Mittwoch, September 30, 2026
StartInterviewsSichere Compliance: Wie Sustaind mit KI und Munich Re die Rechtsüberwachung automatisiert

Sichere Compliance: Wie Sustaind mit KI und Munich Re die Rechtsüberwachung automatisiert

Sustaind unterstützt Unternehmen dabei, Compliance mithilfe von KI zu automatisieren und regulatorische Änderungen frühzeitig zu erkennen

Kannst du Sustaind kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, Compliance mithilfe von KI zu automatisieren?

Sustaind ist eine KI-gestützte Plattform für Rechtskataster und Legal Monitoring mit Sitz in Bielefeld. Die Idee ist 2023 entstanden, im Zuge der regulatorischen Entwicklungen rund um den European Green Deal. Damals haben uns viele Mittelständler immer wieder dasselbe berichtet: Die neuen Compliance-Pflichten nehmen stetig zu, und mit ihnen steigen Aufwand und Kosten. Genau dort wollten wir ansetzen. Unser Ziel war es, Unternehmen diese Last abzunehmen, indem wir die zeitintensiven manuellen Schritte mithilfe von KI automatisieren. Dazu gehören das Recherchieren, Aufbereiten und Nachverfolgen von Rechtsvorschriften.

Wer steht hinter Sustaind, und welche Erfahrungen hast du persönlich in die Gründung des Unternehmens eingebracht?

Sustaind wurde von Niclas Musies und mir gegründet, und unsere Profile ergänzen sich sehr gut. Niclas hat als Data Scientist mehrere Jahre in der Unternehmensberatung gearbeitet und dort Unternehmen bei Daten- und KI-Strategien begleitet. Bei Sustaind verantwortet er Technologie, KI-Entwicklung und Produkt. Ich war über fünf Jahre im industriellen Mittelstand tätig und habe dort die operativen und regulatorischen Herausforderungen von Unternehmen aus erster Hand kennengelernt. Parallel dazu habe ich mit einer Social-Media-Agentur erste Erfahrungen in der Selbstständigkeit gesammelt. Nachdem ich meine Anteile an der Agentur an meine beiden Mitgründer verkauft hatte, war ich zwei Jahre bei der Founders Foundation, um die Tech- und Start-up-Welt von innen kennenzulernen. Heute verantworte ich bei Sustaind Strategie, Vertrieb und Finanzen.

Du sagst, dass kein Unternehmen vollständig compliant sein kann. Warum ist selbst eine hundertprozentige Regelkonformität aus deiner Sicht kaum erreichbar?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Der erste ist die schiere Menge an Regeln: Auf europäischer wie nationaler Ebene kommen laufend neue Vorschriften und Änderungen hinzu. Der zweite sind die begrenzten Ressourcen. Würde sich jedes Unternehmen mit jeder Regulierung weltweit gleich intensiv befassen, bliebe für das eigentliche Geschäft kaum noch Zeit. In der Praxis priorisieren Unternehmen deshalb nach Risiko, und Vorgaben mit geringem Risiko rücken dabei häufig in den Hintergrund. Das ist nachvollziehbar. Umso wichtiger ist aber ein verlässlicher Überblick, damit diese Priorisierung auf einer fundierten Grundlage stattfindet.

Sustaind überwacht Rechtsänderungen in mehr als 120 Ländern. Wie schafft ihr es, daraus genau die Pflichten herauszufiltern, die für ein einzelnes Unternehmen tatsächlich relevant sind?

Im ersten Schritt verarbeiten wir die offiziellen Gesetzestexte aus öffentlich zugänglichen amtlichen Quellen, etwa EUR-Lex oder dem Bundesgesetzblatt. Die darin enthaltenen Pflichten lesen wir in einem technischen Prozess strukturiert aus. Anschließend prüfen wir die Verknüpfungen zu anderen Gesetzen und ergänzen, wo sinnvoll, offizielle Begleitdokumente wie Leitlinien oder FAQ. So entsteht eine möglichst umfassende Datenbasis. Diese gleichen wir mit dem Profil ab, das jedes Unternehmen bei uns hinterlegt, also etwa Standorte, Branche und Tätigkeiten. Daraus ergibt sich eine Einschätzung, welche Vorschriften und Änderungen für das jeweilige Unternehmen voraussichtlich relevant sind. Was schließlich ins eigene Rechtskataster aufgenommen wird, entscheidet das Unternehmen selbst.

