Mittwoch, September 30, 2026
StartEvents & TermineWir müssen uns einander wieder zumuten

Wir müssen uns einander wieder zumuten

Wir verbringen so viel Zeit allein wie nie zuvor.  Homeoffice, Lieferdienste und Streaming machen es möglich, andere Menschen zu meiden. Politikjournalistin Alev Doğan hält das für gefährlich: In ihrem Buch „Verbunden“ plädiert sie dafür, sich bewusst für andere zu öffnen – auch wenn es unbequem ist. Im Interview mit herCAREER erklärt sie, warum Gemeinschaft im Alltag, am Arbeitsplatz und auch in der Politik nur so funktioniert

„Am Arbeitsplatz kommen wir mit Menschen in Kontakt, die wir uns nicht ausgesucht haben. Das ist Demokratie in Übung.“

herCAREER: Alev, du bist Politikjournalistin, keine Psychologin oder Soziologin. Was hat dich bewegt, ein Buch über Verbundenheit zu schreiben?

Alev Doğan: Verbundenheit ist ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Spätestens seit Corona diskutieren wir über Einsamkeit, also über die Kehrseite der Verbundenheit, aber betrachten nicht, was Verbundenheit eigentlich ausmacht. Natürlich ist es eine wichtige Errungenschaft der Moderne, dass wir unser Leben individuell gestalten können, dass nicht mehr alles davon bestimmt wird, in welche Verhältnisse wir hineingeboren werden. Doch als Gesellschaft sehen wir schon länger, dass Vereinzelung zunimmt. Die Bindungskraft von ehemals starken Institutionen schwindet, ob das die Kirche ist, ob es Vereine oder Parteien sind. Selbst die Bindung an die Familie lässt nach. Deshalb habe ich mich gefragt: Wie entsteht Verbundenheit? Wie lässt sie sich im Privaten, aber auch im öffentlich-politischen Bereich kultivieren? Denn ich glaube, für eine demokratische Gesellschaft ist Verbundenheit eine Bedingung, ohne die es nicht geht.

herCAREER: Laut Studien verbringen wir so viel Zeit allein wie nie zuvor. Woran liegt das?

Alev Doğan: Daran, dass es möglich ist. Wir sind durch den technologischen Fortschritt heute weniger darauf angewiesen, eine verlässliche Verbindung zu anderen zu haben. Statt Freunde zu bitten, mir beim Umzug zu helfen oder mich von A nach B zu fahren, kann ich das als Dienstleistung buchen. Ich muss mich auch zum Einkaufen nicht mehr unter Menschen begeben, sondern kann mir alles liefern lassen. Ich komme allein klar. Das ist komfortabel, aber wir verlieren darüber das alltägliche Miteinander, und das lässt sich nicht durch Quality Time mit einer Freundin alle paar Monate aufwiegen.

Für mich gehört zu einer alltäglichen Verbundenheit auch, zu wissen, wer den Kiosk nebenan betreibt, wer der Nachbar ist, der meine Pakete annimmt, oder zum Busfahrer „Hallo“ zu sagen, besonders, wenn ich jeden Tag mit ihm fahre. Alltägliche Begegnungen, im Alltag füreinander da sein, sich im Netz mit anderen sehen – das ist der Kern von Verbundenheit. Und das ist nicht nur wichtig in Freundschaften und Familie, sondern auch für das politische Gemeinwesen.

herCAREER: Du hältst den Arbeitsplatz für einen unterschätzten politischen Ort. Inwiefern?

Alev Doğan: Am Arbeitsplatz kommen wir mit Menschen in Kontakt, die wir uns nicht ausgesucht haben. Das ist Demokratie in Übung. Wir arbeiten mit ihnen zusammen, verfolgen gemeinsame Ziele, suchen Lösungen für Probleme, stehen Misserfolge durch, feiern Erfolge und fühlen uns zugehörig. Das ist im Kleinen das, was die Gesellschaft im Großen im besten Falle miteinander erlebt. Dafür ist der Arbeitsplatz nach der Familie der wichtigste Ort, sogar noch vor Freundschaft, weil ich bei der Arbeit eben mit Menschen in alltäglichem Kontakt stehe.

herCAREER: Ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet heute im Homeoffice, und davon 25 Prozent sogar ausschließlich zuhause.

