Freitag, August 7, 2026
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Mit dem Startup gescheitert. Und jetzt?

Julia ist 34 und Gründerin eines Health-Tech-Startups. Zwei Jahre lang hat sie an ihrer Vision gearbeitet. Dafür gab sie ihren gut bezahlten Job als Unternehmensberaterin auf, baute ein Team auf und überzeugte Familie und Freunde, in das Unternehmen zu investieren.

Dann platzt die erhoffte Finanzierungsrunde. Das Geld ist aufgebraucht. Julia muss ihr Unternehmen schließen und fünf Mitarbeitenden kündigen. Für sie bricht damit weit mehr als ein berufliches Projekt zusammen. Sie fühlt sich wie eine totale Versagerin. Weil Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld Geld investiert haben, erlebt sie das Scheitern sogar als Verrat.

Sie kann kaum aus dem Haus gehen oder soziale Medien öffnen, ohne das Gefühl zu haben, andere würden über sie und ihr gescheitertes Unternehmen sprechen.

5 Schritte aus der Krise:

1. Das Scheitern von der eigenen Person trennen

Im ersten Schritt versucht Julia, die Fakten nüchtern zu betrachten. Das Produkt war technisch solide. Der Markt war jedoch noch nicht bereit. Die Coronapandemie verschlechterte das Timing zusätzlich. Auch konkurrierende Startups mit deutlich mehr Kapital mussten aufgeben.

Diese Betrachtung verändert ihre Perspektive. Sie erkennt, dass der Ausgang ihres Unternehmens viele Ursachen hatte. Eigene Entscheidungen spielten dabei ebenso eine Rolle wie äußere Bedingungen, auf die sie kaum Einfluss nehmen konnte.

Hinzu kommt: Ein sehr großer Teil aller Startups scheitert. Viele Gründerinnen und Gründer brauchen mehrere Anläufe, bis eine Idee wirtschaftlich trägt. Dieses Wissen lindert Julias Enttäuschung zunächst kaum. Es hilft ihr jedoch, den Misserfolg weniger persönlich zu nehmen.

Das Startup ist gescheitert. Ihre Fähigkeiten, ihre Erfahrungen und ihr beruflicher Wert bleiben bestehen.

2. Lernen statt sich zu verstecken

Julia trifft eine Entscheidung: Sie will sich durch den Rückschlag nicht dauerhaft zurückziehen oder in depressive Stimmung geraten. Stattdessen möchte sie aus den vergangenen zwei Jahren lernen, ohne sich dabei selbst zu zerstören.

Dazu gehört auch, die Beziehungen zu Familie und Freunden zu reparieren. Julia weiß, dass deren Geld verloren und viel Vertrauen angeschlagen ist. Sie kann den finanziellen Verlust nicht rückgängig machen. Sie kann jedoch offen über die Gründe sprechen, Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen und zeigen, was sie aus der Erfahrung gelernt hat.

Gleichzeitig hält sie an ihrem Wunsch fest, wieder unternehmerisch tätig zu werden. Das nächste Unternehmen muss nicht sofort entstehen. Zunächst geht es darum, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen und die vorhandenen Möglichkeiten realistisch zu betrachten.

3. Erfahrung als berufliches Kapital wahrnehmen

Julia besitzt nach der Schließung ihres Startups mehr Ressourcen, als sie anfangs wahrnimmt. Sie hat zwei Jahre intensive Startup-Erfahrung gesammelt und verfügt über tiefe Branchenkenntnisse. Sie hat sich ein Netzwerk in der Gründerszene aufgebaut und bewiesen, dass sie ein Team führen kann.

Auch finanziell hat sie Handlungsspielraum. Sie verfügt über Rücklagen und kann wieder als Beraterin arbeiten. Diese Möglichkeiten geben ihr Sicherheit und Zeit für die nächsten Schritte.

Vor allem weiß Julia nun, welche Entscheidungen sie bei einer weiteren Gründung anders treffen würde. Sie kennt die Risiken besser, kann Erwartungen realistischer einschätzen und Warnzeichen früher erkennen. Auch diese Erkenntnisse sind eine wichtige Ressource, auf die sie in Zukunft zurückgreifen kann. Scheitern bedeutet schließlich auch, Erfahrungen zu sammeln, die sich beim nächsten Versuch nutzen lassen.

4. Vom Scheitern erzählen

Julia beginnt, offen über das Ende ihres Startups zu sprechen. Zunächst erzählt sie engen Vertrauten davon. Später teilt sie ihre Erfahrungen auch in der Gründerszene.

Sie schreibt über das Scheitern und berichtet darüber, was sie aus den vergangenen zwei Jahren mitnimmt. Ihre Offenheit stößt auf Interesse. Julia wird zu Startup-Veranstaltungen eingeladen und spricht dort über ihre Erfahrungen.

Ein Investor sagt zu ihr: „Julia, du hast mehr Startup-Erfahrung als 90 Prozent derer, die zu mir kommen.“

Dieser Satz wird für sie zum Wendepunkt. Er stärkt ihr Selbstvertrauen und bestätigt eine Vermutung, die sich langsam entwickelt hat: Auch Scheitern muss man lernen. Entscheidend ist der Umgang damit.

5. Der nächste Anlauf

Julia schließt sich einer Beratung an. Dort kann sie ihre Erfahrungen aus der Gründung einbringen. Gleichzeitig sucht sie weiter aktiv nach Möglichkeiten, erneut ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Der Rückschlag war hart, hält sie aber nicht von ihren unternehmerischen Plänen ab.

18 Monate nach der Schließung arbeitet Julia als Startup-Beraterin und plant bereits ihr nächstes Unternehmen. Diesmal geht sie mit realistischeren Erwartungen an die Sache heran. Außerdem möchte sie ihre Risiken besser verteilen.

Was bleibt, ist eine schmerzhafte Erfahrung. Zugleich bleiben Fähigkeiten, Wissen und Kontakte, die Julia während der Gründung aufgebaut hat. Offen über den Misserfolg zu sprechen, eröffnet ihr neue Möglichkeiten und sorgt für Anerkennung.

Wer ein Unternehmen oder ein wichtiges Projekt aufgeben musste, kann deshalb vier Fragen prüfen: Welche konkreten Lehren lassen sich aus dem Scheitern ziehen? Welche Ursachen lagen im eigenen Einflussbereich und welche in äußeren Umständen? Wer könnte die gesammelte Erfahrung schätzen? Und welche Fähigkeiten sind durch das Projekt gewachsen?

Ein Rückschlag beendet ein Unternehmen. Die dabei gewonnene Erfahrung kann zum Ausgangspunkt für den nächsten Schritt werden.


Fotocredit: Claudia Simchen

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Mirjam Berle
Mirjam Berlehttps://mirjam-berle.de/
Mirjam Berle ist Kommunikationsprofi. Durch ihre Führungserfahrung bei Lufthansa Cargo, Thalia, dem DFB sowie ihrer eigenen Beratung weiß sie, worauf es in stürmischen Situationen ankommt. In ihrem Buch „KLARHEIT“ verbindet sie psychologisches Wissen, Führungserfahrung und einen unerschrockenen Blick auf emotionale Realität.

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