calliora entwickelt eine KI-Plattform für Krankenhäuser, die administrative Prozesse vereinfachen, Abrechnungsfehler frühzeitig erkennen und den wirtschaftlichen Klinikbetrieb unterstützen soll.
Wer steckt hinter der KI-Plattform und wie ist die Idee entstanden, Technologie aus der Forschung für Krankenhäuser einzusetzen?
Frederik Träuble und Jonas Wildberger. Beide haben in Cambridge und Oxford studiert, am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in KI promoviert und in den KI-Teams von AWS und GSK gearbeitet. Was sie antreibt, ist ein Missstand, der nicht sein müsste: Zwei Drittel der Krankenhäuser in Deutschland haben 2024 Verluste gemacht. Das schadet dem ganzen Gesundheitssystem, und es ist kein Naturgesetz. Die Methoden, die das ändern können, gab es in der Forschung längst. Man musste sie nur ins Krankenhaus bringen.
Ihr kommt aus der KI-Forschung am Max-Planck-Institut. Was hat euch dazu bewegt, aus diesem Umfeld heraus ein Unternehmen zu gründen?
Wir hatten schon früh die Ambition, die KI-Algorithmen, an welchen wir während unserer Promotion gearbeitet haben, dort einzusetzen, wo sie am meisten helfen: Im Healthcare Bereich. . Viele unserer Kollegen bei Max-Planck sind entweder in die USA zu den bekannten Technologie-Konzernen gegangen oder haben selbst erfolgreiche KI-Unternehmen gegründet. Für uns war das also keine komplett neue Welt.
Eure Plattform erkennt mögliche Fehler, bevor Krankenhausrechnungen das Haus verlassen. Wie funktioniert dieser Prozess in der Praxis?
Wir ersetzen kein System im Haus. calliora setzt auf das auf, was da ist: Krankenhausinformationssystem, Archive, Dokumentation, Kodierung, Prüfverfahren. Und führt zusammen, was zu einem Fall gehört. Während der Fall läuft, schaut die Plattform: Ist eine Diagnose dokumentiert, aber nicht kodiert? Fehlt ein Nachweis, den der Medizinische Dienst verlangen würde? Dann sagt sie dem Team Bescheid, solange sich die Lücke in Minuten schließen lässt und nicht erst Wochen später in der Prüfung.
Die Entscheidung bleibt beim Fachpersonal. Sie prüfen, sie geben frei. Abgerechnet wird nur, was in der Akte steht. Das ist wie eine gute OP-Assistenz: Sie kennt den Eingriff, weiß, was als Nächstes kommt, und reicht das Instrument, bevor jemand fragt. Den Schnitt macht sie nicht.
Ab 2027 können bei Kliniken mit vielen beanstandeten Rechnungen deutlich mehr Abrechnungen geprüft werden. Welche Herausforderungen entstehen dadurch für Krankenhäuser?
Das im Juli beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz koppelt die Prüfquote an die Qualität der Rechnungen. Beanstandet der Medizinische Dienst mehr als 35 Prozent der geprüften Rechnungen eines Hauses, dürfen die Kassen bis zu 40 Prozent prüfen lassen. Bei mehr als der Hälfte fällt die Grenze ganz: bis zu 100 Prozent. Bisher waren es höchstens 15.
Für ein Haus mit vielen Fehlern wird das zur Spirale. Jede Prüfung bindet Leute und kostet Rückzahlung und Aufschlag. Wer viele Fehler hat, hat ab 2027 weniger Geld und weniger Zeit, die Ursachen abzustellen. Das eigentliche Problem ist nicht die Prüfung. Es ist die Rechnung, bevor sie rausgeht. Und die entsteht im Betrieb, nicht im Controlling.
Euer Ansatz geht über die reine Rechnungsprüfung hinaus. Welche Probleme im Krankenhausbetrieb kann die Plattform zusätzlich sichtbar machen?
Die Rechnung ist nur der Ort, an dem ein Fehler auffällt. Entstanden ist er vorher, irgendwo im Betrieb. Weil wir den Fall von der Aufnahme bis zur Rechnung verfolgen, sehen wir, wo etwas aus dem Takt gerät, quer durch Abteilungen und Berufsgruppen. Uns geht es nicht um eine bessere Abrechnung. Uns geht es um Krankenhäuser, die wirtschaftlich auf stabilen Beinen stehen. Wie ein Monitor auf der Intensivstation: Der zeigt Abweichungen, bevor sie kritisch werden. Heute deckt calliora Kodierung, Fallprüfung, MD-Management und Controlling ab. Die Abrechnung ist der erste Hebel, nicht das Ziel.
Wie unterscheidet sich eure Lösung von bestehenden Software- und Abrechnungssystemen im Klinikbereich?
Die meisten Systeme im Krankenhaus sind für einen Schritt gebaut. Eines dokumentiert, eines kodiert, eines prüft, eines rechnet ab. Jedes für sich gut. Aber die Information läuft nicht mit dem Fall. In der Logistik reist der Lieferschein mit der Palette. Im Krankenhaus wird zusammengesucht, was die Rechnung braucht, oft erst, wenn der Patient längst zu Hause ist.