Alev Doğan: Ich halte das, ehrlich gesagt, für die reinste Idiotie. „Remote“ zu arbeiten, bedeutet wörtlich: nicht verbunden zu sein, an einem entfernten Ort zu arbeiten. Wenn jeder von uns in seiner eigenen kleinen Zelle sitzt, schaffen wir uns perspektivisch unsere eigene Dystopie. Natürlich kann Homeoffice Teil eines flexiblen Arbeitsmodells sein, aber es sollte nicht der neue Standard werden. Menschen müssen sich begegnen. Nicht nur, um gemeinsam Ideen zu entwickeln. Ich erfahre erst in der Teeküche, wenn sich der Chef oder die Chefin falsch gegenüber einer Kollegin verhält. Auf die Idee, einen Betriebsrat zu gründen, komme ich nicht allein zuhause, und ich bekomme da auch nicht mit, wie es den Kollegen geht. Solidarität und Verantwortungsübernahme füreinander fangen bei der Arbeit an. Das ist aber nur möglich, wenn wir körperlich zusammenkommen.

herCAREER: Wie lässt sich Verbundenheit kultivieren?

Alev Doğan: Wir müssen uns einander wieder zumuten. Wir haben uns in eine Situation manövriert, in der es sinnvoll scheint, alles fernzuhalten, was „negative Vibes“ auslöst. Der anstrengende Onkel mit den toxischen Sprüchen? Besser meiden. Die Freundin hat eingeladen? Aber ich fühle es gerade nicht, bis in ihren Kiez zu fahren. Essen gehen mit den Kolleginnen? Passt nicht zum Intervallfasten. Natürlich haben wir jedes Recht, in uns hineinzuhören: Wer tut mir gut und was nicht – aber es lohnt trotzdem, die eigene Komfortzone nicht über alles zu stellen. Und ich plädiere auch dafür, nicht jeden kategorisch auszusortieren, der eine andere Meinung hat oder im Lebensstil von unserem abweicht, da sollten wir nicht zu rigoros sein. Ich glaube, wir müssen uns manchmal für das Unbequeme entscheiden, weil Gemeinschaft nur so funktioniert.

herCAREER: Du hast als Deutsch-Türkin oder türkische Deutsche der dritten Generation oft erlebt, als „die andere“ gelesen zu werden. Wie hat das dein Verständnis von Zugehörigkeit geprägt?

Alev Doğan: Ich bin „unzugehörig“. Und das ist okay. Ich glaube sogar, dass es ein Zugehörigkeitsgefühl der Unzugehörigen untereinander gibt. Ich bin früh damit konfrontiert worden, dass ich nicht so richtig zu den anderen Deutschen gehöre, mal wurde mir das auf nette Weise vermittelt, mal offen rassistisch. Dass ich dritte Generation bin, macht da für viele keinen Unterschied. Menschen sehen und hören, was sie sehen und hören wollen – gerade deshalb habe ich gelernt, Zugehörigkeit bei Menschen zu finden und nicht in Kategorien oder Gruppen. Hinzu kommt: Ich hatte selbst nie ein Problem mit meinem Türkischsein, im Gegenteil, ich empfinde diese Kultur als Geschenk. Auf seine Wurzeln reduziert zu werden oder überhaupt darauf angesprochen zu werden, erlebt man aber vermutlich anders, wenn man zum Beispiel selbst Fluchterfahrung hat oder eben mit seiner Herkunft hadert.

herCAREER: Es gibt ja diese vermeintlich progressive Haltung, die sich in einem Satz niederschlägt wie: „Ich sehe gar keine Hautfarben.“

Alev Doğan: Aber es gibt Unterschiede, und eben nicht nur in Hautfarben, sondern auch in vielen Haltungen, im gesamten politischen Spektrum. Diese Unterschiede werden sich nicht einebnen lassen, und ich halte das auch gar nicht für wünschenswert.

herCAREER: Wie kann Verbindung darüber hinweg gelingen?

