Die Tech-Branche befindet sich in einem laufenden Umbruch – und genau darin liegt eine große Chance. Julia Koch, die bei Finanz Informatik (FI) digitale Banking-Lösungen für Millionen Menschen verantwortet, sagt: Die Strukturen sind noch nicht festgelegt, die Rollenbilder noch nicht zementiert. Wer jetzt mitmacht, prägt mit. Was das für sie als Führungskraft und für Frauen in Tech-Berufen konkret bedeutet, erzählt sie im Interview.
„Zukunft wird von denen gemacht, die sie aktiv gestalten.“
herCAREER: Julia, du sagst, die besten Karrieren für Frauen entstehen gerade jetzt in der Tech-Branche. Was macht diesen Moment so besonders?
Julia Koch: Wir erleben gerade einen echten Möglichkeitsmoment. Neue Karrieren in der Tech-Branche entstehen, weil wir heute viel mehr von Technologie erwarten als früher. Digitale Banking-Lösungen müssen heute intuitiv nutzbar und inklusiv sein. Sie müssen wirtschaftlich wirksam, regulatorisch compliant, sicher im Umgang mit Daten und nachhaltig im Ressourceneinsatz sein. Und vor allem müssen sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren und spürbare Mehrwerte für deren Alltag bringen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird Technologie zunehmend zu einem gestaltenden Faktor für Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen. Dadurch verändert sich auch, wer an Technologie arbeitet und welche Perspektiven dabei eine Rolle spielen.
Um relevante Lösungen zu entwickeln, brauchen Tech-Unternehmen neben technischen und wirtschaftlichen Perspektiven auch regulatorische, gesellschaftliche, ethische und nutzerzentrierte Sichtweisen. Diese Vielfalt an Perspektiven eröffnet enorme Chancen für neue Karrieren. Hinzu kommt der Generationenwechsel, der für viele Unternehmen natürlich eine Herausforderung ist. Er ist aber zugleich eine große Chance für alle Beteiligten. Für Unternehmen, um neue Skills und Talente gezielt aufzubauen. Und für Mitarbeitende und Quereinsteiger, als Potenzialträger erkannt und gefördert zu werden.
herCAREER: Und was macht diese Karrieren anders und besonders?
Julia Koch: Das Besondere an diesen Karrieren ist, dass sie sehr viel stärker gestaltend sind als früher. Es geht nicht mehr nur darum, einzelne Aufgaben in einem klar abgegrenzten Fachgebiet zu erfüllen, sondern darum, an den Schnittstellen zu arbeiten und crossfunktionalen Impact zu erzielen. Das sind Rollen, die Technologie mit Business, Strategie, Customer Experience, Regulierung und Nachhaltigkeit verbinden, dabei die Zusammenhänge verstehen und aktiv Einfluss auf die Entwicklung von Lösungen nehmen. Dadurch verändert sich auch die Qualität von Verantwortung. Man arbeitet nicht mehr nur an der Umsetzung, sondern prägt die Richtung mit. Das macht diese Karrieren anspruchsvoll, aber auch sehr attraktiv.
herCAREER: Du stellst deine Teams bewusst divers auf und setzt dich für Diversity und Women in Tech ein. Warum ist das für dich so wichtig?
Julia Koch: Wir entwickeln Lösungen für rund 50 Millionen Menschen. Eine Zielgruppe, so vielfältig wie die Gesellschaft selbst, kann man nur mit vielfältigen Teams wirklich nutzerzentriert adressieren. Vielfalt ist somit bei uns kein Kulturprogramm, sondern eine Voraussetzung für nachhaltige Innovation.
Entscheidend ist, dass diese Perspektiven im Alltag auch wirklich zusammengebracht werden durch Führung, die weniger im Detail vorgibt und stärker als Impulsgeber wirkt: mit klarem Rahmen, klarer Richtung und Raum für eigenständige Lösungsfindung. Wenn Teams erleben, dass ihre Lösungen dadurch besser werden, entsteht daraus Überzeugung.
herCAREER: Viele Branchen beklagen derzeit ein Nachwuchsproblem. Wie erlebst du das im FinTech-Bereich – insbesondere bei jungen Frauen?