Wir ersetzen nichts, wir setzen obendrauf und führen zusammen. Wir arbeiten vor der Rechnung, und unterstützen auch danach. Und bei uns entscheidet der Mensch: Die Plattform legt vor, die Fachkraft gibt frei.
Die Plattform wird bereits in kommunalen, kirchlichen und privaten Krankenhäusern eingesetzt. Welche Erfahrungen habt ihr aus dem laufenden Betrieb bisher gesammelt?
Private, kirchliche und öffentliche Häuser in fünf Bundesländern arbeiten im Alltag mit calliora. Der Aufwand je Fall hat sich dort teilweise mehr als halbiert. Und die Teams schließen Lücken, die wir finden, bevor die Rechnung rausgeht.
Gerade im Gesundheitswesen sind Daten besonders sensibel. Wie stellt ihr Datenschutz, Datensicherheit und einen verantwortungsvollen KI-Einsatz sicher?
Alle Daten bleiben in zertifizierten Rechenzentren in der EU, nichts geht in Drittstaaten. Wir erfüllen alle relevanten Sicherheitsanforderungen und Zertifikationen. . Jeder Zugriff ist auf das Nötige beschränkt und wird protokolliert. Unabhängige Sicherheitsfirmen testen uns regelmäßig von außen.
Beim KI-Einsatz gilt: Die Plattform entscheidet nicht, sie schlägt vor. Menschen geben frei. Abgerechnet wird nur, was in der Akte steht, richtige Rechnungen, nicht höhere. Und alles ist nachvollziehbar: Wer wann was geprüft und freigegeben hat, steht im Protokoll.
Krankenhäuser stehen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Welchen konkreten Beitrag kann eure Technologie leisten, ohne unrealistische Einsparversprechen zu machen?
Wir versprechen keine Einsparquote. Der Druck ist auch so groß genug. Ab 2027 kann ein Haus mit vielen beanstandeten Rechnungen von 15 auf 100 Prozent Prüfquote hochgestuft werden. Da rollt ein bürokratisches Monster auf die Krankenhäuser zu. Die Kassen müssen prüfen, die Häuser müssen liefern. Ein Verfahren, das heute schon kompliziert ist, wird noch komplizierter.
Mit unserer Technologie reduzieren wir die Aufwände und Fehler je Fall deutlich. Was das in Euro heißt, hängt vom Haus ab. Der Mechanismus ist überall gleich. Kliniken bekommen bezahlt, was sie geleistet haben. Sie werden seltener geprüft, weil ihre Rechnungen weniger Angriffsfläche bieten. Und Leute, die heute Daten von einem System ins nächste tippen, haben wieder Zeit für ihren eigentlichen Job.
Kein einzelnes Werkzeug holt zwei Drittel der Kliniken aus den roten Zahlen. Aber ein Haus, das seine Fälle versteht, kann rechtzeitig gegensteuern.
Ihr gebt jetzt eine neue Finanzierungsrunde bekannt. Wofür soll das zusätzliche Kapital eingesetzt werden und welche nächsten Wachstumsschritte sind geplant?
Mit den 6 Millionen US-Dollar bauen wir die Teams für KI, Engineering und Produkt in München aus und bringen die Plattform auf weitere Stationen des Fallverlaufs. Deutschland allein ist ein riesiger Markt. Aber wir denken europäisch: eine Plattform für Krankenhäuser, die sie wirtschaftlich besser macht. Dass BHI und redalpine die Runde anführen und Experten wie Ulrich Wandschneider, Sara Siegel, Peter Sarlin und Frank Hutter investieren, hilft dabei. Sieie kennen Klinikmanagement und KI von innen.
Welche langfristige Vision verfolgt ihr mit der Plattform und welche Rolle soll KI künftig im wirtschaftlichen und organisatorischen Klinikbetrieb spielen?
Krankenhausökonomie ist für uns kein Backoffice-Thema. Sie ist Teil der Infrastruktur, die Versorgung sichert. Ein Haus, das dauerhaft wirtschaftlich arbeitet, kann in Menschen, Technik und Betten investieren, in das, worauf Patienten angewiesen sind.
Unsere Vision: eine KI-Plattform, die den ganzen Fall kennt, von der Behandlung bis zur abgeschlossenen Akte. Sie übernimmt die Routine, zeigt Risiken und Potenziale und holt den Menschen dort dazu, wo sein Urteil den Unterschied macht. KI ersetzt im Krankenhaus niemanden. Sie sorgt dafür, dass nichts mehr übersehen wird, nur weil es in einem anderen System steckt.
Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Forschern geben, die aus wissenschaftlicher Arbeit ein Unternehmen aufbauen möchten?
- Versteht das Kernproblem, bevor ihr die Lösung baut.
- Das Feedback von Euren Kunden ist wertvoller als jeder abstrakte Benchmark, nutzt es.
- Holt euch Experten, die das Feld und Fallstricke kennen, die ihr nicht kennt.
Bildrechte: calliora
Wir bedanken uns bei Dr. Frederik Träuble und Dr. Jonas Wildberger für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
















