenn man diese Perspektiven zusammenbringt und erkennt, dass zwei scheinbar unterschiedliche Probleme dieselbe Übergabe betreffen.
Welche Fragen stellen die Voice Agents den Mitarbeitern und wie schaffen Sie es, aus vielen einzelnen Gesprächen strategisch relevante Erkenntnisse herauszufiltern?
Die Fragen sind oft ziemlich einfach: „Was hat sich seit der Umstellung der Software in deinem Arbeitsalltag verändert?“ Wenn jemand sagt, die Freigaben dauerten ewig, fragt der Agent: „Wie lange konkret? Wann ist dir das zuletzt passiert? Was machst du in der Zwischenzeit?“ So kommt man von einer allgemeinen Beschwerde zu einem nachvollziehbaren Ablauf. In der Auswertung schauen wir darauf, wo Themen wiederkehren und welche Folgen sie haben. Häufigkeit allein reicht aber nicht: Auch ein einzelner Hinweis kann wichtig sein. Interessant sind außerdem Themen, nach denen wir ursprünglich gar nicht gefragt haben, die aber in mehreren Gesprächen auftauchen.
Gerade bei internen Gesprächen können sensible oder vertrauliche Informationen zur Sprache kommen. Wie gehen Sie bei Sona8 mit Datenschutz, Vertraulichkeit und der Akzeptanz bei Mitarbeitern um?
Die Teilnahme ist freiwillig. Die Auswertung soll Probleme in Abläufen sichtbar machen, ohne einzelne Mitarbeitende bloßzustellen. Dafür müssen vor dem Einsatz Zweck, Zugriffsrechte und der Umgang mit den Aussagen verständlich geklärt sein. Eine KI, die nach dem eigenen Job fragt, kann erst einmal nach Kontrolle klingen. Diese Sorge muss man ernst nehmen. Weil wir in Deutschland gestartet sind, haben Datenschutz, Security und Mitbestimmung unser Produkt früh geprägt. Genauso wichtig ist für mich, was nach den Interviews passiert: Wenn Menschen ihre Zeit investieren, sollten sie sehen, dass mit ihren Hinweisen etwas gemacht wird.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei der Auswertung der Gespräche und wie verhindern Sie, dass wichtige Aussagen falsch interpretiert oder aus dem Zusammenhang gerissen werden?
Madeleine entwickelt als CTO die Analysepipeline weiter, die Aussagen aus den Gesprächen strukturiert und zu gemeinsamen Themen zusammenführt. Hier liegt für uns das Herz des Produkts: Aus den Interviews müssen nachvollziehbare Erkenntnisse für das Projektteam werden. Viel lässt sich schon im Interview klären, indem der Agent nachfragt. In der Auswertung müssen die zugrunde liegenden Aussagen nachvollziehbar bleiben. Ein einzelner Vorfall, eine regelmäßige Erfahrung und eine Vermutung über die Ursache sind drei verschiedene Dinge. Das darf eine Zusammenfassung nicht glattziehen. Auch Widersprüche wollen wir sichtbar halten: Vielleicht läuft derselbe Prozess an zwei Standorten tatsächlich unterschiedlich. Die Ergebnisse liefern Hinweise und Hypothesen. Welche Schlüsse daraus gezogen werden, entscheidet das Projektteam.
Sie konnten bereits eine der drei großen Unternehmensberatungen als Kunden gewinnen. Was hat Ihnen dieser frühe Erfolg über den tatsächlichen Bedarf im Markt gezeigt?
Dass der Bedarf auch bei Teams besteht, die Interviews sehr gut selbst führen können. Auf Projekten sind Zeit und Kapazität begrenzt. Mit Sona8 können mehr Perspektiven in die Diagnose einfließen, während die Berater ihre eigenen Gespräche weiterführen. Für uns war das ein naheliegender Einstieg, weil wir den Arbeitsalltag kennen. Wir lernen dabei, wie sich zusätzliche Mitarbeiterperspektiven in die bestehende Projektarbeit einfügen. Entscheidend ist, ob das Produkt im Projekt hilft und beim nächsten Mal wieder gebraucht wird.
Wer sind die typischen Nutzer von Sona8 innerhalb eines Unternehmens und bei welchen strategischen Entscheidungen kann die Plattform besonders hilfreich sein?
Vor allem Beratungs- sowie interne Strategie- und Transformationsteams. Typische Fragen sind: Warum wird eine neue Software an einem Standort genutzt und am anderen kaum? Wo verliert der Vertrieb Zeit? Welche Zuständigkeiten sind nach einer Übernahme unklar? Für manche dieser Fragen fehlt intern die Kapazität für viele Gespräche, während sich ein externes Projekt dafür kaum rechnen würde. Sona8 soll solche Analysen leichter zugänglich machen. Beratungen können es wiederum in größere Programme einbinden und sich schneller ein breiteres Bild verschaffen.