Julia Koch: Der Fachkräftemangel in der IT ist seit Jahren spürbar und wird sich durch den demografischen Wandel weiter verstärken. Viele erfahrene Mitarbeitende werden in den kommenden Jahren aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, und das in einer Phase, in der gleichzeitig der Bedarf an technologischer Kompetenz weiter steigt.
Wir sehen aber auch eine sehr positive Entwicklung. Immer mehr Frauen entscheiden sich für technische Ausbildungswege, und der Anteil von Frauen in technischen Teams wächst kontinuierlich. Das ist ein Trend, den wir aktiv unterstützen, beispielsweise durch Kooperationen mit Hochschulen, der Hacker School oder mit gezielten Förderprogrammen. Wenn Unternehmen mehr Frauen in Tech und Führung wollen, dann reicht es nicht, auf den Markt zu warten. Dann müssen sie gezielt Sichtbarkeit, Entwicklung und Vernetzung ermöglichen. Deshalb sind Mentoring-Programme, interne Netzwerke wie She@FI oder das Führungsnetzwerk der Sparkassen-Finanzgruppe „S-FiF-Frauen in Führung“ so wichtig.
Sie stärken nicht nur individuelle Karrieren, sondern schaffen auch die strukturellen Voraussetzungen dafür, dass mehr Frauen ihren Weg in gestaltende Rollen finden. Zudem ist Sichtbarkeit über Unternehmensgrenzen hinaus wichtig. Netzwerke und Plattformen wie herCAREER oder FEMWORX schaffen Räume, in denen Frauen Vorbilder erleben, Erfahrungen teilen und konkrete Zugänge in Technologie- und Führungsrollen finden. Diese Verbindung aus interner Förderung und externem Austausch macht aus individuellen Karrierewegen eine breitere Bewegung.
herCAREER: Transformation ist dein Alltag. KI verändert aktuell Prozesse, Rollen und Zusammenarbeit. Welche Aspekte dieser Transformation werden deiner Erfahrung nach am häufigsten unterschätzt?
Julia Koch: Ein Aspekt, der aus meiner Sicht häufig unterschätzt wird, ist, dass KI-Transformation in erster Linie ein Veränderungsprozess für Menschen ist. Technologie lässt sich vergleichsweise schnell bereitstellen. Entscheidend ist aber, ob sie im Alltag tatsächlich genutzt wird und dort messbaren Mehrwert schafft. Der Erfolg von Transformation hängt stark von Adoption ab. Es reicht nicht aus, neue Lösungen einzuführen. Man muss dafür sorgen, dass sie verstanden, akzeptiert und sinnvoll eingesetzt werden. Dafür sind Führung, Kommunikation und Befähigung zentrale Erfolgsfaktoren. Es geht darum, Orientierung zu geben, den Sinn von Veränderungen zu vermitteln und Mitarbeitende zu befähigen, neue Wege zu gehen. Deshalb verknüpfen wir Lernen sehr bewusst mit konkreten Use Cases und setzen damit direkt an der Wertschöpfung an. Beim Thema KI sind Formate wie unsere KI-Lernreisen oder die KI-Community nah an der Praxis, werden von den Teams mitgestaltet und schaffen genau diesen Transfer in den Arbeitsalltag.
Wenn man Transformation konsequent menschenzentriert denkt, verändert das auch den Blick auf die Art, wie wir Technologie bereitstellen und damit Lösungen gestalten. KI skaliert dort, wo Menschen befähigt werden, mit ihr zu arbeiten, neue Anwendungsfälle mitzugestalten und Lernen direkt in die Wertschöpfung zu übersetzen. Hierzu entwickeln wir eine KI-Plattform, die unseren Teams die Standardisierung und Wiederverwendung von Agentic-AI sukzessive über das gesamte Spektrum der Banking-Lösungen hinweg ermöglicht. Damit verschiebt sich Lösungsentwicklung von einer stark technologiegetriebenen Perspektive hin zu echter Business-Ownership.
herCAREER: Wenn sich beruflich alles ständig verändert – wie bleibst du als Mensch geerdet? Welche Routinen helfen dir?