Alev Doğan: Indem man sich offen und neugierig begegnet. Ich glaube, dass wir unterschiedlich sind, hat überhaupt nichts damit zu tun, ob wir zueinander passen oder nicht. Oder ob wir miteinander können oder nicht. Meine tiefsten Freundschaften verbinden mich mit Menschen, deren Herkunft und Sozialisierung nicht konträrer zu meiner sein könnten. Das ist eher etwas, was unsere Verbindung befruchtet. Die Frage ist doch, welche Geisteshaltung habe ich? Diese Idee, man müsse sich ähneln, um miteinander eine Verbindung einzugehen, stimmt auf ganz vielen Ebenen nicht.

herCAREER: In Sachsen-Anhalt haben wir gesehen, wie Ähnlichkeiten und Unterschiede propagandistisch stark betont werden, zum Teil unverhohlen völkisch. Das „Wir“ auf der einen Seite und dem gegenüber „die anderen“. Du stellst im Buch fest, dass es Populist:innen leichter gelingt, Verbundenheit zu ihren Wähler:innen herzustellen, als den etablierten demokratischen Parteien. Was beobachtest du?

Alev Doğan: Das ist ein internationales Phänomen. Wir sehen auch in den USA, in Frankreich und anderen vergleichbaren Industrienationen, dass rechtspopulistische Kräfte die Disruption des gesamten Systems vorantreiben und in weiten Teilen der Bevölkerung auf große Resonanz stoßen. Sie setzen bei ihren Kandidaten oft auf Leute, die etwas „hermachen“, die ein gewisses Charisma haben. Die etablierten Parteien leiden da zum Teil an ihrer Überprofessionalisierung. In der deutschen Parteiendemokratie ist der Parteienapparat Dreh- und Angelpunkt jeder Regierungsbildung. Dieser Apparat hat aber eine solche Komplexität erreicht, dass er sich oft nur noch um sich selbst dreht und nach ganz eigenen Mechanismen funktioniert. Das sehen wir deutlich bei Parteien wie der SPD, wie der CDU/CSU und in Teilen auch bei den Grünen.

herCAREER: Welche Folgen siehst du?

Alev Doğan: Es gibt zum Beispiel einen Beförderungsmechanismus, über den Leute an die Spitze kommen, die die parteiinternen Logiken verstanden haben. Aber das heißt nicht, dass sie beim Wähler ankommen. Menschen wählen Menschen. Und ich kann von Ulrich Siegmund halten, was ich will, aber ich erkenne ihn als Menschen. Da kann ich dann sagen: „Das finde ich fürchterlich, denn die AfD ist rechtsradikal.“ Oder: „Das finde ich ganz toll.“ Aber über den SPD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt kann ich überhaupt nichts sagen.

herCAREER: Gibt es einen Ausweg?

Alev Doğan: Parteien müssen schon gucken, um wessen Stimme werbe ich da eigentlich? Und wen stelle ich auf, um die Menschen zu erreichen? Gerade bei schwierigen Wahlen muss es darum gehen, den brillantesten, wärmsten, „umarmendsten“ Spitzenkandidaten loszuschicken, der rhetorisch versiert genug ist, die Menschen zu erreichen.

herCAREER: Das sind ziemlich hohe Anforderungen. Viele gehen ja nicht wegen ihrer psychologischen oder ihrer Entertainer:innen-Qualitäten in die Politik, sondern weil sie ein Anliegen haben.

Alev Doğan: Ja, aber um Anliegen umzusetzen, muss man Menschen erreichen. Und wenn ich mich für politische Anliegen begeistere – für Gerechtigkeit kann und sollte man sich begeistern –, dann darf man mir diese Begeisterung auch ansehen, sie spüren. Bei den populistischen Parteien kommt noch etwas hinzu, was, glaube ich, noch nicht genug wahrgenommen wird: Politiker dieser Parteien haben oft große Freude an sich selbst.

herCAREER: Wie meinst du das?