Gerade der Mittelstand verfügt häufig nicht über große Compliance-Abteilungen. Welche Aufgaben kann eure Plattform übernehmen und welche Verantwortung bleibt weiterhin beim Unternehmen?

Man kann sich Sustaind wie ein „allsehendes Auge“ vorstellen. Wir liefern täglich regulatorische Updates und übersetzen sie in konkrete Pflichten. Mithilfe unserer Software überführen wir diese dann in nachvollziehbare, auditierbare Prozesse mit klaren Zuständigkeiten, Fristen und Nachweisen. Gerade für Unternehmen ohne große Compliance-Abteilung entfällt damit ein Großteil der manuellen Recherche- und Dokumentationsarbeit. Was Sustaind bewusst nicht ist, ist „die Hand“, also der Umsetzungsteil. Die Interpretation einer Pflicht und die Entscheidung, wie sie im eigenen Betrieb umgesetzt wird, bleiben beim Unternehmen. Wir verstehen uns als Arbeits- und Entscheidungsgrundlage für die Compliance unserer Kunden, nicht als deren Ersatz.

Gemeinsam mit Munich Re habt ihr eine vertragliche Leistungsgarantie für euer KI-gestütztes Rechtskataster entwickelt. Wie funktioniert dieses Modell konkret?

Wir wollten die Rolle von Software in der Compliance grundlegend weiterdenken. Die Leistungsgarantie ist Bestandteil unseres Rechtskatasters und bezieht sich auf unsere eigene Leistung: Relevante Rechtsänderungen sollen vollständig und tagesaktuell erkannt und nachverfolgt werden. Übersieht unser System eine relevante Rechtsänderung und entsteht dem Kunden dadurch ein nachweisbarer Schaden, stehen wir im Rahmen der vertraglich vereinbarten Bedingungen dafür ein. Wir liefern also nicht nur das Werkzeug für den Monitoring-Prozess. Wir übernehmen auch die Verantwortung dafür, dass dabei nichts Relevantes übersehen wird. Munich Re war bei der Entwicklung dieses Modells unser Partner, die Garantie selbst geben wir unseren Kunden.

Wenn eure KI eine relevante Rechtsänderung übersieht, übernimmt Sustaind das Risiko. Warum wart ihr bereit, bei einer KI-Anwendung einen so weitreichenden Schritt zu gehen?

Wichtig ist mir dabei: Wir stehen für die Qualität unserer eigenen Leistung ein. Unsere Kunden erwarten zu Recht eine hohe Qualität von uns. Ein Rechtskataster, das nicht vollständig ist, oder eine KI, der nicht einmal der Anbieter selbst vollständig vertraut, verfehlt seinen Zweck. Mit der Leistungsgarantie wollten wir deshalb ein klares Zeichen setzen, dass wir höchsten Wert auf die Qualität unserer Arbeit legen. Ich freue mich sehr, dass Munich Re diesen Anspruch durch die Partnerschaft unterstreicht.

KI-Systeme können Fehler machen und rechtliche Vorgaben können unterschiedlich ausgelegt werden. Wo zieht ihr die Grenze zwischen einem Fehler eurer Technologie und der Verantwortung des Kunden?

Entscheidend ist, dass die Auslegung einer gesetzlichen Pflicht beim Kunden verbleibt. Unsere Aufgabe ist es, aus möglichst vielen Daten eine fundierte Einschätzung zu liefern, ob ein Gesetz auf Basis der im System hinterlegten Unternehmensdaten als anwendbar einzustufen ist. Der Kunde ist dafür verantwortlich, sein Unternehmen in unserem geführten Onboarding-Prozess vollständig und korrekt abzubilden, gewissermaßen als „digitalen Zwilling“. Wie belastbar unsere Einschätzung ist, machen wir über einen sogenannten Confidence Score transparent. Er zeigt dem Kunden, ob ausreichend Daten vorliegen, um die Anwendbarkeit valide bewerten zu können. So bleibt jederzeit nachvollziehbar, auf welcher Grundlage eine Einschätzung beruht.