Sona8 ist Teil von Y Combinator. Welche Bedeutung hat die Aufnahme für die Entwicklung des Unternehmens und was hat sich dadurch für Sie als Gründer verändert?
YC war für uns der Anstoß, als Team nach San Francisco zu gehen. Den US-Markt hatten wir vorher schon von Boston aus kennengelernt. Hier ist der Anspruch an Fortschritt sehr hoch. Die Partner haben viele Startups in einer ähnlichen Phase begleitet und fragen ziemlich direkt, was diese Woche tatsächlich vorangegangen ist. Das verändert den eigenen Takt. Man kann lange an einer Idee feilen. Spätestens beim nächsten Gespräch muss man sagen können, was man mit Kunden gelernt oder im Produkt verbessert hat.
Der Markt für KI-basierte Unternehmenslösungen entwickelt sich rasant. Wodurch unterscheidet sich Sona8 von klassischen Employee-Survey-, Knowledge-Management- und AI-Tools?
Für uns gehört die ganze Strecke zusammen: eine konkrete Unternehmensfrage, die passenden Gespräche und eine Auswertung, mit der das Projektteam weiterarbeiten kann. Wir erschließen dabei Wissen, das noch in den Köpfen der Mitarbeitenden steckt. Viele Anwendungen mit KI helfen dem Einzelnen beim Schreiben oder Suchen. Unser Fokus liegt darauf, die Erfahrungen vieler Menschen für eine gemeinsame Entscheidung zusammenzuführen. Dafür reicht eine gut klingende Stimme nicht. Die Gespräche müssen zum Projekt passen und die Ergebnisse im Arbeitsalltag brauchbar sein.
Was waren bisher die größten Herausforderungen beim Aufbau von Sona8 und welche Annahmen aus der Anfangszeit mussten Sie bereits korrigieren?
Vertrauen und Zuverlässigkeit. Mitarbeitende müssen verstehen, was mit ihren Aussagen passiert. Unternehmen müssen darauf vertrauen können, dass die Software im Einsatz funktioniert. Dabei hilft uns die Erfahrung von Madeleine und Jakob. Jakob kommt aus der IT von Volkswagen, war schon früh dabei und hat die erste Plattform von Sona8 gebaut. Heute entwickelt er sie gemeinsam mit Madeleine weiter und arbeitet vor allem an Architektur und Deployment.
Eine Annahme war, dass die Stimme möglichst menschlich klingen müsse. Heute sehen wir darin weniger den entscheidenden Punkt: Es kann Menschen sogar leichter fallen, offen zu sprechen, wenn klar ist, dass ihnen eine KI zuhört. Außerdem hatten wir anfangs stärker HR als Käufer im Kopf. Heute konzentrieren wir uns auf Strategie- und Transformationsteams sowie Beratungen, die eine konkrete Entscheidung vorbereiten.
Welche nächsten Schritte planen Sie mit Sona8 und wo möchten Sie mit dem Unternehmen in den kommenden Jahren stehen?
Kurzfristig wollen wir weitere Piloten in den USA umsetzen und die Ergebnisse stärker mit vorhandenen Unternehmensdaten verbinden. Wenn Mitarbeitende von Verzögerungen berichten und die Systemdaten zeigen, wo Wartezeiten entstehen, kann das die Diagnose deutlich verbessern. Langfristig möchten wir, dass dieses Verständnis auch während der Umsetzung aktuell bleibt. Heute wird Mitarbeiterwissen oft für ein einzelnes Projekt erhoben und veraltet danach. Wir wollen regelmäßige Gespräche so einfach machen, dass Teams früh erkennen, wo sie nachsteuern müssen. Woran wir uns messen lassen wollen: ob daraus bessere Entscheidungen und konkrete Verbesserungen entstehen.
Welche drei Tipps würden Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben?
- Dranbleiben, gerade im Enterprise Sales. Große Unternehmen brauchen Zeit. Nicht bei jeder ausbleibenden Antwort gleich die Richtung ändern.
- Baut für Kunden, mit denen ihr gern Zeit verbringt. Ihr werdet viel mit ihnen zu tun haben, gerade am Anfang.
- Einfach machen. Etwas falsch zu machen ist meistens besser, als ewig zu warten und nichts zu tun.
Bildrechte: Foto: Albert Law
Wir bedanken uns bei Anton Hantel für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