Alev Doğan: Es gibt im Bundestag ziemlich genau eine Fraktion, in der viel gelacht wird. Das ist die AfD. Es ist zwar oft höhnisch oder ein Feixen, aber es ist eine Partei, eine Fraktion, die für alle sichtbar von sich selbst begeistert ist. Das kann man in den vergangenen Jahren weder über die allermeisten in der SPD-Fraktion sagen noch über die meisten in der CDU-Fraktion. Auch das halte ich für eine Folge der Überprofessionalisierung. Die Populisten wirken dagegen emotional ehrlich. Bei Trump hat man die ganze Zeit das Gefühl, er redet, was er denkt. Ich sehe Alice Weidel oder auch Giorgia Meloni an, wenn sie genervt sind. Sie verdrehen die Augen, fluchen, Alice Weidel verlässt Interviews. Ich sehe ihr auch an, wenn sie glücklich ist. Die sind emotional bei sich und das kommt bei ihren Wählern an.

herCAREER: Aber das sehe ich Friedrich Merz auch an, nur verzeihen wir es ihm nicht.

Alev Doğan: Merz ist noch mal ein Sonderfall. Ihm merkt man zu oft eine Mischung aus Überheblichkeit und Ungeduld an. Das ist manchmal rübergekommen, als wäre er der Einzige, der noch versteht, was Arbeit ist. Mit so etwas wird niemand gern konfrontiert.

herCAREER: Es gibt einen Schulterschluss der Rechtspopulist:innen und Rechtsextremen über Grenzen hinweg. Sie blenden Unterschiede aus und ziehen an einem Strang, während sich progressive Kräfte, auch im Feminismus, oft untereinander zerlegen. Siehst du eine Chance, eine Verbundenheit zu schaffen, die rechtspopulistischen Kräften etwas entgegensetzen kann?

Alev Doğan: Es heißt leider nicht umsonst: „The left are eating their own.“ Das ist ein Phänomen, das auch damit zu tun hat, dass in rechten und rechtsextremen Bewegungen so etwas wie Korpsgeist anders funktioniert. Linke und Progressive achten stärker auf Individualisierung, bei ihnen ist die Ausdifferenzierung wichtig. Ich glaube, das lässt sich nur durch zwei Dinge überwinden: Erstens braucht es das richtige Personal. Wir sehen das zum Beispiel gerade in New York, wo es jemandem wie Zohran Mamdani offenbar gelingt, eine Bewegung loszutreten. Auch wenn da noch die Frage ist, wie nachhaltig das ist.

herCAREER: Und zweitens?

Alev Doğan: Dass es nicht ohne die Konservativen geht. Das war für mich ein Lernprozess. Aber ich halte Stabilität in einem Land wie Deutschland heute ohne einen echten Wertekonservatismus nicht für möglich. Ein Konservatismus, der sich dem Bürgerlichen verpflichtet fühlt, gerade auch in Abgrenzung zum Rechtsextremen und Populistischen. Der kann das Progressive einbinden, aber Stabilität gelingt nur mit den Konservativen. Da kann Heidi Reichinneck noch so groß werden, da können einzelne etwas in Bewegung bringen – am Ende des Tages ist Deutschland ein konservatives Land, und es braucht diese Bindungskraft, um überhaupt progressive Politik möglich zu machen.

Das Gespräch führte die freie herCAREER-Redakteurin Silvi Feist.

Alev Doğan wird am 22. Oktober 2026 von 16.40 bis 17.20 Uhr beim Podcast-MeetUp auf der herCAREER Expo live Fragen zu ihrem Buch „Verbunden – Die Kunst, sich und andere nicht zu verlieren“ beantworten.

Bild Alev Doğan Stellvertretende Chefredakteurin bei The Pioneer © Mark Hurek

Quelle messe.rocks GmbH

StartupValley
StartupValley
Das StartupValley Magazin ist Europas großes Magazin für Start-ups, Gründer und Entrepreneure. Ihr findet bei uns Tagesaktuelle News zu den neuesten Trends, Technologien und Geschäftsmodellen der internationalen Startup-Szene sowie Interviews mit erfolgreichen Gründern und Investoren.

StartupValley Venture

FUNDING

ALERTS

Täglich die neuesten Startup-Fundings, Investments und VC-Deals direkt in deinem WhatsApp-Feed. Schnell, aktuell und kompakt für Gründer, Investoren und Tech-Begeisterte.

StartupValley Newsletter

Erhalte regelmäßig die wichtigsten internationalen Startup-News in dein Postfach!

- Advertisement -

PREMIUM STARTUPS

Neueste Beiträge

spot_img
spot_img
spot_img
spot_img

Das könnte dir auch gefallen!