Julia Koch: Schnelle Veränderung im Umfeld und im Inneren von Unternehmen hat mich beruflich von Anfang an begleitet. Ich empfinde es als spannend und reizvoll, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem sich Dinge bewegen und neu entstehen. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass man in solchen Phasen sehr bewusst mit der eigenen Energie umgehen muss. Im beruflichen Kontext arbeite ich sehr fokussiert und mit einem klaren Zielbild. Umso wichtiger sind für mich Phasen, in denen ich wirklich abschalten kann und Abstand gewinne.
Reisen hilft mir dabei sehr. Meine Passion sind Fernreisen und Exkursionen in die Natur, weil ich dort tatsächlich aus dem Arbeitskontext herauskomme. Vor kurzem war ich zum Beispiel in Grönland. Das war wirklich sehr beeindruckend. Für die kleinen Auszeiten zwischendurch brauche ich gar nicht viel. Von Berlin aus fahre ich gerne nach Usedom. Am langen Strand entlangzulaufen, macht mir den Kopf frei und hilft mir, wieder Perspektive zu gewinnen. Diese bewussten Wechsel zwischen hoher Intensität und echtem Abschalten sind für mich wichtig, um langfristig wirksam und geerdet zu bleiben.
herCAREER: Wie führt man zukunftsorientierte KI-Dienstleistungen und Automatisierung mit einer traditionsreichen, kundenzentrierten Marke wie der Sparkasse zusammen?
Julia Koch: Für mich ist das kein Widerspruch, sondern eine konsequente Weiterentwicklung. Der Markenkern der Sparkassen war schon immer, allen Menschen in der Gesellschaft einen einfachen Zugang zu den in der jeweiligen Zeit modernen Finanzlösungen zu ermöglichen. Übertragen auf die heutige Zeit bedeutet das, digitale und zunehmend auch KI-gestützte Banking-Lösungen so zu gestalten, dass sie einen echten Mehrwert im Alltag bieten. Dabei bleiben Themen wie Sicherheit, Verlässlichkeit und verantwortungsvoller Umgang mit Daten enorm wichtig, denn gerade im Banking ist Vertrauen die zentrale Grundlage. Deshalb ist digitale Souveränität für uns eine operative Voraussetzung. Wir müssen jederzeit die Kontrolle über Daten, Systeme und Prozesse behalten, um Sicherheit, Stabilität und regulatorische Anforderungen langfristig gewährleisten zu können.
Die besondere Herausforderung liegt darin, diese technologischen Möglichkeiten mit der traditionellen Stärke der Sparkassen – der persönlichen Betreuung – zu verbinden.
Genau daran arbeiten wir: indem wir KI sowohl intern zur Unterstützung der Mitarbeitenden einsetzen als auch dort, wo sie für Kundinnen und Kunden einen spürbaren Nutzen bringt.
So entsteht ein Zusammenspiel aus technologischer Innovation und verlässlicher Infrastruktur mit dem Ziel, moderne Banking-Lösungen verantwortungsvoll und in der Breite der Gesellschaft wirksam zu machen.
herCAREER: Welche Fähigkeiten werden im KI-Zeitalter wichtiger und welche verlieren an Bedeutung?
Julia Koch: Im KI-Zeitalter verschiebt sich die Bedeutung von Fähigkeiten. Tiefgehendes technisches Spezialwissen bleibt wichtig, wird aber für weniger Rollen benötigt.
An Bedeutung gewinnen vor allem sogenannte Human Skills. Dazu gehören kritisches Denken, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, in komplexen Zusammenhängen zu arbeiten.
Besonders wichtig ist aus meiner Sicht die Fähigkeit, kontinuierlich zu lernen. In einem Umfeld, das sich so schnell verändert, ist es weniger entscheidend, was man einmal gelernt hat, sondern wie schnell man sich auf neue Themen einstellen kann.
herCAREER: Bist du selbst eher Spezialistin oder Generalistin? Und wie wirkt sich das auf deinen Führungsstil aus?