Mehr als 110 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen nutzen Sustaind bereits. Was habt ihr dadurch über die unterschiedlichen Compliance-Probleme von Unternehmen gelernt?

Wir haben vor allem gesehen, dass Compliance in vielen Unternehmen noch zu häufig ein isoliertes Silo ist, also eine separate Funktion neben dem eigentlichen Geschäft. In einer idealen Welt wäre Compliance aber gar keine eigene Funktion. Sie wäre direkt in die Wertschöpfungsprozesse des Unternehmens integriert. Am Ende möchte ein Unternehmen compliant sein und nicht Compliance machen.

In der Vergangenheit hat man häufig versucht, eine sogenannte Compliance-Kultur zu etablieren, indem man Mitarbeitende sensibilisiert und schult. Das ist nicht per se schlecht, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch mit der besten Schulung ist Compliance damit noch nicht automatisiert und in die Prozesse integriert.

Das größte Potenzial sehe ich künftig in der direkten Verknüpfung von Prozessen und Compliance-Anforderungen, und genau hier wird KI sehr viel verändern. Erstmals wird eine wirklich prozessintegrierte Compliance möglich. KI-Systeme werden Anforderungen auf Knopfdruck analysieren und eine Rückmeldung zum Compliance-Status geben können, ähnlich wie eine eigenständige Prüfinstanz.

Die Zusammenarbeit eines jungen SaaS-Unternehmens mit einem internationalen Rückversicherer ist ungewöhnlich. Wie kam die Partnerschaft mit Munich Re zustande?

Wir haben uns schon länger mit der Frage beschäftigt, wie wir unseren Qualitätsanspruch gegenüber unseren Kunden glaubwürdig untermauern können. Bei unserer Suche und über Kontakte aus unserem Netzwerk sind wir auf Munich Re aufmerksam geworden. Aus unserer Sicht ist Munich Re in diesem Bereich ein Vorreiter und hat die Bedeutung der technologischen Entwicklung von KI früh erkannt. Entsprechend offen waren die Gespräche von Beginn an. In mehreren Schritten haben wir anschließend gemeinsam die Details der Kooperation ausgearbeitet.

Welche Vision verfolgt ihr mit Sustaind, und könnte die Übernahme von Risiken durch KI-Anbieter auch in anderen regulierten Branchen zu einem neuen Geschäftsmodell werden?

Compliance darf kein Hindernis für Wertschöpfung sein. Compliance-Checks müssen deshalb nahezu unsichtbar und in Echtzeit in die Prozesse von Unternehmen integriert werden. Das gilt umso mehr in einem agentischen Zeitalter, in dem KI-Systeme zunehmend Entscheidungen treffen. Dann braucht es glaubwürdige Instanzen, die dazu beitragen, dass auch das Handeln von KI regelkonform ist, und genau dieses Puzzlestück wollen wir sein. Ich glaube auch, dass sich dieser Gedanke übertragen lässt. In jedem Bereich, in dem für Unternehmen Risiken bestehen, können sich KI-Anbieter fragen, wie sie diese Risiken für ihre Kunden wirksam reduzieren und für die Qualität ihrer eigenen Leistung einstehen können. Das ist mehr, als nur das „Prozesswerkzeug“ zu liefern.

Welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die KI-Produkte für stark regulierte Märkte entwickeln möchten?

Ehrlich gesagt: niemals Ratschläge geben, die holen einen früher oder später immer wieder ein. Was wir selbst versuchen, ist ganz einfach. Wir wollen jeden Tag einen kleinen Schritt vorankommen, unseren Kunden genau zuhören und ihre Erwartungen möglichst übertreffen.

Bildcredits  Sustaind GmbH

Wir bedanken uns bei Louis Schulze für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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