Julia Koch: Ich sehe mich eher als Generalistin. Meine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und Zusammenhänge zu verstehen.
Das prägt auch meinen Führungsstil und insbesondere, wie ich meine Teams aufstelle. Ich glaube nicht, dass Führungskräfte alle fachlichen Details im Blick haben müssen. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit im Team die besten Lösungen entstehen können. So ist auch eine Führungskarriere ohne IT-nahe Ausbildung bei uns im Unternehmen sehr spannend und vielversprechend.
herCAREER: Woran bist du auf deinem bisherigen Karriereweg am meisten gewachsen?
Julia Koch: Am meisten gewachsen bin ich in Situationen, in denen ich neue Verantwortung übernommen habe, ohne schon alle Antworten zu kennen. Ich habe gelernt, Unsicherheit auszuhalten, trotzdem Entscheidungen zu treffen und mir immer wieder neue Fähigkeiten anzueignen. In einem Umfeld, das sich technologisch und organisatorisch ständig weiterentwickelt, ist kontinuierliches Lernen entscheidend. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das Wissen von gestern für die Aufgaben von morgen ausreicht. Eine wichtige Erkenntnis für mich war, wie wichtig es ist, Verantwortung zu teilen und auf die Stärke von Teams zu vertrauen. In komplexen Umfeldern kann man nicht alles selbst steuern oder lösen. Entscheidend ist, die richtigen Menschen zusammenzubringen, Orientierung zu geben und ihnen den Raum zu lassen, ihre Stärken wirksam einzubringen.
Das klingt einfacher, als es in der Praxis ist. Gerade wenn man sich selbst verantwortlich fühlt, braucht es Geduld und Offenheit dafür, dass es auch andere Lösungswege gibt als den, den man selbst wählen würde.
herCAREER: Welchen Ratschlag, welche Ermutigung möchtest du jungen Frauen mitgeben, die in der Technologie-Branche Karriere machen möchten?
Julia Koch: Mein wichtigster Rat ist: keine Angst vor Technologie. Technologie ist kein abstraktes Konstrukt, sondern etwas, das von Menschen gestaltet wird. Habt den Mut, Neues auszuprobieren und Dinge zu tun, auch wenn ihr noch nicht genau wisst, wie der Weg aussieht. Kaputtgehen kann immer etwas – unabhängig davon, ob man jung oder erfahren ist. Ich selbst bin oft eher aus Neugier in neue Aufgaben hineingestolpert und wusste selten im Vorfeld, was im Detail auf mich zukommt. In der Regel ist es gut gegangen. Jetzt ist eine Phase, in der sehr viel gestaltet werden kann. Strukturen und Rollenbilder sind noch nicht festgelegt. Wer sich jetzt einbringt, kann die Entwicklung aktiv mitprägen.
Im aktuellen Wandel werden Menschen gebraucht, die Zusammenhänge verstehen, Perspektiven verbinden und andere mitnehmen können. Das sind Fähigkeiten, die viele Frauen und auch viele Quereinsteigerinnen mitbringen. Es geht nicht darum, perfekt vorbereitet zu sein. Es geht darum, bereit zu sein und mitzuwirken. Zukunft wird von denen gemacht, die sie aktiv gestalten.
Die herCAREER Expo steht für: Austausch, Expertise und Inspiration.
Am 22. und 23. Oktober 2026 öffnet die herCAREER Expo ihre Türen im MOC München – ein Event, das Menschen anspricht, ganz gleich, ob sie aktiv auf Jobsuche sind oder einfach nach Inspiration und Netzwerk suchen.
Als Europas führende Plattform für weibliche* Karrieren schafft die herCAREER einen Raum für Begegnungen. Hier treffen Fach- und Führungskräfte, Nachwuchstalente sowie führende Köpfe aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aufeinander, um voneinander zu lernen und gemeinsam eine gerechtere, inklusivere Arbeitswelt zu gestalten.
Bild Julia Koch Geschäftsführerin, Expertin für Innovation und Kundenzentrierung im Banking Finanz Informatik
Quelle messe.rocks GmbH
























